Lomea war eine Phantominsel an der Nordeinfahrt der Straße von Dover, die östlich von Deal (Kent) gelegen haben soll. Die heutigen Goodwin Sands, eine Abfolge von Sandbänken, gelten als mögliche Überreste der untergegangenen Insel.

Der Historiker George Byng Gattie schreibt unter Berufung auf nicht namentliche genannte, ältere Autoren und mündliche Überlieferungen, dass es angeblich um die Zeitenwende drei Inseln vor der Küste von Kent gab, die den römischen Eroberern Britanniens bekannt waren: „Tanatus“ im Norden, „Rutupiæ“ im Süden und südöstlich der beiden eine weitere Insel, genannt „Infera Insula“. Mit „Tanatus“ dürfte die Isle of Thanet, heute eine Halbinsel, gemeint sein. „Rutupiæ“ ist zweifellos das spätantike Kastell Rutupiae, unweit des römischen Rutupis, des heutigen Richborough. „Infera Insula“ enthält das lateinische Adjektiv inferus mit der Bedeutung von „unten befindlich“, „unter“ oder „unterirdisch“. Frei übersetzt könnte der Name „versunkene Insel“ bedeuten. Der Überlieferung nach soll diese „Infera Insula“ die untergegangene Insel Lomea gewesen sein. Allerdings sind diese drei Inseln, namentlich Lomea, in Julius Caesars Werk De bello Gallico nicht erwähnt, das in Buch 5 den Feldzug nach Britannien beschreibt. Die Tabula Peutingeriana, eine um 1200 n. Chr. angefertigte Kopie einer spätrömischen Straßenkarte, zeigt weder die „Infera Insula“ noch Lomea und auch sonst keine Insel, die nach ihrer Position Lomea entsprechen könnte.
Der britische Altertumsforscher Edwin Guest (* 10. September 1800; † 23. November 1880) hingegen glaubt nicht, dass Goodwin Sands – oder die Insel Lomea – bereits zu Cäsars Zeiten existierten. Es muss daher zweifelhaft bleiben, ob Lomea den römischen Eroberern Britanniens bekannt war.
Eine in Kent weit verbreitete Legende besagt, dass die Familie Godwin (auch Goodwin, Goodwyn) im Besitz einer Insel namens Lomea war. Sie wird als eine niedrige und fruchtbare Insel beschrieben. König Eduard der Bekenner (englisch: Edward the Confessor) soll Lomea an Earl Godwin von Wessex, den Vater von König Harold II., verschenkt haben, doch sie versank in einer Sturmflut. Diese Legende greift der schottische Historiker Hector Boece in seiner 1526 erschienenen Werk Scotorum historiae a prima gentis origine […] (deutsch: Die Geschichte der Schotten von den Anfängen der Nation an) auf, jedoch ohne den Namen Lomea zu erwähnen:
“Nam exundatione germa nici maris multi vici, castella, oppidaque & maximæ syluæ subuerse sunt in Scotia pariter & Anglia. Qua tépestate sedata, agri Godouini, cuius superius métioné fecimus, haud procul a Tamesis fluminis ostiis, arena obruti sunt, quæ & nostra memoria Godouini arenę appellantur, vulgo Goduisandis. Verum quoniā id proprium illi acciderat, in religionē versum est a vulgo: creditum enim ob Alarundum quem veneno sustulerat innocentem, optimúque adolescenté, etiam ad posteros eius vltionem peruenisse diuinam.”
„Durch die Überschwemmung des Meeres wurden in Schottland und England viele Dörfer, Burgen, Städte und große Wälder überflutet. Als sich der Sturm gelegt hatte, waren die Felder Godwins, von dem wir bereits berichteten, unweit der Themsemündung mit Sand bedeckt. Diese Felder sind uns als Godwins Sand bekannt, im Volksmund auch Goduisands genannt. Da ihm dies widerfahren war, wandte er sich dem Glauben zu, denn man glaubte, er habe einen unschuldigen und tugendhaften jungen Mann mit Alraune (?) vergiftet und göttliche Rache habe nun seine Nachkommen getroffen.“
Die Sturmflut, die Boece hier andeutet, ist die große Flut von 1099, die auch in der Angelsächsischen Chronik und weiteren zeitgenössischen Quellen verzeichnet ist.
