Die Leidenschaft der Miss Mary

Film
Titel Die Leidenschaft der Miss Mary
Originaltitel Miss Mary
Produktionsland
Originalsprache
Erscheinungsjahr 1986
Länge 100 Minuten
Stab
Regie María Luisa Bemberg
Drehbuch
  • María Luisa Bemberg
  • Beda Docampo Feijóo
  • Juan Bautista Stagnaro
  • Jorge Goldenberg
Produktion Lita Stantic
Musik Luis María Serra
Kamera Miguel Rodríguez
Schnitt
  • Luis César D'Angiolillo
  • Marc Grossman (USA-Version)
Besetzung
  • Julie Christie: Mary Mulligan (Gouvernante)
  • Nacha Guevara: Mecha Bordagain (Mutter)
  • Eduardo Pavlovsky: Alfredo Martínez (Vater)
  • Gerardo Romano: Ernesto (Bruder von Mecha)
  • Sofía Viruboff: Carolina (älteste Tochter)
  • Barbara Bunge: Teresa (jüngste Tochter, als Kind)
  • Nora Zinski: Teresa (jüngste Tochter, als Erwachsene)
  • Donald Hugh Mc Intyre: Johnny (Sohn)
  • Iris Marga: Oma Victoria (Mutter von Mecha)
  • Guillermo Battaglia: Opa (Vater von Mecha)
  • Luisina Brando: Perla
  • Alberto Busaid: Don Mateo
  • Georgina Parpagnoli: Angelita
  • Ricardo Hanglin: Toribio (Teresas Freund)
  • Carlos Pamplona: Spanischer Concierge
Weitere Darsteller:
  • Regina Lamm
  • Anne Henry
  • Sandra Ballesteros
  • Anita Larronde
  • Alfredo Quesada
  • Osvaldo Flores
  • Tessi Gilligan
  • Carlos Usay
  • Óscar López
  • Susana Verón
  • Alberto Marty
  • Beatriz Thibaudin
  • Laura Feal
  • Susana Cortínez
  • Juan Palomino
  • Facundo Zuviría
  • Lila Di Palma
  • Mercedes Van Gelderen
  • Paula María Muschietti
  • Julio César Srur

Die Leidenschaft der Miss Mary (Originaltitel: Miss Mary) ist ein argentinisches Filmdrama der Regisseurin María Luisa Bemberg aus dem Jahr 1986, bei dem Julie Christie, Nacha Guevara und Eduardo Pavlovsky die Hauptrollen spielen.

Handlung

Im Jahr 1938 trifft die Engländerin Mary Mulligan auf der Estancia einer wohlhabenden argentinischen Familie auf der Pampa ein, um den Posten als die neue Gouvernante anzutreten. Wie viele damalige reiche Familien, setzen sie auf eine klassische britische Erziehung ihrer Kinder. Ernesto, der Familienvater, möchte, dass Miss Mary seine Töchter streng zu geeigneten Bräuten erzieht. Mecha, die Mutter, führt sie herum und zeigt ihr unter anderem das „kleine Zimmer, in das sie sich zurückzieht, um zu weinen“.

In den folgenden Jahren unterrichtet Miss Mary die drei Kinder in Englisch und begleitet ihre Entwicklung von der Kindheit bis ins Jugendalter. Mit dem Eintritt ins Teenageralter entdecken diese ihre Sexualität und suchen ihren Platz in der Gesellschaft. Unterdessen bricht die aristokratische Welt um sie herum zusammen. Die Erwachsenen unterhalten sich über die argentinische Politik und deuten an, dass der Neuankömmling Juan Perón bald auf der politischen Bühne erscheinen wird, was ein jähes Ende ihres Lebensstils bedeuten wird.

Als der Familienpatriarch eine intime Beziehung mit einer anderen Frau eingeht, schießt seine Frau Mecha blindlings mit einer Pistole um sich. Auch wenn niemand verletzt wird, sind die Kinder zutiefst verstört. Mecha verfällt langsam geistig und emotional und wird immer stoischer und distanzierter. Carolina, die ältere Tochter der Familie, fragt sich, ob ihre Familie verrückt ist und zu viel Geld hat.

Einige Jahre später verkündet Teresa, die jüngste Tochter der Familie, ihrer älteren Schwester voller Stolz, dass sie ihre Jungfräulichkeit verloren hat. Johnny, ihr älterer Bruder, wird von seinem Onkel zu einer Prostituierten mitgenommen, damit er seine Jungfräulichkeit verliert. Verwirrt von dieser trostlosen Erfahrung eilt er trotz eines Gewitters nach Hause und sucht Mary in ihrem Schlafzimmer auf. Nach einem kurzen Moment der Verlegenheit umarmen sie sich und schlafen miteinander, was der krönende Abschluss ihrer langen, vage definierten Beziehung ist, die sowohl mütterliche als auch romantische Züge aufweist. Als Johnny am frühen Morgen von seiner Mutter dabei beobachtet wird, wie er sich halbnackt in sein Zimmer schleicht, fasst diese den Entschluss, Mary zu entlassen. Doch Mary hat ohnehin bereits beschlossen, die Familie zu verlassen. Sie mietet eine kleine Wohnung in Buenos Aires und gibt dort Englischunterricht.

