Liefern (Roman)

Liefern ist ein Roman des in Berlin lebenden israelischen Schriftstellers Tomer Gardi. Er erschien im Februar 2026 im Stuttgarter Verlag Tropen und entstand in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Anne Birkenhauer, die den auf Hebräisch geschriebenen Teil „Mimesis“ ins Deutsche übertrug. Der Roman besteht aus sechs lose miteinander verknüpften Episoden, die in Tel Aviv, Delhi, Istanbul, Berlin, Buenos Aires und am Naivashasee in Kenia spielen. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die als Essens- und Warenlieferanten für Plattformdienste oder in anderen prekären Dienstleistungsjobs arbeiten, sowie ihre Kundschaft. 2026 stand das Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Inhalt

Die sechs Teile tragen eigene Titel. Figuren aus einem Teil tauchen in anderen als Haupt- oder Nebenfiguren wieder auf, sodass sich die Episoden zu einem Netz verbinden.

Indie-Go

Filmon Haile ist vor acht Jahren aus Eritrea desertiert und über den Sinai nach Israel gelangt. In Tel Aviv arbeitet er als Küchenhilfe in einem Café, das während einer im Roman als „Plage“ bezeichneten Pandemie schließen muss. Seine Frau Daniat und die gemeinsame Tochter Israel, die Filmon nur aus Videotelefonaten kennt, sind über das Mittelmeer nach Berlin geflohen und leben dort bei befreundeten Landsleuten. Daniat betreibt die Familienzusammenführung; ihren Aufenthalt sichert ein Scheinarbeitsvertrag in einer Änderungsschneiderei, dessen Lohn Filmon aus Israel finanziert.

Um weiter Geld schicken zu können, wird Filmon Kurier beim Lieferdienst Indie-Go. Weil die Wartelisten lang sind, verschafft ihm sein Vermieter Shai, der mit Accounts handelt, die auf seine Verwandten und weitere Personen registriert sind, gegen 15 Prozent des Verdienstes ein fremdes Konto: Filmon fährt fortan als „Dora Goldberg“. Da jeder Polizeieintrag die Familienzusammenführung gefährden würde, fürchtet er jede Verkehrskontrolle. Sein Mitbewohner und Fluchtgefährte Abraham, der als Putzmann in einer Synagoge in Bnei Brak Jiddisch gelernt hat, bringt ihm diese Sprache als vermeintliches Deutsch bei. Um einen eritreischen Pass zu erhalten, zahlt Filmon die Diasporasteuer und besucht den Empfang zum Unabhängigkeitstag; später liefert er zufällig Essen an den halbnackten eritreischen Botschafter. Monatelang umkreist er das Hochhaus der deutschen Botschaft in der Hoffnung, einmal dorthin liefern und so Kontakt knüpfen zu können. Als Indie-Go ihn unter seinem eigenen Namen aufnimmt, kündigt der Dienst kurz darauf die Senkung der Tarife an; ein Protest der Fahrer bleibt wirkungslos. Parallel erzählt der Roman von Israel, die in ihrer Berliner Grundschule rassistisch angefeindet wird und künftig „Izzi“ heißen will. Am Ende erhält Filmon tatsächlich eine Bestellung für die Botschaft, wird aber vom Wachmann am Eingang abgefangen, der die Tüten entgegennimmt und ihn mit dem Satz begrüßt, mit dem der Teil auch beginnt: „Willkommen im globalen Dorf.“

A New Passage to India

Der zweite Teil verknüpft in Delhi drei Frauen, die sich nicht kennen. Die Fernsehjournalistin Megha hat einen Bericht über das Abbrennen der Reisstoppelfelder in Punjab und Haryana gedreht und dabei regierungskritische Stellen selbst zensiert. Während ihr Mann Anju auf Dienstreise ist, feiert sie das Lichterfest Diwali mit ihren Kindern zu Hause und bestellt über die App Bonanza Burger.

