Manen

Römischer Grabstein aus Contiomagus. Die Buchstaben DM oben stehen für DIS MANIBUS, „den Manen des …“

Manen, von lateinisch d(i)i manes (m.), sind in der römischen Religion (vor allem zur Kaiserzeit) die Geister der Toten, auch einige Umweltgeister. Diese sind den Römern meistens feindlich gesinnt, da sie die Ahnen ihrer Feinde sind. Sie wurden daher mit verschiedensten Opfern (u. a. Ziegen) und Riten milde gestimmt sowie als di manes, ‚gute Götter‘ (auf Grabinschriften meist als D•M abgekürzt), bezeichnet. Wurden diese Opfer und Riten nicht durchgeführt, so konnten die Manen zu Larvae beziehungsweise Lemures werden, die bedrohlichen Charakter hatten.

Zum Teil wurden die di manes auch mit den di parentes (den verstorbenen Vorfahren) gleichgesetzt, die an ihren Festtagen aus der Unterwelt aufstiegen und angemessene Sühneopfer erwarteten. Dazu zog man zum Lapis manalis, einem Stein, der eine Grube verdeckte, worin das Opfertier deponiert wurde und die Manen besänftigt wurden.

Antike Quellen und Kultpraxis

Die religiösen Vorstellungen und rituellen Praktiken rund um die Manen sind in der römischen Antike sowohl durch literarische als auch durch epigraphische Zeugnisse umfassend dokumentiert. Die römische Totenverehrung war keineswegs nur im privaten Volksglauben verankert, sondern stellte eine grundlegende sakralrechtliche Pflicht dar. Dies geht unter anderem aus Marcus Tullius Ciceros philosophischer Schrift De legibus (2, 9, 22) hervor. Dort zitiert er alte pontifikale Gesetze und erhebt die Ehrung mit dem Gebot „Deorum manium iura sancta sunto“ („Die Rechte der Manengötter sollen heilig sein“) zu einem festen Bestandteil des Sakralrechts.

Die detailliertesten Einblicke in die tatsächliche Kultpraxis liefert jedoch der Dichter Ovid in seinem elegischen Festkalender Fasti. Im zweiten Buch (V. 533–570) beschreibt er das Ahnenfest der Parentalia im Februar und dessen Schlusstag, die Feralia. Zu diesem Anlass suchten Familien die Gräber auf, um den Manen einfache Gaben wie Kränze, Salz, in Wein eingeweichtes Brot und Veilchen darzubringen. Ovid betont die Notwendigkeit dieser Riten mit dem Verweis auf eine mythische Vernachlässigung des Kultes. Diese habe dazu geführt, dass die Toten ihre Gräber verließen und als klagende Geister durch die Stadt wanderten. Im fünften Buch (V. 419–492) widmet er sich zudem den Lemuria Im fünften Buch (V. 419–492) widmet sich Ovid den Lemuria im Mai. Dieses Sühnefest wurde dem Mythos nach von Romulus für den erschlagenen Remus gestiftet. Der Dichter schildert das nächtliche Ritual, bei dem das Familienoberhaupt schwarze Bohnen warf, um die unruhigen Geister (lemures) zu bannen.

Diese Ambivalenz zwischen Ehrfurcht und Furcht spiegelt sich auch in der Etymologie des Begriffs wider, wie der Grammatiker Sextus Pompeius Festus in De verborum significatu darlegt. Demnach leitet sich das Wort vom archaischen Adjektiv manus für „gut“ ab, sodass die Bezeichnung di manes als ein beschwichtigender Euphemismus (Noa-Wort) zu verstehen ist, mit dem die potenziell bedrohlichen chthonischen Mächte gnädig gestimmt werden sollten. Den kulturhistorisch greifbarsten Beweis für die Allgegenwart dieses Glaubens im gesamten Römischen Reich liefert schließlich das monumentale epigraphische Material: Die Epigraphik verzeichnet zehntausende private Grabinschriften, die standardmäßig mit der Weihformel D. M. oder D. M. S. (Dis Manibus Sacrum) eingeleitet werden und die dauerhafte und universelle Übertragung des Individuums in den Schutzbereich der kollektiven Totengötter demonstrieren.

Stele der Licinia Amias mit christlichen Symbolen und D.M.-Inschrift
Die Stele der Licinia Amias (frühes 3. Jh. n. Chr.) kombiniert die heidnische Formel D M mit frühchristlichen Symbolen: dem Fisch (Ichthys) und einem Anker.

Auf römischen Grabsteinen und Altären ist die dem Dativ angehörende Abkürzung D. M. (für Dis Manibus, selten erweitert zu Dis Manibus Sacrum – „Den Totengöttern [geweiht]“) ab dem späten 1. Jahrhundert v. Chr. allgegenwärtig und entwickelte sich in der Kaiserzeit zur absoluten Standardformel. Durch diese rituelle Weihung unterstand der Bestattungsort rechtlich den iura Manium und galt im römischen Recht als unantastbare res religiosa (heilige Sache), was Grabschändung oder den unbefugten Wiederverkauf des Grabplatzes unter Strafe stellte.

In der Spätantike (3. und 4. Jahrhundert n. Chr.) wurde die Abkürzung vereinzelt auch von frühen Christen in den römischen Katakomben übernommen. Während dies teilweise auf die reine Verwendung vorgefertigter Rohlinge aus den Steinmetzwerkstätten zurückzuführen ist, deutet die Forschung darauf hin, dass christliche Epigraphiker der Formel oft einen monotheistischen Sinn verliehen und sie als Deo Magno („Dem großen Gott“) oder Deo Magno Sacrum umdeuteten.

Parallel dazu lässt sich die Übernahme der Formel auch in jüdischen Gemeinden im Raum Rom nachweisen. Trotz der streng monotheistischen Ausrichtung des Judentums wurde die Abkürzung D.M. auf einigen jüdischen Grabinschriften als rein formelle, säkularisierte Konvention der römischen Alltagskultur adaptiert, wobei die ursprüngliche pagane Bedeutung in diesem jüdischen Kontext komplett in den Hintergrund trat.

Einzelnachweise

  1. ↑ Cicero, De legibus 2, 9, 22.
  2. ↑ Ovid, Fasti 2, 533–570.
  3. ↑ Ovid, Fasti 5, 419–492.
  4. ↑ Festus, De verborum significatu s.v. manuos und manum.
  5. ↑ Gaius, Institutiones 2, 4: „Religiosae (sunt) quae Manibus relictae sunt.“ Siehe auch Manes. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIV,1, Stuttgart 1928, Sp. 1051–1058.
  6. ↑ Fulvio Grossi Gondi: Trattato di epigrafia cristiana latina e greca del mondo romano occidentale. Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana, Rom 1920, S. 480. Siehe auch: William Tabbernee: Epigraphy. In: Susan Ashbrook Harvey, David G. Hunter (Hrsg.): The Oxford Handbook of Early Christian Studies. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-927156-6, S. 128.
  7. ↑ Leonard V. Rutgers: The Jews in Late Antique Rome: Evidence of Cultural Interaction in the Roman Empire. Brill, Leiden 1995, ISBN 978-9004102699, S. 269–272.

Literatur

Commons: Manen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Manen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen