
Mary Varale, geboren als Maria Giovanna Gennaro (geb. 24. Juni 1895 in Marseille; gest. 9. Dezember 1963 in Genua), war eine italienische Bergsteigerin und Kletterin. Varale gehörte in ihrer Zeit zur europäischen Kletterelite, ihr gelangen eine hohe Zahl von Erstbegehungen, ersten Frauenbegehungen und ersten Wiederholungen schwerster Kletterrouten. Sie führte viele Touren und hat auch etliche im Alleingang bewältigt. Ihr Engagement hat wesentlich zur Entwicklung des Alpinismus in der Grigna beigetragen, sie hat den jungen Kletterern dieses Gebiets Kletter- und Sicherungstechniken beigebracht. Varale gilt als Pionierin des italienischen Frauenalpinismus. 1935 trat sie aus Protest gegen die frauenfeindliche Politik des von der Faschistischen Partei kontrollierten italienischen Alpenvereins aus dem CAI aus, danach gibt es keine dokumentierten Begehungen mehr von ihr.
Varale wurde 1895 in Marseille als Maria Giovanna Gennaro in einfache Verhältnisse geboren, ihre Mutter war Köchin, ihr Vater Anstreicher. Ihre Mutter stammte aus einem kleinen Dorf in der Provinz Mantua, ihr Vater kam aus Turin. Als Varale drei Jahre alt war, zogen ihre Eltern mit ihr und ihrem 5 Jahre alten Bruder nach Mailand. Varale war eine ganz andere Erscheinung als die typische Dame der Mailänder Bourgeoisie. Nachdem sie das Klettern entdeckt hatte, wagte sie es in der Stadt Hosen zu tragen, auf der Straße zu rauchen und ihrem Hund hinterherzupfeifen – wie ihre Enkelin berichtete. Ab etwa 1924 nannte sie sich Mary.
Sie heiratete 1933 den Sportjournalisten Vittorio Varale. Dieser hatte vor seiner Begegnung mit Mary vor allem über Radsport berichtet. Nach der Heirat wurde Vittorio Varale zu einem der wichtigsten Chronisten des „Zeitalter des Sesto Grado“. Dies ist die Zeit im Alpinismus, in der der sechste Schwierigkeitsgrad erobert wurde und bis dahin unkletterbare Routen erstbegangen wurden. Durch Mary begann auch Vittorio Varale mit dem Klettern und beide wurden zu einem untrennbaren Duo.
Varale wurde als sehr humorvolle und lustige Person beschrieben. Sie war für jeden Scherz zu haben; es gibt Fotos, in denen sie über die Mauer einer Schutzhütte hinaufkletterte und sich von einem Balkon abseilte. Sie muss aber auch eine selbstbewusste Frau gewesen sein, die Ungerechtigkeiten nicht hinnehmen wollte, dies ist sichtbar in ihrer Reaktion auf die Erstbegehung im Cimon della Pala (siehe unten). Varale begeisterte sich auch für die Faschistische Partei, so trug sie 1931 mit Freunden ein riesiges Liktorenbündel zu Ehren der Faschisten auf den Gipfel des Torrione Costanza in der Grigna.
Außer ihrer Tourenliste, einigen Briefen und wenigen Artikeln hinterließ Varale kaum schriftliche Dokumente.
Varale erkrankte in ihren späteren Jahren an rheumatischer Arthritis, die ihr zunehmend die Bewegungsfähigkeit raubte. Zudem erlitt sie einen Schlaganfall, danach war sie halbseitig gelähmt und an einen Rollstuhl gefesselt und konnte nur eingeschränkt sprechen. Ihr Mann pflegte sie und war die ganze Zeit an ihrer Seite. Das Paar zog in sein Ferienhaus in Bordighera an der ligurischen Riviera. Sie starb im Dezember 1963 in Genua.

Varale gehörte in ihrer Zeit zur europäischen Kletterelite, sie wurde wegen ihrer Kletterfähigkeiten schon zu Lebzeiten eine Legende. Ihr gelangen eine beeindruckende Zahl von Erstbegehungen, ersten Frauenbegehungen und ersten Wiederholungen. Sie beherrschte den sechsten Schwierigkeitsgrad beim Klettern im Gebirge, das damals als der schwierigste mögliche galt. Besonders hervorzuheben ist, dass sie viele Touren führte oder im Alleingang bewältigte – dies war zu ihrer Zeit für eine Frau sehr ungewöhnlich. Varale kletterte auch sehr gerne mit Frauen, Frauenseilschaften waren damals noch ungewöhnlicher. Ihr Problem war aber, gleichwertige Partnerinnen zu finden. In der Wienerin Emmy Eisenberg hatte sie eine solche gefunden. Mit Emmy Eisenberg und Emilio Comici bestieg sie die Guglia de Amicis im Cadore. Nach der Tour soll Comici laut Severino Casara geäußert haben, dass „zwei Frauen gemeinsam jedes Hindernis überwinden“. Eine andere gelegentliche Kletterpartnerin war die Südtirolerin Paula Wiesinger, der sie 1931 ein Porträt in der Zeitschrift Lo Sport Fascista widmete. Vittorio Varale schrieb 1934 ebenfalls einen Artikel über Wiesinger.
