Maria von Stach

Maria Margarete Adele Pauline Friederike von Stach, eigentlich Stach von Goltzheim, zeitweise Maria Lessing, Maria Naef, später Maria Dingler (geboren 16. Juli 1876 in Düsseldorf; gestorben 5. Januar 1948 in München) war eine deutsche Publizistin und Frauenrechtlerin.

Leben und Wirken

Maria von Stach 1911 [Bildausschnitt]

Maria von Stach entstammte dem Adelsgeschlecht Stach von Goltzheim. Sie war die Tochter des protestantischen Rittergutsbesitzers Baron Georg Stach von Goltzheim (* 25. Juli 1849, † 1920) und seiner ersten Ehefrau Margarete, geborene von Barby (* 12. August 1856; † 20. August 1888) und die Schwester der Schriftstellerin Ilse von Stach.

Nachdem sie bereits als Zwölfjährige ihre Mutter verloren hatte, wandte sie sich früh ihren intellektuellen Interessen zu. 1898 begann sie einen Briefwechsel mit dem deutsch-jüdischen Philosophen und Publizisten Theodor Lessing, den sie am 31. Januar 1900 gegen den Willen ihrer Familie heiratete. Sie wurde daraufhin enterbt. Beide gingen zunächst nach Gießen, wo Theodor Lessing sein Medizinstudium fortsetzte, 1901 zogen sie nach München. Auch für Theodor Lessing erfüllte sich die Erwartung einer versprochenen Erbschaft nicht, so dass das junge Paar anfangs in großer Armut lebte; die "proletarische Wirklichkeit" der ersten Zeit der Ehe beschrieb Theodor Lessing viele Jahre später sehr anschaulich in einem Feuilleton. In München kamen die beiden Töchter Judith (* 1901) und Miriam (* 1902; † 1912) zur Welt. Bekanntschaften bestanden mit Hedwig Pringsheim und Franziska zu Reventlow. Nachdem Theodor Lessing 1902 eine Anstellung als Lehrer am Landerziehungsheim Haubinda erhalten hatte, zog die Familie 1903 dorthin. Die Ehe zerbrach Anfang 1904, als Maria Lessing sich in einen der Schüler, den erst sechzehnjährigen späteren Schriftsteller Bruno Frank, verliebte und mit ihm durchbrannte. Am 19. Oktober 1907 wurde die Ehe geschieden; eine autobiographische Auseinandersetzung Theodor Lessings mit Maria erschien unter dem Titel Der Dialog als Privatdruck.

In den Jahren 1905 bis 1912 veröffentlichte Maria von Stach in sozialwissenschaftlichen Zeitschriften Rezensionen und Artikel zu Themen der Frauenbewegung. Ein zentraler Aspekt ihrer Schriften ist die Mutterschaft. Sie schrieb, dass mittels der zunehmenden Kenntnis der „Konzeptionsverhütungstechnik“ es der (Ehe-)Frau ermöglicht werde, das Sexualleben von der Mutterschaft zu trennen; da aber die „Menschenproduktion“ unter bevölkerungspolitischem Gesichtspunkt notwendig sei, sollte sie vom Staat subventioniert werden, um die zusätzliche Belastung der Mütter durch ökonomisch notwendige Erwerbsarbeit zu lindern. Maria von Stach betonte, viele Frauen würden die freie Liebesbeziehung, die durch die Empfängnisverhütung ermöglicht wird, der Ehe vorziehen, solange die Ehegesetze für Frauen ungünstig seien. Sie sollten sich mit Stolz ihrer Gebärfähigkeit bewusst werden, gleichzeitig aber auch ihrer Macht, diese zukünftig zu verweigern. In der Zukunft sah sie die Entstehung einer „Gewerkschaft der Mütter“ aber auch den „Generalstreik der Mütter“. Ihre kritische Auseinandersetzung mit der Schrift Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechtsleben der Schriftstellerin Gertrud Simmel (Pseudonym Marie Luise Enckendorff) endet mit dem Satz: „Der Eintritt der Frau in die Welt als selbstschaffende selbstverantwortende Kraft ist die Voraussetzung der Lösung des Geschlechtsproblems, die Voraussetzung der Lösung des Frauenproblems“.

