Marie Goldsmith

Porträtfoto schwarz-weiß
Marie Goldsmith, 1916

Maria Isidorovna Goldsmith oder Marie Goldsmith (russisch Мария Исидоровна Гольдсмит; geboren am 7. Juli 1871 in Sankt Petersburg; gestorben am 11. Januar 1933 in Paris) war eine russisch-französische Biologin und Anarchistin.

Leben

Anfänge

Maria Isidorovna Goldsmith stammte aus einer gutsituierten Familie und erhielt früh eine Ausbildung. Ihr Vater, Freund des Sozialrevolutionärs Pjotr Lawrow und Herausgeber einer positivistischen Zeitung, wurde mit seiner Familie nach Pinega in der Oblast Archangelsk deportiert. Danach floh die Familie nach Paris, wo ihr Vater früh verstarb. Goldsmith begann sich in dieser Zeit einerseits naturwiussenschaftlich zu bilden und näherte sich andererseits dem Anarchismus an, was sicherlich durch ihre russischen Erfahrungen begründet war. So begann sie damals einen Briefwechsel mit Emma Goldman, den sie ihr ganzes Leben lang aufrechterhielt.

Goldsmith schrieb sich an der Universität von Paris ein und studierte Biologie. 1892 schloss sie sich den Étudiants socialistes révolutionnaires internationalistes (Revolutionäre, internationalistische sozialistische Studenten) an, wo sie anarchastisch-feministische und antizionistische Pamphlete verfasste. 1894 wurde sie an der Universität Mitarbeiterin von Yves Delage, in dessen Auftrag sie zunächst Generalsekretärin und von 1902 bis 1924 Leiterin der der wissenschaftlichen Zeitung L’année biologique wurde. Der Biologe Peter Kropotkin beauftragte sie mit der Fertigstellung und Übersetzung seines Werks Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, da er nur Goldsmith zutraute, seine Ideen und seine Weltanschauung zu teilen.

Russische Revolution von 1905

Nachdem 1903 die Anzeichen für eine revolutionäre Erhebung in Russland zunahmen, gründeten Goldsmith und der georgische Anarchist Georgy Gogelia die Gruppe „Brot und Freiheit“, die eine Zeitschrift produzierte und sie nach Russland schmuggeln ließ. Goldsmith verwendete dabei das Pseudonym Maria Korn. Goldsmith und Gogelia führten syndikalistische Ideen sowie Begriffe wie Sabotage und Generalstreik ein, die den Sozialrevolutionären zuvor fremd gewesen waren. Dass die darauf folgenden Aktionen der Russischen Revolution 1905 auf Goldsmiths Agitation zurückgehen, scheint aber zweifelhaft. Goldsmith selbst gab an, aufgrund technischer und organisatorischer Einschränkungen habe ihre Zeitung nie eine große Auflage erreicht. Nach der Niederschlagung der Revolution begann Goldsmith sich auf die nächste vorzubereiten; dazu diente hauptsächlich die russischsprache Zeitung Burevestnik.

Wissenschaft

Schwarz-Weiß-Bild, Goldsmith von der Seite in Laborkittel vor einem Arbeitstisch, der mit Flaschen und einfachem technischen Gerät angefüllt ist. An mehreren Stellen im Raum Blumen.
Laborarbeit, 1910

Goldsmith und Yves Delage verfassten eine Reihe von Büchern über die Evolutionstheorie. Das erste, Les Théories de l’évolution, beginnt mit einer antireligiösen Widerlegung des Kreationismus, bevor es einen Überblick über die wichtigsten Evolutionstheorien gibt. Die Autoren stellen den Darwinismus als eine Theorie dar, deren Kernpunkte zufällige Variation, der Kampf ums Dasein und die natürliche Selektion sind, und den Lamarckismus als eine Theorie, deren Kernpunkt die Anpassung an die Umwelt ist, und stellen beide dem Neodarwinismus von August Weismann gegenüber. Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung von Kropotkins Theorie der gegenseitigen Hilfe als Faktor der Evolution.

Goldsmith und Delage hoben auch die Rolle von Kooperation und Solidarität in der Evolution hervor und wandten sich gegen Sichtweisen, die den Kampf ums Dasein oder das Überleben des Stärkeren betonten (Thomas Henry Huxley, Herbert Spencer). Im Jahr 1913 veröffentlichten sie ihr zweites Buch, das sich mit der Parthenogenese befasste. 1915 schloss Goldsmith ihr Promotionsstudium ab und verteidigte eine Dissertation über die vergleichende Physiologie und Psychologie von Fischen. In der Folge schrieb sie häufig in den Comptes rendus de l’Académie des sciences. Sie fungierte als wissenschaftliche Beraterin von Georges Clemenceau, dem mehrfachen französischen Ministerpräsidenten. Ab 1919 arbeitete sie in der Forschung an der Faculté des sciences et ingénierie de Sorbonne Université.

