Manfred Thaller

Manfred Thaller (* 18. März 1950 in Feldbach) ist ein österreichischer Historiker und pensionierter Hochschullehrer für Historisch-Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung an der Universität zu Köln.

Ursprünglich als Historiker entwickelte er seit 1976 Lösungsmöglichkeiten der Informatik für Fragestellungen aus den Geisteswissenschaften, dort häufig – aber nicht ausschließlich – historische Fragestellungen.

Biografie

Manfred Thaller studierte ab 1970 Geschichte und orientalische Altertumskunde an der Universität Graz. 1975 wurde er dort mit der Dissertation „Studien zum Europäischen Amerikabild. Darstellung und Beurteilung der Politik und inneren Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Großbritannien und Österreich zwischen 1840 und 1941 im Vergleich“ in moderner Geschichte promoviert. In einem Interview mit Julianne Nyhan sprach er hierzu über seine Entwicklung und Nutzung von Programmiersprachen.

Anschließend spezialisierte er sich als Postdoktorand in (empirischer) Soziologie am Institut für Höhere Studien in Wien auch auf historische Mobilitäts-Studien. Gleichzeitig wirkte er an Forschungsprojekten über die Geschichte der Familie, das Alltagsleben im Mittelalter sowie Verzahnungen zwischen Aufsichtsräten in deutschen und österreichischen Unternehmen mit.

Ab 1978 arbeitete er in Göttingen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Forschungsbeauftragter im Max-Planck-Institut für Geschichte. Dort war er verantwortlich für Design und Implementation eines allgemeinen datenbankorientierten Programmiersystems für Historiker, das unter dem Namen „kleio“ in der Fachwelt Verbreitung fand und zur Grundlage einer Reihe von Forschungsprojekten wurde. Gleichzeitig forschte er zu allgemeinen Methoden einer historischen Informatik.

Von 1991 bis 1994 war er Präsident der Association for History and Computing.

1995 hatte er eine Teilzeitprofessur an der Universität Bergen in Norwegen, wo er für die Lehre in „Historischer Computerwissenschaft“ verantwortlich war. Von September 1997 bis Februar 2000 war er Gründungsdirektor, dann dauerhafter Direktor des „Humanities Information Technology Research Programme“ und des angeschlossenen Forschungszentrums der Universität Bergen. Dort war er Professor der geisteswissenschaftlichen Fakultät.

Ab März 2000 war er Professor der «Historisch Kulturwissenschaftlichen Informationsverarbeitung» an der Universität zu Köln. Im Rahmen dieser Professur engagierte er sich lange Zeit in Forschungsprojekten zu Digitalisierung und Langzeitarchivierung von (historischen) Dokumenten. In den letzten Jahren verstärkte er seinen Fokus auf den Bereich der Digital Humanities. Im Juli 2015 wurde er emeritiert.

Darüber hinaus war er 2002–2008 Mitglied des Library Committee der DFG und 2010–2014 Mitglied des Strategy board of the eHumanities initiative im Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Ausgewählte Forschungsinteressen, Projekte und Publikationen

Forschungsinteressen

Projekte

  • Digitale Handschriftenbibliothek Köln (CEEC)
  • Deutsches digitales Bildarchiv für Kunst- und Kulturwissenschaften (Prometheus), dabei ausschließlich verantwortlich für die verteilte (passwortgeschützte) Datenbank dieses Projekts
  • Digitales Archiv NRW DA-NRW bis März 2014

Projektbeteiligungen Europäische Digitale Bibliothek

  • Delos
  • Planets
  • ENRICH
  • e-ARK

Publikationen

  • (Ed.) From History to Applied Computer Science in the Humanities, HSR Supplement 29 (2017).
  • (Ed.) Das Digitale Archiv NRW in der Praxis, Hamburg 2013.
  • Controversies around the Digital Humanities, ed. by Manfred Thaller = Special Issue in Historical Social Research. Vol. 37 (2012), No. 3.
  • mit Simone Görl, Johanna Puhl: Empfehlungen für die weitere Entwicklung der Wissenschaftlichen Informationsversorgung des Landes NRW, epubli: Berlin 2011.
  • (Ed.) The eXtensible Characterisation Languages – XCL, Hamburg 2009.

