In der Mathematik ist ein Magma (neutrum, Mehrzahl Magmen oder Magmata) eine algebraische Struktur, bestehend aus einer Menge von Elementen zusammen mit einer Verknüpfung zweier beliebiger Elemente dieser Menge, die wiederum ein Element aus dieser Menge ergibt. Es wird auch Gruppoid, manchmal Binar oder Operativ genannt. Weitere Anforderungen an die Struktur eines Magmas werden nicht gestellt. Der Begriff wurde 1926 von dem deutschen Mathematiker Heinrich Brandt als Gruppoid entwickelt. Das Wort Magma hierfür wurde dann 1964 vom französischen Mathematiker Jean-Pierre Serre in seinen Vorlesungen an der Harvard University verwendet. Im Französischen bedeutet Magma – zwar veraltet, aber gebräuchlich – sinngemäß „wirres, unauflösbares Gemisch“, „Gemenge abstrakter Dinge“ und soll somit sinnbildlich für diese algebraische Struktur stehen. Dieser von Jean-Pierre Serre gewählte Begriff wurde in die 1974 erschienene Auflage des Standardwerks Algebra I vom französischen Autorenkollektiv Nicolas Bourbaki übernommen und hat sich dadurch in Fachkreisen etabliert.
Eine Verallgemeinerung des Magmas ist das Pseudo-Magma, in dem die Verknüpfung nicht mehr auf der ganzen zugrundeliegenden Menge erklärt sein muss, also partiell sein kann.
Ein Magma ist ein Paar bestehend aus einer Menge (der Trägermenge) und einer zweistelligen inneren Verknüpfung
Für , die Verknüpfung zweier Elemente , schreibt man auch kurz . Ist die Verknüpfung aus dem Kontext klar, bezeichnet man auch die Menge als Magma.
Die leere Menge kann auch als Trägermenge zugelassen werden; das Paar ist auf triviale Weise ein Magma.
Ist die Verknüpfung kommutativ, so heißt das Magma kommutativ oder abelsch; ist sie assoziativ, so heißt das Magma assoziativ oder Halbgruppe.
Sei ein Magma. Eine Teilmenge heißt Untermagma von , wenn abgeschlossen ist bezüglich , d. h., es gilt
Wie der Name suggeriert, wird selbst zum Magma durch die Einschränkung der vererbten Verknüpfung, d. h.
nennt man dann auch Obermagma von .
Ein beliebiger Durchschnitt von Untermagmen ist ein Untermagma. Damit bilden Untermagmen ein Hüllensystem:
Jede Teilmenge eines Magmas ist enthalten in einem kleinsten Untermagma, das enthält. Dieses Untermagma heißt von erzeugt und ist gegeben durch
wobei die Kurzschreibweise für „ ist Untermagma von “ ist.
Die folgenden Beispiele sind Magmen, die keine Halbgruppen sind:
| a | b | c | d | |
|---|---|---|---|---|
| a | a | b | c | a |
| b | c | d | b | c |
| c | c | a | a | c |
| d | a | d | d | b |
Die Verknüpfung in diesem Beispiel ist nicht assoziativ, wie das folgende Beispiel zeigt: .
Die folgenden Beispiele sind keine Magmen, da die angegebene Verknüpfung nicht für alle möglichen Werte definiert ist (sie sind also Pseudo-Magmen):
Beispiele für Untermagmen sind
| a | c | |
|---|---|---|
| a | a | c |
| c | c | a |
Die Grundmenge ist unter einer inneren Verknüpfung per Definition abgeschlossen. Ansonsten muss ein Magma keinerlei weitere Eigenschaften haben. Durch Hinzunahme zusätzlicher Bedingungen werden speziellere Strukturen definiert, die alle wiederum Magmen sind.
Darüber hinaus gibt es besondere Magmen, die ihrerseits mit weiteren Eigenschaften bis hinauf zur Gruppe spezialisiert werden können. Dafür gibt es zwei „Pfade“:
Als davon ausgehende Spezialisierung ist eine abelsche Gruppe eine Gruppe, deren Verknüpfung kommutativ ist.
