Li-ann Thio

Thio Li-an

Li-ann Thio (chinesisch 张黎衍; * 10. März 1968 in Singapur) ist eine singapurische Juraprofessorin und ein ehemaliges Mitglied des Parlaments von Singapur der Jahre 2007 bis 2009. Sie gilt als führende Gelehrte in ihren Bereichen und wurde 2007 für ihre öffentlich vorgetragene Position gegen eine Lockerung des Gesetzes für homosexuelle Praktiken als strafbare Handlung im Parlament international bekannt.

Leben

Li-ann Thio besuchte ab 1975 zunächst eine chinesische Mädchenschule in Singapur bis 1984 und dann eine koedukative Schule bis zum Abitur 1986. An der University of Oxford studierte sie bis zum Bachelorabschluss 1987, wechselte bis zum Masterabschluss an die Harvard Law School (bis 1993). Von 1997 bis 2000 absolvierte sie den Doktorgrad an der University of Cambridge.

Sie wurde 1991 zunächst wissenschaftliche Mitarbeiterin an der National University of Singapore, Assistenzprofessorin ab 1992 und Professorin ab 2000.

Li-ann Thio unterrichtete 2006 an den juristischen Fakultäten der Hong Kong University und der University of Melbourne.

Seit Ende 2006 ist sie Lehrstuhlinhaberin mit dem zusätzlichen Ehrentitel von hohen Verwaltungsbeamten (Provost's Chair) an der National University of Singapore.

Thio Li-ann im früheren Parlamentsraum im alten Parlament

Li-ann Thio wurde als Parlamentsmitglied von 2007 bis 2009 nominiert. 2007 wurde sie durch ihre öffentliche Position in Parlamentsdebatten zu homosexuellen Praktiken international bekannt. Sie wollte das bis dahin gültige Gesetz aufrechterhalten, welches derartige Handlungen unter Strafe stellte. 2009 verzichtete sie wegen der Diskussion über ihre Äußerungen auf einen Lehrauftrag an der New York University.

Sie arbeitete bzw. arbeitet an zahlreichen Fachzeitschriften mit: Ab 2000 war sie leitende Redakteurin in Journalen wie dem Singapore Journal of International & Comparative Law (bis 2003). Sie ist weiterhin leitende Redakteurin der Zeitschrift Singapore Journal of Legal Studies und im Gremium weiterer Zeitschriften wie dem Journal of East Asia and International Law, dem Australian Journal of Asian Law und dem International Law & Human Rights Discourse. Zusätzlich ist sie in internationalen Beratungsgremien wie der Max Planck Encyclopedia of Comparative Constitutional Law, seit 2015, und der University of Bologna Law Review.

Li-ann Thio gilt als führende Gelehrte für die juristischen Belange des Landes Singapur.

Forschungsschwerpunkte

Li-ann Thio arbeitet unter anderem an öffentlichem, internationalen Recht, an Gesetzen in den Bereichen der Verfassung, der Verwaltung und der Menschenrechte, wobei sie besonders die gerichtlichen Rechte von Minderheiten und unterschiedlichen Völkern im Blick hat. Außerdem beschäftigt sie sich mit dem Verhältnis von Staat, Gesetzen und Religion.

Stellungnahme gegen die Lockerung von Gesetzen für Homosexuelle in Singapur

Durch ihre Haltung gegen die Lockerung des Gesetzes für Homosexuelle (377A, der homosexuelle Praktiken seit 1860 unter Strafe stellte, nach der Unabhängigkeit Singapurs vom Britischen Empire 1965 beibehalten und Ende 2022 / Anfang 2023 abgeschafft wurde) in einer Debatte als Nominierte im Parlament 2007 wurde Li-ann Thio international bekannt und kritisiert. Sie hatte sich dagegen ausgesprochen, den „wild wild West“ zu imitieren und meinte, es gäbe keine Notwendigkeit, bezüglich grundlegender Moralvorstellungen ausländischen oder neo-kolonialen Imperialismus nachzuahmen. Stattdessen, so wiederholte sie mehrfach, sollten in ihrem Land homosexuelle Praktiken weiter als kriminelle Tat gelten, da diese wider die Natur des Menschen und unmoralisch seien. Besonders deutlich wurde sie zu Analverkehr, der ihrer Aussage nach vergleichbar sei mit einem Strohhalm, den man zum Trinken in die Nase hinaufschieben würde. Die sexuelle Orientierung von Menschen sei, so meinte sie, veränderbar.

