
Matilde Margherita Mary Capuis (* 1. Januar 1913 in Neapel; † 31. Januar 2017 in Turin) war eine italienische Komponistin, Pianistin, Musikpädagogin und Organistin.
Die gebürtige Neapolitanerin komponierte schon in früher Kindheit noch bevor sie überhaupt wusste, was Komponieren bedeutet. Große Werke an klassischer Musik hatte sie nur wenig gehört, weil es im Elternhaus weder Radio noch Grammophon gab. Erst mit 16 Jahren erlebte sie ihren ersten Konzertbesuch.
In einem Interview erzählte sie: „Manchmal, wenn ich unbeobachtet war, setzte ich mich hin und schrieb eine Musik auf, die mir im Kopf herumging“ und spielte sie intuitiv am Klavier nach, da sie bislang bei wöchentlichen Klavierstunden ihrer Mutter nur zugehört und selbst keinen Unterricht erhalten hatte. Ihr Vater Cesare bemerkte ihr Spiel eines Tages zufällig und fragte erstaunt, was das denn für ein schönes Stück sei. Sie antwortete: „Una cosa che ho fatto io!“ („Eine Sache, die ich selbst gemacht habe“). Der Vater zeigte daraufhin ein paar ihrer Werke einem befreundeten Organisten, der darüber ebenso erstaunt war und meinte, dass das Kind unbedingt Unterricht in Harmonielehre erhalten solle, wodurch Capuis erstmals Musikunterricht erhielt.
Dennoch erhielt sie keinen Kompositionsunterricht: „Meine Liebe gehörte nicht dem Klavier, sondern der Geige. Schon als Zwei- oder Dreijährige wollte ich unbedingt eine Geige haben“, wie sie weiter erzählte. Das größte Hindernis dabei war – wie sie immer wieder selbst betonte – ihre eigene Schüchternheit und die sehr sparsame Erziehung, obwohl ihr Vater als Ingenieur und Fabrikdirektor seiner Tochter eine gute musische Ausbildung hätte ermöglichen können.
Sie „komponierte heimlich, im Stillen; es war mir eine absolute Notwendigkeit, half mir, meinen innersten Gefühlen freien Lauf zu lassen, namentlich in schweren Augenblicken, und ich schützte so mein inneres Gleichgewicht“ und führte eigene Werke bei Familienfesten zusammen mit ihren jüngeren Schwestern Elena und Graziella als Trio MEG auf. Ihre erste Geige, die „eine Holzkiste, keine Geige“ war, kaufte sie sich im Alter von 16 Jahren selbst: „Mit außergewöhnlicher Hartnäckigkeit, die gar nicht zu meiner sonst sprichwörtlichen Schüchternheit passte, brachte ich dann meine Eltern dazu, mir endlich den Violinunterricht zu erlauben“.
1932 verunglückte Vater Cesare Capuis als passionierter Bergsteiger in den Dolomiten, wodurch die Mutter die vier Töchter alleine erziehen musste. Dennoch konnte Matilde Capuis am Conservatorio Benedetto Marcello in Venedig bei Gabriele Bianchi, am Conservatorio di Musica Luigi Cherubini in Florenz Violine, Klavier und Orgel und von 1941 bis 1946 Komposition an der Accademia Musicale Chigiana in Siena bei Vito Frazzi studieren.
1942 wurde sie im Rahmen eines Abschlusskonzerts eines Kurses an der Accademia Musicale Chigiana sexistisch angegangen: Weil sie wusste, dass sie als komponierende Frau einen schweren Stand hatte, hatte sie ihre Ouverture, die mit großem Orchester zur Aufführung gelangen sollte, mit M. Capuis eingereicht. Als Dirigent Antonio Guarnieri bemerkte, dass er das Werk einer Frau vor sich hatte, verweigerte er die Aufführung, indem er die Noten vom Pult wischte und „Nie werde ich das Werk einer Frau dirigieren!“ brüllte.
Am 7. April 1944, einem Karfreitag, erlebte Matilde Capuis den schwersten Schlag ihres Lebens, als ihre beiden jüngeren Schwestern Elena und Graziella, deren Mann und Kind bei der Bombardierung von Treviso ums Leben kamen. Ihre Mutter sagte ihr tags darauf ins Gesicht, dass doch besser gewesen wäre, wenn sie – Matilde, ihre am wenigsten geliebte Tochter – anstelle der Schwestern gestorben wäre. Nichtsdestotrotz kümmerte sich Matilde Capuis um die Mutter bis zu deren Tod 1984.
