Martin Gray, ursprünglich Mieczysław (Mietek) Grajewski (* 27. April 1922 in Warschau, Polen; † 25. April 2016 in Ciney, Belgien), war ein französisch-US-amerikanischer Schriftsteller und Zeitzeuge polnisch-jüdischer Herkunft. Bekannt wurde er vor allem durch sein autobiografisches Werk Au nom de tous les miens (1971), das in deutscher Sprache unter dem Titel Der Schrei nach Leben erschien und 1983 in Frankreich als Fernsehmehrteiler verfilmt wurde. Das gemeinsam mit dem französischen Schriftsteller und Historiker Max Gallo entstandene Buch machte Gray international bekannt, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und hat die Erinnerungskultur in Frankreich geprägt. Die Darstellung seiner Erlebnisse im Warschauer Ghetto, im Vernichtungslager Treblinka und im Krieg mit der Roten Armee wird bis heute im Hinblick auf die historische Genauigkeit einzelner Aussagen und den Anteil Max Gallos an der literarischen Gestaltung kontrovers diskutiert.

Martin Gray hieß mit bürgerlichem Namen Mietek Grajewski und wurde 1922 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Warschau geboren. Grays Familie gehörte zu den reformierten Juden. Er selbst gibt an, keinen besonderen Bezug zur Religion gehabt zu haben. Seine Eltern Henry/Henoch Grajewski und Ida (Feld) leiteten ein kleines Textilunternehmen für Handschuhe und Strümpfe. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde der Vater als Offizier zur polnischen Armee einberufen. Im Zuge der Besetzung Polens wurde Gray bald Zeuge der nun beginnenden Schoah. Eigenen Angaben zufolge ansässig in der Milastraße 23 im Warschauer Ghetto, organisierte Gray den täglichen Überlebenskampf für seine Mutter und seine noch kleinen Brüder Isaac und Yacob, während der Vater dem örtlichen Judenrat, später auch den Organisatoren des Aufstands des Warschauer Ghettos angehörte. Seinen Memoiren lässt sich entnehmen, wie es ihm auf abenteuerlichen Wegen gelang, ein ausgeklügeltes System der jüdischen Kontrabande auf die Beine zu stellen und in erheblichem Umfang Nahrungsmittel in das hermetisch abgeriegelte Warschauer Ghetto einzuschleusen. Als Drehscheibe des organisierten Schwarzmarkthandels diente ihm dabei die örtliche Straßenbahn, die das Ghetto mit der Stadt verband. Auf diese Weise konnte er in einigen Fällen eigenen Angaben zufolge auch das Kinderheim Janusz Korczaks mit Naturalien versorgen. Das von Gewalt, zunehmenden Razzien und dem täglichen Kampf um das Nötigste geprägte Leben als Schmuggler, in dessen Zuge Gray immer wieder verhaftet wird, kommt zu einem jähen Ende, als er im Spätsommer 1942 bei der beginnenden Liquidierung des Ghettos durch die Nationalsozialisten Zeuge der Verhaftung seiner Mutter und seiner beiden Brüder wird. Freiwillig schließt er sich ihnen an und erlebt mit ihnen die Deportation in das Vernichtungslager Treblinka.
Nach der Ankunft in Treblinka werden seine Brüder und seine Mutter sofort ermordet, während Gray, ausgesondert aufgrund seiner körperlichen Konstitution, verschiedenen Kommandos, schließlich auch dem jüdischen Sonderkommando zugeordnet wird, dem die Beseitigung der Leichen aus den Gaskammern obliegt. In seinen Erinnerungen beschreibt Gray, dass er etwa drei Wochen in Treblinka zubringt, bevor ihm auf spektakuläre Weise die Flucht in einem Eisenbahnwaggon gelingt, in den Wäsche der Ermordeten verladen wurde. Gray kehrt zurück ins Warschauer Ghetto, wo er noch einmal auf seinen Vater trifft, der den Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 mitkoordiniert und vor den Augen des Sohnes von der Waffen-SS erschossen wird. Gray gelingt die Flucht aus dem Ghetto durch die Warschauer Kanalisation und schließt sich auf Umwegen polnischen Partisanen, später der sowjetischen Gegenoffensive an. Schnell macht er Karriere in der Roten Armee und wird eigenen Angaben zufolge im August 1944 zum Offizier der sowjetischen Geheimpolizei NKWD befördert, bevor er schließlich gemeinsam mit den sowjetischen Streitkräften in Berlin einmarschiert. Für seine Tätigkeit im NKWD wird er mit prestigeträchtigen Orden der Roten Armee ausgezeichnet: dem Orden des Roten Sterns, dem Orden des Vaterländischen Krieges und dem Alexander-Newski-Orden. Hochdekoriert, - so zeigt ihn auch eine Aufnahme aus David Duncans biografischem Band aus dem Jahr 1979 -, erlebt er, wie er selbst beschreibt, aus der Perspektive des überlegenen Siegers Wut, Rache und Übergriffe gegenüber einer den Siegern nunmehr ausgelieferten, hilflosen deutschen Bevölkerung, eine Siegerjustiz, von der er sich bald desillusioniert abwendet. Er flieht aus den Reihen der Roten Armee in den US-amerikanischen Sektor in Berlin.
