Martin Mulsow

Martin Mulsow (2023)

Martin Mulsow (* 14. Oktober 1959 in Buchholz in der Nordheide) ist ein deutscher Philosoph und Historiker mit Arbeitsschwerpunkt in der Erforschung der frühneuzeitlichen Wissens- und Ideengeschichte. Er war Direktor des Forschungszentrums Gotha der Universität Erfurt und hatte dort den Lehrstuhl für Wissenskulturen der europäischen Neuzeit inne.

Beruflicher Werdegang

Mulsow studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte in Tübingen, Berlin und München. Er wurde 1991 an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Fach Philosophie bei Dieter Henrich promoviert und habilitierte sich dort im Jahr 2000. 2001–2005 war er Leiter eines Teilprojektes am Sonderforschungsbereich 573 an der Universität München, von 2005 bis 2009 (zusammen mit Winfried Schulze und Ulrich Beck) Leiter eines Teilprojektes am Sonderforschungsbereich 536.

Von 2005 bis 2008 hatte er eine Professur für Geschichte an der Rutgers University in New Brunswick, New Jersey (USA) inne. Mulsow war von 2008 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2026 Inhaber der Professur für Wissenskulturen der europäischen Neuzeit an der Universität Erfurt und Direktor des Forschungszentrums Gotha.

2002/3 war er Member des Institute for Advanced Study in Princeton, im Frühjahr 2005 Gastprofessor an der École des hautes études en sciences sociales in Paris, 2007/8 Member des Center for Theological Inquiry in Princeton und 2012/13 Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin, 2016 Visiting Scholar am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, 2017 Fellow am Netherlands Institute for Advanced Study (NIAS) in Amsterdam und 2024/25 Fellow des New Institute in Hamburg.

Leitungsfunktionen

Zusammen mit Jörg Rüpke war Mulsow 2013–2027 Leiter der Kolleg-Forschergruppe „Religiöse Individualisierung in historischer Perspektive“. Ferner gehörte er dem Leitungskomitee des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Barockforschung an, war von 2010 bis 2014 Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des Achtzehnten Jahrhunderts und ist seit 2024 Vorsitzender der AG Frühe Neuzeit im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD).

Mulsow ist Herausgeber und Mitherausgeber verschiedener Buchreihen (Frühe Neuzeit bei De Gruyter, Sozinianismus und Heterodoxie im Franz Steiner Verlag, Humanistische Bibliothek im Fink Verlag/Brill, Gothaer Forschungen zur Frühen Neuzeit im Franz Steiner Verlag), und war langjähriges Mitglied der Redaktion in der Zeitschrift für Ideengeschichte und Beiratsmitglied des Verlags der Weltreligionen.

Preise und Auszeichnungen

Für seine Arbeiten erhielt er verschiedene Preise, unter anderem 1999 den „Premio internazionale di storia della filosofia Luigi de Franco“ für das beste Buch auf dem Gebiet der Renaissancephilosophie, 2004 den Karl Jaspers Förderpreis der Universität Oldenburg und 2005 sowie 2007 den „Selma V. Forkosch prize“, der jährlich für den besten Artikel im Journal of the History of Ideas vergeben wird. 2011 erhielt er den mit 30.000 Euro dotierten Akademiepreis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 2013 wurde ihm der Thüringer Forschungspreis zugesprochen, 2014 erhielt er den Anna-Krüger-Preis des Wissenschaftskollegs zu Berlin für ein hervorragendes Werk in einer guten und verständlichen Wissenschaftssprache. Für 2019–2021 erhielt Mulsow das Opus Magnum Fellowship der Volkswagen-Stiftung.

Seit 2012 ist Mulsow ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, seit 2016 ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und seit 2023 korrespondierendes Mitglied der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften.

Forschungsschwerpunkte

Mulsow betreibt eine interdisziplinäre Frühneuzeitforschung, die als Wissensgeschichte zwischen Ideengeschichte, historischer Anthropologie und Kulturgeschichte angesiedelt ist. Er beschäftigt sich mit Renaissancephilosophie, Praktiken frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit (Philologie, Numismatik, Orientalistik, Antiquarianismus), Wissenschaftsgeschichte (Alchemie, Medizin, Naturphilosophie) und heterodoxen und unterdrückten Strömungen (Sozinianismus, Judentum, Radikalpietismus, Libertinage érudit, clandestine Radikalaufklärung); darüber hinaus mit der Hofkultur des 17. und 18. Jahrhunderts und globaler Ideengeschichte. Zudem ist er Experte für die deutsche Frühaufklärung und für Geheimgesellschaften der deutschen Aufklärung, insbesondere die Illuminaten. Er hat aber auch theoretische Texte zur historiographischen Methodologie und zum Prozess der Moderne verfasst und beschäftigt sich neuerdings mit den Konsequenzen der Klimakrise für die Ideengeschichte.