Varia

Gastprofessuren

Projektleitungen

  • «WORM's als Editionsmedium für historische Datenbanken», 1987–1988 (gefördert durch IBM Germany)
  • «Entwicklung fachspezifischer Software für die Historischen Wissenschaften», 1988–1992 (VW Stiftung)
  • «Digitale Archive», 1996–1999 (VW Stiftung)
  • «European Cultural Heritage Technician», 1998–2000 (European Union, DG XXII).
  • «Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis» 2000–2004 (DFG)
  • «Evaluation deutscher Digitalisierungsaktivitäten» 2004–2005 (DFG)
  • «Verteilte Digitale Inkunabelbibliothek» 2004–2006 (DFG)

Projektkoordinationen

  • «Sicherstellung der Archive in Auschwitz», 1991–1997 (Verschiedene Förderer)
  • «Autumn School for New Historical Methods at the Moscow State University», 1992–1996
  • «Technology, Skills and Ressources for Historians of the Former Soviet Union», 1995/1996

Evaluierende und Beratende Projekte

  • Evaluierung deutscher Förderprogramme zur Digitalisierung, Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) 2004/2005 und wiederholend 2011/2012
  • Strategieentwicklung für das Forschungsministerium NRW, 2009/2010

Sonstiges

  • 1991–1994 Präsident der internationalen Gesellschaft «Association for History and Computing».
  • 2000–2002 Mitglied des Ausschusses zu Dokumentliefersystemen bei der deutschen Forschungsgesellschaft (DFG).
  • 2002–2008 Mitglied des Bibliotheksausschusses der DFG (Ausschüsse: Informationsmanagement (2002–2004); Informationssysteme für das Mittelalter und die Frühmoderne (2002–2004); Kulturelles Erbe (2002–2008))

Lehrtätigkeiten

Neben den oben genannten Gastprofessuren übte Thaller eine regelmäßige Lehrtätigkeit in den 1980er und 90er Jahren in historischer Informationsverarbeitung in Göttingen (seit 1984) und München (seit 1985) aus. Zudem gab er Kurse und Seminare an den Universitäten Graz, Hamburg, Salzburg, Siegen und Wien. Es folgte eine intensive Lehrtätigkeit, hauptsächlich im Umgang mit verschiedenen Software-Paketen, an den Universitäten Budapest (CEU), Freiburg, Köln, Odense, Utrecht und Westfield College, London.

1979–1999 nahm Thaller als Lehrender an der summer school «Neue Methoden in der Geschichtswissenschaft» teil; ursprünglich an der Universität Linz, später an der Universität Salzburg, seit 1994 an den Universitäten von Bergen und Salzburg.

1987–1992 sowie 1994 und 1997 war er Organisator einer summer school über quellenorientierte Datenverarbeitung in Göttingen.

Internationale Lehrtätigkeiten

  • bis 2014: Lokaler Koordinator des europäischen Verbundstudiengangs European MA „EuroMACHS“ für Köln (Partnerhochschulen: Coimbra, Portugal; Köln, Deutschland; Lecce, Italien; Turku, Finnland)
  • Vortragender auf preservation summer schools an den Universitäten in Chapel Hill, North Carolina; Glasgow; London; Rom.