Nach dem Krieg beschloss Gray, zu seiner Großmutter mütterlicherseits nach New York City überzusiedeln. Letzte und einzige Überlebende seiner einst großen Familie, bedeutete ihm seine Großmutter, wie er schreibt, einen letzten Ankerpunkt in seinem Leben. Gray arbeitete sich eigenen Angaben zufolge zum erfolgreichen, schließlich vermögenden Antiquitätenhändler hoch. 1952 wurde er als US-Bürger eingebürgert und nannte sich fortan Martin Gray. In New York machte Gray die Bekanntschaft des niederländischen Mannequins Dina Cult. Das Paar heiratete und ließ sich in Frankreich, in der Provence, nieder. Gray erwarb daraufhin eigenen Angaben zufolge das Grundstück „Les Barons“ in Tanneron, einer Anhöhe über Cannes. Die bald sechsköpfige Familie lebte zurückgezogen einen sehr naturverbundenen Lebensstil, von gelegentlichen Abstechern zum benachbarten Jetset in Cannes abgesehen. Am 3. Oktober 1970 ereignete sich für Martin Gray erneut eine Tragödie. Bei einem Waldbrand des Tanneron kam seine Frau mit den vier gemeinsamen Kindern ums Leben. Gray zog sich zurück und erwog eigenen Schilderungen zufolge, sich das Leben zu nehmen. Der Tod seiner Familie sei der entscheidende Impuls gewesen, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Gray heiratete nach dem Tod Dinas erneut und bekam weitere Kinder. Biografischen Angaben zufolge hatte er insgesamt fünf weitere Kinder aus späteren Ehen.
Gray begann mit dem Schreiben, um seine Erfahrungen weiterzugeben, und gründete die Fondation Dina Gray, eine Stiftung zum Erhalt der Natur und zur Verhinderung von Waldbränden. In den letzten Jahren seines Lebens lebte Gray zeitweise in Belgien. 2013 wurde er zum Ehrenbürger der wallonischen Stadt Ciney ernannt.
Martin Gray starb in der Nacht vom 24. auf den 25. April 2016 in Ciney, zwei Tage vor seinem 94. Geburtstag.
Martin Grays 1971 erschienene Memoiren Au nom de tous les miens wurden mehr als 30 Millionen Mal verkauft und in 26 Sprachen übersetzt.
Im Jahr 1983 wurde Au nom de tous les miens von Robert Enrico für Kino und Fernsehen verfilmt. Die Hauptrollen spielten Michael York, Jacques Penot, Macha Méril und Brigitte Fossey. Die Verfilmung bestand sowohl aus einer Kinofassung als auch aus einer wesentlich längeren Fernsehfassung. Michael York spielte den erwachsenen Martin Gray, Jacques Penot die Figur des jungen Gray. Die Kinofassung erreichte in Frankreich rund 1,38 Millionen Besucher.
Mit Grays wachsendem Ruhm mehrten sich Zweifel an einzelnen autobiografischen Aussagen. Insbesondere die Verfilmung verstärkte Grays Bekanntheit erheblich und führte zugleich dazu, dass die aufkeimende Diskussion um die historische Zuverlässigkeit der Autobiografie des prominenten Zeitzeugen öffentlich hitzig ausgetragen wurde.
