Hieronymus Megiser

Hieronymus Megiser (* 1557 in Stuttgart; † 1618 oder 1619 in Linz, Österreich) war ein Polyhistor, Sprachgelehrter und Geschichtsschreiber, aber auch Geschichtsfälscher.

Hieronymus Megiserus (1613)

Leben

Hieronymus Megiser studierte ab 1571 an der Universität Tübingen, war ein Lieblingsstudent des Späthumanisten und Philologen Nicodemus Frischlin, wurde dort 1577 Magister und ging 1581 als Privatlehrer („Praeceptor“) nach Laibach, dem heutigen Ljubljana. Ab 1582 studierte er Rechtswissenschaften in Padua und war danach erneut als Privatlehrer junger Adeliger aus Krain und der Steiermark tätig, unternahm ausgedehnte Reisen – 1588/89 Italien und Malta sowie 1591 Norddeutschland, Holland und England.

1590/91 wurde er in Graz von Erzherzog Karl zum „Ordinarius Historiographus“, zum Landschaftlichen Geschichtsschreiber, ernannt. Hier lernte den jungen Johannes Kepler kennen, mit dem er „in wissenschaftlichem und freundschaftlichem Verkehr“ blieb.

1593 kam er nach Kärnten, wo er bis 1601 die Stelle des Rektors am evangelischen „Collegium sapientiae et pietatis“ der Landstände in Klagenfurt innehatte. Als diese Anstalt von Universitätsniveau, in deren Tradition sich sowohl das Europagymnasium Klagenfurt als auch die Universität Klagenfurt sehen, im Zuge der Gegenreformation den Jesuiten übereignet wurde, musste er wie nahezu alle übrigen protestantischen Professoren Kärnten verlassen.

Nach weiteren Reisen ließ sich Hieronymus Megiser in Frankfurt am Main nieder, wo er die Tochter des Druckers Johann Spiess heiratete. Er wirkte dann in Gera für Heinrich Posthumus von Reuß, der den Aufbau einer modernen Landesbildungsanstalt unternommen hatte. Megiser wurde im Jahre 1603 von Kurfürst Christian II. zum außerordentlichen Professor für Geschichte an der Universität Leipzig und zum Churfürstlich bestellten Historiographen ernannt.

Diese Stelle hatte er bis 1612 inne, als er von Erzherzog Karl von Österreich zum Pfalzgraf erhoben und als Geschichtsschreiber nach Linz berufen wurde. Das Interesse der oberösterreichischen Stände an der Geschichte war so groß, dass sie eigens einen Historiker beschäftigt wollten, der die landschaftliche Bibliothek leiten und ähnlich wie die Hofhistoriographen Auftragsarbeiten erledigen sollte. Die Wahl fiel auf Hieronymus Megiser, der 1615 zum „historicus“ der Landschaft ernannt wurde.

Noch im selben Jahr bekam er den Auftrag zu einer Chronik des Landes. Seine auf Michael Gothard Christalnick basierende Kärntner Geschichtschronik Annales Carinthiae enthält jedoch nicht nur mehrere Irrtümer, sondern auch zahlreiche Übertreibungen, Erfindungen und Geschichtsfälschungen. Beispielsweise einen komplett erfundenen Krieg zwischen Herzog Liutold von Kärnten und König Zvonimir von Kroatien oder mehrere hinzuaddierte Türkeneinfälle in Kärnten, Steiermark und Krain.

Megiser erfand zudem Helden, um seine adligen Auftraggeber zu verherrlichen, und vermeintliche Gewährsmänner, um seinen Erfindungen den Anschein von Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit zu geben. Die von ihm erfundene Schlacht bei Villach gilt als „sein größter Unsinn“.

Als zwischen 1618 und 1620 die Auseinandersetzungen zwischen den protestantischen Ständen und dem katholischen Herrscherhaus ihren Höhepunkt erreichten, verfasste Megiser Schriften, in denen die verfassungsrechtlichen Anschauungen der Ständeopposition historisch gerechtfertigt wurden, beispielsweise die Übernahme der Landesadministration durch die Landschaft während eines Interregnums.

Aus dieser zeitlichen Tatsache der Auseinandersetzungen ergibt sich auch die Annahme eines späteren Sterbedatums als des bislang angenommenen Jahres 1618. Es handelte sich um ein heikles Thema, bei dem ständisches und landesfürstliches Verfassungsdenken frontal aufeinanderprallten. Megiser vertrat hier kompromisslos die Sicht der Landstände, der zufolge in dieser Zeit einzig die Landschaft befugt sei, die Herrschaftsrechte auszuüben.

