Madeleine Akrich

Madeleine Akrich (* 1959) ist eine französische Soziologin, die als Forschungsleiterin an der École nationale supérieure des Mines de Paris die Wechselwirkungen zwischen Technik, Nutzern und Gesellschaft erforscht. Bekannt wurde sie durch ihre Beiträge zur Soziologie der Technik und zur Akteur-Netzwerk-Theorie, in denen sie technische Artefakte als „Skripte“ versteht, die soziale Beziehungen prägen. 2016 wurde sie dafür mit der Silbermedaille des CNRS ausgezeichnet.

Leben

Akrich ist seit 1983 Mitglied des Centre de sociologie de l’innovation (CSI) an der École des Mines in Paris. Von 2003 bis 2013 leitete sie dieses Forschungszentrum. Sie wirkt als Forschungsleiterin am Institut interdisciplinaire de l’innovation (I3) der Mines ParisTech. 2016 erhielt sie für ihre Forschungen zur Soziologie der Technik die Médaille d’argent des Centre national de la recherche scientifique.

Wirken

Zentraler Gegenstand der Arbeit Akrichs ist die Frage, wie Entwickler in technischen Objekten Vorstellungen von künftigen Nutzern einschreiben und so Handlungsspielräume regulieren. In ihrem Aufsatz Comment décrire les objets techniques? beschreibt sie diese materiell verankerten Handlungsvorgaben als „Skripte“, die erst im Gebrauch bestätigt, verschoben oder verworfen werden. „Technische Objekte sind niemals neutral, sie materialisieren gesellschaftliche Normen.“ In einem Interview betonte sie einmal selbstkritisch: „Wir folgen den Akteuren, aber nur in den Grenzen der von uns gewählten Lokalitäten.“

Gemeinsam mit Bruno Latour entwickelte sie ein „Convenient Vocabulary“ für die Analyse von Mensch-Ding-Assemblagen, das Begriffe wie „Actant“, „Delegation“ und „Anti-Programm“ popularisierte. Der Sammelband Sociologie de la traduction machte diese Sichtweise im französischsprachigen Raum bekannt und trug zur Etablierung der Akteur-Netzwerk-Theorie bei. Akrich prägte hierfür den Begriff der „De-scription“, welche die Diskrepanz zwischen Entwurfslogik und Alltagsnutzung von Technik analytisch erfasst. In empirischen Studien zu Fotovoltaikanlagen in Westafrika zeigte sie, wie Elektrifizierungsprojekte lokale Machtverhältnisse neu ordnen und neue Akteursrollen wie etwa die des „Bürgers“ hervorbringen.

Seit den 1990er-Jahren richtet sie ihren Blick zunehmend auf den Gesundheitsbereich und vergleicht etwa mit Bernike Pasveer die hochmedizinisierten Geburtspraktiken in Frankreich mit den stärker hausgeburtsorientierten Verfahren in den Niederlanden. Eine Analyse von mehr als siebzig Geburtsberichten offenbart, wie technologische Arrangements das Körpererleben von Frauen zwischen Schmerz, Objektivierung und Handlungsmacht oszillieren lassen.

Mit Cécile Méadel untersuchte sie Internet-Diskussionslisten, in denen Patienten Erfahrungen austauschen und medizinisches Wissen aneignen. Ihre Studie From Communities of Practice to Epistemic Communities zeigt, wie solche Online-Foren zu aktivistischen Gruppen werden, die wissenschaftlich fundierte Forderungen in gesundheitspolitische Arenen tragen.

Gemeinsam mit Vololona Rabeharisoa koordinierte sie ein europäisches Projekt über den Beitrag von Patientenorganisationen zur Wissensproduktion und -zirkulation, in dem sie das Konzept der „Laienexpertise“ weiter ausarbeitete. Dabei unterscheidet sie zwischen Erfahrungswissen aus dem Alltag mit einer Krankheit und angeeignetem medizinisch-wissenschaftlichem Know-how, die in Patientenverbänden strategisch verbunden werden.

Zuletzt befasste sie sich mit dem Alltag von Menschen mit spät einsetzenden degenerativen Erbkrankheiten, mit Präzisionsonkologie und mit den Kontroversen um Wasserstoff als Energieträger.

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 5 Madeleine Akrich. Abgerufen am 10. August 2025 (amerikanisches Englisch).
  2. 1 2 3 Madeleine Akrich: Comment décrire les objets techniques? In: Techniques et culture. Nr. 9, 1987, S. 49 (hal.science [abgerufen am 10. August 2025]).
  3. 1 2 3 4 5 Madeleine Akrich | CNRS. 1. September 2016, abgerufen am 10. August 2025 (französisch).
  4. ↑ Madeleine Akrich: Bruno Latour, Writer. In: Theory, Culture & Society. Band 41, Nr. 5, 1. September 2024, ISSN 0263-2764, S. 91–95, doi:10.1177/02632764241275545.
  5. ↑ Madeleine Akrich: Vom Objekt zur Interaktion und zurück: eine Diskussion mit Madeleine Akrich, Antoine Hennion und Vololona Rabeharisoa (Centre de Sociologie de l’Innovation, Paris); moderiert durch Lorenza Mondada. In: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung. Band 5, Nr. 2, 2004, S. 239–271 (ssoar.info [abgerufen am 10. August 2025]).
  6. ↑ Madeleine Akrich, Bruno Latour: A Summary of a Convenient Vocabulary for the Semiotics of Human and Nonhuman Assemblies. In: Shaping Technology / Building Society Studies in Sociotecnical Change. The MIT Press, 1992, S. 259 (hal.science [abgerufen am 10. August 2025]).
  7. ↑ Akrich, M., Callon, M., & Latour, B. (2006). Sociologie de la traduction: textes fondateurs. Presses des MINES.
  8. 1 2 Madeleine Akrich: The De-scription of Technical Objects. In: Shaping Technology/Building Society. Studies in Sociotechnical Change. MIT Press, 1992, S. 205 (hal.science [abgerufen am 10. August 2025]).
  9. ↑ Madeleine Akrich, Bernike Pasveer: Embodiment and Disembodiment in Childbirth Narratives. In: Body & Society. Band 10, Nr. 2-3, 1. Juni 2004, ISSN 1357-034X, S. 63–84, doi:10.1177/1357034X04042935.
  10. ↑ Madeleine Akrich: From Communities of Practice to Epistemic Communities: Health Mobilizations on the Internet. In: Sociological Research Online. Band 15, Nr. 2, 1. Mai 2010, ISSN 1360-7804, S. 116–132, doi:10.5153/sro.2152.
  11. ↑ Madeleine Akrich, Vololona Rabeharisoa: L'expertise profane dans les associations de patients, un outil de démocratie sanitaire. In: Santé Publique. Band 24, Nr. 1, 12. April 2012, ISSN 0995-3914, S. 69–74, doi:10.3917/spub.121.0069 (cairn.info [abgerufen am 10. August 2025]).
Personendaten
NAME Akrich, Madeleine
KURZBESCHREIBUNG französische Soziologin
GEBURTSDATUM 1959