
Kushyar ibn Labban (arabisch أبو الحسن كوشيار ابن لبّان ابن باشهري الجيلي Abū al-Hasan Kūschyār ibn Labbān ibn Bāschahrī al-Dschīlī, DMG Abū al-Ḥasan Kūšyār ibn Labbān ibn Bāšahrī al-Ǧīlī) (* in Gilan; † zwischen 1025 und 1048 in Bagdad) war ein iranischer Mathematiker und Astronom des 10. und 11. Jahrhunderts. Der ihm in manchen Schriften beigelegte Titel Kiyā ist ein alter persischer Ehrentitel („königlicher Herrscher“, „Meister“), der gelegentlich an Gelehrte vergeben wurde.
Über das Leben Kushyars ist wenig bekannt. Im az-Zīğ al-Ǧāmiʿ gibt er ein Beispiel für ein Horoskop aus dem Jahr 332/963-4 an, das möglicherweise einen Hinweis auf sein eigenes Geburtsdatum gibt. Er soll als Astronom am Hofe Voshmgīrs, dem Herrscher der Provinz Mazandaran, angestellt gewesen sein, wahrscheinlicher ist jedoch, dass er für dessen Sohn Qābūs tätig war. Einen Teil seines Lebens verbrachte er auch in Rayy, wo er u. a. al-Bīrūnī traf.
Am 6. Juli 993 beobachtete und berechnete Kushyar eine Konjunktion von Mars und Saturn. Gestorben ist er laut dem Biographen al-Bayhaqī (gestorben 1065) um 961, die übrigen biographischen Angaben schließen das aber als zu früh aus, zumal Kushyar 393/1025 in Suhruj noch den az-Zīğ al-Ǧāmiʿ fertigstellte. Nach an-Nasawī, einem Schüler Kushyars, war er aber 1048 bereits verstorben.
Alle erhaltenen Schriften Kushyars wurden auf Arabisch verfasst. Sein einzig bekanntes mathematisches Werk, Uṣūl ḥisāb al-Hind, ist eine der frühesten erhaltenen Abhandlungen über die Dezimalarithmetik. Im Hauptteil behandelt er Dezimalzahlen (Sexagesimalsystem nur in Tafeln). Er kennt die Null, verwendet aber keinen Dezimalpunkt. Kushyar gibt auch Methoden zum Ziehen von Quadratwurzeln und Kubikwurzeln und verwendet die Neunerprobe.
Einflussreich war auch sein astrologisches Handbuch al-Madḫal fī ṣināʿat aḥkām an-nujūm, das ins Persische, Chinesische und Türkische übersetzt wurde. Er schrieb über das Astrolab (Kitāb al-Asṭurlāb) und verfasste ein umfangreiches astronomisches Tafelwerk (az-Zīğ al-Ǧāmiʿ), beide Texte sind in mehreren Handschriften überliefert. Ein weiterer ihm zugeschriebener Ziğ (az-Zīğ al-Bāliġ) ist nur in Teilen erhalten und zeigt Ähnlichkeiten mit anderen Sindhind Ziğes. Im az-Zīğ al-Ǧāmiʿ stützt Kushyar sich größtenteils auf ptolemäische Astronomie und wurde offensichtlich von Al-Battanis Zīğ al-Ṣābiʾ beeinflusst.
In seinen astronomischen Abhandlungen sind auch Tafeln trigonometrischer Funktionen (wie schon vorher von al-Battani und Abu l-Wafa begonnen).
Al-Dschurdschānī berichtet, nach Begegnungen mit Verwandten Kushyars in Ghom und der Einsicht in einige seiner Bücher, dieser habe seine Texte langsam und in äußerst sorgfältiger Schrift verfasst.
Eine hebräische Version des Uṣūl ḥisāb al-Hind wurde von Shālōm ben Yōsēf ʿAnabī wohl in Istanbul im 15. Jahrhundert nach der osmanischen Eroberung angefertigt.
Im christlich geprägten Europa war Kuschyar im Mittelalter und in der Renaissance unbekannt. Erste Berührungen mit seinen Werken entstanden wohl erst in der frühen Neuzeit durch Handschriftensammler, wie den niederländischen Orientalisten Jacobus Golius, der zumindest die chronologischen Abschnitte des az-Zīğ al-Ǧāmiʿ eingehend studierte. Im 18. Jahrhundert erwähnt und kontextualisiert u. a. Miguel Caisiri Kushyars astrologisches Handbuch. Der Astronom Christian Ludwig Ideler stellte biographische Informationen zu Kūshyār zusammen und edierte, übersetzte und kommentierte einzelne Abschnitte des az-Zīğ al-Ǧāmiʿ.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Kushyar ibn Labban |
| KURZBESCHREIBUNG | arabischer Mathematiker |
| GEBURTSDATUM | 10. Jahrhundert |
| GEBURTSORT | Gilan |
| STERBEDATUM | 11. Jahrhundert |
| STERBEORT | Bagdad |