Per E-Mail sandte eine Gruppe von homosexuellen Studenten der New York University (NYU OUTlaw) die Aussagen von Li-ann Thio an alle Studenten, um sie über die Haltung der Professorin zu informieren und die Frage zu eröffnen, ob ein Professor dieser Gesinnung eine Vielzahl von Studenten aus unterschiedlichen Ländern über die Thematik „Menschenrechte“ unterrichten solle. Die Studentengruppe erhielt einige Rückantworten, die eine starke Ablehnung gegenüber der Professorin zum Ausdruck brachten. Die Professorin selbst akzeptierte die Idee der freien Diskussion, die durch die E-Mail von den Studenten angeregt worden sei, da alle ihre Meinung sagen dürften und ihrem Gewissen folgen, was sie als zentrales Prinzip von jeglicher akademischen Umgebung sah. Allerdings zeigte sie sich über die Feindseligkeiten enttäuscht, die von den ihr Fremden ausgingen. Auch seien sich nicht einmal die US-Amerikaner darüber einig, wie sie die Praktiken sehen wollten; denn es gäbe zu dem Thema keine universelle Norm, die überall gelte.

Der damalige Sprecher der New York University, John Beckman, erläuterte, dass die Professorin wegen ihrer akademischen Leistungen und ihrer Lehre ausgewählt worden sei, nicht wegen ihrer Aussagen im Rahmen von Parlamentsdebatten. Er machte gleichzeitig deutlich, dass die Hochschule eine lange und nachweislich schützende Haltung gegen jegliche Art von Diskriminierung bezüglich sexueller Orientierung habe und dass die Hochschule als unterstützende Heimat für diese Menschen gelte. Er gehe von lebhaften Diskussionen auf allen Ebenen aus. Li-ann Tho verzichtete auf den Antritt der Stelle 2009.

Positionen

Thio Li-ann beim Menschenrechtsseminar-Tag, Singapur

Li-ann Thio sieht ihre Aufgabe darin, anderen die asiatische Sichtweise zu vermitteln und die Dritte-Welt-Perspektive zu vertreten. Sie meint in einem Interview in Ungarn im Jahr 2023, dass es den Menschen der 2020er Jahre an Meinungsfreiheit fehle, es aber keine Ehrlichkeit darüber im Westen gebe, besonders, wenn jemand konservative Werte wie, z. B.: Ben Shapiro, vertrete. Derartige Personen würden niedergebrüllt und eingeschüchtert. Sie meint, ihre eigene Aussagen zur Homosexualität von 2007 seien missverstanden worden. Sie würde sich auf keine Diskussion einlassen, die sie als eine Person darstelle, die andere Personen hasse. Aber sie wolle nicht, dass Homosexuelle junge Personen verderben.

Auszeichnungen (Auswahl)

Schriften (Auswahl)

Bücher

  • Managing Babel: The International Legal Protection of Minorities in the 20th Century. Brill – Nijhoff, 2005, ISBN 978-90-04-14198-8.
  • A Treatise on Singapore Constitutional Law. Academy Publishing, 2012, ISBN 978-981-07-1515-1.
  • mit Wen-Chen Chang et al: Constitutionalism in Asia: Cases and Materials. Hart Publishing, Oxford 2014, ISBN 978-1-84946-234-1.
  • Singapore Chronicles – Presidency. Straits Times Press, 2015, ISBN 978-981-4747-01-1.
  • mit Kevin YL Tan: Singapore: 50 Constitutional Moments that Defined a Nation. Marshall Cavendish, 2015, ISBN 978-981-4677-09-7.
  • mit Igno Venzke: The Internal Effect of ASEAN External Relations and its impact on the legal order of ASEAN; Integration through Law: The Role of Law and the Rule of Law in ASEAN Integration. Cambridge University Press 2016, ISBN 978-1-316-60655-1.

