
Matrjonas Hof (russischer OT.: Матрёнин двор Mtrjonin dwor) ist der Titel einer 1963 in der Zeitschrift Novy Mir erschienenen Erzählung von Alexander Solschenizyn. Die realistische Dorfgeschichte handelt vom tragischen Schicksal der hilfsbereiten Bäuerin Matrjona Grigorieva. Deutsche Übersetzungen von Ingrid Tinzmann und Aggy Jais erschienen 1964 bzw. 1972.
Im Sommer 1956 kehrt der Erzähler, Ignatitsch genannt, nach 10-jähriger Lagerhaft in „staubigen, glühenden Wüsten“ (ähnelt der Biographie des Autors) nach Russland zurück und will als Mathematiklehrer auf dem Land arbeiten (Kap. 1): „Mich verlangte nach der gemäßigten Zone – ohne Hitze, nach dem Blätterrauschen ihrer Wälder. Mich verlangte einzudringen, verloren zu gehen im Innern Russlands – wenn es das noch irgendwo gab, wenn es noch lebte.“ Zuerst bietet man ihm eine Stelle im idyllischen Dorf Vysokoye Pole, Hohes Feld, an, aber dort müssen Bewohner ihr Essen aus der Regionalstadt heranschleppen. Dann erhält Ignatitsch eine Einweisung nach Torfoprodukt inmitten eines Torfabbaugebietes.
Man empfiehlt ihm in Talnowo, einem der Dörfer, deren Namen ihm „das alte, kraftvolle Russland“ versprechen, eine Unterkunft bei der alleinstehenden, ca. 60-jährigen Bäuerin Matrjona Wasiliewna Grigorieva. Die Miete könnte sie zwar gut brauchen, denn sie ist zur Zeit krankheitsbedingt ohne Einkommen, aber sie zweifelt, ob der Lehrer mit dem, was sie bieten kann, zufrieden sein wird: „Verstehe nichts, habe nichts – wie es Ihnen rechtmachen?“ Aber es ist schwer, im Dorf ein freies Zimmer zu finden und ihr Holzhaus mit den angefaulten, grauen Schindeln gefällt ihm wegen der Abgeschiedenheit in der Natur und so einigen sie sich.
Matrjona lebt genügsam von den Früchten ihres Gartens und der Milch ihrer Ziege und versorgt ihren Mieter, wie sich selbst, morgens und abends mit Kartoffelsuppe. Als Brennmaterial für ihren Ofen nutzt sie getrocknete Torfstücke, die sie mühsam kilometerweit, wie die anderen Frauen des Dorfes, in Säcken illegal aus dem Abbaugebiet heranschleppt und unter den Dielen ihres Hauses versteckt. Ihren Lebensunterhalt hat Matrjona ein Vierteljahrhundert mit Ackerarbeit auf dem Kolchos verdient, dann wurde sie krank und entlassen. Seitdem hat sie keine Einkünfte, sie ist aber zu stolz, wenn sie Nachbarn bei der Feldarbeit hilft, eine Bezahlung anzunehmen. Da sie nicht als Invalide gilt, steht ihr keine persönliche Rente zu und sie beantragt jetzt erst, lange nach Kriegsende, eine Witwenrente. Für den Antrag muss sie in mühsamer Kleinarbeit von verschiedenen Ämtern mit ihren langwierigen Prozeduren Bescheinigungen zusammentragen, doch im Winter ist es soweit und sie erhält eine Rente von 80 Rubel, kann sich eine Steppjacke und Filzstiefel kaufen und näht 200 Rubel für ihre Beerdigung in das Futter eines selbst geschneiderten Mantels ein.
Der Lehrer und die Bäuerin haben einen ähnlichen einfache Lebensstil, gewöhnen sich aneinander und leben in ihrem Haus friedlich zusammen. Nach und nach erzählt sie ihm ihre Lebensgeschichte (Kap. 2): Als 19-Jährige verlobt sie sich mit dem vier Jahre älteren Bauernsohn Faddej Grigorjew. Doch er zieht als Soldat in den Ersten Weltkrieg und sie erhält drei Jahre lang keine Nachricht von ihm. Jefim, der jüngere Bruder wirbt um sie. Sie heiratet ihn, zieht in sein Elternhaus und arbeitet in der Landwirtschaft. Ein halbes Jahr später kommt Faddej aus ungarischer Gefangenschaft zurück und muss sich aus Familiensolidarität mit der Situation abfinden. Er sucht sich eine Frau, die ebenfalls Matrjona heißt, und baut ein eigenes Haus. Im Unterschied zu Jefim entwickelt er sich zu einem zornigen, prügelnden Mann. Beide Paare bekommen sechs Kinder, Jefims sterben früh, Faddeijs entwickeln sich gesund. Wie der ältere Bruder im Ersten Weltkrieg verschwindet der jüngere im Zweiten ohne jegliche Nachricht. Die einsame Witwe nimmt Kira, die Tochter ihres Schwagers, in ihr Haus auf und versorgt sie zehn Jahre lang wie ihr eigenes Kind. Dann heiratet Kira einen Maschinisten aus Tscherusti.
