
Devadasis (देवदासी, Devi-Mädchen) waren ab dem 10. Jahrhundert indische Tempelprostituierte, Künstlerinnen und Tänzerinnen wie die japanischen Geishas, die bei Gottesdiensten und weltlichen Veranstaltungen auftraten. Sie gehörten einer eigenen Kaste an und waren relativ privilegiert und wohlhabend. Ab dem 14. Jahrhundert, während der muslimischen Herrschaft über Indien, verkam Devadasi zu einem System religiöser Kinderprostitution.
Im Jagannath-Tempel in der indischen Stadt Puri (Orissa) verkörperten Devadasis Jagannathas Ehefrau Lakshmi, die Göttin der Liebe und des Wohlstands. Sie traten im Tempel zwei Mal täglich tanzend und singend auf. Zudem waren sie Konkubinen des Königs und der Priester. Wie verheiratete Frauen verhüllten sie sich mit einem Zipfel ihres Saris und mussten gewöhnliche Prostituierte meiden. Sie waren bewandert in der Kunst der Liebe, der Musik, Tanz und Literatur, und werden zum Teil als hoch gebildet beschrieben. In den altindischen Epen verkörpern sie den Wohlstand, die Raffinesse und die Kultur der blühenden Stadt. Fruchtbarkeit wurde von ihnen nicht erwartet, sie adoptierten stattdessen Mädchen als Nachfolgerinnen.
Verwandt sind die transsexuellen Hijras, die bei der Geburt von Jungen in Häusern singen und tanzen und von denen die meisten homosexuelle Prostituierte sind.
Die religiösen Hintergründe dieser alten Tradition sind heute oft nur noch Nebensache. Anstatt ehrwürdiger Tempeltänzerinnen sind Devadasi meist nur mehr Opfer eines Missbrauchsystems, das Jugendliche zu Prostituierten macht und ihre Eltern zu ihren Zuhältern. Kinder werden schon in jungen Jahren durch ein Ritual in dieses System eingeführt, kehren zu ihren Familien zurück und werden dann, wenn sie alt genug sind, für Geld verkauft. Oft sind sie erst 10 bis 13 Jahre alt. Sie werden einem Mann zugeführt, wodurch ihren Familien ein Einkommen sicher ist. Der Großteil ihrer Kunden sind Lastwagenfahrer, bei denen die HIV-Infektionsrate besonders hoch ist. Das Devadasi-System zieht sich durch Generationen.