Anarchismus

Im Ersten Weltkrieg unterstützte sie grundsätzlich Kropotkins Manifest der Sechzehn und damit die Alliierten. Dies brachte ihr Kritik von anarchistischer Seite ein; so wurde ihr vorgeworfen, liberale Ideen wie die Gleichheit vor dem Gesetz mit Anarchismus zu verwechseln. Goldsmith verteidigte sich damit, dass der Militarismus zwar abzulehnen sei, aber der anarchistische Kampf gegen Unterdrückung und Invasion Vorrang genieße.

Als in Russland 1917 die Revolution erfolgreich verlief, blieb Goldsmith im Gegensatz zu den meisten russischen Anarchisten in Frankreich, da ihre Mutter schwer krank war. Der Weg zum Bolschewismus, den die Revolution einschlug, widersprach allerdings ihrem libertären Weltbild. Insbesondere nach der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands betrachtete sie das neue Regime als Diktatur.

Anfang der 1920er Jahre schrieb Goldsmith für einige anarchistische Blätter, darunter Les Temps nouveaux, die russische Delo truda und trotz Problemen mit dem Jiddischen für die Freie Arbeiter Stimme. Ebenso war sie in der anarchistischen Confédération générale du travail - Syndicaliste révolutionnaire (Allgemeiner Gewerkschaftsbund – Revolutionärer Gewerkschafter) und der zugehörigen Zeitung La Voix du Travail aktiv. Zu einer inner-anarchistischen Auseinandersetzung kam es ab 1926, nachdem Pjotr Andrejewitsch Arschinow und Nestor Machno ihre Plattform vorgestellt hatten. Goldsmith widersprach den Versuchen, anarchistischen Bewegungen durch organisatorische Bestimmungen eine Struktur zu geben. Arschinow warf ihr daraufhin eine demokratisch-dekadente Gesinnung vor.

Späte Jahre und Nachruhm

Eine Straße, die auf ein hell-rötliches Tor zuführt, das Tor eingerahmt von hohen Nadelbäumen, dahinter der Friedhof.
Friedhof von Thiais

Nach Delages Tod 1920 war Goldsmith im wissenschaftlichen Bereich zunehmend isoliert. Sie wurde als Ausländerin angefeindet – die französische Staatsbürgerschaft erhielt sie 1924 – und war wegen ihrer pflegebedürftige Mutter nicht in der Lage, Angebote aus den USA anzunehmen. Sie arbeitete in der Folge bei verschiedenen französischen Instituten. Ihre Mutter starb am 9. Januar 1933, Marie Goldsmith nahm sich darauf mit Gift das Leben; sie verstarb am 11. Januar. Ihrem Wunsch, dass sie und ihre Mutter auf dem Friedhof von Ivry-sur-Seine neben ihrem Vater begraben werden sollten, wurde nicht entsprochen. Sie wurden auf dem Friedhof von Thiais begraben.

Goldsmith wurde sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der anarchistischen Presse mit einer Reihe von Nachrufen und Würdigungen geehrt. Der jüdisch-anarchistische Dichter Scholom Schwartzbard verfasste in der Freie Arbeiter Stimme einen religiös geprägten Nachruf auf sie, während Nestor Machno sie neben Kropotkin als eine der „Titanen des Anarchismus“ einordnete. Emma Goldman, Mollie Steimer und Alexander Berkman trauerten in ihrer Korrespondenz privat um sie. Alexander Berkman versuchte, Geld für die Veröffentlichung von Goldsmiths gesammelten Werken zu sammeln, blieb jedoch letztlich erfolglos. Seine Bemühungen wurden 90 Jahre später von der Black Flag Anarchist Review aufgegriffen, die 2023 eine Auswahl von neun Artikeln Goldsmiths veröffentlichte.

Goldsmith’ Werke wurden während der Säuberungen in der Sowjetunion verbrannt. Die Bibliothèque nationale de France und die Nicolaevsky Collection der Hoover Institution bewahren Briefe von Goldsmith auf. Der Historiker Michael Confino hat ihren Briefwechsel veröffentlicht.

Werke (Auswahl)

Bücher
Essays

Eine ausführliche Aufstellung findet sich in den Weblinks unter der Anarchist Library und CIRA.