Nina Kegel, Deutschlehrerin in Berlin (unter anderem von Daniat) und Studentin der Germanistik und Kriminologie, nimmt mit ihrer Jugendfreundin Leonie an einem Austauschprogramm des DAAD an der Jawaharlal Nehru University teil, in dem deutsche und indische Germanistinnen gemeinsam einen Hindi-Roman übersetzen. Sie ist zugleich fasziniert und verstört von den allgegenwärtigen Swastikas und beginnt eine Affäre mit dem argentinischen Studenten Ramón.

Die junge Sachin, verlassen von ihrem Mann, der als Mitgift ein Motorrad der Marke Hero verlangt hatte, liefert mit eben diesem Motorrad für Bonanza aus. Ihr neunjähriger Sohn Vivaan sitzt hinten auf und trägt die Bestellungen zu den Kunden; seine Anwesenheit schützt sie zugleich vor Belästigungen durch die männlichen Kollegen. In der Diwali-Nacht ist Sachin mit Meghas Bestellung unterwegs, als an einer Kreuzung neben Ramón ein Böller explodiert und er erschrocken auf die Fahrbahn springt. Megha sieht nur, dass der blaue Punkt in der Liefer-App stehen bleibt.

Mimesis

Der von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzte dritte Teil wird von einem israelischen Schriftsteller in der Ich-Form erzählt, der seit sieben Jahren in Berlin lebt. Er sitzt in der Jury eines Stipendiums des Berliner Senats für nicht deutschsprachige Autorinnen und Autoren und muss die hebräischen Einreichungen begutachten – fast durchweg die seiner Freunde, darunter die seines engsten Freundes, des Dichters Ronen. Als Ronen ihm erzählt, er wolle ein „perfektes Verbrechen“ schreiben, bei dem Täter, Tat und Motiv für jeden offen erkennbar sind, beschließt der Erzähler, mit dem Stipendiengeld eine gemeinsame Haartransplantation in Istanbul zu finanzieren.

In Istanbul will Ronen kurz vor dem Eingriff abspringen und bietet seinen Termin in der Hotelbar einem indischen Geschäftsmann namens Anju an. Während der Erzähler wegen eines Staus einen Tag warten muss, lernt er am Bosporus den Angler Resul kennen. Dieser erzählt ihm seine Lebensgeschichte: Er fiel nach einem abgebrochenen Verhältnis mit einer Kommilitonin, die später Polizistin wurde und ihn bei Kontrollen schikanierte, durch die mündliche Lehramtsprüfung, wurde Kurier beim Lieferdienst Şipşak und organisierte einen Protest der Fahrer. Inzwischen bezahlt ihn das Unternehmen dafür, verunglückte Kuriere ins Krankenhaus zu begleiten; nach eigener Aussage sammelt er dabei Material, um die Firma eines Tages von innen zu Fall zu bringen. Schließlich lassen sich beide Freunde behandeln. Zurück in Berlin kauft der Erzähler einem Rosenverkäufer eine Rose ab, deren Verpackung eine Blumenfarm am Naivashasee als Herkunft nennt.

Der Tausch

Der vierte Teil spielt in einem verschneiten Berliner Februar. Filmon ist inzwischen nach Berlin nachgekommen, lebt mit Daniat und der elfjährigen Izzi in einem Zimmer in der Wohnung der befreundeten Familie und fährt wieder für Indie-Go, diesmal über einen Berliner Mittelsmann, dem er 800 Euro und ein Viertel seines Verdienstes zahlt. Im Deutschkurs lernt er Pavan kennen, einen Maschinenbaustudenten aus Haryana, der neben einem Studium an einer zweifelhaften Privathochschule für den Lebensmittellieferdienst RatzFatz Einkäufe in Berliner Treppenhäuser schleppt. Jeder beneidet den anderen um seine Arbeitsbedingungen, und so tauschen sie: Pavan fährt unter Filmons Indie-Go-Account, Filmon übernimmt Pavans Schichten bei RatzFatz. Pavan, der als Hindu kein Rindfleisch berühren will, leidet unter den Abholungen in Dönerläden; nach einem Streit mit dem überforderten Dönerverkäufer Resul prügeln sich die beiden. Der Account wird gesperrt, Filmons Geld ist verloren, und Pavan erwacht am nächsten Morgen mit einer halbseitigen Gesichtslähmung. Am Ende arbeiten beide bei RatzFatz.

