Levee

Zeitgenössische Karte des 1st Ward District von Chicago mit dem Customs House Place
Chicago Stadtplan von 1906
Karikatur der „Lords of the Levee“ – „Bathhouse John“ and „Hinky Dink“ Kenna
Porträt von „Big Jim“ Colosimo
Mitternachtsmission und Prostituierte auf der Levee
South Dearborn Street um 1911
Bordell „The Paris“, 2101 Armour Street. Das Etablissement wurde von Maurice Van Bever betrieben, welcher der „Weißen Sklaverei“ beschuldigt wurde
Everleigh Club – Außenansicht
Everleigh Club – Inneneinrichtung
Bild von einem der Akteure der „White Slavery“, dem Barmann Mike Hart. Aufnahme von 1911 aus dem Buch von Ernest Bell: Fighting the Traffic in Young Girls. War on the White Slave Trade

Die Levee (englisch Flussdeich) war ein berüchtigter Rotlichtbezirk im Süden von Chicago, der etwa von 1890 bis in die 1930er Jahre bestand. Er befand sich im Second Ward Distrikt (Near South Side) und umfasste die Häuserblocks Cermak Road und Michigan Avenue, zwischen Harrison und Polk, sowie Dearborn und Clark Avenue. Es handelte sich dabei um vier Blocks im südlichen Loop-Distrikt, im Kern zwischen 18th und 22th Street. Ursprünglich war die Levee lediglich ein besonders „verkommener“ Teil der State Street. Die Levee wird als die Keimzelle des organisierten Verbrechens in Chicago angesehen.

Geschichte

Das Vergnügungsviertel Chicagos hatte zunächst in der Innenstadt im Ersten Bezirk gelegen. Die ersten Bordelle von Chicago entstanden in der Wells Street. Nach dem Großen Brand von Chicago von 1871 verlagerte es sich jedoch in den Süden der Stadt. Bereits vor 1890 wurde die als Customs House Levee bezeichnete Gegend Sammelpunkt für Spieler und Zuhälter und gehörte mit zu den kriminellsten Bezirken Chicagos. Chicago wurde seinerzeit von einer Zeitung als „die gewalttätigste, schmutzigste aller Städte – laut, gesetzlos, unschön, übelriechend, gottlos; ein übergroßes, stupides Dorf“ bezeichnet. Die Stadtverordneten „Hinky Dink“ Michael Kenna und „Bathhouse“ John Coughlin sorgten durch Korruption und Kooperation mit dem Chicago Outfit für einen rasanten Aufstieg des Stadtviertels. Beide gründeten 1893 eine Organisation, welche Spielsalons und Bordelle in der Levee etablierte, von denen sie Schutzgelder kassierten. Kenna und Coughlin bildeten eine Gruppe korrupter Stadtverordneter namens „Gray Wolves“ (Graue Wölfe), die von 1890 bis 1930 aktiv waren.

Zu den bekanntesten Etablissements gehörten: The House of All Nations (zwischen Archer/Cullerton. Ähnlich wie in der gleichnamigen Pariser Einrichtung arbeiteten hier Mädchen aus den verschiedensten Ländern der Erde), The Little Green House, verschiedene Häuser in der Bed Bug Row, The Bucket of Blood (berüchtigter Saloon Südwestecke 19th Street/Federal. Von dem Lokal wurde 1916 in einer Zeitung erwähnt, dass dort nach der Sperrstunde noch Schnaps ausgeschenkt wurde. Der Name stammt vermutlich davon, dass gegen Morgen nach zahlreichen Schlägereien und Messerstechereien eimerweise Blut vom Fußboden gereinigt werden musste), Ed Weiss’ Capitol (Tanzlokal. Seinem Bruder Louis Weiss gehörte das Bordell „The Sappho’s“), Freiberg’s Dance Hall (Bordell, zwischen 22th, Wabash und State. Das Lokal bot die Möglichkeit einer Bar, Tanzfläche und Kontaktaufnahme mit Prostituierten. Gemäß der Chicago Vice Commission gehörte das Tanzlokal zu den berüchtigtsten Lokalitäten in Chicago, nachdem bekannt wurde, dass von dort aus häufig Frauen gekidnappt und in die Prostitution gezwungen wurden. Die Freiberg’s Dance Hall wurde am 24. August 1914 geschlossen) sowie der Everleigh Club waren die bekanntesten Etablissements in dieser Zeit. Kenna und Coughlin residierten in Freiberg’s Dance Hall, einem Haus, das zum sozialen Mittelpunkt des Viertels wurde. Der von Ada and Minna Everleigh geleitete Everleigh Club in der Dearborn Avenue wurde regelmäßig von Chicagos Elite frequentiert. Auch Prinz Heinrich von Preußen verkehrte dort. Die Prostituierten, die sich „butterflies“ (Schmetterlinge) nannten, kamen in dem Bordell auf Wochenumsätze von USD 100 bis 400, was für die damalige Zeit, bei den vorherrschenden Tageslöhnen, sagenhafte Summen waren. Aus diesem Club stammte der zeitgenössische Satz „I’m going to get Everleighed“, woraus vermutlich später der umgangssprachliche Ausdruck „get laid“ (flachgelegt werden) wurde. Die unterste Stufe der Bordelle bildeten die einfachen Häuser in der Bed Bug Row (Ecke Dearborn/Federal und 19th Street/Archer). Die farbigen Mädchen, die dort anschafften, wurden häufig von ihren Zuhältern gewaltsam entjungfert und mussten ihre Dienste für 25 Cents unter katastrophalen hygienischen Bedingungen (bed bug – Bettwanze (Cimex lectularius)) anbieten. Sie waren als rechtlose Zwangsprostituierte außerdem den Perversionen ihrer Freier hilflos ausgeliefert. Die Bed Bug Row hatte einen ähnlich schlechten Ruf wie die „Cribs“ in New Orleans oder die „Cow Yards“ in San Francisco.

