Manfred Miersch (* 1961 in West-Berlin) ist ein deutscher bildender Künstler und Klangforscher. Sein Werk reicht von Objekt-, Installations- und Konzeptkunst bis zu klangkünstlerischen Arbeiten. International bekannt wurde er als Wiederentdecker des in der DDR entwickelten Klangerzeugers Subharchord. Miersch lebt und arbeitet in Berlin.
Miersch studierte 1982 bis 1985 Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin, anschließend von 1985 bis 1988 Freie Kunst an der Hochschule der Künste (HdK) Berlin bei Dieter Appelt und von 1988 bis 1992 mit Diplomabschluss Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste (HfBK) Hamburg bei Franz Erhard Walther. An der HdK Berlin war er zugleich als Videotutor tätig. Von 1994 bis 1999 hatte er dort einen Lehrauftrag für Bildhauerei und Malerei. Während des Studiums und in den Jahren danach war Miersch mit Ausstellungsbeteiligungen in Galerien, Kunstvereinen und Museen präsent.
Bereits während seiner künstlerischen Ausbildung war Miersch mit Klangperformances aktiv und als Gitarrist in Punkband-Formationen der Westberliner Szene der 1980er Jahre. In dieser Zeit entstand sein erster Kontakt mit der Geschichte subharmonischer Klänge. Eine frühe Bandaufnahme wurde im Dachgeschoss der damaligen HdK Berlin eingespielt, in jenem Raum, in dem zuvor Oskar Sala jahrelang an seinem Trautonium gearbeitet hatte.
1997 vertiefte Miersch seine Beschäftigung mit elektronischer und elektroakustischer Musik und gründete das Ensemble atelierTheremin. Das Theremin-Spiel erlernte er 1998/2000.
Seit der Jahrtausendwende wurde die Erforschung subharmonischer Klangerzeugung zu einem wichtigen Beschäftigungsfeld für Miersch. Er stieß auf Hinweise zur Existenz des in der DDR entwickelten Subharchord und begab sich auf die Suche nach dem in Vergessenheit geratenen Instrument. Der Tagesspiegel bezeichnete ihn 2005 als „den eigentlichen Entdecker des Gerätes“.
Von 2009 bis 2011 organisierte und kuratierte er mit seinem Label Krautopia eine Veranstaltungsreihe am historischen Ort des Berliner Zodiak Free Arts Lab.
Er ist Mitbegründer der Medienwerkstatt des bbk berlin und dort seit 2012 als Mitarbeiter tätig, mit dem Schwerpunkt analoge Klangsynthese und modulare Synthesizer. 2017 realisierte Miersch die vierteilige Reihe Recalling Utopia: 1967•2017 zur nordamerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre. Gemeinsam mit Frauke Boggasch kuratierte er 2024–2026 die sechsteilige Vortragsreihe „Rumours of Noise“ innerhalb der Media and Music Talks der Medienwerkstatt.
Anlässlich des 70. Geburtstags seines früheren Lehrers Franz Erhard Walther vermittelte Miersch 2009 dessen Ausstellung Skulptur antwortet im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus (9. Mai – 26. Juli 2009) und führte zur Finissage gemeinsam mit Walther eine Werkvorführung von dessen Arbeit Ruf an den Modelleur (1986) vor geladenem Publikum durch. Im Katalog zur Ausstellung erschien ein von Miersch geführtes Interview mit Walther, das 2017 in den internationalen Retrospektiv-Katalog Franz Erhard Walther: Dialogues zur Ausstellung im Museo Reina Sofía, Madrid, aufgenommen wurde.
2007 komponierte Miersch im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) ein halbstündiges Stück für ein Planetarium. Er ist Mitglied der „initiative neue musik berlin e.V.“ und war Stipendiat des Deutschen Musikfonds (Stipendienprogramm STIP). 2020 komponierte er die Filmmusik zu Grève ou crève von Jonathan Rescigno, der im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin gezeigt wurde; weitere Filmmusik-Credits verzeichnet die Internet Movie Database unter anderem für The Musician, the Painter, the Designer and the One Who Is Still Searching (2014) und Strike or Die (2020).
Werke und Tonträger von Miersch befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen, darunter im Staatlichen Kupferstichkabinett Berlin, im Documenta Archiv Kassel, in der Kunstsammlung der E.ON Hanse Hamburg, im Neuen Berliner Kunstverein, in der Berlinischen Galerie und im Oberhessischen Museum Gießen.
