Das Loschmidt-Paradoxon (auch Umkehreinwand oder Loschmidt’sches Umkehrparadoxon) bezeichnet einen von dem österreichischen Physiker Josef Loschmidt (1821–1895) formulierten Einwand gegen Ludwig Boltzmanns statistische Erklärung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik. Es thematisiert den scheinbaren Widerspruch zwischen der zeitumkehrsymmetrischen Mikrodynamik der klassischen Mechanik und der gerichteten Zunahme der Entropie in makroskopischen Systemen.
Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich Ludwig Boltzmann (1844–1906) mit der kinetischen Gastheorie. In seinem H-Theorem zeigte er, dass ein aus vielen Teilchen bestehendes System mit überwältigender Wahrscheinlichkeit in Richtung eines Gleichgewichtszustandes mit höherer Entropie evolviert.
Boltzmann war Student von Josef Loschmidt an der Universität Wien. Loschmidt, der sich intensiv mit kinetischer Theorie und Molekülmodellen beschäftigte, brachte 1876 einen zentralen Einwand gegen Boltzmanns Argumentation vor: Da die Bewegungsgleichungen der klassischen Mechanik streng zeitumkehrbar sind, müsste sich auch die Entwicklung der Entropie umkehren lassen, wenn man die Bewegungsrichtungen aller Teilchen invertiert. Es besteht also ein scheinbarer Widerspruch zwischen der zeitumkehrsymmetrischen Mikrodynamik der klassischen Mechanik und der gerichteten Zunahme der Entropie in makroskopischen Systemen.
Das Loschmidt-Paradoxon lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Dadurch entsteht ein Konflikt zwischen mikroskopischer Reversibilität und makroskopischer Irreversibilität.
Das Paradoxon führte zu einer Vertiefung der Grundlagen der statistischen Mechanik. Mehrere Ansätze wurden entwickelt, um den Widerspruch aufzulösen:
Das Loschmidt-Paradoxon wurde zusammen mit dem Zermelo-Paradoxon (Folge des Poincaréschen Wiederkehrsatzes) zu einem zentralen Diskussionspunkt über den Ursprung der Irreversibilität in der Natur.