In einem zweiten Erzählstrang ist Nina nach Ramóns Unfalltod aus Delhi zurückgekehrt. Sie ringt mit Schuldgefühlen und der Erinnerung an einen Polizeikommissar, der ihr Mord unterstellt und Bestechungsgeld nahegelegt hatte; auf der Wache war ihr eine Frau mit ihrem Sohn aufgefallen. Nun ruft sie jemand von Ramóns Nummer aus an.

Das blaue Handy

In Buenos Aires öffnet Ramóns Mutter Marta, Dozentin für Soziale Arbeit, an Heiligabend den Beutel mit dem Nachlass ihres Sohnes. Sie trägt sein Mobiltelefon fortan ständig bei sich, sieht seine Fotos durch und ruft schließlich Nina an. Als sie das Gerät verliert, findet es der schwule venezolanische Migrant Ciervo, der für die App Foodiesya ausliefert und sich zusätzlich mit dem Blockchain-Spiel Axie Infinity Geld verdient. Über die Ortungsfunktion verfolgt Marta mit ihrem Lebensgefährten Luis und Freunden ihres Sohnes das Handy durch die Stadt, zu einem Spiel der Boca Juniors und in eine Bar. Nach einer im Auto durchwachten Nacht rammt sie Ciervos Motorrad, als er morgens aus einer Tiefgarage fährt; er entkommt jedoch hinkend. Im Einkaufszentrum Abasto verschwindet der blaue Punkt schließlich von ihrer Karte.

Rosen

Der letzte Teil erzählt von der neunzehnjährigen Akiny, die aus dem Westen Kenias zu ihrer Schwester an den Naivashasee gezogen ist und als Schneiderin oder Friseurin arbeiten möchte. Nach einem halben Jahr vergeblicher Arbeitssuche erhält sie mithilfe kleiner Notlügen eine Saisonstelle auf der Rosenfarm Naivasha Bloom, wo für den Valentinstag Millionen Rosen für den Export geerntet werden. Sie muss sich des Vorarbeiters Kamau erwehren und wird nach der Ernte nicht übernommen. Von ihrem Lohn näht sie sich ein rotes Abendkleid und geht zur Valentinsparty eines Campingplatzes, auf dem Touristen, Investoren und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen verkehren. Dort fordert sie einen Mitarbeiter von Fairtrade International zum Tanz auf, der ihr einst eine Schere und das Gleichnis vom Fisch und der Angel geschenkt hatte.

Aufbau und Sprache

Die sechs Teile sind in sich weitgehend abgeschlossen; sie werden durch wiederkehrende Figuren, Orte und Gegenstände verbunden, etwa Nina Kegel als Lehrerin von Daniat und Filmon, Ramóns Unfall und Handy, die indischen Figuren Anju und Pavan oder die kenianischen Rosen, die in Berlin verkauft werden. Bis auf „Mimesis“ und kurze Passagen wird überwiegend in der dritten Person erzählt. Wiederholt thematisiert der Roman Mehrsprachigkeit, etwa durch Filmons jiddisch gefärbtes Deutsch oder die Übungssätze aus dem A1-Deutschkurs.

Mehrere Kritikerinnen und Kritiker vermerkten, dass Gardi die deutsche Sprache hier weniger experimentell einsetze als in seinen früheren Büchern Broken German (2016) und Eine runde Sache (2021), deren bewusst unkonventionelles Deutsch Debatten ausgelöst hatte; der Ton sei ruhiger, das Deutsch weitgehend standardsprachlich.

