Lesepaten sind Personen, deren ehrenamtliche Tätigkeit darauf gerichtet ist, Lesekompetenz und Lesefreude zu fördern. Zumeist handelt es sich um Erwachsene, deren Hauptzielgruppe Kinder im Vor- und Grundschulalter sind. Vielfach gehören sie Leseinitiativen an, die gegründet wurden, um der mangelnden Lesekompetenz entgegenzuwirken, die internationale Vergleichsstudien wie PISA und IGLU deutschen Schülern seit der Jahrtausendwende mehrfach attestierten.
„Lesepate“ ist ein zwar häufig gebrauchter, aber etwas unscharfer Begriff. Mit ihm bezeichnet man zwei Personengruppen – Vorlesepaten und Lesementoren –, die zu dem großen gemeinsamen Ziel – Leseförderung für alle Kinder – auf unterschiedliche Weise beitragen.
| Vorlesepaten | Lesementoren | |
|---|---|---|
| HAUPTZIELGRUPPE | alle Kinder im Alter von ca. 3 bis 10 | Grundschüler mit Förderbedarf im Lesenlernen |
| HAUPTZIEL | Lesefreude (Lesekompetenz) | Lesekompetenz (Lesefreude) |
| HAUPTTÄTIGKEIT | Vorlesepaten lesen selbst vor | Lesementoren lassen (vor)lesen |
| ERWACHSENE:KINDER | 1:>1 | 1:1 |
| HÄUFIGKEIT & DAUER | offen für viele Varianten | regelmäßig & für längere Zeit |
| KURZBESCHREIBUNG | Ein V. liest Kindern vor, um sie als Leser zu gewinnen. | Ein L. lässt einen förderbedürftigen Grundschüler (vor)lesen, um ihn als Leser nicht zu verlieren. |
Lesen zu können ist Grundlage für schulisches Lernen in allen Fächern. Lesen gehört zum Kernbestand des Rechts auf Bildung und ist eine der Schlüsselkompetenzen für lebenslange gesellschaftliche Teilhabe. Dass dies „nicht an fehlender Förderung oder schlechten Startbedingungen scheitert“, so der Appell des Bundesverbands der Lesementoren in seinem Leitbild, dafür trage die Gesellschaft insgesamt Verantwortung. Gegründet wurde der Bundesverband 2008 und gilt als legitimer Nachfolger des fünf Jahre zuvor ins Leben gerufenen ersten Mentor-Vereins Deutschlands. Dessen Initiator, der Buchhändler Otto Stender, nannte ihn „Hannovers Antwort auf PISA“. Auf ihn geht auch das Prinzip des 1:1 zurück, das heißt die Betreuung eines förderbedürftigen Kindes durch einen Mentor – bis heute das Herzstück der pädagogischen Philosophie des Bundesverbands der Lesementoren.
Hauptzielgruppe der Lesementoren sind Grundschüler, die bereits mit dem Lesenlernen begonnen haben, sich damit aber schwertun. Die geschützte, vertrauliche Atmosphäre, die das 1:1 schafft, sorgt dafür, dass die Problemerkennung normalerweise relativ schnell gelingt. Der zeitliche Rahmen, den der Bundesverband für eine Patenschaft generell empfiehlt, signalisiert jedoch, dass die Problemlösung erfahrungsgemäß nicht im Handumdrehen realisierbar ist: Mindestens ein Jahr lang, so die Vorgabe, solle man sich einmal pro Woche für eine „Einzellesestunde“ (ca. 30–45 Minuten) treffen, in der Regel nachmittags in der Schule, die das Kind besucht. Hausaufgaben erteilt der Mentor nicht; er gibt auch keine Noten. Seine didaktische „Kunst“ besteht darin, Texte auszuwählen, die den Schüler, indem er sie (vor)liest und mit dem Mentor bespricht, allmählich an die seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechende Lesekompetenz heranführen, was Lesefreude als Nebeneffekt oder Stimulanz nicht ausschließt. Ein gern genutztes Hilfsmittel, das Mentoren über ihre regionale Leseinitiative als E-Paper beziehen können, ist „Die kunterbunte Kinderzeitung“. Aktuelle Themen aufgreifend, präsentiert das Wochenmagazin auf fünf Seiten altersgerecht bearbeitete, zum lauten Lesen geeignete Texte – ergänzt durch Illustrationen, Erklärungen schwieriger Wörter, spielerische Sprachübungen, ein paar feste Rubriken sowie angemessene Aufgaben zum Leseverstehen, lösbar sowohl im Zwiegespräch als auch durch stilles Lesen.
