In der Soziolinguistik bezeichnet man als marginalisierte oder minorisierte Sprache eine Sprache, die verdrängt, verfolgt oder unterdrückt wird. Die sprachliche Marginaliserung rührt von der Tendenz von Nationalstaaten, eine gemeinsame Sprache für Handel und Verwaltung zu etablieren oder aus ideologischen Gründen Homogenität herzustellen. Marginalisierte Sprachen sind typischerweise auf einen engeren Bereich von Sprachdomänen beschränkt als dominante Sprachen; zudem entwickelt sich häufig eine einseitige Zweisprachigkeit, bei der Sprecher von minorisierten Sprachen die dominante Sprache erlernen, jedoch nicht umgekehrt. Sprecher marginalisierter Sprachen können verschiedene Nachteile erfahren, darunter geringere Bildungserfolge und ein Sprachwechsel zugunsten der dominanten Sprache.
„Marginalisierte Sprache“ ist ein qualitativer und interpretativer Begriff, der nicht zu verwechseln ist mit dem quantitativen Begriff der „Minderheitensprache“. So ist in Paraguay der Guaraní die Muttersprache von 85 % der Bevölkerung – also keineswegs eine Minderheitensprache –, ist aber jahrhundertelang vom Spanischen marginalisiert worden, sodass 58 % der Bevölkerung Spanisch als zweite Sprache lernt. Spanisch ist die dominierende Sprache in Lateinamerika, wo die indigenen Sprachen minorisiert sind. Die Begriffe ‚marginalisiert‘ oder ‚minorisiert werden also anstatt ‚Minderheitensprache‘ vorgezogen, weil sie den Fokus auf das Machtgefälle zwischen den Sprachen setzen.
Nancy Dorian, Kathryn A. Davis und Prem Phyak Nancy Dorian, Kathryn A. Davis und Prem Phyak haben eine „westliche Sprachideologie“ beschrieben, die sozialdarwinistische Prinzipien auf die Linguistik übertrage. Diese Ideologie idealisiere angeblich den Monolingualismus, bestreite die Vorteile der Mehrsprachigkeit und verachte nicht-standardisierte Sprachvarietäten. Da solche nicht-standardisierten Varietäten als defizitär eingestuft würden, entstehe eine Hierarchie der Sprachen. (a) Einige Autoren haben einen Zusammenhang zwischen einwanderungsfeindlichen Stimmungen und dem englischsprachigen Unterricht in den USA hergestellt. In Europa war der Prozess der Marginalisierung – beispielsweise der keltischen Sprachen in Großbritannien oder der Minderheitensprachen in Frankreich und Italien – mit dem Aufkommen nationalistischer Bewegungen verbunden, die im 19. Jahrhundert die Errichtung einsprachiger, monokultureller Nationalstaaten forderten. Dieser Prozess der Minorisierung führte häufig zu einem Sprachwechsel hin zur hegemonialen Sprache.
Das definierende Merkmal der Marginalisierung ist das Bestehen eines Machtungleichgewichts zwischen der betroffenen und der dominanten Sprache. Ein Anzeichen für die Marginalisierung einer Sprache ist die Entwicklung einer einseitigen Zweisprachigkeit bei ihren Sprechern: Sie erlernen die dominante oder Sprache, während die Sprecher der dominanten Sprache die marginalisierte Sprache nicht erlernen. Ein weiteres häufiges Symptom der Minorisierung ist die Beschränkung der Sprache auf einen begrenzten Bereich von Sprachdomänen. Eine Sprache, die von der Verwendung in der Verwaltung und im formalen Bildungswesen ausgeschlossen ist, wird möglicherweise nur noch im häuslichen Umfeld und in begrenzten sozialen Situationen genutzt. Infolgedessen werden die Sprecher der minorisierten Sprache letztlich eine Teilmenge der Sprecher der dominanten Sprache; zum Beispiel sind alle Sprecher des Schottisch-Gälischen auch Sprecher des Englischen, doch die meisten englischsprachigen Sprecher in Schottland sprechen kein Gälisch. Ebenso bilden die Sprecher des Sardischen eine verhältnismäßig kleine Minderheit im Vergleich zu den Sprechern des Italienischen, dessen gegenwärtige Vorherrschaft auf der Insel das Ergebnis von Politiken ist, die auf die Ausgrenzung des Sardischen sowie auf die Stigmatisierung der Gruppenidentität abzielten, die in dessen Gebrauch zum Ausdruck kommt. Im Gegensatz dazu können Sprecher einer dominanten Sprache alle Funktionen des täglichen Lebens unter Verwendung ihrer Muttersprache ausüben.
Sprecher der dominanten Sprache nutzen oft das höhere Prestige ihrer Sprache, um Sprecher der minorisierten Sprache daran zu hindern, die Situation der minorisierten Sprache zu verbessern. So behaupten beispielsweise „liberale“ Kritiker der Sprachplanung für minorisierte Sprachgemeinschaften, dass ein Eingreifen zugunsten minorisierter Sprachen jenen politischen Maßnahmen gleichkomme, die überhaupt erst zur Minorisierung der betreffenden Sprache geführt hatten – wie etwa gesetzliche Regelungen, Elitarismus, der Ausschluss minorisierter Sprachen aus dem Bildungswesen und sogar Zwangsumsiedlungen.
In Engaged Language Policy and Practices zitieren die Autoren drei Studien, die gezeigt haben, dass die schulischen Leistungen von Schülern leiden, wenn politische Maßnahmen umgesetzt werden, die ihre Muttersprache marginalisieren. Nancy Dorian hat argumentiert, dass die „westliche Sprachideologie“, die den Monolingualismus begünstigt, eine „Ideologie der Verachtung“ gegenüber minorisierten Sprachen gefördert hat. Der Prozess der Minorisierung kann zu einem Sprachwechsel zugunsten der dominanten Sprache führen.