Lu Volbehr wurde als Tochter des Großhändlers und Magistraten Johannes Scharrer II. († 1892) in eine alteingesessene Nürnberger Familie geboren; ihr Urgroßvater Johannes Scharrer war zweiter Bürgermeister und Direktor der Ludwigseisenbahn. Sie besuchte Internate in Nürnberg und Stuttgart. Nach Abschluss ihrer Ausbildung heiratete sie 1893 den Kunsthistoriker Theodor Volbehr (1862–1931), der wissenschaftlicher Bibliothekar am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gewesen war. Nach der Heirat übersiedelte sie nach Magdeburg, wo ihr Ehemann das erste städtische Museum einrichtete und 1895 dessen Direktor wurde.
Schriftstellerei
Etwa ab dem Jahr 1900 ist eine Betätigung Volbehrs als Schriftstellerin nachweisbar. Bereits 1895 gewann sie ein Preisausschreiben der Wochenzeitung Das Echo für den „schönsten kurzen Nachruf“ auf Fürstin Johanna von Bismarck. Erste Erfolge konnte Volbehr mit dramatischen Arbeiten verzeichnen; ihr GesellschaftsstückSchwester Fides (1902) wurde am Stadttheater Magdeburg uraufgeführt. Sie verfasste zahlreiche Dramen, Erzählungen und Romane, deren Handlung meist im historischen Nürnberg spielt. Ihre Werke veröffentlichte sie in über ganz Deutschland verstreuten Verlagen. Als ihr Hauptwerk gilt der Roman Die neue Zeit, der 1905 und 1909 in zwei Teilen erschien. Dessen Titel bezieht sich auf die Zeit nach den Befreiungskriegen, in der in Nürnberg unter der Ägide ihres Urgroßvaters ein wirtschaftlicher Aufschwung stattfand, den sie im ersten Teil schildert. Max Geißler nannte Die neue Zeit einen „vaterländische[n] Roman von fruchtbaren Anregungen“.
Volbehr war außerdem beim Bayerischen Roten Kreuz und während des Ersten Weltkriegs beim Nationalen Frauendienst tätig. Mit dem KriegsromanDas Jungmädchenjahr (1916) nimmt sie, so die Germanistin und Erziehungswissenschaftlerin Gisela Wilkending, in einer „auf den Nationalsozialismus vorausweisenden Form“ zur Frage einer Dienstpflicht für Mädchen Stellung. Volbehr imaginiere das Pflichtjahr als „paramilitärische Schule der ‚Disziplin‘ […], als Dienst am ‚Vaterland‘ und als ‚Schule zur Ehe‘“ und vertrete die Ansicht, der Krieg habe die „Realisierung ihres Zukunftsbildes näher gerückt“. Nach Kriegsende und Einführung des Frauenwahlrechts schrieb sie einen Artikel mit dem Titel Frauenwahlpflicht, in dem sie schilderte, welche wichtige Rolle nun den Frauen bei der Gestaltung Deutschlands zukommen werde.
1923 wurde Theodor Volbehr als Direktor des Kaiser-Friedrich-Museums pensioniert, woraufhin das Paar nach München zog. Lu Volbehr war ein aktives Mitglied des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins. Nach dem Tod ihres Mannes kehrte sie 1932 mit den beiden erwachsenen Töchtern nach Nürnberg zurück, wo sie rege am kulturellen Leben teilnahm. Sie war Mitglied des Pegnesischen Blumenordens und blieb bis zu ihrem Tod Schriftstellerin; 1941 erschien mit Kinder der Distelgasse ihr letztes Buch. Es sollte nach Ende des Zweiten Weltkriegs in das Berliner Verzeichnis der auszusondernden Literatur aufgenommen werden.
Tod und Nachkomminnen
Am 2. Januar 1945 wurde Volbehrs Wohnung am Neutorgraben durch einen Bombenangriff zerstört; die unter einer leichten Bronchitis leidende 73-Jährige wurde in das nahegelegene Neustadt an der Aisch evakuiert. Dort starb sie wenige Tage später. Ihr Leichnam wurde in der Scharrer-Gruft auf dem Johannisfriedhof beigesetzt. Seit 1945 ist die Volbehrstraße⊙49.47576911.123264 (zuvor 1933–1945: Dietrich-Eckart-Straße) im Nürnberger Stadtteil Erlenstegen nach ihr benannt.
Aus ihrer Ehe mit Theodor Volbehr gingen die Töchter Lulu (* 1894) und Dorothea (* 23. April 1897 in Magdeburg; † 13. Juni 1966 in Camarillo, Kalifornien) hervor. Dorothea Volbehr, geschiedene Brülloph, war Malerin und betätigte sich in der Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls schriftstellerisch. Sie veröffentlichte in NS-Frauenzeitschriften und verfasste das Heft Nach Südfrankreich verschleppt, welches 1942 in der „direkter Propaganda und Indoktrination“ dienenden Reihe Die Mädelbücherei des NS-treuen Verlags Junge Generation (Berlin) erschien. Später emigrierte sie in die Vereinigten Staaten.
Werke
Consul Stormanns Tochter. Drama in vier Akten. Bloch, Berlin 1900.
Das Fest des Lebens. Schauspiel in drei Akten. Entsch, [Berlin 1900] (Neuauflage: Magdeburg [ca. 1950]).
Stephan Henlein. Roman. 2. Auflage. H. Seemann Nachf., Leipzig [1902] (Erstveröffentlichung laut Max Geißler ebenfalls 1902).
Ihr Gott. Drama in 4 Akten. H. Seemann Nachf., Leipzig 1902.
Schwester Fides. Schauspiel. H. Seemann Nachf., Leipzig [1902] (Digitalisat).