Die Einwände richteten sich insbesondere gegen die Darstellung seines Aufenthalts im Vernichtungslager Treblinka, die Schilderung seiner Flucht und gegen einzelne Angaben zu seinen Aktivitäten im polnischen Widerstand. Der polnische Widerstandskämpfer Wacław Kopisto erklärte in einem Interview 1990 in der polnischen Tageszeitung Nowiny Rzeszowskie (Rzeszów News), Grajewski, respektive Gray, sei entgegen dessen Angaben nie Mitglied der polnischen Partisanengruppe gewesen, der auch er, Kopisto, angehört habe.
Martin Gray machte es interessierten Lesern und Kritikern nicht leicht, da er künstlerische Freiheiten und Ungereimtheiten in seinen Memoiren selten korrigierte oder kommentierte. So weisen etwa bereits seine Lebensdaten Unstimmigkeiten auf. Gray gab an, am 27. April 1945, dem Tag des Einmarschs mit der Roten Armee in Berlin, 19 Jahre alt geworden zu sein. Er wäre demnach also am 27. April 1926 zur Welt gekommen, hingegen wurde Gray im Jahr 1922 geboren. Folglich konnte Martin Gray, anders als in seinen Erinnerungen angegeben, bei Hitlers Überfall auf Polen nicht 14 Jahre alt gewesen sein, vielmehr war er bereits 17 Jahre alt. Gray räumte in seiner späteren Rückschau ausdrücklich ein, dass er Orte und Daten verwechselt haben könne.
Die offensichtlichen Ungereimtheiten riefen bereits in den 1970er Jahren eine Kritikerin auf den Plan, die Martin Gray öffentlichwirksam denunzieren und damit sein gesamtes Werk infrage stellen sollte. Gitta Sereny, britische Journalistin mit deutsch-ungarischen Wurzeln, wurde zwischen den 1970er und 1990er Jahren durch aufsehenerregende Publikationen über die NS-Täter und Rüstungsminister Albert Speer und Franz Stangl, dem NS-Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, mit denen sie über Wochen und Monate ausführliche Interviews führte, zur international viel beachteten Vorzeigeintellektuellen der frühen NS-Erinnerungskultur. Ihre damals bahnbrechenden, durchaus eigenwilligen Arbeiten folgen mehr noch als historischen, insbesondere psychologischen Prämissen und Beobachtungen.
Gitta Sereny beurteilte Grays Erinnerungen harsch als „Wasser auf den Mühlen der Neonazis“ und sprach ihm als Zeitzeugen jegliche Seriosität ab. Sereny unterstellte Martin Gray, respektive Max Gallo eine fiktionale Überformung seiner autobiografischen Erinnerungen. So sei Grays Buch „ein Mischmasch aus Wahr und Falsch, der sowohl die Toten als auch die Lebenden verleumdete“, „um einiges schlimmer“ als von „professionellen Ghostwritern“ und Lektoren für den Lesermarkt konfektionierte „persönliche“ Erfahrungsberichte. Sereny gab an, Max Gallo persönlich habe ihr gegenüber erklärt, er habe ein längeres Kapitel über Treblinka benötigt, weil das Buch etwas Starkes gebraucht habe, um die Leser zu gewinnen.
Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass Gitta Sereny lediglich ihr Augenmerk auf eine Tatsache gerichtet hatte, die Martin Gray zu keinem Zeitpunkt unterschlagen hatte, dass seine Memoiren durch den französischen Historiker und Journalisten Max Gallo verfasst worden waren – eine Tatsache, die von der Erstausgabe an auf jedem Buchcover seiner Erinnerungen vermerkt steht.
So wies Gallo auch Serenys Anschuldigungen mit Nachdruck zurück. In seiner 1983 in Le Monde veröffentlichten Stellungnahme erklärte er, Sereny habe ihm Äußerungen zugeschrieben, die er nicht anerkenne. Zugleich bestätigte er seine maßgebliche Beteiligung an der Entstehung des Buches: Er habe 1970/71 die Erinnerungen Grays aufgenommen und Au nom de tous les miens mit ihm verfasst, wobei er nach eigener Aussage sowohl seinen Beruf als Historiker als auch seine „vocation de romancier“ eingesetzt habe. Gallo verwies zudem darauf, dass seine Beteiligung bereits auf dem Buch selbst als „propos recueillis par Max Gallo“ kenntlich gemacht und seine Arbeitsweise im Vorwort erläutert worden sei.
