Max Diamant

Max Diamant (* 5. August 1908 in Łódź, Russisches Kaiserreich; † 16. Februar 1992 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Journalist, sozialdemokratischer bzw. sozialistischer Parteifunktionär und Gewerkschafter.

Kindheit in Polen

Max Diamant wurde im Jahr 1908 in Lodz als Sohn des jüdischen Industriearbeiter-Ehepaares Michael und Anna Diamant geboren. Da Lodz seinerzeit Teil eines Rest-Polens war, das im Status einer Provinz, dem Weichselland, unter unmittelbarer Herrschaft des russischen Zarenreiches stand, besaß die Familie Diamant die russische Staatsbürgerschaft. Weil Diamants Eltern aus dem galizischen Teil Polens stammten, dessen jüdische Bevölkerung sich sprachlich nach Österreich-Ungarn hin orientierte, wurde in der Familie neben Jiddisch und Russisch auch und vor allem die deutsche Sprache gesprochen. Diamant wuchs also dreisprachig auf. Ab dem sechsten Lebensjahr besuchte er die Volksschule in Lodz. Die Schularbeiten am Nachmittag erledigte Diamant zeitweilig in einem vom Vater gegründeten jüdischen Arbeiterbildungsverein.

Im Zuge des Ersten Weltkriegs wurde Rest-Polen im Sommer 1915 durch deutsche und österreichische Truppen besetzt. Nun ersetzte Deutsch Russisch als die offizielle Schulsprache. Diamants Vater geriet wie viele andere in deutsche Gefangenschaft. Weil er sich aber geweigert hatte, in der russischen Armee den Kriegsdienst zu absolvieren, besaß er nicht den Status eines Kriegsgefangenen, sondern den eines Zivilgefangenen. Nach einem mehrmonatigen Gefängnisaufenthalt in Berlin wurde Michael Diamant Anfang 1917 aus der Haft entlassen und schloss sich der USPD an. Eine Rede, die er am 1. Mai 1917 hielt und in der er sich positiv über die russische Revolution äußerte, brachte ihn erneut ins Gefängnis. Diesmal wurde Michael Diamant im noch von deutschen Truppen besetzten Warschau arrestiert. Nach der Kriegsniederlage des Deutschen Kaiserreichs und infolge der polnischen Revolution kam er Ende 1918 abermals frei. Bald geriet er allerdings in Konflikt mit polnischen Nationalisten, die ihn Anfang 1919 ein weiteres Mal einsperrten. Einige Wochen später war auch diese dritte Haftzeit vorüber.

Wegzug nach Deutschland, erste Monate in Mannheim und Zwischenstation in Zeitz

Um ihrem Sohn ein Leben in der aufgeheizten politischen Atmosphäre Polens zu ersparen und um ihm auch weiterhin eine Schulbildung in deutscher Sprache ermöglichen zu können (infolge der polnischen Revolution hatte Polnisch Deutsch als Schulsprache ersetzt), wurde Max Diamant von seinen Eltern Mitte des Jahres 1919 nach Deutschland geschickt. Diamant wohnte fortan bei der Familie seines Onkels Hermann Lenz in Mannheim und besuchte die dortige Knabenschule. Zwischenzeitlich lebte er auch in Ludwigshafen am Rhein. Anfang 1920 gelang es seinen Eltern ebenfalls, Polen zu verlassen und als „politische Emigranten“ Aufenthaltsrecht in der noch jungen deutschen Republik zu erhalten. Michael und Anna Diamant holten ihren Sohn bald aus Mannheim ab und zogen mit ihm Mitte des Jahres nach Zeitz (hier besaß der Vater wohl durch seine USPD-Tätigkeit entsprechende Kontakte). Dort besuchte Diamant bis 1922 die Volksschule. Anschließend absolvierte er zwei Jahre lang ein Volontariat bei der staatlichen Überlandzentrale Sachsen-Anhalt in Zeitz-Theißen und ging nebenbei auf die gewerbliche Fortbildungsschule der Stadt. Schließlich wurde während dieser Zeit Diamants Bruder geboren.

