Leo Clasen

Leo Clasen (geb. am 26. Juni 1906 in Neumünster; gest. 1972) war ein deutscher Arzt, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Sachsenhausen und Überlebender der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung, der als einer der ersten im deutschsprachigen Raum schriftliches Zeugnis über seine Beobachtungen und Erfahrungen als Häftling mit dem Rosa-Winkel ablegte.

Ausbildung und Inhaftierung

Nachdem Leo Clasen 1930 an der Holstenschule seiner Heimatstadt Neumünster das Abitur abgelegt hatte, ging er zunächst als Steward auf Handelsschiffen zur See, immatrikulierte sich dann aber an den Universitäten in Tübingen und Kiel, um Medizin zu studieren. Nach dem Zweiten Staatsexamen wurde er wieder als Seemann tätig, offenbar weil er im April 1936 nach einer ersten Verhaftung wegen eines Verstoßes gegen den § 175 RStGB, der in Deutschland gleichgeschlechtliche Kontakte unter Männern mit Strafe belegte, vom Hochschulstudium ausgeschlossen worden war.

In den folgenden Jahren wurde Clasen mindestens zwei weitere Male nach § 175 RStGB zu Haftstrafen verurteilt, 1937 in Kiel und 1940 in Hamburg. Die zuletzt verhängte Strafe von 15 Monaten Gefängnis verbüßte er als sogenannter „B/Ver“ („Berufsverbrecher“) in der Strafanstalt Hamburg Fuhlsbüttel und im Emslandlager Neusustrum (Lager V). Anfang 1941 wurde er in das KZ Sachsenhausen überstellt, wo er bis Mai 1945 inhaftiert blieb. Nach eigenen Angaben trug er dabei einen Roten und einen Rosa Winkel.

Weil Clasen zehn Semester Medizin studiert hatte, wurde er im KZ Sachsenhausen ab 1943 als Pfleger bzw. „Häftlingsarzt“ im Krankenbau eingesetzt, wo unter anderem Häftlinge mit Ruhr, Fleckfieber und Tuberkulose „behandelt“ wurden.

Auch nach 1945 wurde wegen homosexueller Handlungen erneut gegen Clasen ermittelt, so saß er im November 1946 für einige Tage in Hamburger Untersuchungshaft ein.

Schriftliche Zeugenschaft

Ab 1954 erschien in der Hamburger „Homophilenzeitschrift“ Humanitas unter dem nur leicht verfremdeten Pseudonym „L. D. Classen von Neudegg“ ein siebenteiliger Erfahrungsbericht, in dem Clasen den Lageralltag und die Misshandlungen von Homosexuellen im KZ Sachsenhausen beschrieb. Es handelte sich um eines der ersten schriftlichen Zeugnisse über die Erfahrungen sogenannter „Rosa-Winkel-Häftlinge“ während des Nationalsozialismus. 1984 wurden die Texte Clasens unter dem Titel „Rosa Winkel. Schwule im KZ. Quälende Erinnerungen“ auszugsweise erneut veröffentlicht, nachdem schon 1982 ein einzelner Text von ihm im „Mitteilungsblatt der ehemaligen Häftlinge, deren Angehörigen und Hinterbliebenen der Konzentrationslager Oranienburg, Sachsenhausen und der Ursprungs- und Nebenlager“ Der Appell erschienen war, und seit 2021 liegen sie, abgesehen von dem abschließenden „Rückblick in die Nacht“, auch in spanischer Übersetzung vor.

Leo Clasen wurde am 2. Februar 1947 vom Komitee ehemaliger politischer Gefangener als Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) anerkannt, doch wurde sein Mitgliedsausweis bereits wenige Monate später wieder eingezogen. Clasens Vorstrafen wegen „Vergehen nach § 175 und Zersetzung der Wehrkraft“ galten der VVN als „nicht tragbar“.

Leo Clasen veröffentlichte Anfang der 1950er Jahre auch Erzählungen und Gedichte in „Homophilenzeitschriften“ wie freond, Dein Freund und Hellas. In der Nachkriegszeit gelang es ihm offenbar auch, sein Anfang der 1930er Jahre begonnenes Medizinstudium wiederaufzunehmen bzw. die ärztliche Approbation zu erlangen. In den folgenden Jahren übte er den Arztberuf aus.

Veröffentlichungen von „L. D. Classen von Neudegg“ in Humanitas 1954/55

Einzelnachweise

  1. ↑ Konstantin Braas, Fabian Zurstraßen: Vertriebene Studierende. Intersektionale Verfolgungsgeschichten studentischer NS-Opfer der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Hrsg.: Asta Uni Kiel. Kiel 2026, S. 6.
  2. ↑ Gottfried Lorenz: Töv, die schiet ik an. Beiträge zur Hamburger Schwulengeschichte (Gender-Diskussion, 20). LIT, Berlin / Münster 2013, ISBN 978-3-643-12173-8, S. 346–347.
  3. 1 2 3 4 Raimund Wolfert: Leo Clasen, ehemaliger Häftling im KZ Sachsenhausen. Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., 2026, abgerufen am 17. August 2026.
  4. ↑ Angelika Niere: Homosexualität und Holocaustliteratur (Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft, 37). Peter Lang, Berlin / Bern / Bruxelles / New York / Oxford / Warszawa / Wien 2021, ISBN 978-3-631-82315-6, S. 177–180.
  5. 1 2 Siehe die Übersicht der Veröffentlichungen Clasens auf der Webseite der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.
  6. ↑ L. D. Classen von Neudegg: Rosa Winkel. Schwule im KZ. Quälende Erinnerungen. In: Egmont Fassbinder (Hrsg.): Klappentexte. Sterben (Klappentexte, 4). Verlag rosa Winkel, Berlin 1984, S. 17–19.
  7. ↑ Leo Clasen: „Herzlich willkommen“. Ein Bericht aus der Strafkompanie des Klinkerwerkes Sachsenhausen. In: Der Appell. Mitteilungsblatt der ehemaligen Häftlinge, deren Angehörigen und Hinterbliebenen der Konzentrationslager Oranienburg, Sachsenhausen und der Ursprungs- und Nebenlager, 1982 (Nr. 98, Dezember), S. 3–4.
  8. ↑ Carlos Valdivia Biedma: Y Leo Classen habló. Primer testimonio de un triángulo rosa. Egales, Madrid / Barcelona 2021, ISBN 978-84-18501-18-0.
  9. ↑ Dieser siebte Beitrag Clasens in Humanitas wurde in der Sekundärliteratur mehrfach übersehen, so auch von Angelika Niere in ihrer Studie Homosexualität in der Holocaustliteratur (2021), vgl. ebd. S. 177.
Personendaten
NAME Clasen, Leo
ALTERNATIVNAMEN Classen von Neudegg, L. D. (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG deutscher Arzt, ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Sachsenhausen und Überlebender der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung
GEBURTSDATUM 26. Juni 1906
GEBURTSORT Neumünster
STERBEDATUM 1972