May Picqueray

Marie-Jeanne Picqueray, bekannt unter dem Namen May Picqueray, (* 8. Juli 1898 in Savenay; † 3. November 1983 in Paris) war eine französische Autorin, Widerstandskämpferin und militante Anarchistin.

Leben

Aufgewachsen in der französischen Küstenstadt Saint-Nazaire, verbrachte Picqueray einige Jahre in Montreal (Kanada), wo sie Englisch lernte und dort als Au-Pair tätig war. Mit 18 Jahren, am Ende des Ersten Weltkrieges, kam sie nach Paris. Sie heiratete einen Offizier der Handelsmarine, die Ehe hielt jedoch nicht lange.

In Paris machte sie Bekanntschaft mit Anarchisten, schloss sich der anarchistischen Jugend an und hörte Vorträge von Sébastien Faure. Im Jahr 1921 lernte sie den libertären Kriegsdienstverweigerer Louis Lecoin kennen. Mit Lecoin und anderen Anarchisten gründete Picqueray ein Unterstützungskomitee für die aus Italien stammenden Anarchisten Sacco und Vanzetti, die in den USA zum Tode verurteilt waren. Die französische etablierte Presse nahm kaum Notiz von diesem Todesurteil und Picqueray sandte aus Protest gegen das Verschweigen im Oktober 1921 ein „Geschenkpaket“ mit einer Granate zur US-amerikanischen Botschaft in Paris. Im Vorzimmer der Botschaft wurde das Päckchen geöffnet; bevor die Granate explodierte, konnte ein Angehöriger der Botschaft sie noch in eine Ecke werfen. Es gab keine Todesopfer, der Sachschaden war jedoch groß. In ihrer Autobiografie erklärte Picqueray, dass die Granate ihre Schuldigkeit getan habe: Die französische Presse berichtete nun über das Todesurteil gegen Sacco und Vanzetti.

In den 1920er Jahren war Picqueray häufig in Saint-Tropez. An der südfranzösischen Küste hatten sich die bekannten Anarchisten Alexander Berkman und Emma Goldman in einem kleinen Haus niedergelassen, um ihre Autobiografien zu schreiben. Picqueray machte sich als Sekretärin nützlich, tippte das Manuskript und las Korrektur der mehrbändigen Autobiografie Goldmans.

Im Jahr 1922 reiste sie als Vertreterin der Föderation der Metallarbeiter nach Moskau zum Kongress der Roten Gewerkschafts-Internationale. In Begleitung des Delegierten Lucien Chevalier fuhr sie über Berlin, wo beide Berkman und Goldman trafen, die sie über die Lage im von den Bolschewiki regierten Russland und die Niederlage der russischen Anarchisten informierten (William Wright). Auch machte sie hier Bekanntschaft mit Rudolf Rocker und Augustin Souchy. In Berlin wurde Picqueray von Goldman und Berkman gebeten, sich nach ihrer Ankunft in Moskau für die Freilassung der in russischer Haft befindlichen Anarchisten Mollie Steimer und Senya Fleshin einzusetzen. In Moskau angekommen, gingen Lucien und Picqueray als Delegierte zum Büro von Leo Trotzki und übergaben ihm ein Gesuch für die Freilassung von Steimer und Fleshin. Die beiden Freunde Emma Goldmans wurden einige Wochen später entlassen. „Sie [Picquerac] besuchte illegal neben den Konferenzsitzungen im Untergrund lebende Anarchisten wie Nicolas Lazarevitch oder Ex-Anarchisten wie Victor Serge, die nun die Bolschewiki unterstützten“ (Quelle: In Graswurzelrevolution, s. Einzelnachweise). Bei einem Galadiner im Kreml sprang sie entrüstet auf einen Tisch und protestierte gegen dieses Galadiner der Delegierten, da in Sowjetrussland eine Hungersnot herrschte. Nach Abschluss des Kongresses, an einem der letzten Abende, wurde Picquaray gebeten, ein französisches Chanson zu singen. Sie ging auf den Vorschlag ein und sang von Charles d’Avray: Auf, auf, ihr alten Revolutionäre, die Anarchie wird endlich triumphieren. Hierüber schrieb sie in ihrer Autobiografie: Oh war das schön, danach in die Gesichter der Kommunisten zu schauen! Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie mich auf der Stelle hingerichtet.

Titel der von Picqueray 1974 bis 1983 geleiteten Zeitschrift Le Réfractaire

Zurück in Paris, war Picqueray aktiv tätig in einer Fluchthelfergruppe. Mit libertären Freunden fälschte sie Pässe für deutsche Juden, damit diese den Deportationen entgehen konnten, und für französische Arbeiter, die zur Zwangsarbeit verurteilt waren. Eine anarchistische Freundin von ihr arbeitete als Sekretärin in einem Büro der Nationalsozialisten. Picqueray ging dort „ein und aus“ und fälschte Pässe und Dokumente gleich vor Ort im Büro der Nazis (W. Wright).

Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich mit ihrem langjährigen politischen Weggefährten Louis Lecoin in der antimilitaristischen Bewegung. In den 1970er Jahren unterstützte sie die ökologische Bewegung.

In der französischen anarchistischen Bewegung erhielt May Picqueray die Ehrenbezeichnung La Réfractaire (so viel wie ‚Die Aufsässige‘ oder ‚die Dissidentin‘).

Marie-Jeanne Picqueray hatte drei Kinder: Sonia, Lucien und Marie-May.

Werke

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Commons: May Picqueray – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. ↑ Bernard Thomas: 3 novembre, May Picqueray. Geburtsdaten und nähere Angaben über ihr Leben. In: epheman.perso.neuf.fr. Ephéméride Anarchiste, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. August 2014; abgerufen am 6. Juni 2026 (französisch).
  2. ↑ Verschiedene Quellen bezeichnen Picqueray als Anarchistin (die Zeitschrift Graswurzelrevolution) oder Anarchosyndikalistin (auf der Website „epheman.perso.neuf.fr“. Autor: Bernard Thomas)
  3. 1 2 Picqueray, Marie-Jeanne (May). In: internationale-frauen-im-spanischen-krieg-1936-1939.de. Abgerufen am 6. April 2023.
  4. ↑ Autor: Jean Maitron. Biografie. Abgerufen am 1. Juli 2011. (französisch)
  5. ↑ Nähere Angaben über das Leben von M. Picqueray. Abgerufen am 1. Juli 2011 (französisch)
  6. ↑ Autor: William Wright – Die Aufsässige (Memento vom 12. Juni 2010 im Internet Archive). In: Graswurzelrevolution Nr. 275, Januar 2003. Informationen zu diesem Artikel stammen zum großen Teil aus dieser Zeitschrift. Abgerufen am 1. Juli 2011.
  7. ↑ Fluchthelfergruppe. Abgerufen am 1. Juli 2011 (französisch)