Mohammed Dahlan

Muhamad Dahlan (links) und Rahim Taib Abdel (1996)

Mohammed Dahlan (* 29. September 1961 im Flüchtlingslager Chan Yunis, arabisch محمد دحلان, DMG Muḥammad Daḥlān) ist ein palästinensischer Politiker. Unter Jassir Arafat war der Fatah-Politiker Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde im Gazastreifen und stand damit dem palästinensischen Geheimdienst (Preventive Security Service) vor. Er war in zahlreiche Skandale verwickelt und hatte deswegen wiederholt Probleme in der Partei. 2007 versuchte er einen Umsturz gegen die Hamas-Regierung im Gazastreifen und scheiterte. Daraufhin musste er ins Westjordanland übersiedeln. Im Juni 2011 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und schließlich der Urheberschaft der Vergiftung Jassir Arafats beschuldigt. Dahlan war aufgrund seiner Mitgliedschaft im Fatah-Jugendflügel mehrfach in Israel inhaftiert. Als Leiter des internen Sicherheitsapparats im Gazastreifen knüpfte er enge Kontakte zu hochrangigen israelischen Sicherheitsvertretern (Shin Bet). Zudem war er ein wichtiger Ansprechpartner für die CIA, die seine Truppen ausbildete. Steuern, die auf den Warenverkehr zwischen Israel und der palästinensischen Enklave erhoben wurden, verschafften ihm ein Vermögen.

Leben

Mohammed Dahlan wurde als jüngstes von 6 Kindern einer Flüchtlingsfamilie im damals noch ägyptisch verwalteten Gazastreifen geboren. Bereits als Teenager war er für die Fatah aktiv und wurde deswegen zwischen 1981 und 1986 elf Mal von den Israelis inhaftiert. In seiner insgesamt vierjährigen Haftzeit lernte er fließend Hebräisch.

Politik

Mit der Autonomie wurde er Sicherheitschef und mit einer Polizei von 20.000 Mann zum mächtigsten Mann im Gazastreifen, während Dschibril ar-Radschub diesen Posten im Westjordanland innehatte. In diesem Amt wurde ihm 1997 die Unterschlagung von Steuergeldern vorgeworfen. Da er gegen die Hamas vorging, war er beim Westen beliebt. Seine Macht wuchs so weit, dass man vom Gazastreifen schon als „Dahlanistan“ sprach. 2002 trat er von seinem Posten zurück. 2003 machte ihn Mahmud Abbas – auf Druck des Westens – für einige Monate zum Sicherheitsminister. Nach Abbas’ Rücktritt wurde Dahlan durch Hakam Balawi ersetzt.

Am 25. Januar 2006 gewann Dahlan bei den Wahlen zum Legislativrat, dem Parlament der Autonomiegebiete, ein Mandat und begann mit Hilfe der CIA Aktionen gegen die an die Macht gekommene Hamas zu starten. Bei einem Umsturzversuch im Juni unterlagen jedoch seine Männer, was zum Ende der Fatah im Gazastreifen führte. Sein Villa in Gaza wurde geplündert und zerstört. Dahlan, der während der Kämpfe nicht im Lande war, musste sich im Westjordanland niederlassen.

Nach weiteren Bestechungsvorwürfen, Verwicklungen in undurchsichtige Aktionen und Kritik an Mahmud Abbas wurde er im Juni 2011 aus der Partei ausgeschlossen. Im Juli wurde sein Haus von der palästinensischen Polizei durchsucht und seine dort stationierten „Sicherheitsleute“ wegen unerlaubten Waffenbesitzes festgenommen. Im August 2011 wurde er schließlich sogar beschuldigt, Urheber der angeblichen Vergiftung Jassir Arafats zu sein. Er selbst soll Arafat als Medizin getarntes Gift verabreicht und die Zerstörung sämtlicher Beweise angeordnet haben.

Daraufhin ging Dahlan in die Vereinigten Arabischen Emirate, stellte seine Talente in den Dienst des Fürsten von Abu Dhabi Muhammad bin Zayid Al Nahyan und inszenierte – stets tadellos gepflegt – als „Politiker, Geschäftsmann und Philanthrop“. In Abu Dhabi kontrollierte Dahlan mehrere Bauunternehmen und diverse andere geschäftliche Interessen. Muhammad bin Zayid Al Nahyan – Staatsoberhaupt der VAE und Mitglied einer der reichsten und mächtigsten Fürstenfamilien am Golf – verfügte über ein gewaltiges, aus Petrodollars stammendes Vermögen.