Mierschs bildkünstlerisches Werk kreist um die Befragung kunstimmanenter Konventionen (etwa der Kategorien Bild, Objekt, Skulptur, Sockel oder Präsentation) und um deren gezielte Verschiebung. Der Kunstkritiker Jens Asthoff beschrieb dieses Vorgehen als eine „produktive Demontage“ ästhetischer Konventionen. Miersch nutze demnach die Regeln des Kunstbetriebs, um sie offenzulegen und in ihrer Bedingtheit sichtbar zu machen.
Frühe Arbeiten wie die Transportable Baustellenumgrenzung (1988) und der Altar für Arbeiter (1988) verbinden Alltagsgegenstände oder -symbole mit den formalen Mitteln der bildenden Kunst. Die Baustellenumgrenzung, im Koffer transportierbar, bewegt sich zwischen skulpturalem Objekt und funktionsfähiger Absperrung. Der Altar für Arbeiter überträgt die Form eines traditionellen Flügelaltars auf das Bild einer Arbeitsweste. Im Bauhaus-Bausatz (1989/90) griff Miersch die Form des Triptychons auf und präsentierte das Werk je nach Ausstellungskontext als verpackten Bausatz oder aufgebaute Rahmenkonstruktion. Diese Variabilität der Darstellung ist für sein Frühwerk charakteristisch. In der Werkgruppe Stücke (1991) verbarg Miersch gerollte Handzeichnungen innerhalb kastenförmiger Bildobjekte und kehrte damit das übliche Verhältnis von Präsentation und Lagerung eines Kunstwerks um.
Für eine Ausstellung des documenta-Archivs Kassel im Rahmenprogramm der documenta IX realisierte Miersch 1992 die Arbeit Variable Struktur (Monument für die 9. Internationale), eine begehbare, gitterartige Konstruktion aus Aluminiumvierkantstäben und Schraubzwingen. Der Kunstkritiker Thomas Wulffen ordnete das Werk in Mierschs übergreifende Beschäftigung mit dem Wechselverhältnis von „Objekt-“ und „Metaebene“ ein, das er als „Metaierung“ bezeichnete. Die Installation transformiert demnach ein von Miersch zuvor entwickeltes Klassifikationssystem für Kunst-Einladungspostkarten in eine räumliche Struktur und macht damit den Ankündigungsapparat des Kunstbetriebs selbst zum Werkgegenstand.
Auch die Werkserie Absolute Objekte (Mengenelemente) (1993/94) aus Gips und Silikon-Kautschuk thematisiert die Marktförmigkeit von Kunst. Miersch versah die Objekte dafür mit in die Arbeiten eingeprägten Verkaufspreisen. Als er die Serie 1997 im Haus am Lützowplatz in Berlin zeigte, ließ er auf dem Titelblatt des begleitenden Katalogs lediglich den Verkaufspreis der Publikation selbst abdrucken. In ihrem Katalogtext deutete die Kunsthistorikerin Barbara Straka die Arbeiten als Entlarvung des Kunstwerks als bloßem Warenwert. Verwandte Fragestellungen verfolgen die Arbeiten Die Zeichnung als Sockel und Sockel für ein Gerätekabel in einem Ausstellungsraum, die den in der Gegenwartskunst gebräuchlichen Sockel als Schnittstelle zwischen Fiktion und praktischer Funktion thematisieren.
Mit dem Projekt Art Cologne '94 wandte sich Miersch dokumentarisch dem Kunstbetrieb selbst zu. In zahlreichen Einzelfotografien hielt er das Selbstpräsentationsverhalten von Galeristinnen und Galeristen auf der Kölner Kunstmesse fest.