Varale hatte eine beeindruckende Tourenliste: zwischen 1924 und 1935 sind 217 Begehungen und Besteigungen dokumentiert; viele davon in den damals höchsten Schwierigkeitsgraden. Sie wurde die „Dame aus Mailand“ genannt, sie trat gerne mit Kopftuch und einer roten Joppe auf, diese wurden ihre Markenzeichen.
1924 trat Varale in den CAI, den italienischen Alpenverein, ein. Im gleichen Jahr machte sie ihre erste Tour in die Alpen; sie bestieg den Ortler über die Normalroute und stieg über den Hintergrat ab. Im selben Jahr folgten die Königsspitze, der Cevedale und mehrere Gipfel im Monte-Rosa-Gebiet. Ebenfalls 1924 machte Varale mehrere klassische Hochgebirgsbesteigungen darunter die Lyskamm-Überschreitung, die Vincent-Pyramide, die Parrotspitze sowie Dufourspitze und Gnifetti. Im darauf folgenden Sommer lernte sie Tita Piaz kennen und unternahm mit ihm ihre erste richtige Klettertour, den Winklerriss am Winklerturm. Durch Piaz lernte sie Sicherungs- und Abseiltechniken, er wiederum war von ihrem Mut, ihren athletischen Fähigkeiten und ihrem technischen Können beeindruckt. Piaz wollte ihr nicht glauben, dass der Winklerriss ihre erste Klettertour war. Auch ein Jahr später wollte Piaz noch ihren Mut testen. Er forderte sie auf, sich im Dülfersitz über eine überhängende Wandstelle abzuseilen – was Varale ohne zu zögern tat. Sie bekannte später, dass ihr mulmig zumute war, sie dies vor Piaz aber nicht zugeben wollte. 1925 unternahm Varale auch einige Klettertouren in der Sellagruppe und im Rosengarten.
Ab 1926 war Varale häufig zum Klettern in der Gebirgsgruppe Grigna in den Bergamasker Alpen. Ihre Touren trugen zu der Entwicklung des Alpinismus in diesem Gebirge maßgeblich bei. Sie brachte die Klettertechniken, die sie aus den Dolomiten kannte, in die Grigna. Varale stellte ihren jungen Kletterfreunden aus Lecco den bekannten Bergsteiger Emilio Comici vor. Diesem gelangen dort in der Folge mehrere schwierige Erstbegehungen, viele davon zusammen mit Varale. Nach ihrem Tod 1964 wird in einem Nachrauf in den Notiziario CAI di Lecco auf diese Vermittlerrolle hingewiesen und darauf, dass der Alpinismus in der Grigna ohne sie niemals ein so hohes Niveau erreicht hätte. In der Grigna war sie es, die Seilschaften führte und damit jungen Kletterern das Gebirgsklettern beibrachte, so z. B. in der Sigaro Dones, in der Spigolo Dorn ai Magnaghi und der Spigolo del Cecilia. Die jungen Kletterer wie Riccardo Cassin, Mario Dell’Oro, Vittorio Ratti oder Germano Vitali lernten von Varale die notwendigen Techniken und Kenntnisse, was sie später zu guten und bekannten Kletterern werden ließ.
1927 war sie alleine in der Grigna unterwegs und machte solo den Segantini-Grat, den Campaniletto und die Fasana-Wand am Pizzo della Pieve. In der Grigna eröffnete sie mit Riccardo Cassin und Mario Dell’Oro einige der heute berühmtesten schwierigen Routen; so die Mary an der Angelina (1931), die Cassin ihr gewidmet hat, die Fungo-Südkante (1932), die Angelina-Westwand (1932) oder die Torre-Costanza-Ostwand (1933).