Später sieht man, wie Teresa sich auf ihre erzwungene Hochzeit vorbereitet, obwohl sie ihren Bräutigam nicht liebt und gar nicht heiraten möchte. Angetrieben von ihrer Unterstützung für ihre Schwester und ihrer Verachtung für die oberflächliche Welt, in der sie lebt, will Carolina nicht zur Zeremonie gehen. Stattdessen tippt sie, wie ihr Psychiater als Therapie ihr geraten hat, Adressen aus dem Telefonbuch auf der Schreibmaschine ab. Mary ist bei der Hochzeit anwesend und schiebt Johnny, als dieser in seiner Uniform als Marineoffizier in der Prozession der Familie der Braut den Gang entlanggeht, einen Zettel zu. Kurz darauf unterhält sich Mary mit Johnny und verrät ihm, dass sie plant, nach England zurückzukehren, da der Zweite Weltkrieg nun beendet ist. Sie geht an Bord eines Kreuzfahrtschiffes und reist ab.

Historischer Kontext

Die Handlung des Films orientiert sich an entscheidenden Ereignissen der argentinischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die auch großen Einfluss auf die Beziehungen zum Vereinigten Königreich hatten.

In einer einleitenden Szene verabschieden sich die Eltern von den Kindern, die in der Obhut einer früheren Gouvernante bleiben, um zu einer Feier anlässlich des Sturzes der demokratisch gewählten Regierung vom Präsident Hipólito Yrigoyen zu gehen. Dieser Staatsstreich, der am 6. September 1930 unter der Führung von General José Félix Uriburu durchgeführt wurde, läutet die Periode der argentinischen Geschichte ein, die als Década Infame („Infames Jahrzehnt“) bekannt ist, da sie von systematischem Wahlbetrug und Korruption geprägt war. Angesichts der Krise des weltweiten Freihandelssystems im Jahr 1930 handelte Argentinien mit dem Vereinigten Königreich das umstrittene Roca-Runciman-Abkommen aus, das die Fortsetzung der Fleischexporte im Gegenzug für erhebliche wirtschaftliche Zugeständnisse seitens Argentiniens garantierte und Großbritannien das absolute Monopol über die argentinischen Transportmittel einräumte.

Das „infame Jahrzehnt“ endet mit dem von einer Gruppe von Armeeoffizieren durchgeführten Staatsstreich am 4. Juni 1943, an dem auch der damals noch unbekannte Juan Domingo Perón beteiligt war. Neben anderen Ämtern übernahm Perón das neu geschaffene Arbeitsministerium. Dieses trieb Arbeitsrechtsreformen voran und modernisierte die halbfeudalen Verhältnisse, unter denen die Landarbeiter noch immer litten. Dies löste Besorgnis bei den Großgrundbesitzern aus, die die argentinischen Exporte kontrollierten. Interne Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe der regierenden Offiziere hatten zur Folge, dass Perón seines Amtes enthoben und festgenommen wurde. Neun Tage später, am 17. Oktober 1945, besetzten zahlreiche Demonstranten aus den armen Arbeitervierteln am Stadtrand von Buenos Aires das elegante, reiche Stadtzentrum, insbesondere die Plaza de Mayo vor dem Regierungssitz. Sie erreichten die Freilassung des Gefangenen und zwangen die herrschende Diktatur, Wahlen anzusetzen. Vier Monate später wurde Perón zum Präsidenten gewählt. Dieser Tag, bekannt als „Tag der Loyalität“, gilt als die Geburtsstunde des Peronismus und war zwischen 1946 und 1954 ein nationaler Feiertag.

Bis auf die einleitende Szene im Jahr 1930 springt die Handlung des gesamten Films zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Die eine spielt um den 17. Oktober 1945 in Buenos Aires, wo Miss Mary bereits seit Längerem lebt und Englischunterricht gibt. Die andere in der Estancia der Familie in den Jahren ab 1938, zuerst durch die direkte Beobachtung von Miss Mary und danach durch die Erzählung von Johnny bei ihrem Treffen nach Teresas Hochzeit.

