Anna Margarete Marie „Liesel“ Deidesheimer (geborene Hanssen am 14. November 1905 in Neumünster; gestorben am 25. April 1993 in Hamburg) war eine deutsche Kinderärztin, die während der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand geleistet und sich geweigert hat, Kinder in den sogenannten „Kinderfachabteilungen“ zu töten.
Liesel Hanssen wurde am 14. November 1905 in Neumünster geboren. Dort besaß ihr Vater eine Textilfabrik und die Familie war wohlhabend. Nachdem jedoch ihr Vater sich 1913 geschäftlich umorientieren musste, die Textilfabrik war abgebrannt, zog die Familie nach Hamburg, in eine Stadtvilla in der Uhlandstraße Stadtteil Hohenfelde und ihr Vater gründete einen Lebensmittel-Großhandel. Sie legte ihr Abitur vermutlich an der Elise-Averdieck-Schule, einer staatlich anerkannten privaten Oberschule für Mädchen ab. An der Universität Hamburg studierte sie Medizin und lernte in Marburg, wo sie für zwei Semester zum Studium war, den aus Passau stammenden Chirurgen und Gynäkologen Hans Deidesheimer kennen. Sie heirateten im Jahr 1934 und 1936 wurde die Tochter Susanne geboren. Nach der Hochzeitsreise war Liesel Deidesheimer gehandicapt, da durch einen Beinbruch, ihr Bein operiert werden musste und einige Zentimeter danach kürzer war, als das andere Bein. Im Jahr 1939 trat sie eine Stelle als Ärztin im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort an. Von Hans Deidesheimer ließ sie sich im Jahr 1941 scheiden.

Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort war aus der 1909 gegründeten „Poliklinik für minderbemittelte Eltern“ hervorgegangen und wurde vom 1910 gegründeten „Verein Kinder-Poliklinik und Säuglingsfürsorge Rothenburgsort“ getragen. Der Verein hatte per Satzung die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit durch ärztliche Mütterberatung, die unentgeltliche Behandlung von Kindern sogenannter „unbemittelter“ Eltern und die Ausbildung von Säuglingspflegerinnen zur Aufgabe. Mitgegründet wurde das Kinderkrankenhaus vom jüdischen Kinderarzt Carl Stamm (1867–1941), der sich mit seiner Frau 1941 das Leben nahm, als beide von den Nationalsozialisten deportiert werden sollten. Stamm war auch Vorstandsvorsitzender des Vereins und ärztlicher Leiter des Krankenhauses bis 1933. An seine Stelle trat am 1. Oktober 1934 Wilhelm Bayer (1900–1973), der der NSDAP angehörte. Bayer war relativ jung, als er diese Stellung antrat und überaus karrierebewusst. Er hatte eine gute fachärztliche Berufsausbildung und baute das Kinderkrankenhaus weiter aus. Unter seiner Anweisung wurden mindestens 56 Kinder, die als „unwertes Leben“ eingestuft waren, getötet. Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort gehörte so zu den „Kinderfachabteilungen“, in denen etwa 5000 Kinder in Deutschland ermordet wurden. Als an Liesel Deidesheimer die Aufforderung herangetragen wurde, sich an der Ermordung der Kinder zu beteiligen, weigerte sie sich wie auch drei weitere junge Ärztinnen, den Kindern tödliche Medikamente zu spritzen. Die 17 weiteren Ärztinnen und Ärzte des Kinderkrankenhauses kamen den Anweisungen von Bayer nach.
Liesel Deidesheimer war von März bis Dezember 1940 wegen Krankheit beurlaubt und wurde 1941 bis 1942 als Leiterin der „Heilanstalt für lungenkranke Arbeitsmaiden“ in Aussig an der Elbe in Nordböhmen eingesetzt. Sie durfte 1943 nach Hamburg zurückkehren, als ihre Tochter schulpflichtig wurde. In der Erinnerung ihrer Tochter war diese Tätigkeit eine Strafversetzung, weil Liesel Deidesheimer sich geweigert hatte, der NSDAP beizutreten. Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg arbeitete Deidesheimer wieder am Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. Dem Historiker Andreas Babel gegenüber erklärte ihre Tochter später auch, dass Liesel Deidesheimer dafür gesorgt hatte, dass ein befreundetes jüdisches Ehepaar mit ihrem Sohn Deutschland verlassen konnte und so den Holocaust überlebte.
Nachdem sie 1943 ausgebombt worden war, lebte sie in der Uhlandstraße und von September 1944 bis Dezember 1945 arbeitete sie in einer Außenstelle des Kinderkrankenhauses in Wohldorf und dem Pestalozziheim Ohlstedt. Dorthin waren die kranken Kinder nach der Zerstörung des Krankenhausgebäudes durch „Operation Gomorrha“ im Juli 1943 verlegt worden war.
Als Kinderärztin war Liesel Deidesheimer auch nach dem Krieg tätig. Von ihr ist als einzige der ehemaligen Ärztinnen und Ärzte des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort bekannt, dass sie auch nach dem Krieg behinderte Kinder behandelt hat. Zudem engagierte sie sich für soziale Außenseiter. Sie besuchte die Familien, die in den sogenannten „Nissenhütten“ lebten und versorgte die Kinder, oft auch die Familienangehörigen, wenn auch diese krank waren. Wurden später von ihren Patienten einige straffällig, besuchte sie diese in der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel und betreute sie dort. Dort lernte sie auch ihren späteren Chauffeur kennen, der sie nach seiner Haftentlassung zu Hausbesuchen fuhr, als sie selbst nicht mehr fahren konnte. Bis ins hohe Alter hatte sie in ihrer Privatwohnung ein Untersuchungszimmer eingerichtet. Dort empfing sie ihre Patienten, die oft mit Naturalien für ihre Leistung bezahlten. In ihren letzten Lebensjahren kümmerten sich dann die Mütter ehemaliger Patientinnen und Patienten um sie. Liesel Deidesheimer war im Alter verarmt, sie hatte zu wenig für ihre Altersversorgung getan.
Liesel Deidesheimer wurde an der Neubertstraße 32, ihrer ehemaligen Wohnanschrift, ein Frauenort eingerichtet.
Im Garten der Frauen auf dem Friedhof Ohlsdorf wurde für sie ein Erinnerungsmedaillon an der Erinnerungssäule angebracht.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Deidesheimer, Liesel |
| ALTERNATIVNAMEN | Deidesheimer, Anna Margarete Marie (vollständiger Name); Hanssen, Liesel (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Kinderärztin |
| GEBURTSDATUM | 14. November 1905 |
| GEBURTSORT | Neumünster |
| STERBEDATUM | 25. April 1993 |
| STERBEORT | Hamburg |