
Elise Haas (* 12. Oktober 1898 in Mönchengladbach; † 20. Mai 1989 in Birmingham) war eine deutsche Fotografin und Fotojournalistin. Sie war als kommerzielle Porträtfotografin in Mönchengladbach und Birmingham tätig. Ihre Fotografien bilden bis heute einen wichtigen Bestandteil von Familiengeschichten der Auftraggebenden.
Elise Haas, genannt Lisel Haas wuchs als Tochter des jüdischen Kaufmanns Adolf Haas (* 21. Juni 1866 in Waldniel) und seiner Frau Bertha, geb. Jonas (* 7. Dezember 1867 in Borken, verstorben 1918) in Mönchengladbach auf. Sie war die Cousine des Mönchengladbacher Philosophen und Ehrenbürgers Hans Jonas. Die Eltern führten in Mönchengladbach eine Tuchgroßhandlung in der Hindenburgstraße 144. Zuvor wohnte die Familie in einem Haus in der Kaiserstraße 49, in dem sich seit 1929 auch das erste Atelier von Haas befand. Allerdings war die Familie in der Zeit des Nationalsozialismus gezwungen, dieses Haus zu verkaufen. Über die genauen Umstände ist jedoch nichts bekannt.
Haas arbeitete vorwiegend als Porträtfotografin und Fotojournalistin, insbesondere für das katholische Magazin Weltwarte, in dem sie zahlreiche Aufnahmen veröffentlichte, etwa aus dem Arbeitsalltag sowie Porträts von verschiedenen Personen. Zudem erschienen in den 1930er Jahren Fotodokumentationen von damals noch jüdischen Unternehmen, Beiträge für Das Illustrierte Blatt der Frankfurter Societät sowie für Messeausstellungen. Sie war außerdem als Fotografin für das Stadttheater Mönchengladbach tätig. Eine 1930 entstandene Fotografie zeigt Haas in ihrer Dunkelkammer bei der Entwicklung von Bildern und dokumentiert ihre frühe praktische Tätigkeit als Fotografin. Gemeinsam mit ihrer Freundin, der Fotografin Grete Bermbach (* 13. Dezember 1899; † 1979) betrieb sie in Mönchengladbach ein Fotoatelier in einem von der Familie angemieteten Haus an der Ecke Albertusstraße 37 (damals Ludendorffstraße) zum Adenauerplatz. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Grete Bermbachs Nichte Lore Bermbach erhielt ihre fotografische Ausbildung im Atelier.
Am 18. Oktober 1938 erhielt Haas die Aufforderung, ein Schild mit dem Hinweis „Jüdisches Geschäft“ ins Schaufenster zu stellen. Wenige Tage nach der Reichsprogromnacht schloss sie am 15. November 1938 ihr Atelier in Deutschland. Da ihr Asylantrag von den USA abgelehnt wurde, ging sie zusammen mit ihrem Vater nach Birmingham, wo sie im Dezember 1938 eintraf. Haas zog mit ihrem Vater zunächst zur Familie ihres Bruders Hans Erich, der bis 1933 in Köln wohnte und in Birmingham seit 1936 als Psychoanalytiker und Psychiater arbeitete, weil ihm 1933 in Deutschland die Zulassung entzogen wurde.
Haas‘ nicht-jüdische Freundin Grete Bermbach, die seit 1930 Teilhaberin des Fotoateliers war, wickelte nach der Emigration von Lisel Haas die Atelier-Geschäfte ab und folgte ihr im Januar 1939 nach Birmingham. Auch sie war von den Maßnahmen des NS-Regimes betroffen, kann jedoch keiner eindeutig bestimmten Opfergruppe zugeordnet werden. Nach einem Meldeblatt der Deutschen Botschaft in Birmingham verfügte Haas über Kenntnisse der englischen und französischen Sprache, was ihr den Aufbau einer neuen berufliche Existenz in England erleichterte. Sie arbeitete zunächst für das Arts Council of Great Britain. Ab 1940 war sie als freischaffende Fotografin für das Birmingham Repertory Theatre tätig und dokumentierte nahezu alle Produktionen in einer Zeit, in der dort zahlreiche später bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler auftraten, darunter Albert Finney, Ian Richardson und Derek Jacobi. So prägte Haas visuelle Erinnerung an diese frühe Phase ihrer Karrieren. Zudem fotografierte sie am Crescent Theatre und Alexandra Theatre in Birmingham, am Belgrade Theatre in Coventry sowie am Playhouse in Kidderminster.