Schließlich will Gitta Sereny, eigenen Angaben zufolge, darüber hinaus Martin Gray bei einer Lesung des Autors damit persönlich konfrontiert haben, dass dieser „offensichtlich weder in Treblinka gewesen noch aus dem Lager geflohen“ sei. Auf die Anschuldigung habe Gray nach Serenys Darstellung lediglich erwidert: „But does it matter? Wasn't the only important thing that Treblinka did happen, that it should be written about …“
Die damalige Kontroverse ist dabei nicht nur durch die späteren Darstellungen der Beteiligten dokumentiert. Le Monde veröffentlichte neben Gallos Stellungnahme auch eine unmittelbare Gegendarstellung Martin Grays vom 12. Dezember 1983. Gray bestritt darin, seinen Aufenthalt in Treblinka erfunden zu haben, verwies auf Zeugen aus dem Warschauer Ghetto und aus Treblinka und kritisierte, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in der öffentlichen Berichterstattung wiederholt worden seien, ohne ihm selbst Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.
Neuere Arbeiten legen nahe, dass Gitta Sereny mit ihren Anfechtungen über das Ziel hinausschoss, in ihrem Argwohn und ihrer Missbilligung gegenüber Gray einem bereits vorgefassten Urteil erlag und ein Bild des ihr nicht genehmen Holocaustbiografen Martin Gray zeichnete, das sie für sich bereits im Vorfeld ihrer Recherchen von ihm entworfen hatte. Auch ihre Täter-Biographie über Albert Speer (1995) wird heute kritisch gesehen, zu dem sie wie schon vorher zum Treblinka-Kommandanten Franz Stangl (1979) eine zu große, von persönlicher Faszination nicht freie Nähe aufgebaut hatte. Der Historiker Magnus Brechtken wies Sereny in seiner umfassenden Speer-Darstellung von 2017 nach, unsauber auf der Basis einer confirmation bias, eines Bestätigungsfehlers, gearbeitet und all das ausgelassen zu haben, was nicht in ihr vorgefasstes, positiv überformtes Speer-Bild gepasst habe.
Martin Gray irritierte Sereny in den 1980er Jahren wohl durch die Tatsache, als Treblinka-Überlebender dort mit der eigenen Erinnerungsgeschichte öffentlich und verlegerisch erfolgreich aufzutreten, wo Sereny für sich selbst Deutungshoheit beanspruchte. Brechtken attestiert Sereny mit ihren Recherchen zur NS-Vergangenheit ein „Mittelpunktsbedürfnis“. Gitta Sereny nahm ihre grundlegenden Vorwürfe gegen Martin Gray zeitlebens nicht zurück. Ihre Vorbehalte und grundlegenden Zweifel an der Authentizität von Grays Darstellung blieben explizit Bestandteil ihrer Darstellung in The German Trauma. Die Vorwürfe trugen dazu bei, Grays Reputation als Zeitzeuge öffentlich zu diskreditieren.
Im November 1983 übernahm der französische Historiker Pierre Vidal-Naquet die von Gitta Sereny vertretene These, Gray sei nicht in Treblinka gewesen, und bezeichnete Au nom de tous les miens als „pseudo-témoignage“. Insbesondere Grays Angaben über die Flucht aus dem Vernichtungslager hielt Vidal-Naquet für widersprüchlich und unglaubwürdig. Der Historiker überprüfte in der Folge weitere Unterlagen und Zeugenaussagen. Am 30. Januar 1984 veröffentlichte er in der Zeitung Le Monde seinen korrigierten Standpunkt. Damit nahm Vidal-Naquet seine ursprünglichen Zweifel an Grays Anwesenheit in Treblinka zurück; er erklärte, die inzwischen überprüften Zeugnisse sprächen dafür, dass Martin Gray in Treblinka und im Warschauer Ghetto gewesen sei, und entschuldigte sich für seine frühere Einschätzung. Gray bestätigte die Richtigstellung Vidal-Naquets in einer späteren Rückschau auf die Kontroverse. In einer Äußerung vom Februar 1985 erklärte Vidal-Naquet ferner gegenüber dem französischen Soziologen und Publizisten Serge Thion, sich in der Frage bereits geirrt zu haben und sich daher zu der Angelegenheit künftig nicht mehr äußern zu wollen.