Das familiäre Ritual einer Gutenachtgeschichte – die nach wie vor häufigste Form des Vorlesens für Kinder – hat noch keine sehr lange Tradition. Im 19. Jahrhundert unter Bildungsbürgern beginnend, wurde es erst im vergangenen Jahrhundert nach und nach heimisch und löste das Geschichtenerzählen sowie das gemeinsame Gebet zur Nacht allmählich ab. Wachsender Wohlstand trug dazu bei, Streben nach Bildung und sozialem Aufstieg, die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, Alphabetisierung, Säkularisierung und nicht zuletzt die Anerkennung der Kindheit als einer Lebensphase mit eigenständigem Wert. Eltern trugen dem Rechnung, indem sie dem Nachwuchs Platz einräumten – in einem Kinderzimmer. Das bot sich auch als bevorzugter Vorleseort an. Was Kindern vorgelesen wurde, wandelte sich im Laufe der Zeit jedoch noch mehr als das Wie und Wo. Die anfangs vorwiegend belehrenden Texte wurden abgelöst durch Werke mit höherem Identifikationspotenzial (mittels Spannung, Humor und Fantasy sowie durch Helden und Heldinnen im Kindes- und Jugendalter, wie beispielsweise Tom Sawyer, Alice, Pinocchio, Emil Tischbein, Pippi Langstrumpf oder Harry Potter) – Werke von oft weltliterarischem Rang, die ihren Platz als Vorleseklassiker bis ins Heute behaupten, da das Angebot an Büchern für Kinder fast so schwer überschaubar geworden ist wie das für Erwachsene. An geeigneter Lektüre fehlte es also nicht, als durch PISA alles auf den Prüfstand kam, wohl aber an Eltern, die fähig und willens waren, ihre bildungshungrigen Kinder damit zu füttern. Das rief freiwillige Helfer auf den Plan: Von der Wirkkraft gut vorgetragener Texte überzeugt, wurden sie zur gleichen Zeit wie die Lesementoren aktiv, um als Vorlesepaten ihren Beitrag zur Chancengleichheit für alle Kinder zu leisten.
Die Hauptzielgruppe der Vorlesepaten ist wesentlich größer als die der Lesementoren; sie umfasst alle Kinder im Alter von circa drei bis zehn Jahren, also auch die, die noch nicht lesen können. Grundsätzlich kann man zwischen offenen und festen Patenschaften unterscheiden. Fest sind, streng genommen, nur 1:1-Patenschaften. Bei Lesementoren sind sie die Regel, bei Vorlesepaten eher die Ausnahme, etwa für ein Kind, das sich einem längeren Krankenhausaufenthalt unterziehen muss. Offen ist eine Patenschaft dann, wenn der Vorlesepate sein Publikum nicht kennt. Das können einmalige Lesungen aus besonderem Anlass sein, aber auch feste Termine in öffentlichen Räumen, beispielsweise in Bibliotheken, wo kleinere Kinder oft von Erwachsenen begleitet werden. Die meisten Vorlesepaten bemühen sich um ein längerfristiges Engagement in einer Einrichtung, in der Kinder sich tagsüber regelmäßig in Gemeinschaft aufhalten, wie Kita, Grundschule und Hort. Im Erfolgsfall kann so eine weitgehend feste Patenschaft entstehen. Häufigkeit und Dauer vereinbart der Pate mit der Einrichtung selbst. Was er vorliest und wie, liegt ganz in seiner Hand. Gelingt es, Lesefreude zu vermitteln, ist das wichtigste Anliegen zumeist erfüllt. Je anregender der Text, seine Präsentation und die Kommunikation mit den Kindern, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass langfristig auch ihr Sprachvermögen dadurch gewinnt – und damit ihre Lesekompetenz. Gut überlegt sein will, ob und wie Illustrationen einbezogen werden, die gerade in Kinderbüchern neueren Datums generell zu erwarten sind. Was sich für das Kind beim „klassischen“ 1:1-Vorlesen natürlicherweise ergibt – es schaut mit dem Erwachsenen gemeinsam ins Buch –, ist einem Publikum ja in der Regel verwehrt. Eine elegante Lösung, die die Illustrationen sichtbar macht, ohne das Vorlesen zu unterbrechen, bietet ein so genanntes Kamishibai: ein Hilfsmittel, das es ermöglicht, parallel zur Lesung Bildkarten in einem bühnenartigen Rahmen zu zeigen. Allerdings sind professionell erstellte Kamishibai bisher nur für wenige Kinderbücher verfügbar.