Maria von Stach (vordere Reihe, 4. v. r.) auf dem 3. Psychoanalytischen Kongress 1911 in Weimar.

Ein weiteres Interesse Maria von Stachs galt der Psychoanalyse. Im September 1911 nahm sie am 3. Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Weimar teil. Bei Karen Horney begann sie 1912 eine Analyse; zwischen beiden Frauen entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.

1913 heiratete Maria von Stach den Schweizer Zoologen Adolf Naef; die Ehe wurde 1915 geschieden. Im selben Jahr heiratete sie den Philosophen und Mathematiker Hugo Dingler, die gemeinsame Tochter Irmgard wurde 1917 geboren. Auch die Ehe mit Dingler entwickelte sich unglücklich, wie dieser im April 1925 in einem Tagebucheintrag beklagte.

1928 lernte sie den Philosophen und Pädagogen Eduard Spranger kennen, fühlte sich ihm geistig verbunden und bat ihn in mehreren Briefen um ein Treffen und eine Vertiefung ihrer Bekanntschaft. Sprangers Ablehnung führte zu einer schweren persönlichen Kränkung, die im Mittelpunkt eines 231-seitigen Briefes an Karen Horney steht. Dieser und weitere Briefe Maria Dinglers sowie ein umfangreiches unveröffentlichtes Manuskript von 1933/34 mit dem Titel Der Weg zu den Müttern wird im Nachlass ihrer Schwester Ilse von Stach in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster aufbewahrt.

Seit ihrer zweiten Ehe 1913 führte die einst gesellschaftspolitisch engagierte Frauenrechtlerin, 1911 in einem Zeitungsartikel noch als „Führerin der Frauenbewegung“ gewürdigt, bis zu ihrem Tod 1948 ein zurückgezogenes Leben.