Leben und Politisierung in der Sowjetunion

Im Herbst 1924 beschloss die Familie Diamant, in die Sowjetunion umzusiedeln. Dorthin besaß Michael Diamant als ehemaliger russischer Zivilgefangener mit seiner Familie ein Rückkehrrecht. Einerseits sympathisierte er mit der Sowjetunion, dem „proletarischen Musterstaat“. So war er mittlerweile von der USPD zur KPD übergetreten und in den von Kommunisten gestarteten Mitteldeutschen Aufstand des Jahres 1921 verwickelt. Andererseits war Max Diamant, wohl über den Vater, dem KJVD beigetreten und stand einer Ansiedlung in der Sowjetunion ebenfalls positiv gegenüber. Schließlich spielten für die Familie Diamant neben weltanschaulichen Motiven sicher auch perspektivische Gründe eine Rolle, den Gang in die Sowjetunion anzutreten. Im Vergleich zu Deutschland schien der „Arbeiter- und Bauernstaat“ Sowjetunion dem jungen Max Diamant einen weitaus besseren und einfacheren Zugang zu höherer Schule und Studium zu bieten.

So ließen sich die Diamants ab Herbst 1924 in Leningrad nieder. Dort wurde Max Diamant zunächst Offiziersschüler in der Artillerieschule der örtlichen Artillerie-Akademie. Ende 1926 trat er aber aus der Schule aus, da er zu der Überzeugung gelangt war, dass Dienst und Karriere im Militär nicht das seien, was er dauerhaft anstrebe. Während sein Vater Mitglied der KPdSU wurde, begann Diamant neben seiner Tätigkeit in der Artillerieschule auch im Komsomol aktiv zu werden. Nachdem er die Militärausbildung abgebrochen hatte, startete er erste journalistische Gehversuche und arbeitete bis Herbst 1927 als Redakteur bei der deutschsprachigen Jugendzeitschrift Die Saat in Charkow.

Während Reisen nach Moskau erfuhr Diamant von den ersten parteiinternen „Säuberungen“ der noch jungen Diktatur Josef Stalins und geriet auch selbst in Kontakt mit dem Überwachungs- und Zensurapparat der KPdSU. So wurde er einmal nach Treffen und Gesprächen mit aus Leningrad verbannten Oppositionellen vom Generalsekretär der Charkower KPdSU verhört. Außerdem musste er einen Bericht, den er in Die Saat verfasst hatte, zurückziehen und Selbstzensur üben. Durch diese Eindrücke entwickelte sich bei Diamant eine kritische Einstellung zum politischen System der Sowjetunion. Insbesondere die erzwungene Selbstzensur beschrieb er rückblickend als schockierendes Erlebnis, welches seine ablehnende Haltung gegenüber dem Stalinregime verfestigt habe. Vor diesem Hintergrund und nicht zuletzt wegen des psychischen Drucks, den Überwachung und Zensur der Stalin-Diktatur auf den gerade erst Neunzehnjährigen ausübten, flüchtete Diamant Ende Oktober 1927 ohne Ausreisegenehmigung auf einem Schiff nach Deutschland. Sein Bruder konnte mit Verwandten ebenfalls entkommen. Der Mutter aber wurde wegen des illegalen Weggangs des Sohnes die Ausreise verweigert. Sie blieb mit dem Vater in der Sowjetunion zurück.