Publikationen

Als Herausgeber

  • 1981–1984 Software Editor für: Historical Social Research. = Historische Sozialforschung.
  • 1989–1999: Halbgraue Reihe zur Historischen Fachinformatik.
  • 2008–2013: Kölner Beiträge zu einer geisteswissenschaftlichen Fachinformatik.
  • Die Praxis der Quantifizierung in der österreichischen Geschichtsforschung. Unterlagen der Arbeitssitzung des Arbeitskreises „Quantifizierung in der österreichischen Geschichtsforschung“ auf dem österreichischen Historikertag 1984 in Krems a. d. Donau. Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaften, Göttingen u. a. 1984.
  • Datenbanken und Datenverwaltungssysteme als Werkzeuge historischer Forschung (= Historisch-sozialwissenschaftliche Forschungen. 20). Scripta-Mercaturae-Verlag, St. Katharinen 1986, ISBN 3-922661-30-0.
  • mit Ursula Klenk und Peter Scherber: Computerlinguistik und philologische Datenverarbeitung. = Linguistische Datenverarbeitung in den Geisteswissenschaften (= Linguistische Datenverarbeitung. 7). Beiträge der Jahrestagung der Gesellschaft für Linguistische Datenverarbeitung 1986 in Göttingen. Olms u. a., Hildesheim u. a. 1987, ISBN 3-487-07945-3.
  • mit Gerhard Botz, Christian Fleck und Albert Müller: „Qualität und Quantität“. Zur Praxis der Methoden der Historischen Sozialwissenschaft (= Studien zur Historischen Sozialwissenschaft. 10). Campus, Frankfurt am Main u. a. 1988, ISBN 3-593-33880-7.
  • mit Albert Müller: Computer in den Geisteswissenschaften. Konzepte und Berichte (= Studien zur Historischen Sozialwissenschaft. 7). Campus, Frankfurt am Main u. a. 1989, ISBN 3-593-33881-5.
  • mit Heino Best und Ekkehard Mochmann: Computers in the Humanities and the Social Sciences. Achievements of the 1980s, Prospects for the 1990s. Proceedings of the Cologne Computer Conference 1988 Uses of the Computer in the Humanities and Social Sciences held at the University of Cologne, September 1988. Saur, München u. a. 1991, ISBN 3-598-11041-3.
  • Images and Manuscripts in Historical Computing (= Halbgraue Reihe zur Historischen Fachinformatik. Serie A: Historische Quellenkunden. 14 = Medium Aevum Quotidianum. 26). Scripta-Mercaturae-Verlag, St. Katharinen 1992, ISBN 3-928134-53-1.
  • mit Leonid Borodkin and John Turner: Statistics for Historians. Standard Packages and Specific Historical Software (= Halbgraue Reihe zur Historischen Fachinformatik. Serie A: Historische Quellenkunden. 26). Scripta-Mercaturae-Verlag, St. Katharinen 1995, ISBN 3-928134-90-6.
  • mit Hans-Heinrich Ebeling: Digitale Archive. Die Erschließung und Digitalisierung des Stadtarchivs Duderstadt. Max-Planck-Institut für Geschichte, Göttingen 1999, ISBN 3-9806681-0-X.
  • Codices Electronici Ecclesiae Coloniensis. Eine mittelalterliche Kathedralbibliothek in digitaler Form (= Fundus. Forum für Geschichte und ihre Quellen. Beiheft 1). Duehrkohp und Radicke, Göttingen 2001, ISBN 3-89744-178-0.
  • Digitale Bausteine für die geisteswissenschaftliche Forschung (= Fundus. Forum für Geschichte und ihre Quellen. Beiheft 5). Duehrkohp und Radicke, Göttingen 2003, ISBN 3-89744-220-5.
  • Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen. Evaluierungsbericht über einen Förderschwerpunkt der DFG. Universität zu Köln, Köln 2005, (online (PDF; 1,64 MB)).
  • Controversies around the Digital Humanities (Historical Social Research. 37, 3 = Nr. 141, 2012, ISSN 0172-6404). GESIS – Leibniz Institute for the Social Sciences, Köln 2012.

Einzelnachweise

  1. ↑ Georgios Chatzoudis: Geisteswissenschaftler können das Netz verändern. Interview mit Manfred Thaller. In: L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung vom 10. Oktober 2011.
  2. ↑ Manfred Thaller auf der Webseite der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Informationsverarbeitung an der Universität zu Köln (Memento vom 14. September 2015 im Internet Archive)
  3. ↑ Computation and the Humanities. doi:10.1007/978-3-319-20170-2 (springer.com [abgerufen am 7. September 2022]).
  4. ↑ https://web.archive.org/web/20130603204750/http://www.hki.uni-koeln.de/kleio/old.website/.
  5. ↑ Dhd Blog: Perspektiven der Digital Humanities: Ein Interview mit Manfred Thaller In: Digital Humanities im deutschsprachigen Raum e. V. vom 19. Mai 2015.
  6. ↑ Digitale Handschriftenbibliothek Köln (CEEC)
  7. ↑ Deutsches digitales Bildarchiv für Kunst- und Kulturwissenschaften (Prometheus)
  8. ↑ Digitales Archiv NRW DA-NRW