Das Mittelspanische, spanisch español clásico („klassisches Spanisch“), español áureo („goldenes Spanisch“), español medio oder español del Siglo de Oro („Spanisch des Goldenen Zeitalters“), ist in der Geschichte der spanischen Sprache eine Epoche des Übergangs vom Alt- zum Neuspanischen. Sie wird zwischen 1450 und 1650 datiert. In dieser Phase setzten sich viele tiefgreifende Veränderungen durch. Für das Spanische bildeten sich zwei wesentliche Varietäten heraus: zum einen das Kastilische als Normsprache im Norden und im Zentrum des Landes und zum anderen das atlantische Spanisch in Andalusien, auf den Kanarischen Inseln und in Amerika. Im Bereich der Phonologie und Morphologie hat es die meisten Veränderungen gegeben. Außerdem zeichnet sich die Epoche infolge zahlreicher Entlehnungen aus anderen europäischen und amerindischen Sprachen durch einen starken Ausbau des spanischen Wortschatzes aus.
Hinsichtlich der Aussprache fanden in der Nord- und Südhälfte Spaniens unterschiedliche Entwicklungen statt. Dies hing vor allem mit sprachexternen Umständen zusammen.
1561 verlegte König Philipp II. seine Residenz von Valladolid nach Madrid. Die zunächst kleine unbedeutende Stadt Madrid wuchs schnell und stieg zur Hauptstadt des Landes auf. Die zugezogene Bevölkerung kam überwiegend aus dem Norden (Burgos und andere Teile Altkastiliens), wodurch die Sprache des Hofes unter altkastilischen Einfluss geriet. Auf diese Weise wurden lautliche Merkmale des Altkastilischen Teil der Norm und breiteten sich weiter aus.
Neben Madrid gehörte Sevilla im Süden des Landes zu den bedeutendsten städtischen Zentren Spaniens. Mit Beginn des Überseehandels wurde sie das Handelszentrum zwischen Spanien und Amerika. Ihre ökonomische Bedeutung verlieh auch der Sprache hohes Ansehen. Das Prestige der sevillanischen Sprache, aber auch die geographisch entlegene Lage der Stadt begünstigten daher eine eigene lautliche Entwicklung, die mit der Hofsprache Madrids konkurrierte. Da der Seeweg nach Amerika von Sevilla über die Kanarischen Inseln führte, wurden nach einer verbreiteten Hypothese viele Merkmale des südspanischen Dialekts in die lateinamerikanischen Varietäten des Spanischen übernommen. Diego Catalán prägte hierfür den Begriff español atlántico („atlantisches Spanisch“), der das andalusische, kanarische und amerikanische Spanisch zusammenfasst. Allerdings wird diese Hypothese von einigen Forschern als zu spekulativ betrachtet und anhand erhaltener Schreibzeugnisse eher eine über Andalusien hinausgehende, weitere Verbreitung der üblicherweise als klassisch andalusisch aufgefassten Dialektmerkmale wie des Seseo im Spanischen des 16. Jahrhunderts vermutet, sodass die gängige Lehrmeinung, wonach sich in Lateinamerika der andalusische Dialekt verbreitet habe, nicht vollkommen gesichert erscheint.
Die Vokale hatten sich bereits im Altspanischen herausgebildet. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden lediglich einige lautliche Schwankungen im Vokalsystem verringert (Schließung der Vokale e und o zu i und u in Wörtern wie aleviar > aliviar „lindern“, roído > ruído „Lärm“). Tiefgreifende Umstrukturierungen gab es hingegen im Konsonantensystem. Drei wichtige Veränderungen gingen von Norden aus: die Neutralisation der Phoneme /b/ und /β/, die Verstummung des sogenannten aspirierten [h] sowie die Entwicklung der Sibilanten.
Im Altspanischen wurde zwischen den beiden Phonemen /b/ (z. B. bienes „Besitz, Güter“) und /β/ (z. B. vienes „du kommst“) unterschieden. Dieser Kontrast wurde im Mittelspanischen aufgegeben. /b/ und /β/ fielen zu dem Phonem /b/ zusammen, das nun sowohl plosiv [b] als auch frikativ [β] ausgesprochen wurde. Die Neutralisation von /b/ und /β/ trat zunächst immer dann auf, wenn sie im Anlaut standen oder einem Nasallaut folgten. In diesen Fällen wurden b und v plosiv [b] ausgesprochen (z. B. un buey „ein Ochse“, un viento „eine Brise“). Später fiel die Unterscheidung auch zwischen den Vokalen weg, allerdings war die Aussprache der beiden Konsonanten hier frikativ [β] (z. B. no me baxo „ich komme nicht runter“, no me voy „ich komme nicht“). Genauso wie im heutigen Spanisch entsprachen im Mittelspanischen dem Phonem /b/ die beiden Buchstaben b und v, die je nach Position plosiv [b] oder frikativ [β] ausgesprochen wurden. Die Neutralisation setzte sich im 16. Jahrhundert durch.