Die hartnäckigen Einlassungen seiner Kritiker stellten Martin Grays Zeugenschaft teilweise in einen Zusammenhang mit Fällen fingierter oder literarisch stark überformter Holocaust-Erinnerungen, wie sie insbesondere durch die spätere Debatte um das sogenannte Wilkomirski-Syndrom bekannt wurden. So ordnete der Literaturwissenschaftler Alexandre Prstojevic noch 2010 Au nom de tous les miens auf gleicher Stufe mit Jean-François Steiners Treblinka und Misha Defonsecas Survivre avec les loups jenen Texten zu, die an der Grenze zwischen Zeugnis und literarischer Fiktion stehen und Zweifel an der Authentizität der Autoren und ihrer geschilderten Erlebnisse aufkommen lassen.
Martin Gray erklärte selbst mehrfach, seine Erinnerungen keineswegs damals in einer Tagebuch-ähnlichen Form niedergeschrieben zu haben. Er räumte ein, in der Rückschau Orte und Daten verwechselt haben zu können, betonte aber zugleich, dass er seine Geschichte Max Gallo vollständig erzählt und Gallo sie für die Veröffentlichung literarisch geordnet habe. Gray wollte zeitlebens seine autobiografischen Erinnerungen nicht als eine historische Untersuchung, sondern als das authentische Zeugnis eines Zeitzeugen der Schoah verstanden wissen, der seine persönliche Geschichte öffentlich macht. In seiner späten Publikation Ma vie en partage unterstrich er noch einmal explizit, er habe nicht als Historiker schreiben wollen, sondern als Zeuge dessen, was er gesehen und erlebt habe.
Die Diskreditierung und Skandalisierung der an bestimmten Stellen romanesk verdichteten Lebenserinnerungen des Holocaustüberlebenden Gray durch Max Gallo erscheint heute aus zunehmender Distanz verkürzt, unausgewogen und wird der Komplexität der historischen und öffentlichen Person Martin Gray nicht gerecht. Gray wollte sich Gehör verschaffen als ein Zeitzeuge, ein Überlebender der Schoah, der retrospektiv die fundamental gegenmenschliche Welt des Nationalsozialismus aus der Perspektive des Opfers beschrieb, eines Menschen, der das Vernichtungslager Treblinka als buchstäbliche Hölle authentisch erinnert und phänomenologisch, aber gerade nicht mit empirischer Akribie erfassen und einordnen konnte und wollte.
« Je n'écris pas, je crie. »
„Ich schreibe nicht, ich schreie“, äußerte er 2004 in einem Interview.
Eben diese Perspektive des überlebenden und mahnenden Zeitzeugen in seinen Memoiren eingenommen zu haben, nicht die des exakt recherchierenden Historikers, das bestätigte Martin Gray noch einmal mit Nachdruck am Ende seines Lebens in einem langen, letzten Interview mit der kanadischen Autorin Mélanie Loisel aus dem Jahr 2014:
J'ai répondu à toutes les insinuations faites à mon égard en présentant des témoignages de survivants ou de proches qui étaient avec moi lors des drames qui ont frappé ma vie. Après des années, je veux toutefois dire que quelque chose est vrai dans les accusations. Mon livre, Au nom de tous les miens, n'est pas un journal tenu au jour le jour à Treblinka, dans les forêts de Pologne et dans le ghetto insurgé de Varsovie. Je n'étais qu’un adolescent à l’époque. Mes souvenirs, ils sont inscrits dans ma chair ; pas dans les papiers des archives. C’est vrai que j'ai pu confondre des lieux et des dates. Vrai aussi que j'ai raconté toute mon histoire à Max Gallo et qu'il a dû recomposer le livre pour qu’il soit lu. Il l’a d'ailleurs signalé dans sa préface. Il n'a rien changé à la vérité ; il a seulement modifié parfois l’ordre des mots. Je ne le regrette pas. Je ne voulais pas faire œuvre d'historien […]; je voulais seulement témoigner, faire connaître. Mon témoignage existe maintenant dans des millions de cœurs. Parce que mon livre est porteur de vérité et d'émotions.