Nach Kriegsende eröffneten Haas und Bermbach in ihrem Haus ein Studio für Porträtfotografie in der Grove Avenue 12 in Moseley, einem Vorort von Birmingham. 1962 gab Haas die gemeinsame fotografische Tätigkeit in Birmingham auf und zog sich aus dem aktiven Berufsleben zurück. Sie blieb weiterhin in Birmingham ansässig, wo sie 1989 verstarb. Haas kehrte nach heutigem Kenntnisstand nur einmal nach Deutschland zurück, um persönliche Gegenstände abzuholen, die während des Krieges von einer nicht-jüdischen deutschen Frau aufbewahrt worden waren. Die Spuren ihrer früheren Lebens- und Arbeitsumgebung waren zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend ausgelöscht. Als ihre Nichte Dorothy Williams später auf der Suche nach dem ehemaligen Familienhaus nach Mönchengladbach reiste, hatte das Gebäude bereits einen neuen Namen und eine neue Hausnummer erhalten, und keinerlei Hinweise auf das frühere Atelier der Familie Haas waren mehr vorhanden. Haas lebte den größten Teil ihres Lebens mit Bermbach zusammen. Bis zu Bermbachs Tod im Jahre 1979 blieben die beiden Frauen eng verbunden.
Ein Teil der von Lisel Haas angefertigten Theaterfotografien befindet sich heute im Bestand des Victoria and Albert Museums in London, wo insgesamt 59 ihrer Aufnahmen archiviert sind.
Neben der Theaterfotografie fertigte Haas Porträts von Einzelpersonen und Familien an. Ein besonderer Schwerpunkt ihres Werks lag auf der Darstellung von Kindern im städtischen Alltag. Nach Haas zeichnete sich Kinderfotografie durch Spontaneität aus. Da sich Mimik und Verhalten von Kindern ständig veränderten, verzichtete sie auf gestellte Aufnahmen. Durch gemeinsames Spielen versuchte sie, eine ungezwungene Atmosphäre zu schaffen und den passenden Moment für eine Aufnahme abzuwarten, um natürliche Gesichtsausdrücke festzuhalten.
Auch in der Porträtfotografie betonte Haas die Bedeutung der Beziehung zwischen Fotografin und porträtierter Person. Nach ihrem Verständnis entstand die Wirkung ihrer Fotografien aus dem gegenseitigen Vertrauen und der Wechselwirkung zwischen beiden, die den Bildern Lebendigkeit verliehen. Durch das Medium der Fotografie versuchte Haas nach eigenen Angaben, wie sie gegenüber einer jüdischen Frauengruppe in Birmingham erklärte, eine „universelle Sprache“ zu schaffen, die Erinnerungen an Ereignisse und persönliche Erfahrungen festhalten und zugänglich machen sollte.
Die von Haas angefertigten Familienporträts werden häufig im Zusammenhang mit der Darstellung von traditionellen Familienbildern betrachtet. Dabei zeigt sich, dass ihre Fotografien einerseits gängige Vorstellungen einer bürgerlichen, heteronormativen Mittelklasse-Familie widerspiegeln, andererseits aber durch ihre eigene Lebenssituation außerhalb solcher Familienmodelle geprägt gewesen sein können. Die Mutter stand dabei häufig im Mittelpunkt der Aufnahmen.
Neben Familienporträts fertigte Haas auch Einzelporträts an, überwiegend von Frauen. In diesen Arbeiten löst sie sich teilweise von den in ihren Familienbildern erkennbaren normativen Vorstellungen und betont die selbstständige Unabhängigkeit der Dargestellten, die nicht auf Rollen wie Mutter- oder Tochtersein reduziert ist. Das schlichte Setting im Studio ermöglicht es Haas, die porträtierte Person in den Mittelpunkt zu stellen, ohne sie in einen familiären oder sozialen Kontext einzuordnen.
Shulman vermutet in ihrer im Jahre 2010 an der University of Birmingham veröffentlichten Masterarbeit, dass Haas ihre Tätigkeit als Familienfotografin auch als Ausdruck einer Sehnsucht nach der in Deutschland zurückgelassenen Familie ausübte.
Die Ausstellung würdigt die Lebenswege und das Werk von rund zwei Dutzend Fotografinnen, die nach 1933 vor dem nationalsozialistischen Europa nach Großbritannien flohen. Im Mittelpunkt steht dabei ihr Blick als Emigrantinnen, der Aspekte des britischen Alltags, der Arbeitswelt und gesellschaftlicher Rituale aus einer Außenperspektive festhält. Dadurch eröffneten ihre Fotografien der britischen Öffentlichkeit neue und ungewohnte Sichtweisen auf das eigene Land.
