Lilac Angels

Die Lilac Angels waren eine deutsche Rockband aus Düsseldorf, die von 1973 bis 1979 zwei Langspielplatten veröffentlichte. Ihr Debütalbum produzierte Klaus Dinger von Neu!, es erschien auf seinem Label Dinger-Land.

Geschichte

Gründung und erste LP

Der Psychologie- und Medizinstudent Joachim „Joe“ Stick gründete die Band, nachdem er sich über ein schlechtes Konzert der Gruppe Caravan geärgert hatte. Er wollte es mit einer eigenen Gruppe besser machen und suchte über das Schwarze Brett der Universität nach Mitmusikern. Nach mehreren Wechseln bestand die Band aus Stick (Keyboard, Gesang), Horst „Horrex“ Lütge (Gitarre), Martin „Nappes“ Napiersky (Schlagzeug) und Detlef Krause alias Det Silverstein (Bass). Die englisch klingenden Künstlernamen gehörten zum Konzept, mit dem die Band den Anschluss an den internationalen Rockmarkt suchte.

Anfang 1973 war die Gruppe nach einem Bericht der Zeitschrift Sounds noch eine von vielen Düsseldorfer Lokalbands, die vor allem Stücke spielte, die sie selbst für „progressiv“ hielt. Klaus Dinger, damals bereits als Mitglied von Neu! bekannt, gefielen dagegen die Blues- und Rock’n’Roll-Nummern, die die Band als Aufwärmer spielte und bei denen das Publikum regelmäßig mitging. Er überzeugte die Musiker, sich ganz auf diesen Stil zu verlegen. Zum neuen Konzept gehörte auch einheitliche lilafarbene Bühnenkleidung. Im Frühjahr 1973 nahm die Band unter Dingers Regie in den Hamburger Windrose-Studios mit Conny Plank ihr erstes Album auf. Statt der geplanten drei Wochen dauerten die Aufnahmen fast sechs. Die Produktion kostete rund 12.000 DM und wurde von der Band selbst bezahlt. Für den Vertrieb fand sich zunächst keine Plattenfirma. Nach Angaben des Fachblatts scheiterten alle Verhandlungen an Dingers Forderungen. Die Band ließ die Platten deshalb auf eigene Kosten pressen. Erst als die LP mit dem Aufdruck „Dinger-Land presents“ im Handel war, zeigten die Plattenfirmen Interesse, und Phonogram übernahm im Herbst 1973 den Vertrieb. Der Titel I’m Not Afraid to Say „Yes“! ging auf ein Zitat von Marilyn Monroe zurück.

Die Haltung der Band beschrieb Stick 1973 so: „Wir spielen fürs Volk und nicht für die Musiker. Diese Avantgardisten vom Schlage Zappas spielen doch recht oft am Publikum vorbei.“ Die Band habe sich „ganz bewußt für die Kommerzialität entschieden“. Trotz dieses Anspruchs blieb die LP wirtschaftlich erfolglos. Jörg Gülden führte das 1978 nicht auf die Musik zurück, sondern auf den „Superstar-Trip einiger Beteiligter“, allen voran Klaus Dinger.

Dinger-Land und Neubesetzung

Am 11. Oktober 1974 traten die Lilac Angels in der ARD-Sendung Musikreport auf. Kurz zuvor, am 14. September 1974, hatten Dinger und Stick ihr gemeinsames Label Dinger-Land mit einem Freikonzert auf der Naturbühne „Blauer See“ bei Ratingen öffentlich vorgestellt. Vor über 2000 Zuschauern eröffneten die Lilac Angels mit ihrem Rock’n’Roll-Programm, danach spielten Fritz Müller, Neu! und La Düsseldorf. Die Band löste sich bald darauf auf. Stick arbeitete noch eine Weile mit Dinger zusammen, um die Künstler des Labels bekannt zu machen, schied aber mit Schulden aus. Mit Dinger verkehrte er danach nach Sounds „fast ausschließlich per Rechtsanwalt“. Ein eigenes Plattenlabel, das Stick 1977 gründen wollte, scheiterte ebenfalls.

Ab Herbst 1976 spielten die Lilac Angels in neuer Besetzung. Neben Stick, der nun Gitarre spielte und sang, und Napiersky aus der ersten Formation gehörten ihr Gitarrist Bodo Staiger und Bassist Peter Wollek an. Beide hatten zuvor in der Jazzrock-Band Sinus gespielt, zu der auch das spätere Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos gehörte. Staiger hatte vorher außerdem in Harakiri Whoom gespielt, der Band von Marius Müller-Westernhagen.

Zweite LP und Auflösung

Im August 1977 nahm die Band, erneut auf eigene Rechnung, in Conny Planks Studio ihre zweite LP auf. Erst im Sommer 1978 schloss sie einen Vertrag mit der EMI, die Hard to Be Free im September 1978 auf Harvest veröffentlichte. Musikalisch hatte sich die Band dem „echten und urigen Hard Rock“ verschrieben. Stick sagte dazu, er wolle „nicht die Zeit damit verplempern, etwas Neues zu erfinden“. Bei der ausgekoppelten Single, die als Doppel-A-Seite geplant war, presste die EMI irrtümlich das von ihr bevorzugte Stück Rock’n’Roll Lady auf beide Seiten. Am 9. September 1978 war die Band in der ZDF-Sendung Rockpop zu sehen.

