Libertalia

Kapitän Misson, von Johnson als Gründer von Libertalia bezeichnet

Libertalia (auch bekannt als Libertatia) war eine angebliche Piratenkolonie, die im späten 17. Jahrhundert in Madagaskar unter der Führung von Kapitän James Misson (dessen Nachname gelegentlich auch „Mission“ geschrieben wird und dessen Vorname manchmal als „Olivier“ angegeben wird) gegründet wurde. Die Hauptquelle für Libertalia ist Band 2 von „A General History of the Pyrates“, einem Buch aus dem Jahr 1724, das Kapitän Misson und Libertalia beschreibt. Über diesen Bericht hinaus wurden kaum bis gar keine Belege für Libertalia gefunden, und Libertalia wird von zeitgenössischen Wissenschaftlern allgemein als fiktiv angesehen.

Hintergrund

Libertalia war eine legendäre freie Kolonie, die von Piraten unter der Führung von Kapitän Misson gegründet wurde, obwohl die meisten Historiker Zweifel an ihrer Existenz außerhalb der Literatur geäußert haben. Libertalia erhielt seinen Namen vom lateinischen Wort liberi, was „frei“ bedeutet. Missons Idee war es, eine Gesellschaft zu schaffen, in der Menschen aller Hautfarben, Glaubensrichtungen und Weltanschauungen frei von jeglicher Kontrolle sein sollten. Er wollte den Menschen von Libertalia einen eigenen Demonym geben, nicht den eines früheren Herkunftslandes. Der Historiker und linksradikale Aktivist Marcus Rediker behauptet:

„Diese Piraten, die sich in Libertalia niederließen, sollten ‚wachsame Hüter der Rechte und Freiheiten des Volkes‘ sein; sie sollten als ‚Schutzwälle gegen die Reichen und Mächtigen‘ ihrer Zeit fungieren. Indem sie im Namen der ‚Unterdrückten‘ Krieg gegen die ‚Unterdrücker‘ führten, sollten sie dafür sorgen, dass ‚Gerechtigkeit gleichmäßig verteilt wurde‘.“

Wie einige historisch belegte Piraten praktizierten sie direkte Demokratie, bei der das Volk als Ganzes die Befugnis hatte, Gesetze und Regeln zu erlassen, und nutzten zudem Ratssysteme, die sich aus Delegierten zusammensetzten, die sich als „Genossen“ der breiten Bevölkerung und nicht als Herrscher verstehen sollten. Sie schufen eine neue Sprache für ihre Kolonie und führten eine sozialistische Wirtschaft.

Das Motto der Piratenutopie lautete „Für Gott und die Freiheit“, und ihre Flagge war weiß ganz im Gegensatz zum Jolly Roger.

Kapitän James Misson

Dem Bericht in „A General History of the Pyrates“ zufolge war Misson Franzose, geboren in der Provence, und während eines Urlaubs in Rom, den er vom französischen Kriegsschiff „Victoire“ genommen hatte, verlor er seinen Glauben, angewidert von der Dekadenz am päpstlichen Hof. In Rom traf er auf Caraccioli – einen „lüsternen Priester“, der im Laufe langer Seereisen, auf denen es kaum etwas anderes zu tun gab als zu reden, Misson und einen beträchtlichen Teil der übrigen Besatzung nach und nach zu seiner Denkweise bekehrte:

„Er wandte sich gegen die Regierung und zeigte auf, dass jeder Mensch frei geboren sei und ebenso viel Recht auf das habe, was seinen Lebensunterhalt sicherstelle, wie auf die Luft, die er atme … dass der gewaltige Unterschied zwischen den Menschen – der eine schwelge in Luxus, der andere in äußerster Not – allein auf Habgier und Ehrgeiz einerseits und kleinmütiger Unterwerfung andererseits zurückzuführen sei.“

Die 200-köpfige Besatzung der Victoire, die sich auf eine Piratenkarriere einließ, ernannte Misson zu ihrem Kapitän. Sie teilten den Reichtum des Schiffes unter sich auf und beschlossen, dass „alles allen gemeinsam gehören“ solle.