Grundsätzlich steht es jedem frei, als unabhängige Einzelperson die Initiative zu ergreifen und eine Lesepatenschaft mit Kindern zu übernehmen, sofern die Fürsorgepflichtigen dem zustimmen. Zumeist suchen Lesepaten jedoch den Zusammenschluss mit Gleichgesinnten. Dahin führen drei Wege: Gründung eines Vereins; Gründung einer Initiative innerhalb eines bereits bestehenden Vereins; Anschluss an bereits existierende Vereine oder Initiativen. Der letztgenannte ist der unaufwendigste und meistgegangene. Wer Lesementor werden will, findet ein deutschlandweites Verzeichnis bestehender Vereine und Initiativen auf der Homepage des Bundesverbands. Angehende Vorlesepaten müssen mit mehr Rechercheaufwand rechnen, da für sie in Ermangelung eines gemeinsamen Dachverbands ein solches Verzeichnis (noch) fehlt. Die Regularien der Mitgliedschaft in Leseinitiativen und -vereinen hingegen sind für Vorlesepaten und Lesementoren im Wesentlichen die gleichen. Vor Beginn ihres ehrenamtlichen Engagements werden sie in einem meist eintägigen Grundlagenseminar vorbereitet und sind zur Vorlage des Erweiterten Führungszeugnisses verpflichtet. Im Laufe ihrer Tätigkeit eröffnen sich ihnen Möglichkeiten zur Fortbildung und ein Podium für Erfahrungsaustausch.
Wie viele Lesepaten deutschlandweit ehrenamtliche Arbeit leisten und in welchem Umfang, lässt sich schwer schätzen. Immerhin sind zumindest die Zahlen für die vermutlich größte homogene Gruppe – die im Bundesverband registrierten Lesementoren – bekannt: Derzeit sind es rund 17.500, die etwa 23.500 Kinder und Jugendliche fördern; manche also zwei und mehr, doch stets im bewährten 1:1. Damit sind jedoch längst nicht alle in Deutschland aktiven Lesementoren erfasst. Außerhalb des Bundesverbands betätigt sich eine Vielzahl Jugendlicher (zumeist ältere Mitschüler, auch „Lesescouts“ genannt) und Erwachsener im 1:1 als Mentoren sowohl für förderbedürftige Schüler mit und ohne Migrationshintergrund als auch für Erwachsene mit migrantischer Vorgeschichte. Für Vorlesepaten ist die Datenlage ebenfalls unsicher, wenngleich aus anderen Gründen. Die Mehrzahl ihrer Initiativen entstand zwar etwa zeitgleich, ging aber nicht aus einem Gründungsverein hervor und entwickelte sich unabhängig voneinander, erkennbar auch an der uneinheitlichen Namensgebung. So firmieren Vorlesepaten als Lesebündnis (Essen), Lesefüchse (Cottbus und München), Leselust (Leipzig), Leseohren (Stuttgart) und Lesewelt (Hamburg); in Berlin immerhin als Lesepaten, und nur in Bonn und Köln taucht „Vorlesen“ explizit im Vereinsnamen auf.
Einige Vereine beschränken sich nicht auf ihre Kernkompetenz – die Vermittlung und Betreuung von Lesepaten – und haben ihr Engagement sukzessive erweitert. LeseLust Leipzig e. V. beispielsweise veranstaltet seit 2007 einmal im Jahr mit „LeseLust im August“ ein viertägiges Openairfestival rund ums (Vor)Lesen, lädt seit 2022 an zwei Wochentagen in ihr „LeseLustLokal“ ein und initiierte 2025 „Alle lesen mit – Leipzig wählt ein Kinderbuch“, einen im Zweijahresrhythmus per Online-Voting ermittelten Preis für ein besonderes Kinderbuch. Lesefüchse München e. V. ist ebenfalls (zumindest) dreifach zusätzlich aktiv: Ein Vorleseprojekt läuft gemeinsam mit dem NS-Dokuzentrum, ein weiteres mit der Münchner Polizei, und für ihr seit 2009 bestehendes jährliches Lesefest laden sie Schulklassen – zumeist die dritte Jahrgangsstufe – an besondere Orte der Stadt ein.