Einer anderen Legende zufolge befand sich Godwin während eines Feldzuges in den Weald in großer Gefahr, von seinen Feinden überwältigt zu werden. Als er sich versteckte, gelobte er, zu Ehren der Jungfrau Maria einen Kirchturm für die Kirche von Tenterden zu stiften, sollte er je sicher nach Lomea zurückkehren. Godwin entkam, doch vergaß er bald sein Gelübde. Da erfasste der Zorn des Himmels Godwins Besitz und Lomea versank im Meer.
Nach einer anderen Version der Sage war der Abt von Canterbury verantwortlich für den Untergang der Insel. Die Güter der Goodwins waren stets durch einen starken Deich vor den Fluten des Meeres geschützt gewesen. Als Wilhelm der Eroberer diese Ländereien, die einst Harold Godwinson gehört hatten, dem Bistum Canterbury übertrug, vernachlässigten die Geistlichen die Pflege des Schutzwalles und verwendeten die zum Unterhalt vorgesehenen Gelder für den Bau des Kirchturms von Tenterden. Die Folge war, dass die schutzlose Insel in einer Sturmflut unterging.
Weder Lomea noch ein ähnlich klingender Ort sind im Domesday Book, dem Grundbuch von England aus dem 11. Jahrhundert, enthalten.
Soweit bisher bekannt, wurde Lomea erstmals erwähnt in dem Buch De rebus Albionicis (deutsch: Von den Angelegenheiten Albions) von John Twyne (* ca. 1505; † 24. November 1581), einem englischen Schulmeister und Parlamentsmitglied. Das 1590 posthum von seinem Sohn herausgegebene Werk befasst sich mit der frühen britischen Geschichte und ist ein eher auf Tatsachen beruhender Gegenentwurf zu Geoffrey von Monmouths Historia regum Britanniae (deutsch: Geschichte der Könige Britanniens) aus dem 12. Jahrhundert, das weitgehend fiktiv ist und die Legenden um die Sagengestalt des Königs Artus in den Mittelpunkt stellt. Twyne ist der Erste, der eine Beziehung zwischen Lomea und den Goodwin Sands sieht:
“Lomea verò, quae pede aliquandò fuit Godwini Comitis ditio, eius nominis hodiè arenæ vel syrtes dicuntur, valdè sane nautis infames: emersæ quandoque ex æquore, & rursus quolibet aestu maris superflux. His adde tot paludes siccatas: tot locis mare exclusum, sua ipsius induca illuuie: oppida aliquot à mari deserta, id quod Windchilseum olim vento, frigori, & ponto obnoxium, undè ei nomen obuenit, atque hoc antiquius Lenisum Warrennia Comitis oppidum & castellum, cum nonnullis alijs attestantur: adeò ut verè dicere liceat paululum commutatis vocabulis: Iám seges est ubt pontus erat, resecandáq falce. Luxuriat Nerei sanguine pinguis humus.”