Entstehung

Nach eigenen Angaben recherchierte Gardi drei Jahre lang auf drei Kontinenten für den Roman. Im Impressum dankt er unter anderem dem Deutschen Literaturfonds, der Berliner Senatsverwaltung für Kultur, der Kulturakademie Tarabya des Goethe-Instituts in Istanbul, dem Goethe-Institut in Delhi sowie der Afrikanistin Anne Storch, die ihn aus Mitteln ihres Leibniz-Preises unterstützte, und einem Gästehaus in Naivasha. Wie schon bei Eine runde Sache arbeitete Gardi mit Anne Birkenhauer zusammen, die einen Teil des Buches aus dem Hebräischen übersetzte.

Rezeption

Der Roman wurde in den großen deutschsprachigen Feuilletons überwiegend positiv besprochen. Eva Menasse lobte in der Zeit die klare, schnelle und unsentimentale Darstellung der Lebenswelt der Lieferanten, die gründliche Recherche und dass Gardi neben den Fahrern auch die Kundschaft in den Blick nehme; Elend werde weder zur Schau gestellt noch billige Betroffenheit erzeugt. Mladen Gladic hob in der Welt Empathie und Humor hervor und sah in dem Roman eine Offenlegung der oft harten Bedingungen einer neuen Arbeiterklasse. Für Joachim Hentschel (Süddeutsche Zeitung) kippt das Buch nicht ins Rührselige, weil Gardi seine Figuren als handelnde Subjekte ernst nehme; er sprach von „poetischer Gerechtigkeit“, bedauerte aber, dass Gardi das Deutsche weniger experimentell gebrauche als früher. Katharina Teutsch beschrieb das Buch in der FAZ als wilden Sozialreportageroman über prekäre Dienstleistungsarbeit mit tragikomischem Ton, Carsten Hueck (Deutschlandfunk) lobte die Verbindung von Sprachwitz und Ernst.

Zurückhaltender äußerte sich Katharina Granzin in der taz: Sie fragte, ob die nur lose verbundenen sechs Teile nicht eher einer Serie in Buchform glichen, und empfand den Text stellenweise als verplaudert. Maxi Leinkauf würdigte im Freitag, dass Gardi seinen Figuren Würde verleihe, ohne voyeuristisch oder sozialromantisch zu werden, hielt aber die Istanbul-Episode für konstruiert. Auch Sophie Albers Ben Chamo (Jüdische Allgemeine) nannte den Haartransplantations-Teil zwar komisch, aber den schwächsten des Buches; insgesamt hob sie dessen erzählerischen Sog hervor.

Im August 2026 wurde Liefern für die Longlist des Deutschen Buchpreises ausgewählt, gelangte jedoch nicht auf die Shortlist.

Ausgaben

Einzelnachweise

  1. 1 2 Tomer Gardi: Liefern. In: Lesejury. Abgerufen am 20. Oktober 2026.
  2. 1 2 Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert. In: Jüdische Allgemeine. 11. August 2026, abgerufen am 20. Oktober 2026.
  3. 1 2 3 4 Tomer Gardi: Liefern. Roman. In: Perlentaucher. Abgerufen am 20. Oktober 2026.
  4. 1 2 3 Sophie Albers Ben Chamo: Auf der Spur der Fahrradkuriere. In: Jüdische Allgemeine. Abgerufen am 20. Oktober 2026.
  5. ↑ Tomer Gardi: Liefern. Tropen, Stuttgart 2026, Impressum.
  6. ↑ Maxi Leinkauf: Moderne Sklaven: Über Tomer Gardis enthüllendes Buch „Liefern“. In: Der Freitag. 6. April 2026, abgerufen am 20. Oktober 2026.
  7. ↑ Shortlist für Deutschen Buchpreis veröffentlicht. In: Jüdische Allgemeine. 8. September 2026, abgerufen am 20. Oktober 2026.