
Laure Gauthier (* 1972 in Courbevoie) ist eine französische Schriftstellerin und Dichterin.
Gauthier ist eine Germanistin und lehrt als Dozentin für zeitgenössische Bühnenkunst an der Universität Reims (Université de Reims Champagne-Ardenne).
Laure Gauthier schreibt Erzählungen, Gedichte sowie Texte für multimediale Produktionen. Bekannt wurde sie insbesondere durch les corps caverneux 2022, kaspar de pierre 2017 und je neige (entre les mots de villon) 2018.
Seit 2013 verfasste sie Beiträge für mehrere Zeitschriften in Frankreich (TESTE, Remue.net, Po&sie, Place de la Sorbonne, La moitié du fourbi, Vacarme, Sarrazine, L’Etrangère, COCKPIT voice recorder etc.), Italien (Atelier, Insula Europea etc.), Schweiz (Cenobio), Österreich (Manuskripte), Mexiko (Ablucionistas, Círculo de poesía) und Taiwan (Asymptote). Sie hält außerdem regelmäßig Lesungen in Frankreich und Europa.
Gauthier lebt und schreibt in Paris.
In ihren Werken weist Laure Gauthier dem Status der Sprache eine Sonderstellung zu, so dass eine Spannung zwischen einer subjektlosen Dichtung und einer verkörperten Poesie entsteht. In kaspar de pierre, „ist die Individualität ausgelöscht, die Konstruktion des Ich durch die Sprache weicht den leeren Flächen auf der Seite. Die Autorin rückt die Sprache von kaspar hin zu der unseren und zu unserem Hören, um einen Raum des gemeinsamen Lebens, der gemeinsamen Existenz zu schaffen, eben indem man spricht (…).“ (T. U. Comte, La Nouvelle Quinzaine littéraire).
Die Beschäftigung mit der Stimme wird von einer Neugestaltung des poetischen Bildes begleitet: Ein Bild taucht auf, in ihm treffen Sinneseindruck und Idee zusammen, was Johan Faerber in Diakritik, sich auf je neige (entre les mots de villon) beziehend, als „Ideenbild“ bezeichnet. Auch bei Gauthiers Neubewertung der Ekphrasis geht es um die Position des poetischen Bildes.
Man findet in all ihren Texten eine Polyperspektivik, kein streng objektives Schreiben und auch keine Fokalisierung auf das Ich, sondern eine aufgebrochene Inkarnation, vielmehr eine Vielzahl der Stimmen, die Wachsamkeit erzeugt. Wenn man überhaupt von einer lyrischen Darstellungsweise sprechen kann, dann handelt es sich um einen Trans-Subjektivismus, der eine Distanz der Wachsamkeit zwischen den einzelnen Stimmen entstehen wie in je neige (entre les mots de villon), wo sich „drei Stimmen, vielleicht sogar vier, die von François Villon, die von anderen, all seine anderen“ umschließen.
In Le Monde vergleicht Didier Cahen die Arbeit von Laure Gauthier mit der eines „Klangkünstlers“, bei dem „rhythmische Schläge, ein stimmiges Tempo und elektrisierte Sinne zusammenfinden“.
Meistens wechseln sich in den Texten von Gauthier Passagen poetischer Prosa mit Gedichten ab. Wie Blue Notes tönen in einer Geschichte die Gedichte in den Momenten des Atemholens und strukturieren damit die Erzählung, die in Fluss kommt oder abbricht, je nachdem, wie stark die Bedrohung von außen vordringt.
Der Stil von Laure Gauthier kennzeichnet sich durch seine Beweglichkeit, seine Ausdruckskraft und seine Dynamik: denn die Sprache „quillt heraus, pulsiert, schießt empor, lacht, strahlt, erhebt sich und existiert letztlich an sich und für sich.“
In den dichterischen Texten von Laure Gauthier wird ein scharfer Angriff von außen immer neu thematisiert, der sich in der spätkapitalistischen Gesellschaft gegen die Privatheit des Individuums und gegen seine Sprache richtet und der sich in der Überfrachtung mit materiellen Gütern, der Duldung von Gewalt, der Sensationslust, in dem, was Gauthier die „Sensationspressifizierung“ der Sprache nennt, sowie in der Vorliebe für Exotik manifestiert.
