Muhammad al-Maghut (arabisch محمد الماغوط, DMG Muḥammad al-Māġūṭ; geboren am 12. Dezember 1934 in Salamiyya; gestorben am 3. April 2006 in Damaskus) war ein syrischer Lyriker, Dramatiker, Kolumnist und Satiriker. Seine Werke in arabischer Sprache umfassen sechs Gedichtbände, Prosa, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Ausgewählte Gedichte al-Maghuts wurden unter anderem in englischer, französischer und deutscher Übertragung veröffentlicht.
Al-Maghut gilt als einer der Begründer der freien Prosadichtung in der modernen arabischen Literatur und zählt zu den bekanntesten Autoren der zeitgenössischen syrischen Literatur. Sein Erfolg beim Publikum wie auch in der Literaturkritik beruht dabei in seiner Fähigkeit, die Erfahrung politischer Unterdrückung in einer gleichermaßen poetischen wie auch zugänglichen Sprache auszudrücken.
Al-Maghut wurde 1934 in Salamiyya im Gouvernement Hama in einer ismailitischen Familie geboren. Als Sohn eines Bauern wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach seiner Grundschulausbildung in Salamiyah ging er im Alter von 14 Jahren nach Damaskus und besuchte ein Internat, um sich auf einen Beruf in der Landwirtschaft vorzubereiten.
Während einer neunmonatigen Haft aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) im Jahr 1955 begann al-Maghut, sozialkritische Gedichte auf Zigarettenpapier zu schreiben. Er hatte keine höhere Bildung erhalten, so dass seine literarische Entwicklung weitgehend autodidaktisch erfolgte. Al-Maghut floh Ende der 1950er Jahre in den Libanon und schloss sich der einflussreichen literarischen Gruppe Schiir des syrischen Dichters Adonis an. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau, die Lyrikerin Saniya Salih, kennen. Bereits damals galt er als unkonventioneller Erneuerer des Prosagedichts.
Al-Maghut erneuerte die arabische Lyrik, indem er mit traditionellen Formen brach und die Umgangssprache – gelegentlich auch mit absurder Komik – nutzte. Er gilt als einer der Begründer der freien arabischen Prosadichtung, und seine Gedichte zeichnen sich durch eine reduzierte, oft lakonische Sprache aus, die existenzielle Erfahrungen mit politischer Kritik verbindet. Zentrale Themen seiner Gedichte sind politische Unterdrückung und Entfremdung, Isolation und Angst, Exil und die Erfahrung des Individuums im autoritären Staat. Al-Maghut verstand seine Rolle als Dichter wie folgt: „[...] das tägliche Löschpapier, das die Tausenden von blutigen Seiten in unserem Alltag trocknet.“ Bekannte Gedichtbände umfassen Huzn fi daw al-qamar (Traurigkeit im Mondlicht), Ghurfa bi-milyun judran (Ein Zimmer mit Millionen Wänden) und Al-farah laysa mihnati (Freude ist nicht mein Beruf).
Neben seiner Lyrik schrieb al-Maghut für das Theater, Fernsehen und Kino. Seine Stücke und Drehbücher verbinden Satire mit Kritik an sozialem Elend, autoritären Regimen und moralischem Verfall in der arabischen Welt. Seine dramatischen Texte schöpfte er aus seiner lebhaften Fantasie, seiner Wortgewandtheit und satirischen Vorstellungskraft. Seine erste Theaterproduktion, „Der bucklige Vogel“, war ursprünglich ein Langgedicht, das er schrieb, während er sich in einem kleinen, niedrigen Raum versteckt hielt. Aus dem Gedicht entwickelte sich ein Dialog, der danach im Theater aufgeführt wurde. Es folgte das Stück Der Clown, in dem eine Truppe von heruntergekommenen Schauspielern versucht, Shakespeares Othello in einem Café aufzuführen. Al-Maghut arbeitete in den 1970er und 1980er Jahren mit den bekannten syrischen Schauspielern Duraid Lahham und Nehad Qalei zusammen, wobei sie einige der beliebtesten Theaterstücke und Fernsehfilme der Region schufen, darunter Kasak ya Watan (Ein Toast auf das Vaterland), Ghorbeh (Entfremdung) und Dayat Tishreen (Das Dorf im Oktober).
Mit Präsident Hafiz al-Assad unterhielt al-Maghut gute persönliche Beziehungen, so dass er unzensiert, aber ohne direkten Bezug zu Syrien, Armut, Korruption, Ohnmacht der arabischen Staaten und die Tragödien in Palästina und im Libanon kritisieren konnte. Als Journalist arbeitete al-Maghut für die offizielle Regierungszeitung Tishreen (Oktober), indem er ab 1975 im Wechsel mit einem weiteren Autor eine tägliche Kolumne schrieb. Für die in Paris erscheinende libanesische Wochenzeitung Al-Mustaqbal (Die Zukunft) verfasste er die Kolumne Alīs fi balad al-ajaʿb (Alice im Wunderland). 2005 wurde al-Maghut mit dem syrischen Verdienstorden durch Baschar al-Assad ausgezeichnet.
