Michael Gechter

Michael Gechter (* 27. Oktober 1946 in Hamburg; † 18. Juni 2018 in Rheinbach) war ein deutscher Provinzialrömischer Archäologe, der grundlegende Arbeiten zur römischen Besiedlung des Rheinlandes und speziell zum Niedergermanischen Limes vorgelegt hat.

Früher Werdegang

Anfang der 1970er Jahre grub Michael Gechter als junger Archäologe unter der Leitung von Gustav Müller in Novaesium im heutigen Neuss. Mit der noch von Hans Schönberger angeregten Dissertationsschrift Die Anfänge des Niedergermanischen Limes wurde Gechter 1974 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn bei Harald von Petrikovits promoviert. Diese Veröffentlichung gilt bis heute als Standardwerk für die Provinzialrömische Archäologie des Niedergermanischen Limes, den Gechter neben Christoph B. Rüger und Julianus Egidius Bogaers erstmals als ganzheitliches, geschlossenes Verteidigungssystem begriff. Das Werk bildete den Grundstein, auf dem letztlich die Erhebung des Niedergermanischen Limes zum UNESCO-Weltkulturerbe 2021 basiert. 1975 wurde er als wissenschaftlicher Grabungsleiter beim Landschaftsverband Rheinland angestellt, grub zunächst in der Colonia Ulpia Traiana und in Vetera (heute Xanten) und leitete ab 1978 die Ausgrabungen in Bonn. 1980 erfolgte seine Verbeamtung. 1982 gründete Gechter den „Unkeler Kreis“, einen Zirkel von Archäologen, die übergeordnete Denkansätze und Fragestellungen ihrer Disziplin diskutierten und methodisch weiterentwickeln wollten. Die Ergebnisse ihrer Symposien verbreiteten sich und regten in Fachkreisen einen grundlegenden Diskurs über zukünftige Wege der Archäologie an. Insgesamt schuf er in den 1980er Jahren in der Zusammenarbeit mit Jürgen Kunow die noch bis heute gültigen Grundlagen der Limesforschung am Niedergermanischen Limes. 1987, im Rahmen der Neustrukturierung der Archäologie im Rheinland und der Auslagerung der Bodendenkmalpflege aus dem Rheinischen Landesmuseum, wurde er zum kommissarischen Leiter dieser neugebildeten Dienststelle berufen und war damit der Gründungsdirektor des Rheinischen Amts für Bodendenkmalpflege noch vor Harald Koschik. Nach dessen Amtsantritt noch im selben Jahre war Gechter zunächst Leiter der Abteilung Prospektion, bevor er von 1989 an Chef der Außenstelle Overath wurde.

Leiter der Außenstelle Overath (1989 bis 2012)

Der Zuschnitt des Zuständigkeitsbereichs dieser Außenstelle mit ihrem Sitz auf Gut Eichthal, an dem Gechter wohl selber mitgewirkt hatte, entsprach seiner Spezialisierung auf den Niedergermanischen Limes. Umfasste er doch im Linksrheinischen die Militärlager Novaesium (Neuss), Durnomagus (Dormagen) und das Legionslager Bonn sowie im Rechtsrheinischen Haus Bürgel. In Overath wirkte Gechter von seiner Berufung 1989 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2012 und war so in diesem Zeitraum für alle Ausgrabungen in dem beschriebenen Bereich zuständig. Dabei gingen seine Interessen, nicht zuletzt bedingt durch seine Aufgaben, die er nun auch in rechtsrheinischen Gegenden wahrzunehmen hatte, weit über die Provinzialrömische Archäologie hinaus. So entwickelte er eine Affinität zur Montanarchäologie und für die Relikte des Zweiten Weltkriegs. Speziell in der Montanarchäologie des Bergischen Landes setzte er während seines Wirkens in Overath wissenschaftlich Maßstäbe.

Gechter galt bei seinen Kollegen und Mitarbeitern als kantiger, eigenwilliger Mensch, der jedoch stets frei von hierarchischem Denken den offenen Dialog suchte. Ein Ausspruch wie

„Sie denken etwas Anderes, als Sie sagen.
Sagen Sie doch mal, was Sie denken!“

– Michael Gechter

war typisch für ihn.