Am 8. September 1933 gelang Varale zusammen mit Emilio Comici und Renato Zanutti die Erstbegehung der Gelben Kante (UIAA VI, 350 m) an der Kleinen Zinne. Die Gelbe Kante ist ein senkrechter Dolomitsteinpfeiler mit exponiertem Anstieg; sie folgt am Beginn der südwestlichen Kante, weicht aber in der Mitte in die Wand aus. Der Erfolg dieser Erstbesteigung sei vor allem Varale zu verdanken, so Comici. Sie habe Teile der Route geführt, sei somit als Erste im Seil vorangegangen und habe die Seilpartner in den schwierigen Passagen angespornt und zum Weitergehen motiviert. Insbesondere war es Varale, die die Schlüsselstelle der Tour im Vorstieg überwunden hatte und damit den Erfolg der Erstbegehung sicherte. Zanutti wiederum schwärmte von der körperlichen Ausdauer, der guten Technik und der Umsicht dieser „leidenschaftlichen und kühnen Felskletterin“, der es gelungen sei, „sich eine Spitzenstellung im Alpinismus zu erobern“. Adolf Göttner, dem zusammen mit Ludwig Schmaderer die zweite Begehung gelang, schrieb an Varale: „Für Ihre Begehung möchte ich Ihnen die tiefste Bewunderung und mein Staunen aussprechen“. Auch heute noch ist die Route beliebt und häufig begangen, da sie über eine konstante Schwierigkeit und eine perfekte Linie verfügt.
Die Erstbegehung der Direttissima an der Südwestwand des Cimon della Pala am 6. September 1934 von Varale zusammen mit Alvise Andrich und Furio Bianchet gehört zu den großen Leistungen im Alpinismus. Die Route hat vorwiegend den 5. Schwierigkeitsgrad und einige Stellen im 6. Schwierigkeitsgrad, damals an der Grenze des Machbaren. Dieser Route und ihren Erstbegehern blieb laut Samuele Doria vor allem aus offensichtlichen frauenfeindlichen Gründen die Anerkennung verwehrt. Das CONI (Comitato Olimpico Nazionale Italiano) hatte auf Empfehlung des CAI zwei Medaillen für alpine Leistungen nicht an die Bergsteiger Andrich und Bianchet für ihre Begehung vergeben, sondern an zwei Kletterer, die Varale für weit weniger verdienstvoll hielt. Vor der Begehung des Cimon della Pala mit Varale stand Andrich auf der Kandidatenliste, nachher nicht mehr. Sie drückte dies klar in einen Brief an den Präsidenten der CAI-Sektion Belluno aus und trat im folgenden aus dem CAI aus.
Nach ihrem Austritt aus dem CAI hören die dokumentierten Einträge in ihrer Tourenliste auf. Es ist unklar, ob der CAI diese nicht mehr dokumentierte oder Varale dies verhinderte. Die Südwestwand des Cimon della Pala sollte Varales letzte bekannte Erstbegehung im sechsten Grad sein. Vielleicht gab es danach noch weitere wesentliche Begehungen, doch sie selbst wollte wohl davon keinerlei Spuren hinterlassen.
Varale durchstieg auch viele Wände im Alleingang, so z. B. stieg sie solo auf die Kleine Zinne und durch die Nordwand des Pizzo della Pieve. In der Zeitschrift Illustrazione Italiana Sportiva wurde 1936 ein Artikel von ihr mit dem Titel All’ora del tè nel camino Zsigmondy publiziert, in dem sie auch über das Glück, alleine zu klettern, schreibt: „Ich bevorzuge die Einsamkeit und Stille. Ich spüre und genieße das Glück beim Klettern. Ich könnte schnell gehen; das Auge entdeckt die geeignetsten Griffe rasch: der Körper gehorcht unmittelbar dem Willen, doch ich ziehe es vor, langsam zu gehen. Ich setze die Hand auf den Fels, der noch warm ist von der Sonne, die seit dem Morgen auf ihn scheint. Ich zögere bei den Griffen. Ich wähle die höchsten, strecke den Arm lange nicht hin, ich dehne mich ganz, noch eine kleine Anstrengung. Der Griff ist erreicht. Der Körper folgt vorsichtig, in schönem Abstand zum Felsen. Dieses Spiel der Balance, die Sicherheit, ganz Herr über sich selbst zu sein und sein Leben in der Hand zu haben, um es unversehrt zum Gipfel zu bringen, die Beherrschung der eigenen Nerven, erzeugen ein tiefes und unbeschreibliches Glück.“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Varale, Mary |
| ALTERNATIVNAMEN | Gennaro Varale, Mary; Gennaro, Maria Giovanna (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | italienische Bergsteigerin und Kletterin |
| GEBURTSDATUM | 24. Juni 1895 |
| GEBURTSORT | Marseille |
| STERBEDATUM | 9. Dezember 1963 |
| STERBEORT | Genua |