Masel Tov Cocktail

Film
Titel Masel Tov Cocktail
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch, Russisch
Erscheinungsjahr 2020
Länge 30 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie Arkadij Khaet,
Mickey Paatzsch
Drehbuch Arkadij Khaet,
Merle Teresa Kirchhoff
Produktion Christine Duttlinger,
Ludwig Meck,
Lotta Schmelzer
Musik Andreas Skandy
Kamera Nikolaus Schreiber
Schnitt Tobias Wieduwilt
Besetzung

Masel Tov Cocktail (jiddisch Masel tov für „Viel Glück“ und Cocktail, als Andeutung auf den Molotowcocktail) ist ein Film von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, der im Januar 2020 beim Filmfestival Max Ophüls Preis erstmals gezeigt wurde. Der Film wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis, dem Grimme-Preis und im Rahmen des Unabhängigen FilmFests Osnabrück.

Handlung

Dimitrij Liebermann, der Sohn russischer Einwanderer und Schüler an einem Gymnasium, ist Jude. Freunde und Mitschüler nennen ihn nur kurz „Dima“. Er hat seit einiger Zeit eine Freundin, doch Michelle ist keine Jüdin. Seine Mutter, eine Klavierlehrerin, schaut am liebsten einen der 23 russischen Sender, die ihre Satellitenanlage empfängt. Als ihn sein Mitschüler Tobi auf der Schultoilette mit seiner Beschneidung provoziert und ihm erklärt, dass man Juden wie ihn früher vergast hätte, während er den Sterbevorgang mit vollem körperlichem Einsatz imitiert, schlägt Dima ihn mitten ins Gesicht, der daraufhin zu Boden fällt und sich die Nase bricht. Er wird für eine Woche von der Schule verwiesen.

Dimitrij tut sein Ausraster nicht wirklich Leid. Als sein Vater von dem Schulverweis erfährt, droht er, ihn nicht an der Abifahrt teilnehmen zu lassen, wenn er sich nicht bei Tobi entschuldigt.

Dima spricht im Film immer wieder direkt in die Kamera und führt den Zuschauer durch seine Wohngegend im Ruhrpott. Er erklärt, warum seine Familie überhaupt nach Deutschland durfte: ab 1991 durften Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik einreisen, zur Erneuerung des jüdischen Lebens in Deutschland. Zudem erklärt Dima dem Zuschauer, dass Kaufhof von Leonhard Tietz, mit einem jüdischen Hintergrund, gegründet und „Tempo“ von Oskar und seinem Bruder Emil Rosenfelder erfunden wurde, ebenfalls beide Juden, aber auch, dass der „Hugo-Boss“-Gründer Hugo Ferdinand Boss ein Nazi war.

Nachdem Dima seinen Opa von einem AfD-Infostand wegholt, der aber mit völligem Unverständnis reagiert, läuft Dima wütend weiter und stürzt. Er fällt Tobi direkt vor die Füße, der gerade dabei ist, als Strafe für seine Beleidigung Dimas auf der Schultoilette Stolpersteine auf dem Gehweg zu putzen. Dima will die Gelegenheit nutzen, schafft es aber nicht wirklich, sich bei Tobi zu entschuldigen. Als der ihn abermals provoziert und die Blumen in Andenken an Dimas verstorbene „Verwandte“ neben die Stolpersteine legt, kann sich Dima nicht zurückhalten. Diesmal schlägt er Tobi nicht nur, er tritt zu.

Produktion

Filmstab

Der Film wurde von der Filmakademie Baden-Württemberg, dem SWR und Arte produziert. Regie führten Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch. Gemeinsam mit seiner Freundin Merle Teresa Kirchhoff schrieb Khaet auch das Drehbuch. Sie wollten die Geschichte des Films aus einer subjektiven, jüdischen Perspektive erzählen. Khaet und Paatzsch lernten sich während ihres Bachelor-Studiums Film und Fernsehen in Köln kennen und realisierten seitdem immer wieder zusammen Drehbücher und führten gemeinsam Regie. Khaet begann später sein Studium der Spielfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg, Paatzsch schließt sein Studium der Philosophie an der Universität zu Köln ab.