Buchkapitel

  • Taking Rights Seriously? Human Rights Law in Singapore. In: Randall Pereenboom et al. (Hrsg.): The Rights of Asians Today: A Comparative Legal Study of Twelve Asian Countries, France and the USA. United Kingdom: Routledge Curzon, 2006, S. 158–190, ISBN 978-0-415-36002-9.
  • Administrative and Constitutional Law. In: Singapore Academy of Law Annual Review of Singapore Cases 11. 2010, S. 1–43.
  • Constitutionalism in Illiberal Polities. In: Michel Rosenfeld, Andras Sajo (Hrsg.): Oxford Handbook on Comparative Constitutionalism. Oxford University Press, 2012, S. 133–152, ISBN 978-0-19-957861-0.

Zeitschriftenartikel

  • The Post-colonial Constitutional Evolution of the Singapore Legislature. In: Singapore Journal of Legal Studies. 1993, S. 80–122.
  • Battling Balkanization: Regional Approaches Towards Minority Protection Beyond Europe. In: Harvard International Law Journal 43/2. 2002, S. 409–468.
  • Singapore: (S)electing the president-diluting democracy? In: International Journal of Constitutional Law 5/3. 2007, S. 526–543.
  • Relational Constitutionalism and the Management of Religious Disputes: The Singapore 'Secularism with a Soul' Model. In: Oxford Journal of Law and Religion 1/2. 2012, S. 446–469.
  • mit Kevin YL Tan: Teaching Constitutional and Administrative Law at NUS: Mission, Materials and Methods 1957–2017. In: Singapore Journal of Legal Studies. 2017, S. 239–257.
  • Singapore Relational Constitutionalism: The 'Living Institution' and the Project of Religious Harmony. In: Singapore Journal of Legal Studies 2019. S. 204–234.
  • Irreducible plurality, indivisible unity: Singapore Relational Constitutionalism and cultivating harmony through constructing a constitutional civil religion. In: German Law Journal 16/3. 2019, S. 171.
  • mit Jaclyn L. Neo et al.: Solidarity in Diversity? State Responses to Religious Diversity in Liberal and Non-Liberal Perspectives. In: German Law Journal 20/7. 2019, S. 941–948.
  • Legal Communitarianism and Pandemic Regulation in Singapore. In: Stefan Braum (Hrsg.): Experimental Law: The Rule of Law and the Regulation of Corona Pandemic in Europe. Nomos 2023, S. 383–440.
Commons: Thio Li-ann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 Simon Obendorf: A few respectable steps behind the world? Gay and lesbian rights in contemporary Singapore. (PDF) In: sas-space-sas.ac.uk. 24. April 2007, abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
    1. ↑ S. 237
  2. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Thio Li-ann. University of Singapore, 2026, abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
  3. 1 2 3 Prof. Thio Li-ann. In: Parliament.gov.sg. Abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
  4. 1 2 3 4 5 6 7 8 Curriculum Vitae, Professor (Dr.) Thio Li-ann. (PDF) Abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
  5. ↑ Prof. Thio Li-ann, Member of Parliament. In: SG Parliament. Abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
  6. 1 2 Peter Schmidt: Singaporean Scholar, a Foe of Gay Rights, Cancels Plans to Teach at NYU. In: Chronicle.com. The Chronicle of Higher Education, 23. Juli 2009, abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
  7. ↑ Kai-NG Wei, Yuen-C Tham: Unpacking the issues around Section 377A. In: Straitstimes.com, Singapore (Hrsg.): The Straits Times. 20. August 2022, ISSN 0585-3923 (straitstimes.com).
  8. ↑ Harsh Mahaseth, Ananya Soni: The Repeal of 377A and the Future of LGBTQ+ Rights in Singapore. In: Economic & political weekly. Band 59, Nr. 42, 19. Oktober 2024 (epw.in).
  9. 1 2 3 4 Scott Jaschik: Rights for Some People. In: Insidehighered.com, News. 7. Juli 2009, abgerufen am 3. November 2026 (englisch).
  10. 1 2 Kinga Kincső Antal: ‘We need to consider the right to be born’ — An Interview with Thio Li-ann. In: Hungarian Conservative. 28. Oktober 2023, abgerufen am 3. November 2026 (amerikanisches Englisch).