Bedeutung

Werke

Dictionarium quatuor linguarum (Erstausgabe 1592)

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Axel Huber: Die Chronik des Michael Gothard Christalnick und Hieronymus Megisers Annales Carinthiæ. Zum 400. Todestag Megisers (1557–1619). In: Geschichtsverein für Kärnten (Hrsg.): Carinthia I. 208. Jahrgang. Klagenfurt 2018, S. 259–268.
  2. ↑ Alfons Huber: Geschichte Österreichs, Zweiter Band. Perthes, Gotha 1885, S. 529.
  3. 1 2 Ferdo Šišić: Geschichte der Kroaten, Band 1, Seite 305. Matica Hrvatska, Zagreb 1917
  4. 1 2 Wilhelm Neumann: Bausteine zur Geschichte Kärntens, Seite 185. Verlag des Kärntner Landesarchives, Klagenfurt 1985
  5. ↑ Max Doblinger: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Band 26, Seiten 455–461. Wagner, Wien 1905
  6. 1 2 Walter Höflehner, Wissenschaftsgeschichte: Hieronymus Megiser (Memento vom 10. April 2018 im Internet Archive)
  7. ↑ Theodor Elze: Megiser, Hieronymus. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 21, Duncker & Humblot, Leipzig 1885, S. 183–185.
  8. 1 2 3 Dieter Jandl: Klagenfurt - Von der Siedlung an der Furt zur Wissensstadt, Historischer Überblick, Seite 20f. Klagenfurt 2006, S. 22.
  9. ↑ Spieß, Johann. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
  10. ↑ Wilhelm Neumann: Die Türkeneinfälle nach Kärnten – Wahrheit und Dichtung in der Kärntner Geschichtsschreibung von Jakob Unrest bis zur Gegenwart (PDF). Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschungen, Regensburg 1955
  11. ↑ Arno Strohmeyer: "Vom Licht des Krieges zur Geburt der Geschichte". Die Geschichtskultur der österreichischen Stände im Werden der Habsburgermonarchie (1550–1650). In: Anzeiger der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, philosophisch-historische Klasse 137. Wien 2002, S. 147–165.
  12. ↑ Megiser’s Search Engine 1744: „The Megiser dictionaries from 1592 and 1744 offer corresponding items from four different languages from three different branches of Indo-European: Teutsch-Lateinisch-Windisch-Wälisch, i.e. German-Latin-Slovenian-Italian“
  13. ↑ Eintrag zu Christalnick, Michael Gotthard im Austria-Forum (im AEIOU-Österreich-Lexikon)
  14. 1 2 Wilhelm Neumann: Zeittafel zur Geschichte Kärntens. In: Das ist Kärnten. [Hrsg.] Amt der Kärntner Landesregierung, 2. Aufl., Klagenfurt 1978, S. 13.
  15. ↑ Wilhelm Neumann, 600 Jahre Geschichtsschreibung. Von Johann von Viktring bis Martin Wutte. In: Das ist Kärnten. [Hrsg.] Kärntner Landesregierung, 2. Aufl. S 90 f, Klagenfurt 1978.
  16. ↑ Bild der Herzogeinsetzung (Memento vom 4. Februar 2007 im Internet Archive)
  17. ↑ Der ursprüngliche Titel lautet: „Historia Carinthiaca. Das ist Weitläufftige und ordentliche Beschreibunge der Historien des hochloblichen und Uralten Ertzherzogthumbs Kärndten […] publiciert und am tag gegeben im 1578. Jar.“ Das nur zum Teil erhaltene Manuskript Christalnicks (vorhanden sind die Vorrede und die ersten vier Bücher, die bis in die Römerzeit reichen) umfasst 188 Folien und befindet sich im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian, Stiftsbibliothek,Hs. XI, 523.
  18. ↑ Annales Carinthiae, Gedruckt in Leipzig durch Abraham Lamberg. MDCXII, geht aber mitunter auch über Kärntens Landesgrenzen hinaus bis ins Gottscheer Land in Krain, etwa S 5:
    „Ebner massen findet man auch bey den glaubwürdigen Authoribus, daß die fürnembsten Völker aus den Schwaben, Sennones genannt, in dieser gegne vnd Landsart gewohnt haben: Dann sie zum ersten in Liburnia, bey dem winckel des Adriatischen Meers niedergesessen, nemlich neben Histerreich (Istrien), Dalmatien vnd Friaul. Wir nennen dise Ort im Lande den Pyrpamer (Birnbaumer) Wald, Karsch, Wippach, Gottschee vnd die Windische March. Strabo vnd Plinius nenen diese Schwaben Cenomanos vnd seind jhre vberbliebne Nachkommen noch heutigs Tags zu Gottschee vnd daselbst herumb, welche Einwohner mitten vnder den Windischen sich der Teutschen Sprach gebrauchen vnd ain Schwäbische Aussprach haben.“
Personendaten
NAME Megiser, Hieronymus
KURZBESCHREIBUNG Universalist, Sprachgelehrter, Geschichtsschreiber und Geschichtsfälscher
GEBURTSDATUM 1557
GEBURTSORT Stuttgart
STERBEDATUM 1618 oder 1619
STERBEORT Linz, Österreich