Lyncar

Lyncar war ein britischer Rennwagenhersteller, der in den 1970er- und 1980er-Jahren tätig war. Die Autos von Lyncar waren vor allem in der Britischen Formel-1-Atlantic-Meisterschaft erfolgreich; ein einzelnes Modell wurde auch in verschiedenen Formel-1-Wettbewerben eingesetzt. Später entwickelte Lyncar Rennsportwagen und war als Dienstleister für andere Unternehmen tätig.

Unternehmensgeschichte

Lyncar wurde 1971 von dem Ingenieur Martin Slater (1936–2021) gegründet.

Slater war seit den 1960er-Jahren als Rennwagenkonstrukteur tätig. Er arbeitete zunächst für Brabham, Lola und March. Von 1963 bis 1966 fuhr er Rennen in britischen Formel-Junior- und Formel-3-Meisterschaften. Zeitweise setzte er dabei ein selbst konstruiertes Auto mit der Bezeichnung Cheetah Mk. 1 ein, später fuhr er einen Brabham BT15.

1971 machte sich Slater mit seinem Betrieb Lyncar selbständig, einer Quelle zufolge mit Unterstützung von Graham Coaker, einem der Gründer von March Engineering. Lyncar hatte seinen Sitz in Slough, einer Kleinstadt westlich von London. Die Unternehmensbezeichnung ist eine Zusammensetzung der ersten Silben der Vornamen von Slaters Ehefrau Lynda und der gemeinsamen Tochter Carol.

Bis 1977 konstruierte und baute Lyncar einige erfolgreiche Formel-Atlantic-Autos auf Bestellung und leitete von diesen Konstruktionen auch ein Formel-1-Fahrzeug ab; letzteres blieb allerdings hinter den Erwartungen zurück. In den 1980er-Jahren konstruierte Lyncar einen Sportwagenprototyp für Langstreckenrennen, den das Unternehmen werksseitig in der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1984 einsetzte. Daneben waren Slater und sein Betrieb als Dienstleister für viele andere Unternehmen tätig.

Seit den 1990er-Jahren sind keine Aktivitäten von Lyncar mehr belegt.

Wettbewerbsfahrzeuge von Lyncar

Lyncar baute sieben Monopostos und mindestens einen Sportprototyp.

Einer der wichtigsten Kunden war der neuseeländische Motorentechniker John Nicholson, der 1972 zusammen mit dem Rennstall McLaren den Zulieferbetrieb Nicholson McLaren gegründet hatte, mit dem er sich zunächst exklusiv um das Tuning von Cosworth-DFV-Motoren für McLaren kümmerte. Nicholson war Hobbyrennfahrer. Nachdem er 1971 zunächst einen umgebauten March 702 gefahren war, meldete er ab 1972 regelmäßig Rennwagen von Lyncar, weil sie günstiger zu bekommen waren als neue oder gebrauchte Autos etablierter Hersteller wie Lola oder March. Er setzte die Lyncar-Fahrzeuge regelmäßig über seinen eigenen Rennstall ein, den er unter Rückgriff auf den Namen seines Hauptsponsors ab 1973 als Pinch Plant Ltd. meldete.

Formel-Atlantic-Autos

Lyncar baute von 1971 bis 1976 insgesamt fünf Formel-1-Atlantic-Rennwagen (001, 002, 003, 005 und 007). Die Autos waren technisch weitgehend baugleiche Monopostos und wurden von unterschiedlich stark getunten, 1,6 Liter großen Cosworth-Vierzylindermotoren der BD-Reihe angetrieben.

Die Lyncar-Modelle 002, 003 und 005 waren jeweils Auftragsarbeiten für John Nicholson, der die Autos von 1972 bis 1974 mit seinem Team Pinch Plant Ltd. in der Britischen Formel-Atlantic-Meisterschaft an den Start brachte. 1973 und 1974 gewann er mit den Autos jeweils die Meisterschaften. Der Lyncar 005 ging später an Kevin Bowditch, der ihn dreimal in der Shellsport International Series 1977 einsetzte. In welchem Umfang der 1976 gebaute Lyncar 007 Renneinsätze hatte, ist unklar.