Besetzung

Das offizielle Filmplakat von Masel Tov Cocktail

Die Hauptrolle von Dimitrij ‚Dima‘ Liebermann übernahm der Nachwuchsschauspieler Alexander Wertmann, der mit Masel Tov Cocktail sein Spielfilmdebüt gibt. Wertmann studiert an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. Nach eigenen Aussagen konnte er sich gut mit seiner Rolle identifizieren. „Da ist jetzt endlich mal eine Perspektive gezeigt, die erklärt, wie ich mich fühle als Jude in Deutschland.“

Mateo Wansing Lorrio spielt im Film Tobi. Liudmyla Vasylieva übernahm die Rolle von Dimas Mutter, Vladislav Grakovskiy spielt seinen Vater und Moisej Bazijan seinen Opa. Die Rolle von Dimas Freundin Michelle übernahm Gwentsche Kollewijn, Steffen C. Jürgens spielt den Rektor von Dimas Schule und Dimitri Tsvetkov Dimas Cousin Vlad. In weiteren Rollen sind Luke Piplies als Dimas Mitschüler Marcel, Isabella Leicht als Tobis Mutter, Masud Akbarzadeh als der Falafel-Verkäufer und Petra Nadolny als Dimas Lehrerin Frau Jachthuber zu sehen.

Dreharbeiten

Die Dreharbeiten fanden im Sommer 2019 statt. Als Kameramann fungierte Nikolaus Schreiber. Im Film werden Mitschnitte von thematisch passenden Reden verwendet, so als der Komiker Jonny Buchardt beim Kölner Karneval 1973 die Bühne betritt und das Publikum auf „Zicke zacke zicke zacke“ mit „hoi hoi hoi“ reagiert, aber auch auf seine Ansage „Sieg!“ wie selbstverständlich mit „Heil!“ antwortet oder von Alexander Gauland, der die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland als 12 Jahre Vergangenheit ohne Bedeutung für die Gegenwart zusammenfasst.

Veröffentlichung

Im Januar 2020 feierte der Film im Rahmen des Filmfestival Max Ophüls Preis seine Premiere. Nach der Premiere lief der Film auf über 100 Filmfestivals weltweit. Am 4. Oktober 2020 erfolgte im Ersten die Fernsehpremiere. Nach der Ausstrahlung des Films stand Masel Tov Cocktail sechs Monate lang in der ARD und ARTE Mediathek zur Verfügung. Im Anschluss an die Auswertung in der Mediathek wurde der Film als VOD auf Vimeo veröffentlicht. Im April 2021 erfolgte der DVD-Release durch das Medieninstitut der Länder – FWU. International wird der Film vom israelischen Filmverleih Go2Films vertrieben.

Rezeption

Kritiken

In Kritiken wurde insbesondere die ungewöhnliche Form hervorgehoben, die fiktionale Handlung mit essayistischen Elementen und direkter Ansprache des Publikums verbindet. Der Film thematisiere Antisemitismus im Alltag sowie stereotype Vorstellungen über jüdisches Leben in Deutschland und breche zugleich mit gängigen Darstellungsweisen jüdischer Figuren im deutschen Film. In der Begründung zur Auszeichnung mit dem Grimme-Preis 2021 hob die Jury hervor, dass der Film mit „multimodaler Kommunikation“ arbeite und sein Publikum dazu anrege, eigene Wahrnehmungen und gesellschaftliche Zuschreibungen gegenüber jüdischem Leben zu hinterfragen.

Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete Masel Tov Cocktail als „den wohl besten Beitrag zum Thema Antisemitismus dieser Tage“. In einem Beitrag auf Zeit Online wurde hervorgehoben, dass mit der Hauptfigur Dima erstmals eine Figur im deutschen Film auftrete, mit der sich viele junge Jüdinnen und Juden identifizieren könnten. Die Jüdische Allgemeine schrieb, der Film sei „preisverdächtig“ und verbinde „Unterhaltungswert“ mit einer präzisen Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in Deutschland.

Die Deutsche Film- und Medienbewertung beschreibt den Film als „pointiert und authentisch“ und zugleich „sehr witzig“.

Einsatz im Bildungsbereich

Neben der Festivalrezeption fand der Film auch im Bildungsbereich breite Verwendung. Er wird unter anderem in medienpädagogischen Kontexten und schulischen Projekten zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Erinnerungskultur eingesetzt.