Als Leiter der Außenstelle Overath bemühte er sich neben seinen eigentlichen Aufgaben um den akademischen Nachwuchs und die Rekrutierung ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger. Zahlreichen Studierenden der Universität Bonn und der Universität zu Köln vermittelte er Grundlagenkenntnisse der römischen Keramik, der Feldarchäologie und der Montanarchäologie und betreute in diesen Bereichen viele Abschlussarbeiten. Systematisch scharte er Ehrenamtliche um sich, die er regelmäßig zu Bodendenkmalpflegern schulte und fortbildete.

Ruhestand und Novaesium-Projekt (2012 bis 2018)

Gechters letztes Projekt, an dem er nach seiner Pensionierung intensiv arbeitete, eine großangelegte Monographie über die Ausgrabungen Gustav Müllers in Novaesium, konnte er nicht mehr selber vollenden. Erst postum, 2024, erschien das Werk Die augusteisch-tiberischen Lager von Novaesium in der Reihe Limesforschungen der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts. Die Arbeit widmet sich den älteren Militärlagern der augusteisch-tiberischen Zeit in Neuss. Im Gegensatz zu dem bereits gut erforschten sogenannten Koenenlager in Neuss-Gnadenthal wurden diese Ausgrabungen, die in den 1960er und 1970er Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert worden waren, nie publiziert, da Gustav Müller frühzeitig verstarb und keine Auswertung seiner Dokumentation mehr erstellen konnte. Diese Arbeit stellte bei ihrem Erscheinen ein Desiderat der Provinzialrömischen Archäologie dar.

Zeit seines Schaffens hat Gechter mehr als 170 Schriften publiziert. Als grundlegend und zukunftsweisend gelten bis heute seine Arbeiten zur Provinzialrömischen Archäologie im Allgemeinen und zum Niedergermanischen Limes im Besonderen. Wegweisendes leistete Gechter auch im Bereich der Montanarchäologie. Mit seinen Arbeiten prägte er für Jahrzehnte die Limesforschung sowie die Bodendenkmalpflege und setzte in beiden Bereichen neue Maßatäbe.

Am 14. Juni 2018 verstarb Michael Gechter in Rheinbach und wurde in einem Friedwald in Bad Münstereifel bestattet.

„Mit dem Tod von Dr. Michael Gechter verlieren wir einen herausragenden Forscher, leidenschaftlichen Feldarchäologen und eine Persönlichkeit, die die Bodendenkmalpflege im Rheinland über Jahre maßgeblich geprägt hat. Auch ich persönlich verdanke ihm sehr viel.“

Schriften (Auswahl)

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Gechter, Michael. In: Vademekum der Geschichtswissenschaften. F. Steiner, Stuttgart 2000, S. 365.
  2. ↑ Michael Gechter: Die Anfänge des Niedergermanischen Limes. In: Bonner Jahrbücher. Band 179, 1979, S. 1–138.
  3. 1 2 3 Jennifer Morscheiser: Michael Gechter. Ein Nachruf. In: Bonner Jahrbücher. Band 218, 2018, S. 3–12.
  4. 1 2 3 Uwe Steinkrüger: Ein leidenschaftlicher Archäologe mit bleibenden Verdiensten. Zum Tod von Dr. Michael Gechter. Pressemitteilung des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland vom Juli 2018 auf bodendenkmalpflege.lvr.de, abgerufen am 23. September 2022.
  5. ↑ Uwe Steinkrüger: Archäologe aus Leidenschaft. Zum Tod von Michael Gechter. In: Archäologie in Deutschland. 6/2018, S. 72.
  6. ↑ Jennifer Morscheiser: Michael Gechter. Ein Nachruf. In: Bonner Jahrbücher. Band 218, 2018, S. 3
  7. ↑ Die augusteisch-tiberischen Lager von Novaesium. Novaesium X. Auf Grundlage der Befundbearbeitungen durch Gustav Müller und Marion Euskirchen (= Limesforschungen. Band 32). Gebr. Mann, Berlin 2024, ISBN 978-3-7861-2903-5.
  8. ↑ Uwe Steinkrüger: Ein leidenschaftlicher Archäologe mit bleibenden Verdiensten. Zum Tod von Dr. Michael Gechter. Pressemitteilung des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland vom Juli 2018 auf bodendenkmalpflege.lvr.de, abgerufen am 23. September 2022.