In Dezember kommt es zu einer tragischen Entwicklung. Die Pflegetochter soll einmal die von Matrjona nicht benutzte, an das Haus angebaute „gute Stube“ mit Vorratskammer erben. Diesen Anbau könnten Kira und ihr Mann für den Bau eines eigenen Hauses in Tscherusti gebrauchen. Faddej bedrängt seine Schwägerin, jetzt schon auf die Stube, die er selbst mit seinem Vater gebaut hat und die für ihn und seine Frau gedacht war, zu verzichten. Sie stimmt schweren Herzens zu, denn das ganze Haus ist Teil ihres Lebens. Ihre drei Schwestern, die es auf die Stube abgesehen haben, beschimpfen sie wegen ihrer Dummheit, bei den Verhandlungen nachgegeben zu haben.
An einem Februarmorgen rückt Faddej mit Söhnen und Schwiegersöhnen an. Sie zerlegen den Anbau, schließen die Lücke mit einer Bretterwand und laden die Balken und Bretter auf zwei Schlitten. Damit Transportkosten gespart werden, soll ein von der Kolchose ausgeliehener Traktor die beiden Schlitten auf einer Fahrt nachts durch den Schnee zum Bestimmungsort ziehen. Auf einem Bahnübergang reißt der Strick zwischen den beiden Schlitten. Als einige mit Selbstgebranntem alkoholisierten Männer und Matrjona versuchen, den Schlitten vom Gleis zu ziehen, nähern sich zwei unbeleuchtete Lokomotiven, zertrümmern die Ladung und überfahren Matrjone und den Traktoristen, einen Sohn Faddejs.
Der zerquetschte Körper Matrjones wird von den Nachbarsfrauen gewaschen, in einen Sarg gelegt, und nach der Zeremonie der Totenklage beweint. Man gibt ihr die Schuld, denn niemand habe sie in der Nacht um Hilfe gebeten (3. Kap.). Nach der Beerdigung streitet Faddej mit Matrjonas Schwestern um das Erbe und sie teilen es auf: Faddej transportiert sogleich geschäftig den Schuppen und den Zaun ab. Das Haus wird vernagelt und der Erzähler zieht zu einer Schwägerin der Toten, die sich abfällig über Matrjona äußert, sogar über ihre Herzlichkeit und Einfachheit.
„Unverstanden, und sogar von ihrem Mann im Stich gelassen, sechs Kinder begrabend, ohne ihre Hilfsbereitschaft zu verlieren, den Schwestern, den Schwägerinnen fremd, lächerlich, dumm genug, für andere umsonst zu arbeiten, hatte sie gegen Ende ihres Lebens keinen Besitz angehäuft. […] Alle haben wir neben ihr gelebt und nicht begriffen, dass sie jene Gerechte war, ohne die, wie das Sprichwort sagt, kein Dorf leben kann… Und keine Stadt. Und auch nicht unser Land.“
Solschenizyn schrieb die Erzählung 1959 im Dorf Tschernomorskoje auf der Halbinsel Krim, während eines Besuchs bei den mit ihm befreundeten Nikolai Iwanowitsch und Elena Alexandrowna Zubova.
Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Die Heldin heißt in Wirklichkeit Matrjona Wassiljewna Sacharowa (1896–1957) und lebte im Dorf Miltsevo.