Auszeichnungen

CIVIS: Medienpreis für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa 2020

Cleveland International Film Festival 2021

Deutscher Kurzfilmpreis 2020

Deutscher Menschenrechts-Filmpreis 2020

Festival du Court-Métrage de Clermont-Ferrand 2021

Filmfest Dresden 2020

Filmfest Emden-Norderney 2021

Filmfestival Max Ophüls Preis 2020

Filmzeit Kaufbeuren 2020

Florida Film Festival 2021

Fünf Seen Filmfestival 2020

Grimme-Preis 2021

Rhode Island International Film Festival 2020

Unabhängiges FilmFest Osnabrück 2020

Commons: Masel Tov Cocktail – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 3 4 Filmfest Dresden: „Masel Tov Cocktail“ gewinnt den vom MDR gestifteten Publikumspreis. In: mdr.de, 13. September 2020.
  2. 1 2 David Differdange: „Das spielen, was mich betrifft“. (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Juni 2026. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.) In: sr.de, 24. Januar 2020.
  3. 1 2 Civis-Medienpreis 2020: Doppelter Gewinner „Masel Tov Cocktail“. In: Süddeutsche Zeitung, 2. Oktober 2020.
  4. ↑ Alexander Wertmann. In: hfs-berlin.de. Abgerufen am 2. Oktober 2020.
  5. ↑ Jochen Müller: Filmfestival Max Ophüls Preis benennt Kandidaten für Schauspielnachwuchspreis. In: Blickpunkt:Film, 6. Januar 2020.
  6. ↑ https://kalamancha.de/masel-tov-cocktail/
  7. ↑ Filmakademie Baden-Württemberg: Masel Tov Cocktail online ansehen | Vimeo On Demand. 5. März 2021, abgerufen am 14. September 2021.
  8. ↑ FWU Shop – Masel Tov Cocktail. Abgerufen am 14. September 2021.
  9. ↑ Masel Tov Cocktail. Abgerufen am 14. September 2021 (amerikanisches Englisch).
  10. ↑ Filmkritik: Masel Tov Cocktail. Kinder- und Jugend-Filmportal, abgerufen am 15. März 2026.
  11. ↑ Jüdisches Leben im deutschen Spielfilm nach 1945. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 15. März 2026.
  12. ↑ Masel Tov Cocktail. Grimme-Institut, abgerufen am 15. März 2026.
  13. ↑ Theresa Hein: Niemand kennt ’n Heilmittel gegen den Scheiß. In: Süddeutsche Zeitung. 2. Oktober 2020, abgerufen am 15. März 2026.
  14. ↑ Ruben Gerczikow: Hört auf, jüdische Menschen immer nur als Opfer darzustellen. In: Zeit Online. 16. Oktober 2020, abgerufen am 15. März 2026.
  15. ↑ Ein Cocktail voller Energie. In: Jüdische Allgemeine. 12. Oktober 2020, abgerufen am 15. März 2026.
  16. ↑ Masel Tov Cocktail. Deutsche Film- und Medienbewertung FBW, abgerufen am 15. März 2026.
  17. ↑ Masel Tov Cocktail – Begleitmaterial. FWU Institut für Film und Bild, abgerufen am 15. März 2026.
  18. ↑ CIFF45 Winners. (Memento des Originals vom 23. September 2020 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. In: clevelandfilm.org. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  19. ↑ Deutscher Kurzfilmpreis 2020: Zwölf Kurzfilme nominiert. In: deutscher-kurzfilmpreis.de, abgerufen am 9. November 2020.
  20. ↑ https://www.kulturjoker.de/deutscher-menschenrechts-filmpreis-2020/
  21. ↑ Laurence Boyce: Sisters are winning it at Clermont-Ferrand. In: cineuropa.org, 8. Februar 2021.
  22. ↑ Vladan Petkovic: Filmfest Dresden announces its prizewinners. In: cineuropa.org, 15. September 2020.
  23. ↑ Heike Angermaier: Emden-Gewinner gekürt. In: Blickpunkt:Film, 11. Oktober 2021.
  24. ↑ Film von ELES-Stipendiat Arkadij Khaet ausgezeichnet. In: eles-studienwerk.de. Abgerufen am 2. Oktober 2020.
  25. ↑ Preisverleihung der 13. Kaufbeurer »filmzeit« im Corona Kinoplex In: www.kreisbote.de. Abgerufen am 12. März 2022.
  26. ↑ Brendan O’Connor: Florida Film Festival announces 2021 winners. In: bungalower.com, 28. April 2021.
  27. ↑ Grimme-Preis 2021 für Carolin Kebekus, „Männerwelten“ und „Unorthodox“. In: Berliner Zeitung, 11. Mai 2021.
  28. ↑ Rhode Island International Film Festival Announces 2020 Winners. In: golocalprov.com, 15. August 2020.
  29. ↑ Die Preisverleihung des FFOS 2020. In: filmfest-osnabrueck.de. Abgerufen am 26. Mai 2021.