Die Bäuerin von Vorra. Roman einer Frauenehre. Verlag der Frauen-Rundschau, Berlin [1903] (Neuauflage: Hillger, Berlin/Leipzig 1920 – Digitalisat).
Die neue Zeit. Zwei Bände. Teil 1: Sebastian Rottmann. O. Janke, Berlin 1905. Teil 2: Und alles ist Frucht. Seyfert, Dresden 1909 (3. Aufl. 1913; Neuauflage 1934).
Führe uns nicht in Versuchung. Geschichten. H. Seemann Nachf., Leipzig [1902].
Kinder der Distelgasse. Schwabe, Berlin-Schöneberg [1941].
Literatur
Lu (Julie) Volbehr. In: Christoph von Imhoff (Hrsg.): Berühmte Nürnberger aus neun Jahrhunderten. Hofmann, Nürnberg 1984, ISBN 3-87191-088-0 (degruyterbrill.com).
Volbehr, Lu. In: Manfred H. Grieb (Hrsg.): Nürnberger Künstlerlexikon. Bildende Künstler, Kunsthandwerker, Gelehrte, Sammler, Kulturschaffende und Mäzene vom 12. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Band3. Saur, München 2007, ISBN 978-3-598-11763-3, S.1591f.
↑Mitteilungen aus der Stadtchronik. In: Verwaltungs-Bericht des Magistrats der Kgl. bayer. Stadt Nürnberg für das Jahr 1892. Amt für Stadtforschung und Statistik, Nürnberg 1893, S.1f. (digitale-sammlungen.de).
↑Der Fürstin Bismarck. In: General-Anzeiger für Dortmund und die Provinz Westfalen. 8. Jg., Nr.334, 3.Dezember 1895, S.2 (zeitpunkt.nrw): „Ohn’ Rast und Ruh’ / Getreulich folgend hast Du / Eines Jahrhunderts größtem Mann / In stiller Pflicht genug gethan: / Drum bleibt Dein Name der fernsten Zeit / Geweiht!“
↑Max Geißler:Volbehr, Frau Lu. In: Führer durch die Literatur des 20. Jahrhunderts. Alexander Dunker, Weimar 1913, S.674 (archive.org).
↑Gisela Wilkending:Krieg und Geschlecht. Zu Strukturen und Funktionen kaiserzeitlicher Mädchen-Kriegsromane. In: Dies. (Hrsg.): Mädchenliteratur der Kaiserzeit. J.B. Metzler, Stuttgart 2003, ISBN 3-476-01963-2, S.259–303, hier: S. 284, Fn. 92.
↑Lu Volbehr:Frauenwahlpflicht. In: Neu-Deutschlands Frauen. Januar 1919, ZDB-ID546432-8, S.2–6.
↑Maria Makela:The Misogynist Machine. Images of Technology in the Work of Hannah Hoch. In: Katharina von Ankum (Hrsg.): Women in the Metropolis. Gender and Modernity in Weimar Culture. University of California Press, Berkeley 1997, ISBN 0-520-20465-4, S.106–127, hier: S. 114, 126 (Fn. 25).
↑Abteilung für Volksbildung im Magistrat der Stadt Berlin (Hrsg.):Verzeichnis der auszusondernden Literatur. Hrsg. unter beratender Mitarbeit der Kammer der Kunstschaffenden und des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Magistrat von Berlin, Berlin 1946, S.169 (archive.org).
↑Horst-Dieter Beyerstedt:Die Straßennamen des Vereinsgebiets. 9. Folge: Das Dichterviertel III: Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Bürgerverein Nürnberg Jobst-Erlenstegen e.V. (Hrsg.): Mitteilungen. Für dich, für uns, für alle. Heft 1, 2014 (bv-jobst-erlenstegen.de[PDF; 2,6MB]).
12[ohne Titel]. In: Camarillo Star. 15.Juni 1966, S.3: „Mrs. Dorothea B. Volbehr, of 1870 Colonia Camarillo, died Monday morning at a local pital following a brief illness. Born April 23, 1897 in Germany, she is survived by two daughters […]. She was a county resident for three months, coming here from Denver, and was a retired draftsman“
↑Volbehr, Dorothea. In: Manfred H. Grieb (Hrsg.): Nürnberger Künstlerlexikon. Bildende Künstler, Kunsthandwerker, Gelehrte, Sammler, Kulturschaffende und Mäzene vom 12. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Band3. Saur, München 2007, ISBN 978-3-598-11763-3, S.1591: „Volbehr, Dorothea, Malerin, * 23. 4. 1897 Nürnberg, stellte 1946 aus.“
↑Dorothea Volbehr: Tapfere deutsche Frauen. In: Das Deutsche Mädel. Nr. 1–2, 1934, S. 11f.
↑Dorothea Volbehr: Von der Wiedergeburt des Nürnberger Rauschgoldengels. In: NS-Frauen-Warte. Band 3, 1934, S. 365ff.
↑Anke Vogel:Kinder- und Jugendbuchverlage. In: Ernst Fischer, Reinhard Wittmann (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band3: Drittes Reich, Teil 3: Der Buchhandel im deutschsprachigen Exil 1933–1945, Teilband 2. De Gruyter, Berlin/Boston 2023, ISBN 978-3-11-029684-6, S.317–378, hier: S. 342.
↑Dorothea Volbehr: Nach Südfrankreich verschleppt. Junge Generation, Berlin 1942, DNB362971994.
↑Tessy Korber:Technik in der Literatur der früheren Moderne. Deutscher Universitätsverlag, Wiesbaden 1998, ISBN 3-8244-4287-6, S.45, Fn. 187.