Strenggläubige Christengemeinden protestierten zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die Prostitution und das Glücksspiel in der Levee. In der Hochphase arbeiteten in den dortigen Bordellen bis zu 5.000 Prostituierte. Zunehmend wurden der Öffentlichkeit Fälle der „Weißen Sklaverei“ bekannt, bei der Mädchen aus ländlichen Gegenden in die Gewalt von Zuhältern gerieten und systematisch zur Prostitution gezwungen wurden. Aufsehen erregte der Fall von Madame Mary Hastings, welche in ihrem Bordell Custom House Place in der Jackson Street minderjährige Mädchen folterte und zur Prostitution zwang. Bevor ihr der Prozess gemacht werden konnte, floh sie nach Kanada. Im Jahre 1914 wurde das letzte Bordell (panel house) aufgrund des zunehmenden öffentlichen Drucks in der Levee geschlossen.

Die Wahl des Chicagoer Bürgermeisters William „Big Bill“ Hale Thompson im Jahre 1915 reaktivierte die illegalen Geschäfte in der Levee. Viele der Bordelle wurden als Hotels, Saloons oder Cabarets wiedereröffnet. „Big Jim“ Colosimo und seine Frau Victoria Moresco übernahmen drei Bordelle und die Kontrolle über den Stadtteil. Sein Restaurant Colosimo’s Café, frequentiert von berühmten Gästen wie Enrico Caruso, wurde zum Zentrum der High Society von Chicago. Aufgrund seiner italienischen Herkunft wurde Colosimo Ziel von sizilianischen Erpresserbanden wie der Black Hand Gang (La Mano Nera), die ihn zunehmend bedrohten. Aus Angst vor Entführung suchte er Schutz bei seinem angeheirateten Verwandten Johnny Torrio in New York. Torrio, ein Vetter von Victoria Moresco schickte Al Capone, um die Verhältnisse dort neu zu ordnen. Capone begann in diesem Stadtteil seine Laufbahn im Lokal „The Four Deuces“ (2222 South Wabash). Das vierstöckige Ziegelsteingebäude, in dem sich außerdem ein Büro und im Obergeschoss ein Bordell befand, war zunächst im Besitz von Jonny Torrio. Capone ließ sich seine Visitenkarten (Alphonse Capone – Gebrauchtmöbelhändler – 2220 South Wabash Avenue) mit dieser Adresse drucken. Man nimmt an, dass er im Keller des „Four Deuces“ seine Rivalen folterte.

Um 1930 wurde der größte Teil des Viertels abgerissen.