Formel-1-Fahrzeug

Lyncar 006 in der Lackierung von 1977

1974 leitete Lyncar von dem Formel-Atlantic-Auto 005 eine Formel-1-Variante ab, die die Bezeichnung Lyncar 006 erhielt und als „gewöhnlich“ bzw. „unkompliziert“ beschrieben wird. Die Aufhängung und das aus Aluminiumblechen zusammengesetzte Monocoque entsprachen dem 005; Antriebsquelle war ein Cosworth-DFV-Motor mit 3,0 Liter Hubraum. Nicholson meldete den Lyncar 006 für das Team Pinch (Plant) Ltd. in den Jahren 1974 und 1975 zu sechs Formel-1-Rennen in Großbritannien. Überwiegend waren es Rennen ohne Weltmeisterschaftsstatus, und zwar das Race of Champions in Brands Hatch und die BRDC International Trophy in Silverstone, zu denen Nicholson in beiden Jahren antrat. Daneben meldete er sich mit dem Lyncar 1974 und 1975 auch zu den Großen Preisen von Großbritannien, die Weltmeisterschaftsläufe waren. Bei der 1974er Auflage verpasste Nicholson mit dem Lyncar 006 die Qualifikation, während er sich mit dem gleichen Auto für den Großen Preis von Großbritannien 1975 für den letzten Startplatz qualifizierte. Im Rennen fiel er in der 52. Runde nach einem Unfall aus, wurde aber unter Berücksichtigung der zurückgelegten Distanz als 17. gewertet, nachdem das Rennen wegen Starkregens verkürzt worden war. Das war der einzige Formel-1-Weltmeisterschaftslauf, an dem Nicholson teilnahm.

1976 übernahm der spanische Rennfahrer Emilio de Villota den Lyncar 006. Er meldete das Auto mit finanzieller Unterstützung der spanischen Fluglinie Iberia in den Jahren 1976 und 1977 zu 14 Rennen der Shellsport International Series, einer Serie von Formula-Libre-Rennen, die auf britischen Strecken abgehalten wurden. De Villota gewann mit dem Auto im März 1977 das Auftaktrennen der Saison in Mallory Park. Später in der Saison tauschte de Villota den Lyncar gegen einen McLaren M23 aus.

Rennsportwagen

Für den griechischen Rennfahrer Costas Los baute Lyncar 1984 den Sportwagenprototyp Lyncar MS83, der anfänglich von einem 2,0 Liter großen Hart-Motor und in späteren Versionen von einem Cosworth-DFL-Motor angetrieben wurde. Nach seinem Debüt Ende 1983 meldete Lyncar Motorsport Ltd. das Auto zu mehreren Rennen der Sportwagen-Weltmeisterschaft 1984. Fahrer waren neben Los zumeist Les Blackburn und Allen Berg. Für die Saison 1985 nahm Lyncar einige Änderungen an dem Auto vor; nachdem erste Testfahrten allerdings erfolglos verlaufen waren, gab Los das MS83-Projekt auf.

Lyncar war außerdem an der Entwicklung des Gruppe-C-Rennwagens Ceekar 83J-1 beteiligt, der Mitte der 1980er-Jahre von Ark Racing in der Sportwagen-Weltmeisterschaft eingesetzt wurde.

Lyncar als Dienstleister

Lyncar Bentley T-Type Special

Bentley T-Type Special

In den frühen 1970er-Jahren war Lyncar am Bau eines Bentley T-Type Special (auch: SSSC-2) beteiligt. Das Auto ist ein Frontmotor-Monoposto mit dem Fahrwerk und der Antriebstechnik des Bentley T1. Initiator des Projekts war der Unternehmer und Hobbyrennfahrer Barrington „Barry“ Eastick, der 1970 eines von zwei T2-Chassis erworben hatte, die Rolls-Royce als Ausstellungsstücke anlässlich der Einführung der Zwillingsmodelle Rolls-Royce Silver Shadow und Bentley T gebaut hatte. Eastick wollte auf dieser Grundlage einen renntauglichen offenen Zweisitzer für Clubrennen bauen lassen. Lyncar konstruierte für dieses Fahrzeug das Chassis, wobei die vorderen und hinteren Hilfsrahmen des Bentley unverändert übernommen und durch einen neu konstruierten Space Frame miteinander verbunden wurden. Die Karosserie gestaltete und baute Maurice Gomm. Das Auto nahm ab 1976 unter Eastick an einigen Clubrennen teil. Es existiert noch.