Die Erschließung des Nachlasses von Haas wurde von der Nichtregierungsorganisation Bertz Associates angestoßen, wird durch Fördermittel verschiedener britischer Institutionen unterstützt und erfolgt in Zusammenarbeit mit der Library of Birmingham. Der in der Library of Birmingham verwahrte Nachlass umfasst mehrere hundert Archivkartons. Darunter befinden sich 90 Kartons mit entwickelten Fotografien, 93 Mappen mit Zelluloidnegativen, 45 Kartons mit Glasplattennegativen sowie etwa 30 Kartons mit verschiedenen Dokumenten, darunter Rechnungen, Briefe, Vortragsmanuskripte und weitere Unterlagen. Zur wissenschaftlichen Bearbeitung und vollständigen Katalogisierung der Bestände wurde für den Zeitraum von November 2025 bis September 2026 eigens eine befristete Stelle geschaffen.
In der Lisel Haas Collection des Birmingham City Archives befindet sich darüber hinaus ein weiterer Bestand von rund 70 Kartons mit Fotografien und Dokumenten aus dem Nachlass von Haas, der ebenfalls bislang noch nicht vollständig erschlossen und katalogisiert wurde. Die Katalogisierung des Nachlasses erfolgt im Rahmen des Förderprogramms „Archives Revealed“, das Projekte zur Erschließung unterrepräsentierter Biografien und kultureller Vielfalt unterstützt. Der Nachlass von Haas wird dabei als bedeutendes Zeugnis einer jüdischen Emigrantin und Fotografin des 20. Jahrhunderts eingeordnet.
Im Zuge der jüngeren Wiederentdeckung ihres Werks wurde auch eine in den frühen 1930er-Jahren entstandene Aufnahme eines unbekannten Fotografen veröffentlicht, die Haas mit ihrer Kamera in Paris zeigt. Ihre Werke wurden zudem in Birmingham im Rahmen einer Ausstellung erneut in den Blick der Öffentlichkeit gerückt.
Shulmann ordnet das Werk von Haas der Emigrationsfotografie zu. Im Unterschied zur Exilfotografie, die vor allem politische Verfolgung thematisiert, liegt der Schwerpunkt dabei auf der Bedeutung von Erinnerung und Identität im Leben von Emigrantinnen und Emigranten.
In der neueren Forschung wird Haas als selbstständig arbeitende Berufsfotografin eingeordnet, deren Tätigkeit exemplarisch für weibliche fotografische Berufspraxis im frühen 20. Jahrhundert steht. In einer Vortragsveranstaltung im Schloss Rheydt, zu der die Nichte von Haas, Dorothy Williams aus Birmingham anreiste, wurde erwähnt, dass Haas in England ein neues Leben begonnen, jedoch bis zuletzt eine jüdisch deutsche Zeitschrift bezogen habe.
Annegret von Wietersheim erwähnt Lisel Haas und Grete Bermbach in ihrer Monografie aus dem Jahr 2019 im Zusammenhang mit familiengeschichtlichen Überlieferungen und persönlichen Erinnerungszusammenhängen. Haas‘ Freundin und (Geschäfts-)Partnerin Grete Bermbach war die Cousine ihrer Großmutter. Die Literaturwissenschaftlerin Rita Mielke berichtete im Januar 2026 im Mönchengladbacher Erzählcafé über den Lebensweg von Lisel Haas und Grete Bermbach. In dem Buch "Frauen in Mönchengladbach - historische und zeitgenössische Perspektiven weiblichen Lebens" wurde die Geschichte der beiden Frauen ebenfalls erneut aufgegriffen und veröffentlicht.
Ende Februar 2026 wurden im Rahmen einer stadtweiten Aktion an sechs Orten in Mönchengladbach insgesamt 17 Stolpersteine verlegt. Darunter befanden sich auch die für Lisel Haas, ihren Vater und Grete Bermbach an der Kaiserstraße 49. Eine Quelle datiert die Verlegung des Stolpersteins für Grete Bermbach auf den 27. Februar 2026.
Amy Shulman: Photography, Memory and Identity: The Émigré Photographer Lisel Haas (1898-1989). Hrsg.: University of Birmingham. September 2010.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Haas, Lisel |
| ALTERNATIVNAMEN | Haas, Elise |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Fotografin und Fotojournalistin |
| GEBURTSDATUM | 12. Oktober 1898 |
| GEBURTSORT | Mönchengladbach |
| STERBEDATUM | 20. Mai 1989 |
| STERBEORT | Birmingham |