Zeitleiste

Persönlichkeiten mit Bezug zum Levee-Distrikt

Literatur

Commons: Levee – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 43. ISBN 3-491-96042-8.
  2. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 37. ISBN 3-491-96042-8.
  3. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 38, ISBN 3-8118-6613-3.
  4. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 31, ISBN 3-8118-6613-3.
  5. ↑ The Levee District. Chicagology
  6. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 30, ISBN 3-8118-6613-3.
  7. ↑ Bucket of Blood auf Chicago Crime Scenes
  8. ↑ Bucket of Blood. Chibar Project
  9. ↑ Cynthia M. Blair: I've Got to Make My Livin': Black Women's Sex Work in Turn-of-the-Century Chicago (Historical Studies of Urban America). S. 137
  10. ↑ Freiberg’s Dance Hall. Chicago Crime Scenes
  11. ↑ The Golden Age of Chicago Prostitution: A Q&A with Karen Abbott auf Freakonomics
  12. ↑ Gael Chandler: Chronicles of Old San Francisco: Exploring the Historic City by the Bay. Museyon Guides. Oktober 2014. S. 249–250, ISBN 978-0-9846334-9-4.
  13. ↑ The Levee District – Bed Bug Row. Chicagology
  14. ↑ Customs House Place. The Chicago Crime Scenes
  15. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 48. ISBN 3-491-96042-8.
  16. ↑ The Four Deuces
  17. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Albatross, Düsseldorf 2001, S. 55. ISBN 3-491-96042-8.
  18. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Albatross, Düsseldorf 2001, S. 57. ISBN 3-491-96042-8.
  19. ↑ The Life And Crimes Of Al Capone. Chicago Tribune. 26. August 1997 (Memento des Originals vom 14. Juni 2018 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  20. ↑ Jonathan Eig: Get Capone: The Secret Plot That Captured America's Most Wanted. S. 19
  21. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 37–39. ISBN 3-491-96042-8.
  22. ↑ Giacomo „Big Jim“ Colosimo auf www.scenacriminis
  23. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 31, ISBN 3-8118-6613-3.
  24. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 35, ISBN 3-8118-6613-3.
  25. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 46. ISBN 3-491-96042-8.
  26. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 46. ISBN 3-491-96042-8.
  27. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 34, ISBN 3-8118-6613-3.
  28. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 34, ISBN 3-8118-6613-3.
  29. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 46. ISBN 3-491-96042-8.
  30. ↑ Dope and Death doomed Levee “Queen” recalls. Chicago Tribune. 16. März 1949
  31. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 27, S. 49. ISBN 3-491-96042-8.
  32. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 32, ISBN 3-8118-6613-3.
  33. ↑ John Kobler: Al Capone. Playboy Report, Moewig Verlag 1971, S. 31, ISBN 3-8118-6613-3.
  34. ↑ O’Brien starts Levee clean-up. For first time in Years South Side Saloons close at 1 a.m. Chicago Tribune. 11. Dezember 1911
  35. ↑ Robert J. Schoenberg: Al Capone. Die Biographie. Kapitel: Eine Stadt beginnt zu tanzen. Albatross Verlag, Düsseldorf 2001, S. 49. ISBN 3-491-96042-8.
  36. ↑ Ed Weiss Resort closed by Mayor. Chicago Tribune, 22. Oktober 1913
  37. ↑ Freiberg’s Dance Hall. Last Stronghold of the Levee. Chicago Tribune. 23. Juli 1914
  38. ↑ The History of Chicago's "Red-Light" Vice Districts. The Digital Research, 2. Januar 2017
  39. ↑ The Chicago "Politics" of Hinky Dink and Bathhouse John
  40. ↑ The Story of Bathhouse John. Chicago Tribune, 24. Mai 1953
  41. 1 2 3 4 5 6 7 The ladies Everleigh. Chicago Tribune. 21. Januar 1979
  42. ↑ Chicago Tribune. 13. November 1951
  43. ↑ Laws Force felt by White Slaver. Chicago Tribune. 10. Oktober 1909
  44. ↑ Member betrays Band of Panders. More than Twenty-five Men in the Gang Are Now Under Surveillance. Chicago Tribune
  45. ↑ Colosimos Home. Chicago Crime Scenes
  46. ↑ Troy Taylor: Murder and Mayhem in Chicago's Vice Districts, The History Press, 2009. ISBN 978-1-59629-692-3.
  47. ↑ Sin in the Second City. New York Times, 12. August 2007
  48. ↑ Origin of White Slavery. Chicago Guide to The Loop’s Unusual Attractions (Memento des Originals vom 12. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  49. ↑ das Zitat in anderer Lesart, welches aus ihrer Zeit an der Barbary Coast in San Francisco stammen sollte, lautete: „any girl who is good enough for a high class house, is good enough for my joint“
  50. ↑ Customs House Place. Chicago Crimes Scenes
  51. ↑ Stephen Schneider: Iced: The Story of Organized Crime in Canada, Wiley, 2009, S. 128. ISBN 978-0-470-83500-5
  52. ↑ William Stead: “If Christ came to Chicago” First Ward, Chicago, Laird & Lee 1894
  53. ↑ The Notorious Madame Gaine auf Zenith City Online