Capuis ertrug zunächst keine Musik mehr, begann aber 1945 bei weiteren schweren Angriffswellen mit Luftalarm und Explosionen wieder mit dem Komponieren, weil die Musik ihr Kraft gab. Ihre Kriegstraumata versuchte Capuis, zunächst mit Kinder- und Wiegenliedern zu überwinden. Ihr Oratorium Il pianto della Madonna. Lauda drammatica (Florenz 1945) stellt eine Passion aus weiblicher Sicht als fast apokalyptisch anmutende Marienklage dar. Mit diesem Werk wandte sie sich verstärkt Instrumentalmusik zu. Für ihre erste Cello-Sonate gewann sie 1952 einen Kompositionspreis und lernte dadurch in Turin den Cellisten Ugo Attilio Scabia kennen, der ihr musikalischer Mentor und Lebensbegleiter wurde, sie zu weiterem Komponieren ermutigte und auch den Druck ihrer Werke in die Wege leitete, da sie immer noch stark an Minderwertigkeitsgefühlen litt. Das Duo Scabia-Capuis wurde so auch über Italiens Grenzen durch gemeinsame Konzerte und Schallplatten hinaus bekannt.
1969 schlug der Direktor des Conservatorio Giuseppe Verdi in Turin sie als Kompositionsprofessorin vor; diese Stelle kam jedoch nicht zustande. Als ihr dann eine Professur für Musiktheorie und Tonsatz angeboten wurde, sagte sie zu und übte diese bis zu ihrer Emeritierung 1983 aus. Im April 1994 vermachte sie ihren musikalischen Nachlass dem Archiv Frau und Musik, das sich damals noch in Kassel befand, und brachte ihre Werke, die der Furore Verlag nach und nach herausgab und gibt, persönlich bei einem Deutschland-Besuch dort ein. Durch ihre Schweizer Großmutter beherrschte sie auch die deutsche Sprache gut. Nur wenig Wert legte Matilde Capuis auf das Festhalten des genauen Entstehungsdatums ihrer Werke, das in den originalen Notenhandschriften in ihrem Nachlass oft fehlt. Auch unterschied die Komponistin keine einzelnen Schaffensphasen und hat sich über ihre eigene Tonsprache nie geäußert.
Capuis war laut Renate Brosch und Gabriele Derendorf, die zusammen mit Krista Kern das Duo Capuis bildete, eine „sanfte und gleichzeitig starke, aristokratisch wirkende Persönlichkeit, in der Zusammenarbeit streng und genau, aber immer auch liebevoll: Von jedem ihrer Werke hatte sie ein Ideal vor Ohren, das sie genau umgesetzt haben wollte. Denn: ‚Die Noten sind ja nur kleine Zeichen, die müssen ja wieder aufgeweckt werden.‘ Ihre Noten wollte sie so hören, wie sie sie beim Komponieren imaginiert hatte – und passte sie ansonsten nochmals an und komponierte um, wenn sie merkte, dass ihr Werk in der Realität anders klang als in ihrem Kopf.“
Ihr 100. Geburtstag wurde im Turiner Konservatorium am 8. März 2013 feierlich mit einem Konzert mit ihren Werken begangen. Matilde Capuis starb im Alter von 104 Jahren zurückgezogen in Turin. Die Einsegnung ihrer Leiche mit anschließender Beerdigung fand am 3. Februar 2017 in der Pfarrkirche Santa Rosa da Lima in der Via Bardonecchia statt. Sie wurde auf dem Cimitero monumentale di Torino bestattet. Ihre Erben vermachten ihren Flügel der Turiner Stadtbibliothek in der Villa Amoretti, wo sich auch eine Büste von ihr befindet.

Wie ihre Biografin Renate Brosch festhält, hatte Matilde Capuis kein offizielles kompositorisches Vorbild: „Im persönlichen Gespräch zeigt sie sich auffallend schweigsam, wenn diese Frage berührt wird: 'An ein Vorbild dachte ich gar nicht. Ich liebte einfach alle, jeden in seiner eigenen Welt.'“ Avantgarde-Musik lehnte sie ab.

Ihr Liedschaffen, das zwischen italienischem Verismo und französischem Impressionismus angesiedelt ist, ist geprägt von italienischen und norwegischen Dichtern wie Giovanni Pascoli, Sergio Corazzini, Cino da Pistoia oder Gustav Fröding. Sie betätigte sich auch selbst als Dichterin und verfasste Texte zu eigenen Liedern wie zum Beispiel zu Implorazione selbst. Sängerin und Capuis‘ deutsche Biografin Renate Brosch, die Konzerte mit und zu Capuis besonders in Privatkonzerten in Italien gestaltete und organisierte, beschreibt Capuis‘ Kompositionsschaffen so: „Man spürt die Nähe zu Komponisten wie Puccini und Poulenc, und doch auch wieder nicht, eine kraftvolle, authentische Klangsprache, ein ganz eigener Stil von großer emotionaler Wahrhaftigkeit.“
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Capuis, Matilde |
| ALTERNATIVNAMEN | Capuis, Matilde Margherita Mary (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | italienische Komponistin, Pianistin, Musikpädagogin und Organistin |
| GEBURTSDATUM | 1. Januar 1913 |
| GEBURTSORT | Neapel |
| STERBEDATUM | 31. Januar 2017 |
| STERBEORT | Turin |