Chamberlain Searcher 1

Lyncar war in den 1980er-Jahren am Bau des straßentauglichen Supersportwagens Chamberlain Searcher 1 beteiligt. Das Projekt ging auf den 2,16 m großen US-amerikanischen Basketballspieler Wilt Chamberlain zurück, der bei Peter Bohanna ein individuelles, auf seine Körpergröße angepasstes Auto in Auftrag gab. Bohanna entwickelte das Gesamtkonzept und gestaltete die Karosserie, während Lyncar das Aluminiummonocoque konstruierte und den Wagen in Handarbeit aufbaute. Einer Quelle zufolge war die Monocoquearchitektur von dem 1983 fertiggestellten Rennsportwagen M83 beeinflusst. Die Karosserie nahm einige Designelemente des späteren Jaguar XJ220 vorweg. Die Motorisierung kam von General Motors. Das Auto wurde 1986 fertiggestellt und in Kalifornien zugelassen. Chamberlain fuhr nur etwa 400 Meilen mit dem Auto, bevor er es einlagern ließ. Lyncar versuchte in der Folgezeit, ein dem Searcher 1 entsprechendes Bausatzfahrzeug auf den Markt zu bringen; in der Fachliteratur wird allerdings bezweifelt, dass auch nur ein Bausatz verkauft wurde.

Literatur

Commons: Lyncar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. ↑ Der Lyncar 004 wurde für Bergrennen gebaut. Vgl. David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945, Stuttgart 1993, ISBN 3-613-01477-7, S. 155.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Kurzbiografie zu Martin Slater auf oldracingcars.com (abgerufen am 26. September 2026).
  2. 1 2 David Hodges: Rennwagen von A–Z nach 1945, Stuttgart 1993, ISBN 3-613-01477-7, S. 155.
  3. ↑ Übersicht über die Renneinsätze Martin Slaters auf racingyears.com (abgerufen am 26. September 2026).
  4. 1 2 Geschichte der Formel-1-Atlantic-Autos von Lyncar auf oldracingcars.com (abgerufen am 26. September 2026).
  5. ↑ Geschichte des Unternehmens auf nicholsonmclaren.com (abgerufen am 27. September 2026).
  6. ↑ My Only Grand Prix: Motorsport Magazine, Heft 8/2004, S. 31 f.
  7. ↑ Statistik der Britischen Formel-Atlantic-Meisterschaft 1973 auf oldracingcars.com (abgerufen am 26. September 2026).
  8. ↑ Statistik der Britischen Formel-Atlantic-Meisterschaft 1974 auf oldracingcars.com (abgerufen am 26. September 2026).
  9. 1 2 Doug Nye: Das große Buch der Formel-1-Rennwagen. Die Dreiliterformel ab 1966. Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln 1986, ISBN 3-481-29851-X, S. 203.
  10. ↑ Statistik des Race of Champions 1974 auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  11. ↑ Statistik des Race of Champions 1975 auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  12. ↑ Statistik der International Trophy 1974 auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  13. ↑ Statistik der International Trophy 1975 auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  14. ↑ Statistiken des Großen Preises von Großbritannien 1974 auf motorsport-total.com (abgerufen am 27. September 2026).
  15. ↑ Statistiken des Großen Preises von Großbritannien 1975 auf motorsport-total.com (abgerufen am 27. September 2026).
  16. ↑ Statistiken der Rennen zur Shellsport International Series 1976 auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  17. ↑ Statistiken der Rennen zur Shellsport International Series 1977 auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  18. ↑ Statistik des Shellsport-Rennens vom 13. März 1977 in Mallory Park auf oldracingcars.com (abgerufen am 27. September 2026).
  19. ↑ Steve Hole: The story of Lyncar – including Wilt ‘The Stilt’ Chamberlain’s ‘Searcher 1’ project. www.totalkitcar.com, 25. August 2022, abgerufen am 27. September 2026.
  20. ↑ Paul Hardiman: Unique Bentley T-type Special: Crewe cut. www.classicandsportscar.com, 15. Juli 2022, abgerufen am 27. September 2026.
  21. ↑ Ben Branch: For Sale: The 1986 Searcher 1 – A One-Off Supercar Built For Wilt Chamberlain. www.classicandsportscar.com, 31. Oktober 2025, abgerufen am 27. September 2026.
  22. ↑ Steve Hole: A–Z of Kit Cars. The definite encyclopaedia of the UK's kit car industry since 1949, Haynes Publishing, Sparkford 2012, ISBN 978-1-84425-677-8.