Zurück in Mannheim: Eintritt in die SPD und Agitation gegen die NS-Bewegung

Wieder in Deutschland wohnte Max Diamant erneut abwechselnd in Mannheim und Ludwigshafen am Rhein. Bald knüpfte er erste Kontakte zur „Sozialistischen Kulturgemeinschaft“, einem Diskussions- und Begegnungszirkel Mannheimer Sozialdemokraten unter Führung Heinrich Sterns. Diese Gruppierung war mehrheitlich der neuen SPD-Linken um Paul Levi, Kurt Rosenfeld und Max Seydewitz zuzurechnen. Wohl beeinflusst durch die „Kulturgemeinschaft“ und mit der festen Überzeugung, nicht irgendeiner Sekte beitreten, sondern einen entsprechenden Wirkungsplatz in der deutschen Arbeiterbewegung haben zu wollen, trat Diamant Anfang 1928 in die SPD ein. Während des Wahlkampfs für die Reichstagswahlen im Mai 1928 arbeitete er bereits für den Parteisekretär der SPD Mannheim Ernst Tesslow. Seit Mitte des Jahres war Diamant zudem ständiger Mitarbeiter des Parteiorgans, der Mannheimer Volksstimme, und wurde bald Vorsitzender der örtlichen Jusos. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als freier Journalist. Neben der Volksstimme schrieb er unter anderem für die Leipziger Volkszeitung.

Im Frühsommer 1930 nahm Diamant eine Tätigkeit als Sekretär bei der Kriegsopferorganisation Reinhold Schönlanks, des Chefredakteurs der Leipziger Volkszeitung, in Halle an. Mit Schönlank unternahm Diamant unter anderem eine Reise durch die Arbeiterorte des Vogtlandes. Hierbei erlebte er den ersten parlamentarischen Durchbruch der NSDAP, die bei der sächsischen Landtagswahl am 22. Juni 1930 hinter der SPD und noch vor der KPD zweitstärkste Kraft wurde, und sah diverse Aufmärsche der SA. Zurück in Mannheim schrieb er über das Erlebte und forderte die Gründung von „Arbeitsgemeinschaften junger Sozialdemokraten“, die neben den örtlichen Reichsbannereinheiten als zusätzlicher Schutz gegen die SA dienen sollten. Nach dem erdrutschartigen Stimmengewinn der NSDAP bei den Reichstagswahlen vom September 1930 wurden diese dann auch ins Leben gerufen.

Im Sommersemester 1930 begann Diamant ein Studium an der Handelshochschule Mannheim und besuchte gleichzeitig Vorlesungen an der Universität Heidelberg, wohin er zwischenzeitlich auch umzog. In Heidelberg leitete Diamant in den Jahren 1930 und 1931 die Redaktion der Studentenzeitschrift Der Sozialistische Student und arbeitete dabei unter anderem mit Golo Mann zusammen. In der gleichen Zeit führte er außerdem in der Volksstimme eine systematische agitatorische Kampagne gegen die NS-Bewegung Adolf Hitlers durch. So besuchte er nahezu alle örtlichen NSDAP-Veranstaltungen und kommentierte diese später in seinen Artikeln. Ab Ende 1930 führten die Jusos Mannheim außerdem zusammen mit Carlo Mierendorff eine Reihe von Massenveranstaltungen durch, während denen der exilierte italienische Sozialistenführer Pietro Nenni als Hauptredner auftrat und dazu aufrief, den Nationalsozialismus rechtzeitig zu bekämpfen, damit sich in Deutschland nicht wiederhole, was in Italien geschehen war, die Machtübernahme der faschistischen Bewegung unter Benito Mussolini.

