Die Artikel Mengenlehre und Menge (Mathematik) überschneiden sich thematisch. Informationen, die du hier suchst, können sich also auch im anderen Artikel befinden. Gerne kannst du dich an der betreffendenRedundanzdiskussion beteiligen oder direkt dabei helfen, die Artikel zusammenzuführen oder besser voneinander abzugrenzen (→Anleitung).
Dieser Artikel befasst sich mit der mathematischen Theorie der Mengen; eine erste Einführung in die Begriffe der Mengenlehre findet sich unter Menge (Mathematik). Die Geschichte der Mengenlehre wurde in einen eigenen Artikel ausgegliedert.
Die Mengenlehre (englischset theory, französischthéorie des ensembles, spanischteoría de conjuntos) ist ein grundlegendes Teilgebiet der Mathematik, das sich mit der Untersuchung von Mengen, also von Zusammenfassungen von Objekten, beschäftigt. Die gesamte Mathematik, wie sie üblicherweise gelehrt wird, ist in der Sprache der Mengenlehre formuliert und baut auf den Axiomen der Mengenlehre auf. Die meisten mathematischen Objekte, die in Teilbereichen wie Algebra, Analysis, Geometrie, Stochastik oder Topologie behandelt werden, können als Mengen definiert werden. Gemessen daran ist die Mengenlehre eine recht junge Wissenschaft; erst nach der Überwindung der Grundlagenkrise der Mathematik im frühen 20.Jahrhundert konnte die Mengenlehre ihren heutigen, zentralen und grundlegenden Platz in der Mathematik einnehmen.
In der reinen Mengenlehre ist das Elementprädikat (sprich ist Element von) die einzige notwendige Grundrelation. Alle mengentheoretischen Begriffe und Aussagen werden aus ihr mit logischen Operatoren der Prädikatenlogik definiert.
Aufzählende Notation
Die Elemente einer Menge werden durch die Mengenklammern{ und } zu einem Ganzen, der Menge, zusammengefasst.
Die Menge, welche aus den Elementen bis besteht, enthält das Element genau dann, wenn mit einem der übereinstimmt. Formal:
Z.B. ist die Aussage
äquivalent zur Aussage
Beschreibende Notation
Die Menge der , für die das Prädikat gilt, enthält ein Element genau dann, wenn das Prädikat auf zutrifft. Formal:
Zu dieser unbeschränkten Beschreibung gibt es auch eine beschränkte Variante:
Oft kommt auch die Kurzschreibweise
vor, wobei mit ein Funktionsterm gemeint ist.
Entsprechend der Definition der Gleichheit von zwei Mengen lässt sich die Aussage
Gegeben ist eine nichtleere Menge von Mengen. Die Schnittmenge (auch Durchschnittsmenge) von ist die Menge der Objekte, die in jedem Element von – das ist jeweils wiederum eine Menge– enthalten sind. Formal:
Speziell für zweielementiges schreibt man .
Wenn eine Familie von Mengen mit nichtleerer Indexmenge ist, dann ist die Schnittmenge
bzw. für ist im Allgemeinen nicht definiert. Wenn in einem speziellen Kontext alle betrachteten Elemente zu einer fixierten Grundmenge gehören und alle betrachteten Mengen Teilmengen von sind, ist zulässig und es gilt .
Vereinigungsmenge
Vereinigungsmenge von und
Dies ist der zur Schnittmengeduale Begriff: Die Vereinigungsmenge einer (nicht notwendigerweise nichtleeren) Menge von Mengen ist die Menge der Objekte, die in mindestens einem Element von enthalten sind. Formal:
Speziell für zweielementiges schreibt man .
Wenn eine Familie von Mengen mit Indexmenge ist, dann ist die Vereinigungsmenge
Gleichheit von Mengen
Zwei Mengen heißen gleich, wenn sie dieselben Elemente enthalten.