In deutscher Übersetzung:
„Es ist wahr, dass ich Orte und Daten verwechselt habe. Wahr ist auch, dass ich Max Gallo meine vollständige Geschichte erzählt habe und er das Buch neu zusammenstellen musste, damit es gelesen werden konnte. Darauf hat er auch in seinem Vorwort hingewiesen. Er hat nichts an der Wahrheit geändert; nur manchmal hat er die Reihenfolge der Wörter verändert. Ich bereue das nicht. Ich wollte kein Historiker sein [...]; ich wollte nur Zeugnis ablegen, bekannt machen.“
Im Jahr 1978 reichte Martin Gray bei der zentralen Datenbank der Holocaustopfer von Yad Vashem Zeugnisblätter („Feuilles de Témoignage“) für seine in der Schoah ermordeten Eltern und Brüder ein. In den Einträgen für seinen Vater Henry (Henoch) Grajewski–Grynberg (ID 722275), seine Mutter Ida Grajewski–Grynberg (ID 1978987), seine jüngeren Brüder Jacob Grajewski–Grynberg (ID 1978910) und Isaac Grajewski–Grynberg (ID 1444310) ist Gray jeweils als Sohn („fils“) oder Bruder („frère“) des Verstorbenen und als Einreicher vermerkt.
Am 7. Februar 2014 besuchte Martin Gray im Alter von 92 Jahren die Ausstellung zum Warschauer Ghetto der Shoah-Gedenkstätte „Mémorial de la Shoah“ in Paris, wo er sich auf einer der zentralen Aufnahmen der Ausstellung wiedererkannte, einer Fotografie, die im Jahr 1941 im Warschauer Ghetto aufgenommen worden war. Die von dem deutschen Wehrmachtsfotografen Willy Georg angefertigte Fotografie zeigt eine Gruppe jüdischer Männer, die vor dem deutschen Fotografen ihre Hüte abnehmen; Martin Gray ist als junger Mann links im Hintergrund zu sehen. Die Fotografie ist online beim Mémorial de la Shoah gelistet und abrufbar.
Die chronologische Folge der französischen Veröffentlichungen entspricht der von Gray dokumentierten Bibliografie und wird durch bibliografische Kataloge ergänzt. Bei einzelnen älteren Titeln existieren unterschiedliche Angaben zu Erscheinungsjahr und ISBN; in der Liste sind nach Möglichkeit die Angaben der jeweiligen französischen Ausgabe verwendet.
Der Schrei nach Leben ist die deutsche Ausgabe von Au nom de tous les miens, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden die deutsche Ausgabe von Le Livre de la Vie, Wie ein Baum gepflanzt an Wasserbächen die deutsche Ausgabe von Les Forces de la vie, Wörterbuch des Lebens die deutsche Ausgabe von Le Nouveau Livre und Licht am Ende der Nacht die deutsche Ausgabe von La Vie renaîtra de la nuit.
Film und Fernsehen: Au nom de tous les miens. Regie: Robert Enrico, Frankreich 1983. Verfilmung von Grays Erinnerungen mit Michael York als erwachsenem und Jacques Penot als jungem Martin Gray. Neben der Kinofassung entstand eine längere Fernsehfassung.
Comic: Patrick Cothias (Text), Paul Gillon (Zeichnungen): Au nom de tous les miens. Glénat / Robert Laffont, Paris 1986–1987, zwei Bände: Les Fourmis (1986, ISBN 2-7234-0650-4) und Les Renards (1987, ISBN 2-7234-0831-0). Die deutsche Ausgabe erschien 1988 bei Comicplus+ in zwei Bänden unter den Titeln Die Ameisen ISBN 3-924623-27-9 und Das Ghetto ISBN 3-924623-35-X.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Gray, Martin |
| ALTERNATIVNAMEN | Grajewski, Mieczysław; Grajewski, Mietek |
| KURZBESCHREIBUNG | französisch-US-amerikanischer Schriftsteller und Zeitzeuge |
| GEBURTSDATUM | 27. April 1922 |
| GEBURTSORT | Warschau, Polen |
| STERBEDATUM | 25. April 2016 |
| STERBEORT | Ciney, Belgien |