Literatur

Commons: Marie Goldsmith – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. ↑ Einige Quellen, darunter die in den Weblinks aufgeführten Maitron und Dictionnaire anarchistes, geben mit Pinega (Archangelsk) einen abweichenden Geburtsort an und nennen als Geburtsdatum 1873. Das Geburtsdatum steht zudem unter dem Vorbehalt, dass es das Datum des alten Kalenders nennt - nach neuem Kalender wäre es der 19. Juli. Die englische Sprachversion geht von den genannten Daten aus, da sie in offiziellen Dokumenten und im Briefwechsel ihres Vaters bestätigt seien.
  2. ↑ Siehe hierzu weiterführend den Artikel Bread and Freedom in der anglophonen Wikipedia.
  3. ↑ Der Titel ist dem Gedicht Pesnya o Burevestnike/Pesńa o Burevestnike von Maxim Gorki entnommen und bedeutet Sturmverkünder. Siehe dazu weiterführend den Artikel Burevestnik (1906) in der englischsprachigen Wikipedia.
  4. ↑ Der russische Anarchist Aleksandr Ge bezeichnete sie spöttisch als Jeanne d’Arc der Dritten Republik.

Einzelnachweise

  1. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 89, 93
  2. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 89 f.
  3. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 90 ff.
  4. 1 2 3 Siehe Literaturliste Hough, S. 92 f.
  5. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 90 f.
  6. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 92
  7. 1 2 3 4 Siehe Literaturliste Ogilvie und Harvey, S. 517
  8. ↑ L’année biologique vom 1. Januar 1903 auf Gallica
  9. ↑ zitiert nach Hough S. 95, siehe Literaturliste
  10. ↑ კომანდო გოგელია. In: National Library of Georgia. Abgerufen am 27. Oktober 2026 (englisch).
  11. ↑ Siehe Literaturliste Avrich, S. 38 f.
  12. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 100 ff.
  13. ↑ Siehe Literaturliste Avrich, S. 76
  14. ↑ Siehe Literaturliste Woodcock und Avakumović, S. 369
  15. 1 2 3 4 Siehe Weblink Le Maitron
  16. 1 2 3 Siehe Literaturliste Hough, S. 94
  17. ↑ David Gillott: Samuel Butler Against the Professionals; Rethinking Lamarckism 1860–1900. Taylor & Francis, 2017, ISBN 978-1-351-55018-5, S. 4.
  18. ↑ David Gillott: Samuel Butler Against the Professionals; Rethinking Lamarckism 1860–1900. Taylor & Francis, 2017, ISBN 978-1-351-55018-5, S. 5.
  19. ↑ Eva Jablonka, Marion J. Lamb: Epigenetic Inheritance and Evolution; The Lamarckian Dimension. Oxford University Press, 1995, ISBN 978-0-19-854062-5, S. 10.
  20. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 91
  21. ↑ Siehe Literaturliste Ogilvie und Harvey, S. 516
  22. 1 2 Siehe Literaturliste Hough, S. 95
  23. ↑ Siehe Literaturliste Avrich, S. 136
  24. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 96 f.
  25. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 97
  26. ↑ Angaben zu Delo Truda in der Datenbank der Bibliothèque nationale de France.
  27. ↑ Siehe Literaturliste Hough S. 95 f.
  28. 1 2 3 4 5 6 Siehe Literaturliste Hough, S. 96
  29. ↑ Siehe Literaturliste Hough, S. 93
  30. ↑ Michael Confino (1926–2010). In: MUSE. Abgerufen am 28. Oktober 2026 (englisch).
  31. ↑ John Slatter: The Correspondence of P. A. Kropotkin as Historical Source Material. In: The Slavonic and East European Review. 1994, JSTOR:4211477.
  32. ↑ Les Théories de l’Évolution auf Gallica
  33. ↑ La parthénogénèse naturelle et expérimentale auf Gallica
  34. ↑ Les Temps nouveaux vom 15. Juli 1919 auf Gallica
  35. ↑ Les Temps nouveaux vom 1. April 1921 auf Gallica
Personendaten
NAME Goldsmith, Marie
ALTERNATIVNAMEN Goldsmith, Maria Isidorovna (Geburtsname); Isidine, Maria (Pseudonym); Korn, Maria (Pseudonym)
KURZBESCHREIBUNG französisch-russische Biologin und Anarchistin
GEBURTSDATUM 7. Juli 1871
GEBURTSORT Sankt Petersburg
STERBEDATUM 11. Januar 1933
STERBEORT Paris