Übertritt zur SAP und Aufbau des SAP-Bezirks Baden

Diamant gehörte seit seinem Eintritt in die SPD der Parteilinken an, deren führende Köpfe Levi, Rosenfeld und Seydewitz waren. Rückblickend beschrieb er sich selbst als linken jungen Sozialisten. Wie die anderen Mitglieder der SPD-Linken so stand auch Diamant den politischen Grundausrichtungen des Parteivorstandes um Otto Wels und Hermann Müller äußerst kritisch gegenüber. Die unterschiedlichen Auffassungen, wie die SPD zum bürgerlich-kapitalistischen Staat zu stehen habe, das von den sozialdemokratischen Reichsministern gestützte Wehrprogramm (Panzerschiff A) und die gegenüber der NS-Bewegung anzuwendende Taktik waren die Hauptstreitpunkte. Während Levi, Rosenfeld, Seydewitz und ihre Anhänger den SPD-Parteivorstand in ihren Zeitschriften Sozialistische Politik und Wirtschaft und Klassenkampf immer wieder scharf kritisierten, taten Diamant und seine Umgebung dies mittels des Sozialistischen Studenten. Ende September 1931 kulminierten die Spannungen innerhalb der SPD im Parteiausschluss von Rosenfeld, Seydewitz und einigen Sympathisanten. Der Kreis der Ausgeschlossenen rief daraufhin bald zu einer „Reichskonferenz der oppositionellen Sozialdemokratie“ auf, während der eine neue Partei gegründet werden sollte. Diese Konferenz fand schließlich am 4. Oktober 1931 statt und es wurde die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) aus der Taufe gehoben, deren Vorsitzende Seydewitz und Rosenfeld wurden.

Wie einige hundert Andere wurde auch Max Diamant nicht aus der SPD ausgeschlossen, sondern trat nach der Gründung der SAP freiwillig zu ihr über. Bereits kurz nach dem Gründungsparteitag der SAP bauten ehemalige Mannheimer Jusos um Diamant, Gustav Roos sowie die Brüder Paul und August Locherer in der Industriestadt eine Ortsgruppe (OG) der jungen Partei auf. Die Mannheimer SAP-OG unterhielt bald Verbindungen zu den ebenfalls mittlerweile entstandenen Ortsgruppen in Heidelberg, Karlsruhe, Pforzheim, Offenburg und Freiburg. Auch zu Ortsgruppen in der Pfalz bestanden Kontakte. Ein besonders reger Austausch bestand über Karl Nord und Heiner May mit der Ortsgruppe Ludwigshafen. Die Gründung des SAP-Bezirks Baden erfolgte etwas später als die der Ortsgruppe Mannheim. Max Diamant wurde Vorsitzender der Bezirksleitung der SAP-Baden, die ihren Sitz in Mannheim hatte. Diamants Wohnung war zugleich Büro für die Ortsgruppe Mannheim wie auch für die Bezirksleitung Baden.

Jahre im Exil und Widerstandstätigkeit gegen die NS-Diktatur

Nach 1933 hielt er sich als politischer Emigrant in einer Reihe europäischer Länder auf und nahm am Spanischen Bürgerkrieg teil. Dort leitet er von Oktober 1936 bis April 1937 das deutschsprachige Büro der POUM in Barcelona und ist verantwortlich für Radiosendungen und die Redaktion der Zeitschrift Die spanische Revolution. In dieser Funktion wird Diamant später abgelöst von Willy Brandt. Am Ende des Krieges und der Flucht nach Frankreich wurde er dort interniert, konnte entkommen, später arbeitete für das Emergency Rescue Committee (ERC). Im Zuge der Verfolgungen deutscher Kommunisten durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD wurde Max Diamants Vater, Michael Diamant, der in Leningrad lebte, durch Herbert Wehner denunziert, 1937 verhaftet und sechs Wochen später erschossen. Diamant gelang die Flucht nach Mexiko, wo er 1945 eine Gruppe deutschsprachiger Sozialisten gründete.

Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland und Metall-Gewerkschafter

Seit den 1950er Jahren arbeitete Diamant als Korrespondent der SPD- und Gewerkschaftspresse. Er besuchte während seiner ersten Reise in die Bundesrepublik im Jahre 1961 seinen ehemaligen SAP-Genossen Otto Brenner in Frankfurt am Main. Brenner war seit 1954 Erster Vorsitzender der IG Metall in Frankfurt und zugleich SPD-Abgeordneter im niedersächsischen Landtag. Bei dieser Begegnung bat Otto Brenner Max Diamant, nach Deutschland zurückzukehren und das „Referat für ausländische Arbeitnehmer“ beim Vorstand der IG Metall aufzubauen. Im Februar 1962 übernahm Diamant die Leitung des Ein-Mann-Referats „Ausländische Arbeitnehmer“, das in der Abteilung Organisation angesiedelt war. Für diese Aufgabe war niemand so prädestiniert wie Max Diamant. Denn, nur ganz wenige Gewerkschafter konnten ähnlich vielfältige internationale, interkulturelle und politische Erfahrungen vorweisen wie Max Diamant. Der spanische Sozialist und erste nicht-deutsche freie Mitarbeiter der IG Metall, Manuel Fernandez-Montesinos, bemerkte, dass nur sehr wenige Personen imstande wären, Max Diamant die Goldmedaille des Internationalismus streitig zu machen.Yilmaz Karahasan, der Max Diamant im Rahmen der Ford-Aktion 1963 kennenlernte und ihn als seinen Ziehvater sah, bezeichnete ihn als ein Glücksfall für die IG Metall, der als Politiker, Gewerkschafter und Widerstandskämpfer das andere Deutschland verkörperte, die Ausländerarbeit der IG Metall aufgebaut hat. Max Diamants Name ist auch mit dem Aufbau einer internationalistischen Gewerkschaftsarbeit in Deutschland eng verbunden. Er organisierte in zahlreichen deutschen Städten, so in Frankfurt, Dortmund, Köln, Bonn, Hannover und Hamburg, Solidaritätskundgebungen für streikende Arbeiter in Spanien. Nach dem Putsch der griechischen Obristen 1967 organisierte er zusammen mit Elias Hadjiandreou, einem griechischen Studenten und ab 1968 Mitarbeiter der IG Metall in der Vorstandsverwaltung in Frankfurt, zahlreiche Aktionen zur Unterstützung des antifaschistischen Widerstands gegen die Militärjunta in Griechenland. Bei seinem Ausscheiden im Herbst 1973 konnte Max Diamant einen großen organisationspolitischen Erfolg vorweisen. Hatte die IG Metall Anfang der 1960er Jahre gerade einmal 11.600 migrantische Mitglieder (das waren ca. 7 Prozent der ausländischen Arbeiter in der Metallwirtschaft), so stieg die Zahl der in der IG Metall organisierten Migranten im Herbst 1973 auf rund 300.000 (das waren ca. 50 Prozent). Heute sind in der IG Metall ca. 500.000 Arbeitnehmer organisiert, die eine internationale Familiengeschichte („Migrationshintergrund“) haben. Dieser Erfolg lässt sich damit erklären, dass Max Diamant weniger auf eine paternalistische Betreuung als vielmehr auf interkulturellen Dialog auf gleicher Augenhöhe und mehrsprachliche Migrationsarbeit setzte. In den ersten drei Jahrzehnten wurden fremdsprachige Aufklärungs- und Informationskampagnen, Veranstaltungen sowie Wochen- und Wochenendseminare für migrantische Gewerkschaftsmitglieder organisiert. Die damals 14-tägig erscheinende Mitgliederzeitung Metall wurde monatlich in allen Sprachen der Hauptanwerbeländer – Griechisch, Italienisch, Portugiesisch, Serbokroatisch, Spanisch und Türkisch – herausgegeben. Auch die in der Satzung der IG Metall kodifizierten Werte und Grundsätze, die in der Tradition der freien, internationalistischen, sozialistischen Arbeiterbewegung stehen, wurden ernst genommen, so dass weitestgehend ein Miteinander ohne Diskriminierung gelebt wurde. Das stärkte die Identifikation mit der Organisation.

