Medische Mauer

Die Medische Mauer (altgriechisch Μηδίας τεῖχος) war eine als Teil eines Befestigungssystems zum Schutz Babylons zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris in Mesopotamien errichtete Verteidigungsmauer. Das wohl auf Befehl König Nebukadnezars II. (regierte 605–562 v. Chr.) erbaute Bollwerk sollte Angriffe aus dem Norden, vermutlich insbesondere der Meder, auf die antike Metropole erschweren.

Antike Berichte

Xenophon ist der älteste antike Autor, der die Medische Mauer erwähnt; und er ist auch der Einzige, der dieser Befestigungsanlage ausdrücklich den Namen „Medische Mauer“ gibt. Er kommt auf dieses Bauwerk in seiner den Zug der Zehntausend beschreibenden Anabasis zu sprechen. Demnach gelangte der persische Prinz Kyros der Jüngere, als er mit seinem Heer entlang des Euphrat vorstieß, zwei Tage vor der gegen seinen Bruder, den Großkönig Artaxerxes II., ausgetragenen Schlacht bei Kunaxa (401 v. Chr.) an einen Sperrgraben. Dieser war auf Befehl Artaxerxes’ II. angelegt worden und sollte sich 12 Parasangen (etwa 65 km) weit durch die Ebene bis zur Medischen Mauer erstrecken. Zwischen dem Euphrat und dem Graben war noch ein 20 Fuß (etwa 6 m) breiter Damm stehengelassen worden, über den Kyros mit seiner Streitmacht ungehindert passieren und weiter vorrücken konnte.

Etwa 30 Tage nach der Schlacht bei Kunaxa erreichten Kyros’ griechische Söldner die Medische Mauer. An dieser Stelle seines Berichts beschreibt Xenophon die Mauer etwas genauer. Laut dem antiken Historiker soll sie 20 Fuß (etwa 6 m) breit, 100 Fuß (etwa 30 m) hoch und 20 Parasangen (etwa 110 km) lang gewesen sein. Sie habe aus in Asphalt eingebetteten gebrannten Ziegeln bestanden. In einer Entfernung von zwei Tagereisen von dem Ort, an dem die Söldner auf die Medische Mauer stießen, sei die nächste große Stadt am Tigris, Sittake, gelegen, und weitere vier Tagereisen entfernt die Stadt Opis am Fluss Physkos.

Unter der Bezeichnung „Mauer der Semiramis“ erwähnt Strabon offenbar den gleichen Verteidigungswall. Dieser sei in der Nähe der Siedlung Opis gelegen, wo sich der Euphrat und Tigris am meisten näherten. Auch der spätantike Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus meint wohl in seinem Bericht über den Perserfeldzug des römischen Kaisers Julian (363 n. Chr.) das gleiche Bollwerk, dessen Überreste Julian und seine Soldaten nahe dem Dorf Makeprakta sahen. In alten Zeiten habe sich die Mauer weit erstreckt und die Bestimmung gehabt, Assyrien (d. h. in Wirklichkeit Babylonien) gegen Angriffe von außen zu schützen.

Moderne Forschungsergebnisse

Bereits der französische Geograph Jean-Baptiste Bourguignon d’Anville versuchte die Medische Mauer zu lokalisieren und zeichnete ihren Verlauf auf einer seiner historischen Karten (L’Euphrate et le Tigre, Paris 1779) ein. Der englische Arzt John Ross glaubte 1834 den antiken Ort Opis, an dem die Medische Mauer gelegen hatte, an der gleichen Stelle gefunden zu haben, an der auch d’Anville ihn in seiner Karte verzeichnet hatte. 1836 untersuchte Ross den von ihm dort angetroffenen Damm genauer.

Der englische Offizier J. B. Bewsher vermutete hingegen 1867 nach seinen Forschungen im Gebiet von Bagdad und Falludscha, dass die Ruinen einer alten Mauer, die nun als Ḥabl aṣ-Ṣaḫr (d. h. „Linie aus Steinen“) bezeichnet wird, mit der Medischen Mauer identisch sei. Der deutsche Altorientalist Hugo Winckler (Altorientalische Forschungen, Bd. 1, 1897, S. 507 ff.) unternahm als Erster den Versuch, die Frage der Lage und Identifizierung der Medischen Mauer mit Hilfe von in Keilschrift abgefasster Inschriften Nebukadnezars II. zu lösen.

Bewshers Gleichsetzung des Ḥabl aṣ-Ṣaḫr mit der Medischen Mauer wird heute generell in der Altertumswissenschaft für richtig befunden. Der Ḥabl aṣ-Ṣaḫr liegt etwa 20 km südwestlich von Bagdad und war nach dem archäologischen Befund eine circa 5,5 m hohe und 1,5 m breite Mauer aus mit Asphalt vermengten Lehmziegeln. Bei einer Gesamtlänge von 15 km verlief sie anfangs in südöstlicher Richtung parallel zum Euphrat, bog daraufhin nach Nordosten ab und erstreckte sich zuletzt in östlicher Richtung. Wohl auf Veranlassung Nebukadnezars II. wurde sie auf einer West-Ost-Strecke von Sippar am Euphrat bis Opis am Tigris erbaut, wo die beiden Ströme die geringste Entfernung voneinander haben. Die Mauer diente dem Schutz Babylons, doch ist es nach der Ansicht des deutschen Altorientalisten Dietz Otto Edzard nicht sicher, ob Nebukadnezar tatsächlich schon bei ihrer Errichtung vor allem die Meder als potentielle feindliche Angreifer im Auge hatte. Zur Zeit Xenophons war das Bollwerk bereits verfallen.

Literatur

Anmerkungen

  1. ↑ Xenophon, Anabasis 1, 7, 15.
  2. ↑ Xenophon, Anabasis 2, 4, 12.
  3. ↑ Xenophon, Anabasis 2, 4, 13 und 2, 4, 25.
  4. ↑ Strabon, Geographika 2, 1, 26 und 11, 14, 8.
  5. ↑ Ammianus Marcellinus, Res gestae 24, 2, 6.
  6. ↑ Franz Heinrich Weißbach: Μηδίας τεῖχος. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XV,1, Stuttgart 1931, Sp. 68–79, hier: Sp. 69 f..
  7. ↑ Franz Heinrich Weißbach: Μηδίας τεῖχος. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XV,1, Stuttgart 1931, Sp. 68–79, hier: Sp. 71.
  8. 1 2 Medische Mauer. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 7, Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01477-0, Sp. 1101.
  9. ↑ Dietz Otto Edzard: Geschichte Mesopotamiens, C. H. Beck, 2. Auflage, München 2009, ISBN 978-3-406-51664-1, S. 242.