„Lomea hingegen, einst Lehensgut der Godwins, wird nach ihnen heute eine Sandbank oder Untiefe genannt, die unter Seeleuten höchst berüchtigt ist. Manchmal taucht sie aus dem Meer auf und versinkt mit jeder Flut wieder. Hinzu kommen so viele trockengelegte Sümpfe, so viele Orte, an denen das Meer durch sein eigenes Sediment ferngehalten wurde. Mehrere Städte sind vom Meer zurückgewichen, wie Windchilseum bezeugt, das einst Wind, Kälte und dem Meer ausgesetzt war, daher der Name, sowie das ältere Lenisum [wahrscheinlich ist Lewes in East Sussex gemeint], Stadt und Burg des Earl of Warrenne, zusammen mit einigen anderen. So kann man mit ein wenig Abwandlung der Worte wahrlich sagen: Nun aber ist das Feld, dort wo einst das Meer lag, bereit, mit der Sichel abgeerntet zu werden. Der fruchtbare Boden ist getränkt von Nereus Blut.“
Im Jahr 1576 erschien das Buch A Perambulation of Kent (deutsch: Ein Spaziergang durch Kent), eine lokalhistorische Abhandlung der englischen Grafschaft Kent, des Richters und Rechtsgelehrten William Lambarde (1536–1601), in dem ein Kapitel die Überschrift „The Goodwine or Godvvine Sandes.“ trägt. Es befasst sich mit den Besitztümern der englischen Adelsfamilie Godwin. Lambarde schreibt – und beruft sich dabei auf Giraldus Cambrensis –, dass es um die Regierungszeit von König Wilhelm Rufus oder zu Beginn der Herrschaft seines Nachfolgers Heinrichs I. zu einer verheerenden Flut gekommen sei, durch die ein großer Teil Flanderns und angrenzender Gebiete überschwemmt und verwüstet wurde:
“Now at the same tyme that this happened in Flaunders the like harme was done in sundry places, bothe of England, and Scotland, also, (as Hector Boethius, the Scottishe hystorographer, moste plainly writeth) affirming, that (amongst other) this place, being sometyme of the possession of the Earle Godwine, was then first violently over whelmed with a light sande, where with it. not onely remayneth covered euer since, but is become withall (Navium gurges, et vorago) a most dreadfull gulfe, and shippe swalower.”
„Zur gleichen Zeit, als dies in Flandern geschah, wurde an verschiedenen Orten sowohl in England als auch in Schottland ähnlicher Schaden angerichtet (wie Hector Boethius, der schottische Historiker, sehr deutlich schreibt), wobei er bekräftigt, dass (unter anderem) dieser Ort, der einst im Besitz des Grafen Godwine war, damals zum ersten Mal gewaltsam von leichtem Sand überschwemmt wurde, wodurch er nicht nur seitdem bedeckt bleibt, sondern zudem (Navium gurges, et vorago) [deutsch: Strudel der Schiffe und Abgrund] zu einem höchst grässlichen Golf und Schiffsverschlinger geworden ist.“
Lambarde erwähnt in der Erstausgabe seines Buches den Namen Lomea nicht. Zwanzig Jahre später, im Jahr 1596, erschien eine Neuausgabe, in der das gleiche Kapitel mit ansonsten unverändertem Inhalt den Titel „The Goodwine or Godvvine Sands: Lomea after Twyne“ trägt. Auch Lambarde war nun von einer Verbindung zwischen den Goodwin Sands und Lomea überzeugt.
Ob es die Insel Lomea einst tatsächlich gegeben hat, ist schwer zu beurteilen. Zwar werden auf den Goodwin Sands und am Strand der nahe gelegenen Sandwich Bay gelegentlich Artefakte – Keramikscherben, Beschläge etc. – gefunden, die aber eher von den zahlreichen Schiffswracks stammen dürften. Die Land-Art-Künstlerin Sara Trillo hat sie in ein Kunstprojekt integriert, doch eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung hat bisher nicht stattgefunden. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Trinity House, die Leuchtfeuerverwaltung für England, Wales und die übrigen britischen Hoheitsgewässer, den Bau eines Leuchtturms auf den Goodwin Sands plante, stellte man bei Probebohrungen fest, dass die Sandbank aus viereinhalb Meter dickem Sand besteht, der auf blauem Ton ruht.
Die Goodwin Sands gehören zu einem sich ständig im Wandel befindlichen System von langgestreckten Sandbänken in der Straße von Dover, die vor England, Flandern, der Picardie und Nord-Pas-de-Calais meist parallel zur Küste verlaufen. Ihre Länge schwankt zwischen 3 und 70 km und ihre Breite zwischen mehreren hundert Metern und 6 Kilometern. Sie sind, abhängig von den Gezeiten, teilweise überflutet, die höchsten können jedoch bis zu 25 Meter hoch sein. Diese Landformen sind äußerst instabil und ändern sich ständig. Es gibt zahllose Beispiele für den Gewinn und Verlust von Land entlang der süd- und südwestlichen Küste Englands. Der Untergang einer solchen Struktur, zum Beispiel in einer Sturmflut, ist daher nicht unwahrscheinlich und könnte zur Bildung der Legende von Lomea beigetragen haben.