Diese Definition bezeichnet die Extensionalität und damit die grundlegende Eigenschaft von Mengen. Formal:
Differenz und Komplement
ohne
Die Bildung der Differenzmenge wird nur bezüglich zweier Mengen definiert:
Die Differenzmenge (auch Restmenge) von und (umgangssprachlich auch A ohne B, s.Abb.) ist die Menge der Elemente, die in , aber nicht in enthalten sind. Formal:
Man nennt diese Differenzmenge auch Komplement von B in Bezug auf A.
Führt man diese Mengenbildung innerhalb einer GrundmengeX durch, so hat man hier die Komplementärmenge von (bezüglich X), also
und dabei hat man . Sofern A mit dieser Grundmenge zusammenfällt und damit B eine Teilmenge von A ist, dann gilt gerade .
Symmetrische Differenz
Symmetrische Differenz von und
Die symmetrische Differenz ergibt sich mittels Anwendung der Differenzbildung:
Die Potenzmenge einer Menge ist die Menge aller Teilmengen von :
Die Potenzmenge einer Menge enthält immer die leere Menge und die Menge selbst. Somit ist , also eine einelementige Menge.
Geordnetes Paar
Auch der Begriff des geordneten Paares wird auf zurückgeführt. Da es beim geordneten Paar auf die Reihenfolge ankommt, muss es irgendwie gelingen, das vor dem auszuzeichnen. Üblicherweise verwendet man die auf Kuratowski zurückgehende Definition:
ist also eine Menge von zwei Mengen, und sind und verschieden (nur dann muss man eine Reihenfolge festlegen), so ist dasjenige Element, das in beiden Mengen vorkommt, kurz .
Kartesisches Produkt
Die Produktmenge oder das kartesische Produkt, in älterer Terminologie auch Verbindungsmenge oder Produkt zweiter Art, soll hier ebenfalls zunächst als Verknüpfung von zwei Mengen definiert werden:
Die Produktmenge von und ist die Menge aller geordneten Paare, deren erstes Element aus und deren zweites Element aus ist; formal:
Ist eine Äquivalenzrelation auf einer Menge gegeben, lässt sich zunächst die Äquivalenzklasse eines Elements definieren:
Die Menge aller Äquivalenzklassen von wird Quotientenmenge genannt:
Sagt die Äquivalenzrelation z.B. aus, dass zwei Schüler in dieselbe Klasse gehen, dann ist die Äquivalenzklasse eines Schülers seine Schulklasse und die Quotientenmenge die Menge der Schulklassen der Schule.
Damit sollte klar sein, wie man mittels obiger Definitionen alle weiteren Begriffe der Mathematik auf den Mengenbegriff zurückführen kann.
Mächtigkeit und Kardinalzahl
Mit den Begriffen der bijektiven Funktion und der Äquivalenzrelation lässt sich nun auch die eingangs erwähnte Mächtigkeit einer Menge definieren. Die Mächtigkeit oder Kardinalität einer Menge wird mit (zuweilen auch ) bezeichnet. Eine Menge heißt endlich, wenn sie gleichmächtig zu einer natürlichen Zahl ist, dann ist die Anzahl der Elemente von . Damit ist der Begriff Kardinalzahl eine Verallgemeinerung der Elementanzahl einer (endlichen) Menge. Unter Einbeziehung der Arithmetik der Kardinalzahlen wird die Mächtigkeit der Potenzmenge von , auch bei unendlichen Mengen, mit bezeichnet.
Adolf Fraenkel: Einleitung in die Mengenlehre. Springer, Berlin / Heidelberg / New York, NY 1928. Neudruck: Martin Sändig oHG, Walluf 1972, ISBN 3-500-24960-4.
Oliver Deiser:Einführung in die Mengenlehre. Die Mengenlehre Georg Cantors und ihre Axiomatisierung durch Ernst Zermelo. 3. Auflage. Springer, Berlin/Heidelberg 2010, ISBN 978-3-642-01444-4.
(spätere aktualisierte Fassung online frei zugänglich über die Website des Autors)
André Joyal, Ieke Moerdijk: Algebraic Set Theory. Cambridge University Press, 1995, ISBN 0-521-55830-1.