1962 diskutierte der Chefredakteur von Novy Mir, Alexander Twardowski, mit seiner Redaktion über die ihm vom Autor übergebene Erzählung und bezweifelte die Genehmigung der Veröffentlichung. Lydia Tschukowskaja schrieb dazu am 5. Dezember 1962 in ihr Tagebuch: „Was, wenn Solschenizyns zweites Werk nicht veröffentlicht wird? Ich mochte es mehr als das erste. Es beeindruckt mit seiner Kühnheit, schockiert mit seinem Material und natürlich mit seinem literarischen Können; und Matrjona… hier sehen wir bereits einen großen Künstler, menschlich, der unsere Muttersprache zurückbringt, Russland liebt, wie Blok sagte, und von der Liebe zutiefst beleidigt ist.“
Nach dem Erfolg der Erzählung Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962) entschloss sich Tvardovsky, die Geschichte mit dem Arbeitstitel Die rechtschaffene Frau zu überarbeiten und für die Veröffentlichung vorzubereiten: „Oh mein Gott, […] Ein Schriftsteller, der sich nur dafür interessiert, das auszudrücken, was ‚auf der Grundlage seines Geistes‘ und seines Herzens liegt. Kein Schatten des Wunsches, ‚ins Schwarze zu treffen‘, um dem Herausgeber oder Kritiker zu gefallen oder die Aufgabe zu erleichtern – du kannst da rauskommen, wie du willst, und ich werde meiner nicht entkommen.“ Um Zensurhindernisse zu vermeiden, wurden der Titel des Autors Ein Dorf ohne einen rechtschaffenen Mann ist es nicht wert in Matrjonin Dvor geändert und die Handlungszeit in der Geschichte von 1953 (Stalins Tod) auf 1956 verlegt: „Der Titel sollte nicht so belehrend sein“, argumentierte Alexander Trifonovich. „Ja, ich habe Pech mit deinen Titeln“, erwiderte Solschenizyn, wenn auch recht gutmütig.
Matrjonas Hof wurde im Januar 1963, am Ausgang der ersten ‚Tauwetter‘-Jahre, in Novy Mir (Seiten 42–63) zusammen mit der Geschichte Zwischenfall auf dem Bahnhof Kretschetowka unter der Überschrift Zwei Geschichten veröffentlicht. Dann folgten viele Jahre des Publikationsverbots. 1989 ist Matrjonas Hof in zwei Ausgaben der Zeitschrift Ogonjok (Nr. 23, 24) mit einer Auflage von mehr als drei Millionen Exemplaren die erste Neu-Veröffentlichung von Alexander Solschenizyns Texten in der UdSSR.
Im Gegensatz zu Solschenizyns erstem veröffentlichten Werk, Ein Tag im Leben von Iwan Denisowitsch, das allgemein positiv aufgenommen wurde, löste Matrjonas Hof Kontroversen und Diskussionen in der sowjetischen Presse aus. Einerseits erklärten Schriftsteller und Literaturwissenschaftler die Erzählung zu einem bedeutenden Werk der russischen Dorfprosa, lobten sie als grundlegenden Meilenstein der realistischen Literatur und als Meisterwerk: Der Autor beeindrucke mit seiner Kühnheit, schockiere mit seinem Material „und natürlich mit seinem literarischen Können; und Matrjona… hier sehen wir bereits einen großen Künstler, menschlich, der unsere Muttersprache zurückbringt.“ Andererseits bemängelten Kritiker u. a. die „gesellschaftsfeindliche Nuance des Werks“, die ihren Ursprung in der Autobiographie Solschenizyns habe. In der Folge wurde die Erzählung in der Sowjetunion erst nach 1989 wieder publiziert.
Die westliche Literaturkritik bewertete das Werk überwiegend positiv, u. a. die „distanzierte, neutral deskriptive Haltung des Autors“ und die Beschränkung der „Erzählperspektive auf den Blickwinkel eines fiktiven Ich-Erzählers“. In formaler Hinsicht biete Matrjonas Hof „ein überzeugendes Beispiel für die Übereinstimmung der Darstellungsform mit ihrem Gegenstand“. Nicht ein „dynamisches Wechselspiel äußerer Gegebenheiten, sondern die Entfaltung eines unverwechselbaren, ausgeprägten Charakters“ stehe im Mittelpunkt. Dies verleihe der Erzählung einen „ausgesprochen statischen Charakter“ und unterstreiche „die Eindringlichkeit der Beobachtungen“. Nach Korn macht der Autor „wie kein anderer die Wahrheit, die im Detail steckt, sichtbar“. Das sei seine Macht.
In einem ihrer Werke (1972) untersucht Gisela Pankow Matrjonas Hof, manchmal übersetzt als Matrjonas Zuhause oder Haus, aus psychoanalytischer Sicht: Das zentrale Thema der Erzählung sei das „zersplitterte Haus“. Matrjonas gescheiterte Beziehungen zu den Brüdern führe zu einer geheimen Identität mit dem Haus und schließlich zu ihrem Tod, als das Haus zerlegt wird.