Latinismen mit f- wurden auch im Altspanischen mit f- geschrieben (z. B. forte > fuerte „stark“, farina > farina „Mehl“). Ebenso war der Laut [f] gebräuchlich. Allerdings gab es neben dem [f] noch einen weiteren Laut, der mit dem Buchstaben f wiedergegeben wurde, und zwar das sogenannte aspirierte [h]. [f] wurde vor dem Laut [w], wie in [fwérte], und vor dem Phonem /r/, wie in [frío] verwendet. In allen anderen Fällen war das aspirierte [h] gebräuchlich, wie in [harína] oder [hórno]. All diese Wörter wurden aber mit f- geschrieben: fuerte „stark“, frío „kalt“, farina „Mehl“, forno „Ofen“.
Die komplementäre Verteilung der beiden Laute veränderte sich allerdings mit der wachsenden Anzahl von Latinismen seit dem 12. Jahrhundert. Dies hatte zur Folge, dass [f] auch vor Vokalen, also in all den Fällen verwendet wurde, in denen normalerweise nur das aspirierte [h] gebräuchlich war; z. B. das Wort forma, [hórma] gesprochen, bedeutete im Altspanischen „Schuhleisten“. Aus dem Lateinischen kam allerdings dasselbe Wort forma zusätzlich hinzu, das, [fórma] gesprochen, aber eine ganz andere Bedeutung hatte, nämlich „Form“.
Dieser Zustand begünstigte im Mittelspanischen eine Veränderung des Rechtschreibsystems. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wurden diese Wörter auch so geschrieben, wie sie ausgesprochen wurden, wie horma (/hórma/ „Schuhleisten“) und forma (/fórma/ „Form“). Auch in anderen altspanischen Wörtern wurde das f- vor Vokal durch h- ersetzt, z. B. fijo > hijo „Sohn“, fazer > hacer „machen“, forno > horno „Ofen“, während fuerte „stark“, fuente „Quelle“ etc. die alte Rechtschreibung beibehielten. Trotz der Rechtschreibänderung wurde f- lange in der Literatur favorisiert. In der Juristensprache lässt es sich sogar noch bis ins 17. Jahrhundert hinein nachweisen; z. B. wurden fallar („ein Urteil fällen“) und hallar synonym verwendet.
Zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert breitete sich das aspirierte [h] aus, doch ausgehend von Burgos und anderen Teilen Altkastiliens verstummte es. Obwohl der Laut ab den 1560er Jahren nicht mehr gesprochen wurde, blieb der Buchstabe in der Rechtschreibung bestehen: harina /arína/, horno /órno/ etc.

Im Altspanischen wurden die Zischlaute, die sogenannten Sibilanten, an drei Artikulationsorten (dental, alveolar, präpalatal) sowie auf zwei Artikulationsarten (affrikativ, frikativ) ausgesprochen. Außerdem gab es von den Affrikaten und den Frikativen je eine stimmlose und eine stimmhafte Variante:
Im Mittelspanischen vereinfachte sich das Sibilantensystem: Es durchlief ab dem 15. Jahrhundert drei Entwicklungsphasen.
Im ersten Schritt wurden die dentalen Affrikaten /ts/ und /dz/ zu den Frikativen /z̪/ und /s̪/, wodurch sich die Aussprache der beiden Konsonanten vereinfachte. Das Sibilantensystem umfasste somit sechs Frikative:
Im zweiten Schritt wurden die stimmhaften Frikative /z̪/, /z/, und /ʒ/ desonorisiert, d. h. die stimmhaften Phoneme fielen weg und es blieben nur noch die stimmlosen Frikative /s̪/, /s/, und /ʃ/ übrig. Das Sibilantensystem wurde damit auf drei stimmlose Frikative reduziert:
Mit der Desonorisierung waren sehr ähnliche Phoneme entstanden (/s̪/, /s/, /ʃ/), die leicht vertauscht werden konnten und viele in der Aussprache schwer unterscheidbare Minimalpaare hervorbrachten. Um die Unterscheidbarkeit von ähnlich klingenden Wörtern wie z. B. caça („Jagd“), casa („Haus“) und caxa („Kiste“) zu verbessern, wurde der lautliche Unterschied der drei Phoneme zunächst beim Sprechen stärker hervorgehoben. Darauf basierend veränderte sich in der letzten Phase der Artikulationsort zweier Phoneme: Der dentale Frikativ /s̪/ wurde zum interdentalen Frikativ /θ/ und der präpalatale Frikativ /ʃ/ zum velaren Frikativ /x/. Seit dem späten 16. Jahrhundert setzte sich diese Entwicklung bis 1650 durch. Die neue Aussprache entsprach bereits der des modernen Spanischen, auch wenn die Buchstaben z. T. noch nicht mit der heutigen Rechtschreibung übereinstimmten:
Die Konjugationen wiesen im Mittelspanischen noch immer viele Schwankungen auf. Doch bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts setzten sich die meisten heutigen Formen durch.
Kulturelle, politische und militärische Kontakte mit den Nachbarländern sorgten für zahlreiche Entlehnungen aus den europäischen Sprachen in den spanischen Wortschatz.
Mit der Eroberung und Kolonisation Amerikas gelangten viele entlehnte Wörter aus den amerindischen Sprachen in den spanischen Wortschatz. Dabei handelt es sich vor allem um Namen für die Völker und Stämme, die Tiere und Pflanzen und andere Dinge der Neuen Welt, die die Europäer bis dahin noch nicht kannten. Die meisten Entlehnungen stammen aus den Sprachen der Karibik, Carib und Arawak, dem Nahuatl (Mexiko) und dem Quechua (Andenraum).