Mit dem Anwerbestopp vom November 1973 nahmen die Rückkehrorientierungen, genauer Rückkehrillusionen ab. Folglich stieg nicht nur die Verbleiborientierung, sondern auch das Interesse nach Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Letztlich waren es aber auch die eigenen Erfahrungen von Diskriminierung am Arbeitsplatz und die eigene Politisierung sowie die Kämpfe um Anerkennung und politische Teilhabe, die den Wunsch der ausländischen Beschäftigten nach einer kollektiven Interessenvertretung weiter verstärkten. Trotz diesen großen Erfolg war Max Diamant um das politisch-geistige Klima in Deutschland tief besorgt. Er beobachtete während der Konjunkturkrise 1966/67 und bei der gewaltsamen Zerschlagung des Ford-Streiks Ende August 1973, wie brüchig gewerkschaftliche Solidarität ist und wie schnell Ausgrenzung und Rassismus, Hass und Hetze die Oberhand gegenüber solidarischen Konzepten gewinnen können. Auf die latenten Ressentiments gegen migrantische Arbeiter und somit auf Konfliktpotentiale zwischen deutschen und eingewanderten Arbeiter hatte bereits Hans Matthöfer 1963 in einem Bericht an den damaligen Zweiten Vorsitzenden der IG Metall, Alois Wöhrle, hingewiesen: „Die Arbeit unter den Türken ist zum Stillstand gekommen, und es sind Rückgänge aufzuweisen. Der Kollege Karahasan ist von der Geschäftsleitung versetzt worden und kann nicht mehr in der alten Weise wirksam sein. Es bestehen außerordentliche Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Türken und unseren Funktionären und wohl auch Widerstände unter den Kollegen gegen ‚die Ausländer‘.“ Klaus Peter Wittemann vom SOFI in Göttingen kommentiert diesen Bericht von Matthöfer wie folgt: „Gerade die letzte Bemerkung liest sich im Nachhinein als ein Hinweis auf die Katastrophe des Jahres 1973, als es bei Ford zur offenen Konfrontation zwischen deutschen und türkischen Arbeitern kam.“ Deshalb wies Max Diamant den Vorstand der IG Metall besorgt darauf hin, dass in Köln und in einem Teil der deutschen Öffentlichkeit eine Pogromstimmung gegen die Türken im Anrollen sei. Vor seinem Übergang in den Ruhestand Ende 1973 empfahl Diamant dem Vorstand der IG Metall, ein „Arbeitskreis für Ausländische Arbeitnehmer“ in allen Bezirken und einen „Arbeitskreis Ausländerpolitik“ beim Vorstand der IG Metall einzurichten, um die gewerkschaftliche Ausländerarbeit und die Ausländerpolitik mit ausländischen Funktionären zu beraten – und somit demokratisch zu legitimieren. Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Gewerkschaftsarbeit blieb Max Diamant über viele Jahre ein Ratgeber und Begleiter der gewerkschaftlichen Politik für die und mit den Migranten. Seine erfolgreiche Methode bei der Organisierung und später Qualifizierung von Migranten zur Übernahme von Funktionen in den Betrieben und der Gewerkschaft wurden bis heute als inspirierend betrachtet und in Teilen kopiert.

Er war seit 1930 mit Anna Regina Nord (1907–1984) aus Ludwigshafen verheiratet. In Mexiko wurde ihre Tochter geboren.

