Lothar Gall

Lothar Gall auf dem Kolloquium des Archivs des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Aumühle, 2014

Lothar Gall (* 3. Dezember 1936 in Lötzen, Ostpreußen; † 20. Juni 2024 in Wiesbaden) war ein deutscher Historiker. Gall, der vor allem für seine Bismarck-Biographie bekannt ist, veröffentlichte außerdem Biographien über die Mannheimer Kaufmannsfamilie Bassermann, den Essener Industriellen Krupp, den Bankier Hermann Josef Abs sowie zuletzt über Walther Rathenau und Wilhelm von Humboldt.

Leben

Das Grab von Lothar Gall auf dem Nordfriedhof (Wiesbaden)

In seinem Geburtsort konnte Gall die Schule kriegsbedingt nur unregelmäßig besuchen; 1944 floh er mit seiner Familie über Bochum und Stuttgart nach München. Sein Vater, Generalleutnant Franz Gall, fiel Ende 1944 in Italien. In Niederbayern im Bayerischen Wald beendete Lothar Gall die vierte Klasse und besuchte anschließend neun Jahre lang das Internat in Salem.

Im Jahre 1956 begann Gall an der Universität München ein Studium der Geschichte, Romanistik und Germanistik. Ursprünglich wollte er, so wie es in seiner Familie Tradition war, Rechtswissenschaften studieren, besuchte jedoch im ersten Semester eine Vorlesung von Franz Schnabel, die sein Interesse für die Geschichtswissenschaften weckte. Ab dem dritten Semester nahm er regelmäßig an dessen Seminar teil und promovierte 1960 bei ihm mit einer Arbeit über den französischen Liberalen Benjamin Constant. Schnabel vermittelte Gall daraufhin ein Stipendium am Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Nach einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft zwischen 1962 und 1965 ging er an die Universität zu Köln, wo er sich bei Theodor Schieder 1967 in Mittelalterlicher und Neuerer Geschichte habilitierte; die Arbeit trug den Titel Der Liberalismus als regierende Partei und behandelte das Großherzogtum Baden in den 1860er Jahren.

Gall wurde 1968 Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen und übernahm vier Jahre später einen Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin. 1972/73 war er für eine Gastprofessur an der Universität Oxford beurlaubt. 1975 wurde er auf einen Lehrstuhl für Neuere Geschichte an die Goethe-Universität Frankfurt am Main berufen, auf dem er bis zu seiner Emeritierung 2005 lehrte.

Gall war von 1975 bis 2015 Herausgeber der Historischen Zeitschrift und Mitglied zahlreicher geschichtswissenschaftlicher Vereinigungen. Ab 1989 war er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und von 1997 bis 2012 stand er der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften vor. Von 1997 bis 2011 war er gleichzeitig auch Kuratoriumsvorsitzender des Historischen Kollegs in München. Der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gehörte er ebenfalls als korrespondierendes Mitglied an. Außerdem war er Mitglied der Vereinigung für Verfassungsgeschichte, Vorsitzender der Frankfurter Historischen Kommission und von 1992 bis 1996 Vorsitzender im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.

Zu Galls Schülern gehören unter anderem Gisela Mettele, Dieter Hein, Ralf Roth, Andreas Schulz und Ralf Zerback.

Verheiratet war Gall mit der Mezzosopranistin und Gesangsprofessorin Claudia Eder. Gall starb im Juni 2024 im Alter von 87 Jahren.

Werke

Zu den Schwerpunkten von Galls Forschungen zählten die Geschichte des europäischen Liberalismus, Nation und Nationalstaat in Europa, die Sozialgeschichte des Bürgertums, die europäische Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die Geschichte des Unternehmers Friedrich Krupp sowie die Wissenskultur und der gesellschaftliche Wandel.

In der Öffentlichkeit hatte sich Gall vor allem den Ruf eines brillanten Experten auf den Gebieten der Bismarck-Forschung und der deutschen Sozial- bzw. Wirtschaftsgeschichte erworben. Sein 1980 erschienenes Werk Bismarck. Der weiße Revolutionär gilt als erste Bismarck-Biographie modernen Zuschnitts, verkaufte sich allein auf Deutsch über 200.000 Mal und wurde in vier Sprachen übersetzt. Das 1987 begonnene, die bürgerlichen Lebensverhältnisse untersuchende Forschungsprogramm „Stadt und Bürgertum im 19. Jahrhundert“ mündete u. a. im Werk Bürgertum in Deutschland (1989). 1998 kuratierte Gall die Jubiläumsausstellung zur Revolution von 1848/49: Aufbruch zur Freiheit. Eine weitere wichtige Veröffentlichung war Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums (2000); außerdem gehörte Gall zu den Herausgebern der Handbuchreihen Oldenbourg Grundriss der Geschichte und Enzyklopädie deutscher Geschichte.

Ehrungen und Auszeichnungen

Schriften (Auswahl)

Herausgeberschaften

Literatur

Commons: Lothar Gall – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. ↑ Helmut Neuhaus: 47 Jahre Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und 15 Jahre ihr Präsident. In: Jahresbericht der Historischen Kommission. Band 2024. Historische Kommission, München 2025, S. 49–61 (Digitalisat: https://www.historischekommission-muenchen.de/fileadmin/user_upload/dateien/jahresberichte/HiKo_Jahresbericht2024_Neuhaus.pdf).
  2. ↑ Hartmut Leppin: Lothar Gall und das Historische Kolleg. In: Jahresbericht der Historischen Kommission 2024. München 2025, S. 63–71 (Digitalisat: https://www.historischekommission-muenchen.de/fileadmin/user_upload/dateien/jahresberichte/HiKo_Jahresbericht2024_Leppin.pdf).
  3. ↑ Andreas Fahrmeir: VHD trauert um seinen ehemaligen Vorsitzenden Lothar Gall, auf historikerverband.de (1. Juli 2024), abgerufen am 4. August 2025.
  4. ↑ Thomas Thiel: Der Mensch in seiner Zeit. Zum Tod des Historikers Lothar Gall. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juni 2024, Nr. 143, S. 13.
  5. ↑ Sven Felix Kellerhoff, Gegenentwürfe zur eher links gewirkten Sozialgeschichte: Der Liberale, der zum großen Biografen des „weißen Revolutionärs“ Bismarck wurde. Ein Nachruf auf den Historiker Lothar Gail, in: DIE WELT vom 24 Juni 2024, S. 16
  6. ↑ Liste der Preisträgerinnen und Preisträger auf der Website des Archivs des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, abgerufen am 13. Dezember 2019.
  7. ↑ Ute Scheub: Die großen deutschen Machos. In: Die Tageszeitung: taz. 15. Juni 1996, ISSN 0931-9085, S. 44 (taz.de [abgerufen am 5. Januar 2022]).
  8. ↑ Hessischer Verdienstorden. Lothar Gall (PDF; 6,2 MB). In: Goethe-Universität Frankfurt am Main: Uni-Report, Bd. 40 (2007), 2, 11. April 2007, S. 18.