Im Kunstverein Braunschweig realisierte Miersch 1999 die Rauminstallation Meditationsraum für eine Ausstellung der fiktiven „Gemeinschaft der Freunde des Wirkenden Lichts“. Die Installation bestand aus drei „Meditationstafeln“ mit zugehörigen Treppenbankvorbauten, dem „Altar [Transluzentes Diptychon]“ sowie einem Filter für das einfallende Tageslicht, das den gesamten Raum in ein rötliches Licht tauchte. Diese Inszenierung verwandelte den „white cube“ des Ausstellungsorts in einen an religiöse Vorbilder angelehnten Kultraum (wie etwa Rudolf Steiners Goetheanum oder Bruno Tauts 1914 realisiertes Glashaus), ohne sich einer bestimmten Konfession zuzuordnen. Miersch thematisierte damit die lebensreformerischen Utopien der 1920er Jahre und deren Hang zum Gesamtkunstwerk. Asthoff liest die Arbeit als Zuspitzung von Mierschs grundsätzlichem Interesse an der Frage nach dem „metaphysischen Bedürfnis“ (Kant) und dessen ästhetischen Vermittlungsformen. Dieser Aspekt findet sich in Ansätzen bereits in älteren Arbeiten wie dem Bauhaus-Bausatz. 2008 zeigte das Oberhessische Museum Gießen die Einzelausstellung gebaut/gezeichnet mit eigenem Katalog.
Mit Beginn der 2000er Jahre verband sich Mierschs Kunstpraxis und Ausstellungstätigkeit zunehmend mit der Klangarbeit. Das Werk Lichtmusik (2013) ist ein digitales interaktives Tagebuch. Durch den Einsatz von RFID-Technik verknüpft das Buchprojekt Elemente bildender Kunst mit Klangkunst. Beim Blättern werden Seiten aktiviert, die den sieben Wochentagen zugeordnet sind; jede Seite löst einen vordefinierten Farblichtkegel und einen mittels analoger Synthesizertechnik erzeugten Sinuston aus. Die Farb-Ton-Zuordnungen verknüpfen die Wochentag-Farb-Systematik Karlheinz Stockhausens mit Alexander Skrjabins Farb-Ton-Lehre. Die Arbeit ist beiden Komponisten gewidmet und versteht sich zugleich als Hommage an Lightshow-Pioniere der 1960er Jahre wie Glenn McKay, Jerry Abrams, Joshua White und Conrad Schnitzler. Das RFID-Buch entstand in Kooperation der Medienwerkstatt Berlin mit dem Forschungs- und Weiterbildungszentrum für Kultur und Informatik (FKI) der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin als Teil des Projekts BeWITEC, gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE).
2018 war er mit der Installation Kunst ist Kapital beim Fest „20 Jahre Kulturhaus Schöneberg“ in Berlin vertreten; der Titel greift die frühen Preis- und Warenwert-Arbeiten der 1990er Jahre auf. Zudem zeigte er gemeinsam mit Johanna Staniczek die Ausstellung Einfühlung und Konstruktion im Museum Haus Hövener und dem Kunstverein Brilon; zur Eröffnung spielte Miersch eine Improvisation auf einem analogen Modularsynthesizer und einem Theremin. In Brilon zeigte er außerdem die Videoinstallation Kristall im Kosmos (Hommage à Wenzel Hablik) (14:15 Min., ohne Ton), die 2019 bei der Gruppenausstellung Der Schein der Dinge im Projektraum SCOTTY, Berlin, erneut zu sehen war. 2018/19 nahm er an der Ausstellung Kunst in Bewegung. 100 Meisterwerke mit und durch Medien. Ein operationaler Kanon im ZKM – Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe teil.
Bereits zu Beginn seines Kunststudiums trat Miersch mit Klangperformances auf. 1986 realisierte er im Parkhaus der Deutschen Oper Berlin Arie für ein Parkhaus, ein detailliert choreografiertes Konzert für Autos und Automotoren, sowie an der HdK Berlin die Installationsreihe Hertz Kammer Ton für zwei Akteure, die auf akustisch verstärkten Herzschlaggeräuschen basierte.
Miersch versteht sich nicht als Musiker im konventionellen Sinn, sondern als bildender Künstler, der mit Klang arbeitet, und ordnet seine Veröffentlichungen auf Tonträgern in die künstlerische Tradition der „Multiples“ ein.
1997 gründete Miersch atelierTheremin, eine auf Theremin spezialisierte Band in Berlin. Das Theremin-Spiel erlernte er 1998/2000 bei Andre Smirnov, dem Gründer des Moskauer Theremin-Centers am dortigen Staatlichen Konservatorium, und bei Lydia Kavina, einer Großnichte des Instrumentenerfinders Leon Theremin.
Musikalisch bewegt sich atelierTheremin zwischen Krautrock, psychedelischer Musik der 1960er und 1970er Jahre, frühen elektronischen Musikexperimenten sowie Neuer Musik und versteht die eigene Arbeit als experimentelles „Klanglabor“, das sowohl im Studio als auch live improvisiert.