Al-Maghut und Saniya Saleh, die 1995 im Alter von 56 Jahren starb, hatten zwei Töchter. Im April 2006 starb Al-Maghut in Damaskus im Alter von 72 Jahren. Die syrische Nachrichtenagentur kommentierte seinen Tod mit den Worten „Syrien und die arabische Welt haben einen Giganten [der arabischen Literatur] verloren.“
1998 erschien im Damaszener Verlag Dar al-Mada eine knapp 600 Seiten umfassende Gesamtausgabe seiner bis dahin erschienenen Werke.
Muḥammad al-Māġūṭ: Geht auf Zehenspitzen, denn die Heimat liegt im Sterben! / Wasīrū ʿalā ruʾūs aqdāmikum fālwaṭan yuḥtaḍar! Hrsg.: Khalid al-Maaly. Schiler & Mücke, Berlin / Tübingen 2021, ISBN 978-3-89930-386-5.
Al-Maghuts Werk fand sowohl im arabischen Raum als auch international Beachtung. Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt, darunter für Anthologien in Englisch, Französisch, Spanisch, Schwedisch und Deutsch. Eines seiner Gedichte wurde 1977 unter dem englischen Titel Girl butterfly girl als Lied durch die israelische Komponistin Tsippi Fleischer vertont.
In der Anthologie Die Farbe der Ferne, herausgegeben und übersetzt von Stefan Weidner, ist al-Maghut als Vertreter moderner arabischer Lyrik enthalten. Weidner nannte ihn einen der „angry young men“ der arabischen Poesie. Auf Deutsch wurde weiterhin eine Auswahl von al-Maghuts Gedichten durch Khalid Al-Maaly unter dem Titel Geht auf Zehenspitzen, denn die Heimat liegt im Sterben! sowie in dem Sammelband Zwischen Zauber und Zeichen herausgegeben. Auch in dem Sammelband Neue arabische Lyrik, herausgegeben von Suleman Taufiq, sind Gedichte von Al-Maghut vertreten.
Laut dem Arabisten und Übersetzer Stephan Milich gilt al-Maghut neben dem syrischen Dichter und Kulturtheoretiker Adonis als wichtiger Pionier der arabischen Prosadichtung. Milich schrieb dazu in seinem Nachwort zur Anthologie Geht auf Zehenspitzen, denn die Heimat liegt im Sterben!: „Seine Ende der 1950er Jahre in Syrien und dem Libanon erschienenen Gedichte standen im Mittelpunkt der heftig geführten Debatten um das Prosagedicht (qaṣīdat an-naṯr), da viele darin den bis dahin radikalsten und überzeugendsten Versuch arabischer Prosadichtung erkannten. Mit seinen ersten drei Gedichtbänden avancierte er rasch zu einem der bekanntesten modernistischen arabischen Dichter, und mit den ab den 1970er Jahren zahlreichen verfassten Theaterstücken, Drehbüchern für Film und Fernsehen, gesellschaftspolitischen Kolumnen und satirischen Glossen wurde al-Māġūṭ alsbald als einer der prominentesten Vertreter der politischen Satire gefeiert.“
In seiner Dissertation The New Austerity in Syrian Poetry untersuchte der Literaturwissenschaftler Daniel Behar die moderne arabische Poesie beispielhaft anhand von Werken syrischer Lyriker. In diesem Zusammenhang beschrieb Behar al-Maghuts poetisches Werk als eine der „zentralen Stimmen“. Besonders hervorgehoben wurde dabei al-Maghuts Fähigkeit, die Erfahrung politischer Unterdrückung in einer gleichermaßen poetischen wie auch zugänglichen Sprache auszudrücken. Durch seine Annäherung des literarischen Arabisch an die syrische Umgangssprache schuf al-Maghut laut Behar „aufrichtige“ Literatur, die für den Dichter „eine Angelegenheit von Menschen und Orten“ zum Ausdruck bringt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Maghut, Muhammad al- |
| ALTERNATIVNAMEN | Maghout, Mohammed Ahmed al- |
| KURZBESCHREIBUNG | syrischer Schriftsteller |
| GEBURTSDATUM | 12. Dezember 1934 |
| GEBURTSORT | Salamiyya, Gouvernement Hama |
| STERBEDATUM | 3. April 2006 |
| STERBEORT | Damaskus |