Bekannter wurden die Lilac Angels erst 1979 durch weitere Auftritte im Fernsehen, unter anderem im Rockpalast, und im Rundfunk. Die LP verkaufte sich jedoch erneut schlecht, und innerhalb der Band kam es zu Spannungen. Stick sang, spielte Rhythmusgitarre und schrieb sämtliche Stücke. Staiger wollte ebenfalls komponieren, kam aber nicht zum Zug, Napiersky störte sich an Sticks Führungsanspruch. Nach dem letzten gemeinsamen Konzert am 24. November 1979 in Karlsruhe trennten sich Napiersky und Staiger von Stick und Wollek. Napiersky wollte mit den Düsseldorfern Jürgen Klein und Rainer Möller unter dem Namen „Rodeo“ Country-Rock machen, Staiger nahm bei Conny Plank ein Soloalbum auf. Stick und Wollek wollten es als Lilac Angels „noch mal versuchen“. Staiger veröffentlichte 1980 unter dem Namen Rheingold sein erstes Album.

Rezeption

Laut einem Sounds-Bericht kaufte Iggy Pop während seines Aufenthalts in Berlin 1976 neben Alben von Kraftwerk, Neu!, Cluster und Tangerine Dream auch die der Lilac Angels.

The Gonz lobte Hard to Be Free in Sounds: Die vier Musiker seien „nicht die geringsten Kompromisse eingegangen“ und hätten „ein Plättchen hingekriegt, das in jeder Rille nur Rock’n’Roll pur enthält“. Stick, der gelegentlich wie Mick Jagger klinge, habe bis auf Bob Dylans Queen Jane alle Stücke selbst geschrieben und dabei Eigenständiges geschaffen statt Chuck-Berry-Riffs zu kopieren. Jörg Gülden schrieb, der Band fehle „absurderweise nur das richtige Publikum“. Bei zwei Konzerten, die er besucht hatte, hätten Modepublikum beziehungsweise Punks und Mofa-Rocker keine Rock’n’Roll-Stimmung aufkommen lassen. Bei der Leserwahl der Zeitschrift für 1978 kamen die Lilac Angels in der nationalen Kategorie Newcomer hinter der Nina Hagen Band auf Platz 2.

Das von Tibor Kneif herausgegebene Sachbuch Rock in den 70ern (1980) zählte die Lilac Angels neben Lucifer’s Friend zu den „erfolgsträchtigen und ausgereiften Vertretern der harten Rockrichtung“ in Deutschland. Sticks Ausspruch über das Verplempern von Zeit fasse „kurz und prägnant die musikalische Grundhaltung vieler Hardrocker“ zusammen. Die britische International Encyclopedia of Hard Rock and Heavy Metal urteilte dagegen, die Band spiele Heavy Rock, „but a little too fast and punky“. Sie habe einen guten Gitarrensound, ihre LP sei aber „a non-event“.

Diskografie

Literatur

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Günter Ehnert: Rock in Deutschland. Aktualisierte und erweiterte Auflage. Taurus Press, Hamburg 1979, ISBN 3-9800079-6-0, S. 148–149.
  2. 1 2 3 4 5 Jörg Gülden: Lilac Angels. In: Sounds. Nr. 12, Dezember 1973, S. 38 (Rubrik „Deutsche Gruppen“).
  3. 1 2 3 4 5 6 Jörg Gülden: Lilac Angels. Düsseldorf, wie es rockt und rollt. In: Sounds. Nr. 12, Dezember 1978, S. 20–21.
  4. ↑ Nachrichten. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 10, Oktober 1973, S. 4.
  5. ↑ Einstündige Fernsehshow mit deutschen Gruppen. In: Riebe’s Fachblatt. Nr. 11, November 1974, S. 5.
  6. ↑ Dinger-Land News. In: Sounds. Nr. 11, November 1974, S. 10.
  7. ↑ News. In: Sounds. Nr. 8, August 1978, S. 9.
  8. ↑ News. In: Sounds. Nr. 9, September 1978, S. 7.
  9. ↑ Lilac split. In: Sounds. Nr. 1, Januar 1980, S. 8.
  10. ↑ Peter Glaser: Rheingold. In: Sounds. Nr. 1, Januar 1981, S. 61.
  11. ↑ Harald Inhülsen: Iggy Pop: Der einsamste Mann unter der Sonne. In: Sounds. Nr. 5, Mai 1977, S. 26.
  12. ↑ The Gonz: Lilac Angels: Hard to Be Free. In: Sounds. Nr. 11, November 1978, S. 74.
  13. ↑ SOUNDS Pop-Poll ’78. Ergebnisse national. In: Sounds. Nr. 3, März 1979, S. 9.
  14. ↑ Tibor Kneif (Hrsg.): Rock in den 70ern. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3-499-17385-9, S. 221.
  15. ↑ Tony Jasper, Derek Oliver: The International Encyclopedia of Hard Rock and Heavy Metal. Facts on File, New York 1985, ISBN 0-8160-1133-8, S. 192 (englisch).