Seit 2001 erscheinen die Veröffentlichungen der Band auf dem eigenen Label Krautopia; seit dem Frühjahr 2006 besteht das Ensemble neben Miersch (analoge Synthesizer und Sequenzer, Theremin) aus Slyder C. Gässler (Gesang) und Arne Paul Neumann (Gitarren). 2007 initiierte atelierTheremin die Reihe „Psychedelic Cinema“ mit Live-Musik zu Klassikern des Undergroundfilms. Am 24. November 2011 spielte die Band zur Vernissage der Berliner Ausstellung Halleluhwah! Hommage à CAN, die Krautopia zum 40-jährigen Jubiläum von Cans Album Tago Mago als Compilation herausgegeben hatte. Dazu trug Miersch sowohl mit atelierTheremin als auch solo unter dem Pseudonym French Mermaids bei, mit einer Coverversion von Cans „Mother Sky“.
Unter dem Titel Klangkonstruktion trat Miersch mehrfach solo mit analogen Modularsynthesizern auf. Den Auftakt bildete eine achtstündige Live-Darbietung elektroakustischer Klänge am 30. August 2008 zur „Langen Nacht der Museen“ im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus. Ausgehend von einer Bemerkung des Filmkunst-Pioniers Hans Richter über die „visuelle Musik“ in Mies van der Rohes Grundrissen sowie von Analogien zwischen Architektur und musikalischen Intervallen (Palladio) suchte Miersch mit „subharmonischen Mixturen“ einen hör- und sehbaren Dialog mit der „Tonart des Gebäudes“. Es folgten Klangkonstruktion 2.0 (18. Juni 2011, Galerie oqbo Berlin, mit Live-Projektion der Klangschwingungen am Oszilloskop) und Klangkonstruktion 4.0 (14. April 2012, Kunstraum Tosterglope), bei der die live konstruierten Klänge von einer Lichtprojektion begleitet wurden. Sein klangkünstlerisches Selbstverständnis formulierte Miersch so: „Mir geht es weniger um Harmonien, Intervalle, Tonarten und um tradierte musikalische Formen, sondern um Akustik, um Frequenzzahlen, Schichtungen, Reihungen und um Klangräume.“
Beim „Future Soundscapes Festival“ im silent green Kulturquartier stellte Miersch am 23. November 2018 in einer Sound Lecture / Performance das Subharchord und das Theremin als SciFi-Musik prägende Instrumente vor. Am 11. Oktober 2019 präsentierte er dort unter dem Titel „New Subharmonic Sounds & Visions“ gemeinsam mit der VJ-Künstlerin Kalma ein neues, auf der Klangerzeugung von Subharchord und Mixturtrautonium basierendes subharmonisches Instrument in einer audiovisuellen Live-Performance. Hajo Wiechers, der unter anderem für Klaus Schulze und für Edgar Froese (Tangerine Dream) Synthesizer gebaut hatte, stellte den für Miersch gebauten Prototyp eines „Var-Q-Lator“ genannten subharmonischen Generators vor.
Neben der klangkünstlerischen Praxis widmet sich Miersch der Recherche zur Geschichte der Avantgarde- und elektronischen Musik und deren Vermittlung mit künstlerischen und kuratorischen Mitteln.
Seit 2003 veröffentlicht Miersch auf seiner Website Krautopia Interviews mit Musikerinnen und Musikern der Krautrock- und Elektronikszene, darunter mit Dieter Bornschlegel (Atlantis, Guru Guru; Oktober 2003) und Michael Wehmeyer (Embryo; November 2005).
Mit seinem Label Krautopia reaktivierte Miersch von 2009 bis 2011 wiederholt einen legendären Ort der Berliner Musikgeschichte, das Zodiak Free Arts Lab. Dieses hatte der Pionier der elektronischen Musik und Intermedia-Künstler Conrad Schnitzler gemeinsam mit Hans-Joachim Roedelius und Boris Schaak im Winter 1967/68 in zwei Räumen unterhalb der damaligen Schaubühne am Halleschen Ufer (heute HAU2) gegründet. Der von 1967 bis Anfang 1969 bestehende Club gilt als Geburtsstätte der „Berliner Schule“ des elektronischen Krautrock, aus der unter anderem Klaus Schulze, Tangerine Dream, Ash Ra Tempel und Cluster hervorgingen.