Veröffentlichungen

Auszeichnungen

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Scharrer: Max Diamant, S. 807.
  2. ↑ Scharrer: Max Diamant, S. 808.
  3. ↑ Scharrer: Max Diamant, S. 809.
  4. ↑ Erich Matthias, Hermann Weber (Hrsg.): Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim. Mannheim 1984, S. 211–215
  5. ↑ Jörg Schadt (Hrsg.): August Locherer, Einsatz für die Interessen der „kleinen Leute“. Fünfzig Jahre aktiv in der Gewerkschaft, dreißig Jahre im Mannheimer Gemeinderat. Gespräche geführt und bearbeitet von Klaus Dagenbach, S. 115
  6. ↑ Die vergessenen Kämpfer aus Heidelberg im spanischen Bürgerkrieg, Rhein-Neckar-Zeitung am 18. Oktober 2016, zuletzt abgerufen am 21. März 2021.
  7. ↑ Max Diamant - Sozialist, Exilant, Gewerkschafter. In: H-Soz-Kult, 31. August 2012, abgerufen am 22. Juni 2015
  8. ↑ Ordentlicher Gewerkschaftstag der IG Metall 1960 in Berlin, S. 295–296 eine innovative Initiative und ein Pioniertat
  9. ↑ Das Lebenswerk von Max Diamant wird ausführlich beschrieben in: Johannes Platz, Antonio Munoz Sanches, Patrik von der Mühlen (Hrsg.): Max Diamant. Sozialist, Exilant, Gewerkschafter, Bonn 2017
  10. ↑ Manuel Fernandez-Montesinos: Max Diamant in der Erinnerung eines spanischen Kollegen. In: Johannes Platz u. a.: Max Diamant, S. 167–171, hier: S. 170.
  11. ↑ Yilmaz Karahasan: Max Diamant – Ein Glücksfall für die IG Metall. Ein Bericht über zehn Jahre intensive Zusammenarbeit und gemeinsamen Kampf. In: Johannes Platz u. a (Hrsg.): Max Diamant, S. 172–174.
  12. ↑ Antonio Munoz Sanchez: Max Diamant und die Arbeit der IG Metall mit den spanischen Arbeitsmigranten – eine neue Form internationaler Solidarität, in: Johannes Platz u. a. (Hrsg.): Max Diamant, S. 134 ff
  13. ↑ Die Dokumente der Deutsch-Griechischen Ausstellung Solidarität und Widerstand. Hrsg.: Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn 2018
  14. ↑ Max Diamant schied im Herbst 1973 aus und überließ die Leitung der Abteilung Ausländische Arbeitnehmer seinem Kollegen Siegfried Müller
  15. ↑ Vgl. Repräsentative Studie „Mitglieder mit Migrationshintergrund in der IG Metall 2023“, durchgeführt im Herbst/Winter 2022/23 durch das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt, die Universität zu Berlin (HU) in Kooperation mit dem Zentrum für empirische Sozialforschung (ZeS) am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin und der Leuphana Universität Lüneburg.
  16. ↑ Öztürk, Nihat/Oliver Trede: Migrations- und Integrationsarbeit – wie „Gastarbeiter“ gleichberechtigte Kolleg*innen wurden. In: Jörg Hofmann, Christiane Benner (Hg.): Geschichte der IG Metall. Zur Entwicklung von Autonomie und Gestaltungskraft, Frankfurt/M. 2019, S. 465–484
  17. ↑ Nihat Öztürk, Nuria Cafaro, Bernd Hüttner, Florian Weis (Hg.): „der Streik hat mir geholfen, als junger Mensch Kraft zu entwickeln.“ Migrantische Kämpfe gegen Ausbeutung und Rassismus, Berlin 2025
  18. ↑ Klaus Peter Wittemann: Ford-Aktion. Zum Verhältnis von Industriesoziologie und IG Metall in den sechziger Jahren, Marburg 1994, S. 203, Fußnote: 244
  19. ↑ Max Diamant: Weitere Hinweise zur Dringlichkeit von gewerkschaftspolitischen und organisatorischen Initiativen seitens des Vorstands der IG Metall, 5. Oktober 1973, zit. nach: Karin Hunn: „Nächstes Jahr kehren wir zurück…“ Die Geschichte der türkischen „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik, Göttingen 2005, S. 256
Personendaten
NAME Diamant, Max
KURZBESCHREIBUNG deutscher Journalist und Gewerkschafter
GEBURTSDATUM 5. August 1908
GEBURTSORT Łódź
STERBEDATUM 16. Februar 1992
STERBEORT Frankfurt am Main