Zinne

Die mit Schwalbenschwanzzinnen bekrönte Stadtmauer von Bellinzona

Die Zinne (von gleichbedeutend althochdeutsch zinna) ist ein zahn- oder schildartiger Aufsatz einer Mauerkrone oder Brustwehr. Zinnen wurden in Antike und Mittelalter oft an Befestigungsanlagen wie Stadtmauern oder Burgen eingesetzt. In ihrer ursprünglichen Funktion diente die ungefähr mannshohe Zinne dazu, einem dahinter auf einem Wehrgang oder einer Wehrplattform stehenden Verteidiger Deckung gegen feindliche Fernwaffen zu geben. Mehrere Zinnen nebeneinander ergeben mit den dazwischen liegenden Lücken einen Zinnenkranz.

Geschichte

Die ursprüngliche Form der Zinnen bestand aus quaderförmigem Mauerwerk mit nahezu ebenso breiten Zwischenräumen. Die Oberseite der Zinnen sowie die Sohle der Scharten waren anfangs grundsätzlich waagerecht. Ursprünglich war der Zwischenraum weitaus größer, da man nicht nur mit der Armbrust und dem Bogen durch sie hindurchschoss, sondern hier auch Wurfmaterial auf die Angreifer hinabwarf. Die Erfindung der Maschikulis am Fuß der Brüstung ließ es zu, engere Schießscharten zu bauen, die sich nicht selten auch zusätzlich in den Zinnen selber befanden.

Neugotischer Zinnenkranz (Göttingen, Weender Landstraße 14, erbaut 1852)

Im Laufe des 13. Jahrhunderts (Hochmittelalter) begann man, die Zinnen sowie die Sohle der Scharten abgewässert zu bauen. Das heißt, sie wiesen schräg nach unten oder waren nach innen und außen abgedacht. Jedoch schon seit dem 12. Jahrhundert wurden die Wehrgänge und somit auch die Zinnen mit einem hölzernen Schutzdach bedeckt oder als Galerie ausgeführt, um den Verteidigern Schutz von oben zu geben. Die Zinnen verloren somit im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte an Bedeutung. Die Gestaltung der Schießscharten und Maschikulis nahmen parallel an Vielfalt zu.

Zinnen und Maschikulis wurden später, als sie kaum mehr militärische Bedeutung hatten, in der Architektur der frühen Neuzeit bis hin zur Neugotik des 19. Jahrhunderts zu beliebter Dekoration. Häufig waren diese Zierzinnen weit weniger groß als die mittelalterlichen Originale.

Form

Breite und Höhe

Die Breite einer einzelnen Zinne schwankte zwischen 0,76 und 2,35 Meter. Ihre Höhe betrug zwischen einem und zwei Metern.

Formen

Rundbogenzinnen an der Burgruine Chojnik
Sägezahnzinnen am Schloss Jindřichův Hradec

Formen nach Epochen

Altertum

Stufenzinnen sind schon auf altassyrischen Darstellungen zu finden.

In der römischen Architektur wurde üblicherweise die rechteckige Breitzinne verwendet.

Mittelalter

Schwalbenschwanzzinnen auf der Ponte Scaligero

Zu den im Mittelalter üblichen Bauteilen mit Wehrfunktion gehören Rechteckzinnen, Schwalbenschwanzzinnen und die vor allem im arabischen Raum verbreitete Kielbogenzinne.

Im mittelalterlichen Italien bevorzugten die kaisertreuen Ghibellinen angeblich schwalbenschwanzförmige Zinnen („Ghibellinenzinnen“), während die Anhänger des Papstes – die Guelfen – mehr den rechteckigen Zinnen („Welfenzinnen“) zugetan gewesen sein sollen. Allerdings ist die Form der Schwalbenschwanzzinne viel älter als der guelfisch-ghibellinische Streit, und es gibt Bauten, an denen sowohl Welfen- als auch Ghibellinenzinnen vorkommen.

Neuzeit

Die Rundbogenzinne (auch kurz Bogenzinne genannt) gehört ebenso zu den in der Neuzeit in Mode gekommenen Zierzinnen wie die Karniesbogenzinne.

Formen nach Kulturräumen

Schildförmige Zinnen am Amber-Fort, Jaipur, Indien

Islamische Architektur

Die in ihrer Frühzeit zum Teil von Byzanz beeinflusste Architektur des westlichen Islam zeigt häufig abgestufte oder abgetreppte Zinnen.

Persisch-indischer Raum

Typischen Zinne an Wehrbauten im persisch-indischen Raum sind schildförmig und sehr eng nebeneinander gestellt sowie oft ornamentiert.

Symbolik und Heraldik

Zinnen waren nicht nur wehrhafte Bauteile, sondern auch Bedeutungsträger und herrschaftliche Symbole. Der Zinnenkranz einer Wehranlage galt lange Zeit als weithin sichtbares Zeichen der hohen gesellschaftlichen Stellung der Burgbesitzer, weil diese ihren Sitz bewehren durften. Daher sind Zinnen in der Heraldik, also als Elemente in Wappen, anzutreffen (als Zinnenbalken oder in einer Mauerkrone).

Literatur

Wiktionary: Zinne – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Commons: Zinnen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Dictionnaire raisonné de l’architecture française du XIe au XVIe siècle: Créneau – Quellen und Volltexte (französisch)

Einzelnachweise und Anmerkungen

  1. ↑ Friedrich Kluge, Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25., durchgesehene und erw. Auflage. De Gruyter, Berlin; Boston 2011, ISBN 978-3-11-022364-4, S. 1012.
  2. ↑ Etymologisch ist die Zinne mit dem Zahn verwandt. Vgl. Christofer Herrmann: Die Zinne. Über die Karriere eines Architekturelements. Dargestellt an Beispielen aus dem Ordensland Preußen. In: Gerhard Eimer, Ernst Gierlich (Hrsg.): Echte Wehrhaftigkeit oder martialische Wirkung. Zur praktischen Funktion und zum Symbolcharakter von Wehrelementen profaner und sakraler Bauten im Deutschordensland Preußen und im Ostseeraum (= Kunsthistorische Arbeiten der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Band 3). Wissenschaft und Politik, Köln 2000, ISBN 3-8046-8868-3, S. 77.
  3. ↑ Christofer Herrmann: Die Zinne. Über die Karriere eines Architekturelements. Dargestellt an Beispielen aus dem Ordensland Preußen. In: Gerhard Eimer, Ernst Gierlich (Hrsg.): Echte Wehrhaftigkeit oder martialische Wirkung. Zur praktischen Funktion und zum Symbolcharakter von Wehrelementen profaner und sakraler Bauten im Deutschordensland Preußen und im Ostseeraum (= Kunsthistorische Arbeiten der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. Band 3). Wissenschaft und Politik, Köln 2000, ISBN 3-8046-8868-3, S. 77.
  4. ↑ Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 5,1): Landkreis Göttingen, Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 63. (Digitalisat)
  5. ↑ Angaben gemäß O. Piper: Burgenkunde, S. 329.
  6. ↑ Herbert de Caboga gibt die durchschnittliche Breite einer Zinne mit 0,70 bis 2 Meter und ihre durchschnittliche Höhe mit einem bis 1,40 Meter an.
  7. ↑ Vgl. Otto Piper: Burgenkunde, S. 329.