Veröffentlichungen

Unter dem Namen Maria Lessing

Unter dem Namen Maria von Stach

Einzelnachweise

  1. ↑ Gothaisches genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, 1905. Sechster Jahrgang. S. 764
  2. 1 2 3 4 5 Andreas Peglau: Maria von Stach (1876–1948), verheiratete Lessing/Naef/Dingler, Patientin und Freundin von Karen Horney. Abgerufen am 1. Januar 2026 (Erstveröffentlichung in: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, 2016, Heft 58, S. 165–170).
  3. ↑ Gothaisches genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser, 1905. Sechster Jahrgang. S. 763
  4. ↑ Heiratsurkunde. Stadtarchiv Hannover, abgerufen am 5. Januar 2026.
  5. 1 2 3 Theodor Lessing: Einmal und nie wieder. Lizenzausgabe. Bertelsmann, Gütersloh, S. 371 (Online – ca.1969).
  6. 1 2 Ekkehard Hieronimus: Theodor Lessing, Otto Meyerhof, Leonard Nelson: bedeutende Juden in Niedersachsen. Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung, Hannover 1964, S. 20—21 (Bruno Frank wird namentlich nicht genannt. Zitat: „Anfang 1904 zerbricht Lessings Ehe unter unschönen Umständen, seine Frau verlässt ihn“).
  7. ↑ Theodor Lessing: Prag und die Prager. In: Rainer Marwedel (Hrsg.): Ich warf eine Flaschenpost ins Eismeer der Geschichte: Essays und Feuilletons. Luchterhand, Darmstadt / Neuwied 1986, ISBN 3-472-61639-3, S. 210–215 (Abschnitt: "Unser kleines Zimmer", S. 213 ff. - Erstveröffentlichung in: Prager Tagblatt, 14.11.1926, S. 3–4).
  8. ↑ Telegramm von Maria an Theodor Lessing. Stadtarchiv Hannover, abgerufen am 5. Januar 2026.
  9. 1 2 Hedwig Pringsheim: Tagebücher. Hrsg.: Cristina Herbst. Band 3, 1898–1904. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014, S. 32–33 ("Vor allem Maria Lessing ist an dem Kontakt interessiert. Sie kommt mehrmals im Jahr zum Tee, und ihre Besuche dauern lang.").
  10. ↑ F. Gräfin zu Reventlow: "Wir sehen uns ins Auge, das Leben und ich": Tagebücher 1895–1910. aus dem Autograph textkritisch neu herausgegeben und kommentiert. Hrsg.: Irene Weiser, Jürgen Rutsch. 3., nochmals durchgesehene Auflage. Karl Stutz, Passau 2011, ISBN 978-3-88849-208-2, S. 225 (Notiz aus dem Sept. 1901: "Gestern [kam] seine Frau [Maria Lessing] um ihn [Theodor Lessing] abzuholen, hat mir auch gefallen, nur zu frauenbeweglerisch, und geistig sein wollend. Da kann ich nicht mit.").
  11. ↑ Rainer Marwedel: Theodor Lessing, eine Biographie. Neuausgabe. Wallstein-Verlag, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5665-8, S. 68–69.
  12. ↑ Theodor Lessing: Kultur und Nerven. Kleine Schriften 1908–1909. Hrsg.: Rainer Marwedel. 1. Auflage. Band 2, Kommentar. Wallstein-Verlag, Göttingen 2021, ISBN 978-3-8353-3611-7, S. 451.
  13. ↑ Maria von Stach: Mutterschaft und Bevölkerungsfrage. In: Adele Schreiber (Hrsg.): Mutterschaft. Ein Sammelwerk für die Probleme des Weibes als Mutter. München 1912, S. 186–200.
  14. ↑ Maria von Stach: Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechtsleben. Eine Auseinandersetzung mit Marie Luise Enckendorff. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Band 33, 1911.
  15. 1 2 Stephan von Minden: Viktor Emil v. Gebsattel und Maria v. Stach: Neue Aufschlüsse über zwei Teilnehmer am 3. Psychoanalytischen Kongress in Weimar (1911). In: Luzifer-Amor : Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse. Band 24, Nr. 48, 2011, S. 99–105.
  16. ↑ Barbara Beuys: Die neuen Frauen - Revolution im Kaiserreich, 1900–1914. Hanser, München 2014, ISBN 978-3-446-24491-7, S. 247 (Kommentar in Horneys Tagebuch, April 1912).
  17. ↑ Ausstellung eines Verehelichungszeugnisses an den Privatdozenten an der Uni München Dr. phil. Hugo Dingler aus Aschaffenburg - Verehelichung mit der Schriftstellerin Maria, geb. Stach von Holtzheim, geschiedene Naef, aus Düsseldorf. Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 7. Januar 2026 (Schreibfehler in der Urkunde: Stach von Holtzheim).
  18. ↑ Gerd Simon: Chronologie Dingler, Hugo. (PDF) In: homepages.uni-tuebingen.de/. S. 10, abgerufen am 5. Januar 2026.
  19. ↑ Gereon Wolters: Dingler in Darmstadt. Vortrag, Philosophisches Kolloquium 07.05.–08.05.2019, Darmstadt. S. 3 (Online).
  20. ↑ Der Internationale Psychoanalytische Kongress. In: Weimarische Landeszeitung. 24. September 1911 (Kurze Aufführung der teilnehmenden Personen aus dem In- und Ausland).
Personendaten
NAME Stach, Maria von
ALTERNATIVNAMEN Stach, Maria Margarete Adele Pauline Friederike von (vollständiger Name); Stach (wirklicher Name)
KURZBESCHREIBUNG deutsche Publizistin und Frauenrechtlerin
GEBURTSDATUM 16. Juli 1876
GEBURTSORT Düsseldorf
STERBEDATUM 5. Januar 1948
STERBEORT München