Hintergrund

Inspiration

Miss Mary wurde von den Erzählungen Das olivgrüne Kleid, Das tote Pferd und Das Tagebuch von Porfiria Bernal von Silvina Ocampo inspiriert. Der Film gilt als der autobiografischste von María Luisa Bemberg, die als Tochter einer der traditionsreichsten Familien Argentiniens geboren wurde. Ihr Großvater Otto Bemberg hatte die Brauerei Quilmes im Jahr 1888 gegründet und zählte zu den reichsten Menschen des Landes. Wie es den gesellschaftlichen Normen ihrer Klasse und ihrer Zeit entsprach, erhielt María Luisa Bemberg als Kind eine strenge Erziehung zu Hause durch ausländische Gouvernanten. Ausgerechnet am 17. Oktober 1945, dem Tag, der als Geburtsstunde des Peronismus gilt, heiratete sie mit 22 den Architekten Carlos Miguens. Später sollten sich die Bembergs mit dem Peronismus um die Kontrolle über ihre Familienunternehmen streiten. In dem Film heiratet Teresa, die jüngste Tochter der Familie, an genau diesem Tag. Auch die Szene mit Carolinas erster Menstruation ist laut einem Interview mit María Luisa Bemberg autobiografisch.

Produktion und Filmstart

Der Film war eine argentinisch-amerikanische Koproduktion mit Beteiligung der Produktionsfirma New World Pictures. Der Vertriebsvertrag sicherte New World Pictures die weltweiten Rechte mit Ausnahme von Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay. In diesen Ländern übernahm GEA Cinematográfica S. A., ein Unternehmen im Besitz von Bemberg und der Produzentin Lita Stantic, den Vertrieb. Die Dreharbeiten, die am 3. Februar 1986 in Buenos Aires begannen, dauerten zwei Monate, gefolgt von weiteren zwei Monaten für die Postproduktion. Der Film wurde in zwei Versionen gedreht. In der einen Version sind etwa 65 Prozent der Dialoge auf Englisch und der Rest auf Spanisch, während die zweite Version komplett auf Englisch ist. Das Budget des Films belief sich auf etwas mehr als eine Million Dollar.

Viele der Szenen, die das Innere und Äußere eines großen Landhauses im Neu-Tudorstil zeigen, wurden auf der Estancia „San Simón“ gedreht, die im Bezirk Maipú (Provinz Buenos Aires) liegt (36° 59′ 33″ S, 57° 28′ 59″ W). Die Hochzeitsszene von Teresa wurde in der Iglesia de San Ignacio (34° 36′ 37″ S, 58° 22′ 25″ W) in der Nähe des Plaza de Mayo in Buenos Aires gedreht. Im Film ist immer wieder die dritte Gnossienne von Erik Satie zu hören, gespielt von Mecha auf dem Flügel im Salon.

Der Film kam am 31. Juli 1986 in Argentinien in die Kinos. Er wurde ausgewählt, um das 22. Chicago International Film Festival am 24. Oktober 1986 im McClurg Court Theater zu eröffnen. Die Premiere in Los Angeles, Kalifornien, fand am 8. Dezember 1986 statt, in New York City am 19. Dezember 1986. Die deutsche Erstaufführung folgte am 10. März 1988.

Einzelnachweise

  1. ↑ Donald Hugh Mc Intyre (1968-2025). In: everloved.com. Abgerufen am 23. August 2026 (englisch).
  2. ↑ Raúl Manrupe, María Alejandra Portela: Un diccionario de films argentinos (1930-1995). Editorial Corregidor, Buenos Aires 2001, ISBN 950-05-0896-6.
  3. ↑ Sandra Carreras: Instabilität als Konstante? Entwicklungslinien Argentiniens im 20. Jahrhundert. In: Birle, Peter; Carreras, Sandra (Hrsg.): Bibliotheca Ibero-Americana / Argentinien nach zehn Jahren Menem. Wandel und Kontinuität. Band 86. Vervuert, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-89354-586-7, S. 43–44 (online).
  4. ↑ Juan Carlos Torre: Los años peronistas. Kap. 1: Introducción a los años peronistas. Ed. Sudamericana, Buenos Aires 2002, S. 30–33
  5. ↑ Marcia Espinoza-Vera: Intertextualidades en la obra cinematográfica de María Luisa Bemberg y la obra narrativa de Silvina Ocampo. In: Revista Imagofagia – Asociación Argentina de Estudios de Cine y Audiovisual (ASAECA). Nr. 4, 2011.
  6. ↑ María Luisa Bemberg: se hace camino al andar. 14. April 2024, abgerufen am 28. August 2026 (spanisch).
  7. ↑ María José Grillo: Fotos de su álbum personal. María Luisa Bemberg: su apasionante vida y su genial obra a 100 años de su nacimiento. 14. April 2022, abgerufen am 28. August 2026 (spanisch).
  8. ↑ La precursora que abrió camino al filmar. Abgerufen am 28. August 2026.
  9. 1 2 Miss Mary in AFI|Catalog. Abgerufen am 28. August 2026 (englisch).
  10. ↑ El Visitador Digital - Estancia San Simón. Abgerufen am 28. August 2026.
  11. ↑ Die Leidenschaft der Miss Mary. Abgerufen am 28. August 2026.