Sind zwei Magmen, so heißt eine Abbildung ein (Magmen-)Homomorphismus, wenn für alle gilt:
Für alle Magmen gilt:
Also bilden Magmen als Objekte mit den Homomorphismen zwischen ihnen als Morphismen eine Kategorie.
Für bestimme Fälle von Quelle oder Ziel kann man einige oder alle Homomorphismen zudem angeben:
Analog zu anderen algebraischen Strukturen und ihren freien Formen ist auch hier die Idee, auf Basis einer gegebenen Menge an „Basiselementen“ ein Magma zu konstruieren, das möglichst natürlich ist, und zwar so, dass keinerlei Restriktionen an dieses Magma gestellt werden (daher der Name frei).
Etwas konkreter nehmen wir an, wir haben eine Menge , die wir „zum Magma machen“ wollen. Wir nennen dieses Magma und nehmen an, dass – auf eine Weise – . Wir definieren die Verknüpfung so, dass für das Element etwas „Neues“ ist bzw. „noch keinen Namen hat“; sprich, es heißt einfach: . Das deckt sich mit der Intuition der freien Gruppe: Jedes Element des freien Magmas soll auf genau eine Weise mit den Elementen von darstellbar sein.
Auf diese Weise erhalten wir immer neue, unendlich viele Elemente, sodass freie Magmen die „größten“ Magmen sind, nämlich so, dass jedes Magma sich als Quotient eines freien Magmas schreiben lässt.
Genauso, wie die freie Gruppe auf einem Element also bereits isomorph zu den ganzen Zahlen ist, ist auch das freie Magma auf allein einem Element schon unendlich.
Möglichst elegant ist eine rigorose Definition des freien Magmas wohl über formale Sprachen möglich. Freie Magmen sind aber nur bis auf Isomorphie eindeutig.
Sei wie gehabt eine beliebige Menge. Betrachte das Alphabet und darüber die Menge aller (endlichen) Wörter , d. h. zum Beispiel oder auch , jeweils für ein .
Die Sprache (also die Teilmenge aller Wörter) sei durch folgenden Kalkül definiert:
Die Menge besteht also aus allen Zeichenfolgen (Wörtern), die durch endliche Anwendung dieser beiden Regeln (Ableitung) erzeugt werden können.
Für die Verknüpfung definieren wir
ist gerade so definiert, dass es unter dieser Verknüpfung abgeschlossen ist, also wohldefiniert ist.
Da in einem Magma keine weiteren Anforderungen an die Verknüpfung gestellt werden, ist damit ein Magma. Über die natürliche Inklusion , indem also das Element der Menge auf das einelementige Wort abgebildet wird, ist .
Da der oben beschriebene Kalkül eindeutig ist, kann man Elementen des freien Magmas auch einen Grad zuordnen:
Jedes Magma, das zu dem hier konstruierten isomorph ist, heißt freies Magma über (oder auf) . Man schreibt oder , bei endlicher Basis auch .
Analog zu Gruppen ist auch jedes Magma isomorph zu einem Quotienten eines freien Magmas (Darstellung oder Repräsentierung), aber genauso wenig eindeutig.
Sei ein Magma. Ein Weg, dieses Magma darzustellen, ist, indem man auf (dem freien Magma über ) eine Äquivalenzrelation erzeugt durch
Auf diese Weise ist die kanonische Inklusion ein Magmaisomorphismus .
In den allermeisten Fällen ist diese Darstellung jedoch völlig übertrieben insofern, dass man das freie Magma von einer viel kleineren Menge erzeugen kann. Ist zum Beispiel selbst ein freies Magma, kann man auch wählen, wobei die von der leeren Menge erzeugte Äquivalenzrelation ist.
Dabei ist zu beachten, dass im Gegensatz zu Gruppen die Relation, durch die das freie Magma geteilt wird, eventuell deutlich sperriger aufgeschrieben werden muss. Während zum Beispiel die abelsche freie Gruppe auf zwei Elementen sowohl
heißen kann, ist die zweite Form bei Magmen mangels Inversen und neutralem Element nicht möglich, und es müssten Klammern gesetzt werden, um die Reihenfolge der Operationen zu beschreiben. Es kann also dennoch ratsam sein, ein Magma über eine Verknüpfungstafel o. Ä. anzugeben.