Konstellationsforschung

Viel beachtet wurde Mulsows Adaption der von Dieter Henrich für die Klassische Deutsche Philosophie entwickelten Konstellationsforschung zu einer generellen ideen- und wissensgeschichtliche Methode. Mulsow definiert eine Konstellation als „dichten Zusammenhang wechselseitig aufeinander einwirkender Personen, Ideen, Theorien, Probleme und Dokumente, in der Weise, dass nur die Analyse dieses Zusammenhanges, nicht aber seiner isolierten Bestandteile, ein Verstehen der philosophischen Leistung und Entwicklung der Personen, Ideen und Theorien möglich macht.“ Er betont insbesondere die unterschiedliche Plotstruktur von Konstellationen, die Einbeziehung von Mündlichkeit und die Problemstruktur des jeweiligen Denkraumes, der auch auf seine nicht verwirklichten Potentiale hin analysiert werden kann, aber auch die Nähe und die Unterschiede zur sozialen Netzwerkforschung und zur Mikrogeschichte.

Untergrundforschung

In Gotha leitete Mulsow längere Zeit eine Graduiertenschule über „Untergrundforschung“. Darunter versteht er eine interdisziplinäre Erforschung jener Personen und Gruppen, die ihre Aktivitäten heimlich und verdeckt ausgeführt haben – nicht nur Freidenker und religiöse Sektierer, sondern auch Spione, Geheimdiplomaten, untergetauchte Vaganten und Kriminelle, Alchemisten oder Homosexuelle, Geheimbündler oder Wirtschaftsbetrüger. Diese Gruppen werden zumeist separat behandelt, die Untergrundforschung interessiert sich hingegen für ihre Überlappungen und Vergesellschaftungsformen, für gemeinsame Räumlichkeiten und Taktiken.

Prekäres Wissen

2012 führte Mulsow den Begriff des „prekären Wissens“ in die Diskussion ein. Der Begriff betont die Verlustseite von Wissen und meint die Gefährdung von Wissensbeständen, entweder durch den Verlust ihrer materiellen Träger oder durch Publikationsverbote und Ausgrenzungen von Personen, die dieses Wissen entwickelt haben, dann aber nicht verbreiten können, so dass es mit ihnen unterzugehen droht. Mulsow interessiert sich dabei insbesondere auch für die Taktiken, die solchen Gefährdungen entgegengesetzt werden, etwa die heimliche handschriftliche Zirkulation von Texten oder das Verstecken von Botschaften in Scherzen oder Fußnoten. Er möchte durch diesen neuen Fokus nicht zuletzt die Forschung zur Radikalaufklärung transformieren, die bisher allein auf Inhalte und Diffusionsformen fokussiert war, nicht aber auf Fragen des Habitus, der sozialen Rolle und der Taktiken. Der Ansatz ist inzwischen in fruchtbarer Weise auch von Mediävisten, Literaturwissenschaftlern („prekäre Literaturen“) und Theologen übernommen worden.

Ökologie der Ideen

In einem Aufsatz von 2014 entwarf Mulsow ein Verständnis der Diffusion von Ideen, das am biologischen Modell des Nahrungsnetzes orientiert ist. Die These darin ist, dass insbesondere für clandestine, verbotene Ideen ein solches holistisches Model notwendig sei, da es nicht reiche, die Beziehungen zwischen den „großen“ Akteuren (wie größeren Tieren; aktiven Freidenkern) zu untersuchen, sondern auch ihre Interaktion mit kleineren und scheinbar passiven oder gegenstrebigen Akteuren (Parasiten, Bakterien im Waldboden; Sammler, orthodoxe Theologen). Objekte und materielle Kultur seien miteinzubeziehen: ein Sammler hortet clandestine Manuskripte, ein Theologie liest sie, um sie zu widerlegen; und erst dadurch würden die Ideen (und ihre materiellen Träger) dann weitertransportiert zu neuen radikalen Denkern, die sie aufgreifen.