Eine bedeutende Inspirationsquelle für Gauthier stellen Archive dar. La cité dolente liegt eine wahre Begebenheit zugrunde; kaspar de pierre basiert auf der Geschichte des Waisenjungen Kaspar Hauser und je neige (entre les mots de villon) bezieht sich sowohl auf die Biographie als auch auf das Werk von François Villon und stellt gleichermaßen eine Distanz zu beiden her.
Gauthiers Werke nehmen gegenüber dem Archiv eine komplexe Haltung ein : Archive „stehen unter dem Verdacht, das Leben rekonstruieren zu wollen. Als wären sie eine Festschreibung (…), während Gedichte nichts anders sein wollen als eine Andeutung“. Ihre Texte beruhen auf Dokumenten, doch Laure Gauthier hebt sie von den Spuren der Historie etwas ab, um durchscheinen zu lassen, was erst hinter den Dokumenten zum Vorschein kommt, was lebendig ist und sich den Aktenaufzeichnungen widersetzt.
Seit 2018 beschäftigt sich Laure Gauthier gemeinsam mit Sébastien Rongier damit, für die Online-Zeitschrift Remue.net die Verbindung zwischen zeitgenössischer Dichtung und Musik zu ergründen. Sie plädiert für ein Überschreiten der Grenzen zwischen Laut- und geschriebener Poesie und für einen erneuerten Austausch zwischen zeitgenössischer Dichtung und Musik.
Nachdem die Lyrik ein Jahrhundert lang in der Krise steckte, versucht Gauthier auf neue Art und Weise einen Dialog zwischen Komponisten und Dichtern in Gang zu setzen. Zusammen mit Philippe Langlois, pädagogischer und kulturpolitischer Leiter am Ircam, entwickelte sie das Seminarangebot „Dichtung und Musik heute“ (2017–2020).
Gauthiers dichterische Arbeit am Aussageakt und an der Mehrstimmigkeit vollzieht sich im Zusammenspiel mit zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten wie Fabien Lévy, Núria Giménez-Comas und Xu Yi. Sie ist auf der Suche nach neuen transmedialen Ausdrucksformen des Schreibens, in denen der Schreibende als Koautor in Erscheinung tritt. Nun hab’ ich nichts mehr beispielsweise ist ein Stück für Koloratursopran, Ensemble und Elektrogitarre mit der Musik von Fabien Lévy, Back into Nothingness ist ein überwiegend gesprochenes Monodrama für Sopranistin, Chor und elektronische Musik, komponiert von Núria Giménez-Comas. Les métamorphoses du serpent blanc ist ein lyrisches Märchen in sechs Gesängen mit der Musik von Xu Yi. 2018 entsteht aus Textfragmenten von Gauthier und der Tonaufnahme ihrer Stimme in Zusammenarbeit mit Pedro Garcia Velasquez und Augustin Mueller eine Klanginstallation in 3D, Etudes de théâtre acoustique, die am ZKM in Karlsruhe präsentiert wurde. 2022 entwirft sie – nach wie vor in Zusammenarbeit mit Pedro García-Velásquez und Augustin Muller – eine poetische Klanginstallation, die zu einer « akustischen Siesta » einlädt und bei der sie die Texte verfasst und ihnen ihre Stimme verleiht. Diese am 24. März 2022 in Césaré-cncm (Reims, Frankreich) uraufgeführte Installation bietet eine Reise durch verloren gegangene Orte und intime Räume, in der Absicht, in Ermangelung von realen Bildern verschüttete Bilder entstehen zu lassen.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gauthier, Laure |
| KURZBESCHREIBUNG | französische Schriftstellerin und Dichterin |
| GEBURTSDATUM | 1972 |
| GEBURTSORT | Courbevoie |