In den Räumen des heutigen Wirtshauses am Ufer (WAU) veranstaltete Krautopia unter dem Titel „ZODIAC“ mehrere Konzerte und Auftritte von atelierTheremin. Zu den Gastmusikern zählten Wolfgang Seidel (Mitbegründer von Ton Steine Scherben und langjähriger Kollaborateur Schnitzlers) am Schlagzeug, das Krautfolk-Duo Witthüser & Westrupp sowie der langjährige Embryo-Musiker und Dissidenten-Mitbegründer Michael Wehmeyer an der elektronischen Viertelton-Orgel (21. April 2010, mit Vorführung des Filmklassikers Embryo's Reise). Höhepunkt war der „ZODIAC-Day“ am 20. März 2011 mit einer Schallplattenbörse, der Vorführung von Dietmar Buchmanns Kurzfilm Zodiak (1969), einem Live-Auftritt von Mythos (Stephan Kaske) sowie einer Installation großformatiger Fotografien von Detlef Krenz, die den Ort rund 40 Jahre zuvor zeigten.
2017 konzipierte und realisierte Miersch die vierteilige Reihe Recalling Utopia: 1967•2017 im Acker Stadt Palast in Berlin, zur nordamerikanischen Gegenkultur der 1960er Jahre und deren transatlantischer Wirkung auf Musik, Kunst und neue Lebensformen in Deutschland. Jeder der vier Abende nahm mit seinem Datum Bezug auf ein zentrales Ereignis des Jahres 1967 und kombinierte die Vorführung seltenen Filmmaterials mit Live-Musik-Improvisationen sowie Lichtprojektionen: Der erste Termin (14. Januar 2017) erinnerte an das Human Be-In in San Francisco (14. Januar 1967, rund 10.000 Teilnehmer, Auftakt des „Summer of Love“), mit Diaprojektionen von Karen Thastum („Tura ya Moya“); der zweite (15. April 2017) an die „Spring Mobilization to End the War“ (15. April 1967), die bis dahin größte Anti-Vietnamkriegs-Demonstration in New York und San Francisco, mit Diacollagen von Deborah S. Phillips; der dritte (16. Juni 2017) an das Monterey Pop Festival (16.–18. Juni 1967, erstes großes Rockfestival mit über 90.000 Besuchern), mit Ölprojektionen von Matthias Strobl; der vierte und letzte (6. Oktober 2017) an die von der anarchistischen Gruppe The Diggers inszenierte Trauerfeier „The Death of Hippie“ in San Francisco (6. Oktober 1967), mit Lichtprojektionen von Hanna Zimmermann.
Zwischen August 2024 und Juli 2026 kuratierten Miersch und Frauke Boggasch die sechsteilige Vortragsreihe „Rumours of Noise“ innerhalb der „Media and Music Talks“ der Medienwerkstatt, die sich Geräuschmusik, Drone- und Noise-Ästhetiken sowie deren Nähe zu Neuer Musik widmete. Die Auftaktveranstaltung (15. August 2024) behandelte Japanoise und die politische Dimension extremer Musik, verbunden mit gemeinsamem Hören in der Tradition japanischer Musikcafés; die zweite Folge (12. Dezember 2024) vertiefte das Thema Drone und dessen Vorläufer seit dem „Free Form Freak-Out“ der späten 1960er Jahre bis zu Spielarten wie Drone Doom. Die dritte Ausgabe (24. April 2025) war, in Anlehnung an Pauline Oliveros’ Konzept des „Deep Listening“, als „Deep Droning Special“ mit Exkursen zu Ambient, Doom, Sludge und Metal angelegt. Die vierte Folge (17. September 2025) fragte unter dem Titel „Drones and Noise for Meditation?“, ob Drone- und Noise-Musik zur Entspannung dienen könne; als Live-Act traten der Berliner Drone-Pionier Werner Durand, die Klangkünstlerin Ira Hadžić und Miersch an Theremin und modularer „Drone Bank“ auf. Die fünfte Folge (14. April 2026) ging der Frage nach, was in Neuer Musik und Noise heute noch als „neu“ gelten könne, mit Ralf Hoyer als Gast, dem Komponisten und Gründer der „Initiative Neue Musik Berlin“. Die sechste Folge (1. Juli 2026) widmete sich der Band Sunn O))).
