
Mit Massive Vergeltung (englisch massive retaliation) wurde eine Nuklearstrategie der NATO bezeichnet. Ihr Konzept war, jeden feindlichen Angriff auf NATO-Staaten in Europa, ob mit Kernwaffen oder nur mit konventionellen Streitkräften, mit einem vernichtenden nuklearen Gegenschlag zu beantworten.
Erstmals wurde der Inhalt der „Massiven Vergeltung“ von US-Außenminister John Foster Dulles bei seiner Rede vor dem Council of Foreign Relations am 12. Januar 1954 erwähnt. Dort teilte er mit, dass die USA die Entscheidung getroffen hätten, jede Aggression durch eine „große Kapazität, umgehend und mit selbst gewählten Mitteln sowie an selbst gewählten Orten Vergeltung zu üben“ zu begegnen. Für den Aufbau dieser nuklearen Kapazitäten war unter anderem die United States Atomic Energy Commission (AEC) verantwortlich, die die Aktivitäten des Manhattan-Projekts ab 1946 übernahm und fortsetzte. Des Weiteren gingen der Massiven Vergeltung die Kriegspläne der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg voraus, sowie weitere Entscheidungen durch das National Security Council (NSC).
Das Ziel sei, die Friedfertigkeit der Sowjetunion zu erzwingen. Dennoch sollte diese Strategie erst am 23. Mai 1957 angesichts der damaligen zahlenmäßigen Überlegenheit der Sowjetunion an konventionellen Streitkräften in Kontinentaleuropa einerseits und der gleichzeitigen US-amerikanischen Überlegenheit an Atomwaffen andererseits vom Militärausschuss der NATO verabschiedet werden. Sie wurde im „Overall Strategic Concept for the Defense of the North Atlantic Treaty Organisation (MC 14/2)“ auf Basis der strategischen Konzepte der NATO seit ihrer Gründung festgelegt. Die Streitkräfteplanung und deren Verringerung sowie Modernisierung in Europa wurde ebenfalls am 23. Mai 1957 in den „Measures to Implement the Strategic Concept (MC 48/2)“ verabschiedet.
Die neue Strategie der Massiven Vergeltung löste die bis dahin geltende Vorneverteidigung (englisch forward strategy) ab (Strategische Richtlinien MC 14/1), die seit dem 3. Dezember 1952 gegolten hatte. „Vorneverteidigung“ hieß das Konzept, einem Angriff der Sowjetunion auf das Bündnisgebiet in Europa mit konventionellen Streitkräften so weit östlich wie möglich zu begegnen. In diesem Konzept hatte eine neu zu gründende Bundeswehr mit einer Truppenstärke von 500.000 Mann eine wichtige Rolle gespielt. Siehe auch dazu auch die Geschichte der Bundeswehr.
In Frankreich weckte diese Strategie und der mit ihr verbundene Abzug US-amerikanischer Truppen aus Europa die Befürchtung, dass die USA nur daran interessiert seien, dort ihre konventionellen Truppen zu reduzieren, und dass sie darauf hofften, dies umso eher tun zu können, je schneller der EVG-Vertrag ratifiziert wäre. Die USA hätten dann ersatzhalber nur noch einen „nuklearen Schild“ bereitgestellt.
Die Konzeption der „Massiven Vergeltung“ beruhte auf zwei Annahmen:
Ebenso wurde von der Überlegung ausgegangen, dass das US-amerikanische Potential an Kernwaffen überlegen und unverwundbar sei, und daher ein atomarer Gegenschlag durch die USA immer möglich wäre.
Nachdem die Sowjetunion einen annähernden Gleichstand an Kernwaffen erreicht hatte, änderte die NATO ihre Strategie. Das Konfliktrisiko für die USA sollte nun verringert werden. 1967/68 wurde die Strategie der Massiven Vergeltung durch die Flexible Response abgelöst. Letztere ist auch im 21. Jahrhundert, nach dem Zerfall der Sowjetunion, noch Bestandteil der Nuklearstrategie der USA bzw. NATO.
Die Strategie der Massiven Vergeltung wird in der Geschichtswissenschaft auch als Reaktion auf die hohen Verluste US-amerikanischer Truppen in den konventionell geführten Kämpfen des Koreakriegs gesehen.