Standort

In der modernen Forschung herrscht Einigkeit darüber, dass Libertalia (oder Libertatia) kein realer Ort war, sondern ein fiktives Konstrukt. Der Journalist Kevin Rushby bereiste die Gegend auf der Suche nach Nachfahren der Piratenbewohner, blieb jedoch erfolglos und behauptete, „andere hätten dies schon oft versucht und seien gescheitert“, obwohl die Betsimisaraka historisch gesehen behaupten, von Piraten abzustammen. Es gab Piratensiedlungen auf und um Madagaskar, auf denen Libertalia möglicherweise basierte: Abraham Samuel in Fort Dauphin, Adam Baldridge auf der Île Sainte-Marie und James Plaintain in Rantabe waren allesamt ehemalige Piraten, die Handelsposten und Städte gründeten. Diese Orte tauchen häufig in offiziellen Berichten und Briefen aus dieser Zeit auf, während Libertalia nur in Johnsons „General History“, Band 2, erwähnt wird. Johnson schreibt über die allgemeine Struktur von Libertalia. Die Siedlung soll auf jeder Seite des Hafens über eine erhöhte Festung mit jeweils 40 Kanonen aus portugiesischem Bestand verfügt haben. Unterhalb der Festungen, unter deren Schutz, befanden sich die Wohnquartiere sowie der Rest der Stadt. Libertalia lag etwa 13 Meilen östlich-südöstlich der nächstgelegenen Stadt.

Kritik

Johnsons „Libertalia“ wurde als reine Fiktion, als apokryph, oder als utopischer Kommentar betrachtet. Die Aufnahme fiktionaler Berichte wie dem von Misson in „A General History“ hat einige moderne Wissenschaftler dazu veranlasst, das gesamte Werk als zuverlässige Quelle abzulehnen, obwohl andere Teile davon zumindest teilweise durch verschiedene Quellen bestätigt wurden. Die „Oxford Research Encyclopedia of African History“ beschreibt Libertalia als „fiktiv“.

Libertalia in der Populärkultur

Literatur

Museum

Film

Videospiele

Musik

Commons: Libertatia – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. ↑ Simon, Ed, Return to Pirate Island, JSTOR Daily, August 4, 2021 with several references
  2. 1 2 3 4 Captain Charles Johnson: [[A General History of the Pyrates]]. Dover Publications, Toronto 1999, ISBN 0-486-40488-9, S. 383–389; 417 (englisch).
  3. ↑ Marcus Rediker: Villains of All Nations: Atlantic Pirates in the Golden Age. Beacon Press, Massachusetts 2004, ISBN 0-8070-5024-5 (englisch).
  4. ↑ David Cordingly: Pirates: Terror on the High Seas from the Caribbean to the South China Sea. World Publications, 1996, ISBN 1-57215-264-8 (englisch).
  5. 1 2 Philip Gosse: The Pirates' Who's Who. Burt Franklin, 1924, Misson, Captain, S. 211–219 (englisch, gutenberg.org [abgerufen am 24. März 2014]).
  6. ↑ Benerson Little: The Golden Age of Piracy: The Truth Behind Pirate Myths. Skyhorse Publishing, Inc., New York 2016, ISBN 978-1-5107-1304-8 (englisch, google.com [abgerufen am 15. September 2017]).
  7. ↑ Kevin Rushby: Hunting Pirate Heaven: In Search of Lost Pirate Utopias. Bloomsbury Publishing USA, New York 2011, ISBN 978-0-8027-7977-9 (englisch, google.com [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  8. ↑ Stefan C.A. Halikowski Smith (Hrsg.): Reinterpreting Indian Ocean Worlds: Essays in Honour of Kirti N. Chaudhuri. Cambridge Scholars Publisher, 2011, ISBN 978-1-4438-3044-7, S. 302 (englisch).
  9. ↑ John E. Flint (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Band 5. Cambridge University Press, 1975, S. 365 (englisch).
  10. ↑ Cindy Vallar: Pirates & Privateers: the History of Maritime Piracy - Pirate Havens Madagascar. In: www.cindyvallar.com. Abgerufen am 4. Oktober 2017 (englisch).
  11. ↑ Richard Sanders: If a pirate I must be: the true story of Bartholomew Roberts, king of the Caribbean. Aurum, London 2007, ISBN 978-1-84513-209-5, S. 154–155 (englisch, google.com [abgerufen am 18. September 2017]).
  12. ↑ Peter Leeson: The Invisible Hook. In: NYU Journal of Law and Liberty. 4. Jahrgang, 2009, S. 155 (englisch, peterleeson.com [PDF; abgerufen am 5. Juni 2017]).
  13. ↑ Edward Theophilus Fox: 'Piratical Schemes and Contracts': Pirate Articles and Their Society 1660-1730. University of Exeter, Exeter UK 2013 (englisch, exeter.ac.uk [abgerufen am 8. September 2017]).
  14. ↑ Gabriel Kuhn: Life Under the Jolly Roger: Reflections on Golden Age Piracy. PM Press, Oakland CA 2010, ISBN 978-1-60486-052-8 (englisch, google.com [abgerufen am 4. Oktober 2017]).
  15. ↑ Ye Banished Privateers - The Legend Of Libertalia. In: Discogs. 12. September 2014 (englisch).
  16. ↑ Jake and the Infernal Machine - Rise Like Fire. In: Bandcamp. (englisch).
  17. ↑ Ja, Panik - Libertatia. In: Discogs. 2014.