Globale Ideengeschichte

„Global Intellectual History“ ist eine seit 2013 im angloamerikanischen Bereich propagierte Ausweitung der traditionellen Ideengeschichte, in der auch Inhalte und Perspektiven außereuropäischer Kulturen eine tragende Rolle spielen, insbesondere intellektuelle Diffusionen, Verbindungen und Verflechtungen zwischen unterschiedlichen Kulturräumen. 2022 hat Mulsow die erste große Monographie in deutscher Sprache dazu vorgelegt, mit zahlreichen methodischen Vorschlägen, etwa dem Konzept der „Überreichweite“ als einer fehlgehenden Referenz unter riskanten Bedingungen der Bezugnahme, die auf falschen oder unzureichenden Informationen („referentiellen Lieferketten“) beruht, oder dem Konzept der „Doppel-Helix“ von Transmissionsgeschichte einerseits (vom realen Ursprung einer Idee, eines Textes oder einer Benennung über verschiedene Stationen bis zur Gegenwart) und Gedächtnisgeschichte andererseits (dem kulturell konstruierten Rückbezug der jeweiligen Rezipienten an den Transmissionsstationen auf das, was sie für den Ursprung des Textes oder den Autor halten).

Intellektuelle Tiefengeschichte

In jüngster Zeit ist Mulsow dabei, eine „Deep Intellectual History“ zu entwickeln, als eine Analyse sehr früher denkgeschichtlicher Prägungen, die bis in die Frühzeit menschlicher Zivilisationen zurückreichen und deren Spuren in späteren Denkstilen verfolgt werden können. Das betrifft so grundlegende Vorstellungen und Praktiken wie die von Gerechtigkeit oder Wahrheit. Die projektierte Disziplin verbindet historische Linguistik, Archäogenetik, Archäologie und Frühgeschichte (im Sinne von Daniel Lord Smails „Deep History“) mit Ideengeschichte und Globalgeschichte.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Monographien

Herausgegebene Werke

Commons: Martin Mulsow – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen

  1. ↑ Katrin Hentzel, Annika Goldenbaum, Dominic Keyßner: Martin Mulsow geht in den Ruhestand. In: Newsletter Forschungscampus Gotha. Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha (FBG), Forschungszentrum Gotha (FZG), Forschungskolleg Transkulturelle Studien/Sammlung Perthes (FKTS/SP), März 2026, abgerufen am 16. April 2026.
  2. ↑ Mulsow: History of Knowledge, in: Marek Tamm und Peter Burke (Hrsg.): Debating New Approaches to History, London 2019, S. 159–173 und 179-187 (dazwischen ein Kommentar von Lorraine Daston).
  3. ↑ Zum Methodenprofil der Konstellationsforschung, in: Martin Mulsow und Marcelo Stamm (Hrsg.): Konstellationsforschung, Frankfurt 2005, S. 74–97.
  4. ↑ Einleitung, in: Martin Mulsow (Hrsg.): Kriminelle – Freidenker – Alchemisten. Räume des Untergrunds in der Frühen Neuzeit, Köln 2014, S. 9–14. Vgl. auch das Review-Symposium: Martin Mulsow’s Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680–1720, Vol. 2: Clandestine Vernunft, in: Global Intellectual History 7 (2022), Issue 1.
  5. ↑ Vgl. Caspar Hirschi: Der Devianz-Ornithologe. Martin Mulsow hat mit seinen Studien über verbrannte Bücher und verbotene Autoren verlorenes Wissen aus dem Untergrund der Archive geborgen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. Dezember 2014, S. N4.
  6. ↑ Vgl. auch das Review-Symposium: Martin Mulsow’s Knowledge Lost, in: History of European Ideas (2025).
  7. ↑ Radikalaufklärung, moderate Aufklärung und die Dynamik der Moderne, in: Jonathan Israel und Martin Mulsow (Hg.): Radikalaufklärung, Berlin 2014, S. 203–233.
  8. ↑ https://www.youtube.com/watch?v=lBTqlRzEoSM&t=1742s
  9. ↑ Wie tief reicht die Begriffsgeschichte? Für eine Deep Intellectual History, in: Archiv für Begriffsgeschichte 62 (2020), S. 237–249.
  10. ↑ https://www.youtube.com/watch?v=jw0loxWaS9o&t=929s
Personendaten
NAME Mulsow, Martin
KURZBESCHREIBUNG deutscher Philosoph
GEBURTSDATUM 14. Oktober 1959
GEBURTSORT Buchholz in der Nordheide