Ausgangspunkt der Beschäftigung mit historischen Klangerzeugern war der Versuch von Miersch, für sein Ensemble atelierTheremin anhand von Schaltplänen aus dem Jahr 1931 ein Trautonium nachzubauen. Die Klänge des von Friedrich Trautwein entwickelten und später von Oskar Sala weitergeführten elektronischen Instruments wurden 1962 durch den Soundtrack zu Alfred Hitchcocks Film Die Vögel bekannt. Der Nachbau scheiterte am Fehlen wichtiger Bauteile; bei der Suche danach erwähnte der Verkäufer eines Ost-Berliner Elektronikladens beiläufig ein „Subharchord“ aus DDR-Produktion. Die zeitgenössische Fachliteratur erwähnte das Instrument nur am Rande, ein Dokument des DDR-Kulturministeriums bestritt sogar dessen Existenz. Miersch begann eigene Experimente mit einem Synthesizer der Firma Doepfer und stieß auf eine Ausgabe der Zeitschrift Radio Fernseh Elektronik von 1968, die das Subharchord erwähnte. Ein im ehemaligen Fernsehtechnischen Zentralamt der DDR aufgefundenes Versuchsband mit technischen Erläuterungen und Klangbeispielen lieferte einen ersten konkreten Beleg für die Existenz des Geräts. Weitere Recherchen führten zum „Labor für Akustisch-Musikalische Grenzprobleme“, in dem ein Team um den Toningenieur Ernst Schreiber und den Komponisten Addy Kurth das Instrument zwischen 1959 und 1968 entwickelt hatte; von den geplanten Serienmodellen wurden nur sechs Exemplare gebaut, bevor die Serienfertigung 1970 aus politischen Gründen untersagt wurde.
Nachdem ein Museumsfoto aus Skandinavien einen weiteren Existenzbeweis geliefert hatte, verteilte Miersch Suchaufrufe an Tonstudios und Rundfunkanstalten. Am 2. April 2003 wurde er im Funkhaus Nalepastraße fündig. In einer Abstellkammer entdeckte er ein Subharchord des Typs II/III. Im selben Jahr fand er im Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin einen weiteren, dort lange unbeachtet gebliebenen Prototyp. Miersch dokumentierte seine Recherchen zunächst auf einer eigenen Website. 2004 nahm der Klangkünstler Carsten Nicolai darüber Kontakt zu ihm auf und machte das Berliner Fundstück zum Zentrum einer Kunstinstallation in der Akademie der Künste. In den folgenden Jahren setzte sich Mierschs Anerkennung als Wiederentdecker des Subharchord in Fachkreisen und in der breiten Öffentlichkeit durch. Das im Funkhaus Nalepastraße gefundene Gerät wurde 2010 vom Deutschen Technikmuseum Berlin angekauft.
Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte Miersch unter anderem in einer vierteiligen Serie im Magazin Keyboards (2003) sowie in der Fachzeitschrift Forum Musikbibliothek (2005). Mit dem Subharchord und verwandten Instrumenten wie dem Mixturtrautonium entstanden mehrere CDs, darunter Das Subharchord – The Subharchord (2015, gewidmet Florian Fricke von Popol Vuh und Simeon von Silver Apples), Subharchord Favourites (2021, mit dem begleitenden Kurzfilm Subharchord Anthem) und subharmonisch (2023, acht Stücke für Mixtur-Trautonium, Subharchord und den neu von Hajo Wiechers entwickelten „Var-Q-Lator“; eine Produktion des Studios für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste Berlin, gefördert vom Deutschen Musikfonds). Anfang Juni 2024 führte Miersch das Programm subharmonisch beim „Nodes – Festival für elektroakustische Musik und Klangkunst“ der Akademie der Künste Berlin live auf, begleitet von einer Lichtinstallation der Künstlerin Kalma.
atelierTheremin
French Mermaids (Soloprojekt/Pseudonym von Manfred Miersch)
Manfred Miersch / Subharchord
Pressestimmen zu atelierTheremin erschienen u. a. in Shindig! (UK), Der Tagesspiegel, GoodTimes und der taz.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Miersch, Manfred |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher bildender Künstler und Klangforscher |
| GEBURTSDATUM | 1961 |
| GEBURTSORT | West-Berlin |