2014 beschuldigte ihn Abbas, an bis zu sechs Morden von Rivalen beteiligt gewesen zu sein. Im März 2014 wurde Dahlan wegen Verleumdung und übler Nachrede von einem palästinensischen Gericht in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Dahlan unterstützte General Abd al-Fattah as-Sisi während des Aufstands von 2013, der zum Sturz von Präsident Mursi – einem Mitglied der Muslimbruderschaft – führte; eine Tatsache, die er nicht in Abrede stellt. 2018 organisierte er eine Gruppe ehemaliger Söldner der US-Spezialeinheiten sowie ein ehemaliges Mitglied der französischen Fremdenlegion, um im Auftrag von Abu Dhabi gezielte Attentate auf Politiker im vom Krieg zerrütteten Jemen zu verüben. Nachdem Putschversuch in der Türkei 2016 setzte die Türkei ein Kopfgeld auf ihn aus. Ihm wurde vorgeworfen, er habe jene Militäroffiziere, die 2016 den Putschversuch gegen Recep Erdoğan unternahmen, durch Geldtransfers unterstützt zu haben.

Mehrere hundert Angehörige der Sicherheitskräfte von Dahlan wurden ins ägyptische Al-ʿArisch umgesiedelt, was als ein Indiz dafür angesehen wurde, dass ein Nahost-Friedensplan der USA – der als von der Regierung von Donald Trump als „Jahrhundertdeal“ bezeichnet wurde – in Planung war.

Am 2020 abgeschlossenen Friedensabkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten, Marokko und Bahrain soll Dahlan federführend mitbeteiligt gewesen sein. Dank seiner Effizienz und seinem Netzwerk galt er in gewissen Kreisen als Kandidat für eine Neuordnung nach dem Krieg in Israel und Gaza seit 2023.

Der Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Nabil Shaath, erklärte, Dahlan habe „eine entscheidende Rolle bei der Ausgestaltung des Abkommens“ zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten gespielt – eines Abkommens, das von der PA scharf kritisiert wurde. Shaath warf ihm vor, „die Interessen seiner Heimat zu vernachlässigen“. Zudem wurde Dahlan bei Protesten im Westjordanland und im Gazastreifen als „Verräter“ bezeichnet; dort zertrampelten und verbrannten Demonstranten Porträts von Donald Trump, Muhammad bin Zayid Al Nahyan, Benjamin Netanjahu und Dahlan.

Einzelnachweise

  1. ↑ Ian Black: Palestine papers: Mohammed Dahlan. In: The Guardian, 25. Januar 2011, abgerufen am 28. November 2012.
  2. 1 2 3 4 Thierry Oberlé: Mohammed Dahlan, un Palestinien dans l'ombre de l'accord Israël-Émirats. In: Le Figaro. 18. August 2020, abgerufen am 17. Juni 2024 (französisch).
  3. ↑ „Archaeology of the Middle East roadmap III“ (Memento vom 27. Juli 2004 im Internet Archive), Daily Times, 17. Juni 2003.
  4. ↑ Associated Press: Fatah: Ex-Gaza strongman Mohammed Dahlan poisoned Arafat. In: Haaretz, 8. August 2011.
  5. ↑ Reuters: Abbas accuses political foe of murder, hints at connection to Arafat death. In: Haaretz, 13. März 2014.
  6. ↑ Ex-Fatah-Führer Dahlan muss zwei Jahre in Haft (Memento vom 19. Januar 2015 im Internet Archive), www.israelnetz.com, 22. Mai 2014.
  7. ↑ Rainer Hermann: Steht der Auszug der Palästinenser bevor?, Frankfurter Allgemeine Zeitung, aktualisiert am 16. Dezember 2017; zuletzt abgerufen am 24. November 2020.
  8. ↑ Linah Alsaafin: Palestinian talks: Egypt seeks to regain regional power, Al Jazeera, 25. September 2018; zuletzt abgerufen am 24. November 2020.
  9. ↑ Petra Ramsauer: Ein Sheriff für Gaza. In: NZZ am Sonntag, 4. August 2024, S. 5.
Personendaten
NAME Dahlan, Mohammed
ALTERNATIVNAMEN محمد دحلان (arabisch)
KURZBESCHREIBUNG palästinensischer Politiker
GEBURTSDATUM 29. September 1961
GEBURTSORT Chan Yunis