Mutter- und Koselieder

Die Mutter- und Kose-Lieder sind das letzte große Werk von Friedrich Fröbel, dem Begründer (eigentlich Stifter) des Kindergartens. Es wendet sich durch Dichtung, Bilder, Erklärungen und Melodien an die einzelnen Familienmitglieder (vor allem Mutter und Kind). Seine Publikation, als allererste Gabe den gegenständlichen Spielmitteln vorgeordnet, soll zum gemeinsamen Anschauen sowie Spielen in der Familie anregen.

Vorderseite des Buchdeckels, ein kleines Meisterwerk romantischer Buchillustration
Titelblatt (Innenseite) zu Friedrich Fröbels Mutter- Spiel und Koselieder, Blankenburg 1844
Friedrich Fröbel
Bildtafel: Der Tischler
Mutter- und Koselieder. Neue Ausgabe von Friedrich Seidel (5. Auflage), archiviert im Ida-Seele-Archiv

Zur Entstehung

Friedrich Fröbels Werk erschien nach jahrelangen und zeitraubenden Vorarbeiten 1844 in Blankenburg (heute Bad Blankenburg) unter dem Titel: Kommt, laßt uns unsern Kindern leben! Mutter- und Kose-Lieder. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege des Kindheitslebens. Ein Familienbuch von Friedrich Fröbel. „Gar hoher Sinn liegt im kind’schen Spiel.“ Mit Randzeichnungen, erklärendem Texte und Singweisen. Blankenburg bei Rudolstadt, die Anstalt zur Pflege des Beschäftigungstriebes der Kindheit und Jugend. Nach Bertha von Marenholtz-Bülow soll Fröbel über sein Werk gesagt haben:

Ich habe darin das Wichtigste meiner Erziehungsweise niedergelegt; es ist der Ausgangspunkt für eine naturgemäße Erziehung der ersten Lebensjahre, denn es zeigt den Weg, wie die Keimpunkte der menschlichen Anlagen gepflegt und unterstützt werden müssen, wenn sie sich gesund und vollständig entwickeln sollen.

Die Anregung zu seinen Mutter- und Kose-Lieder erhielt Fröbel von einer jungen Bäuerin, die ihr kleines Kind den Hühnern und Tauben im Hof zuwinken ließ:

„‚Wink dem Hühnchen - wink dem Täubchen‘ war das erste Spielchen, das Fröbel aufschrieb. Daran schlossen sich andere, die er aus der spontanen Eingebung junger Mütter auffing.“.

Nach dem Tode seiner ersten Frau Wilhelmine Henriette, im Jahre 1839, verband den Begründer des Kindergartens mit seiner Verwandtschaft mütterlicherseits, der Muhme Schmidt, ein enger und reger Briefverkehr. In letztgenannter sah er die erste Mutter, die seine Gedanken zur Kleinkindererziehung in ihrer eigenen Familie umsetzte. Aus dieser Beziehung erwuchs seine Idee zu seinem Werk der Mutter- und Koselieder.

Anfänglich kostete die aufwändig gestaltete Publikation 12 Taler. Da jedoch der Verkauf äußerst schleppend voranging, setzte Friedrich Fröbel den Preis auf 3½ Taler herunter.

Struktur und Intention

Mit seinem romantisch-philosophischen Familienbuch hatte der Pädagoge versucht, das unvollendet gebliebene Unternehmen seines Lehrers Pestalozzi, ein 'Buch der Mütter' zu schreiben, auf seine Art und Weise zu vollenden. Er bemängelte am Buch der Mütter, dass dieses zu wenig lebendig, natürlich und unkindlich sei. Der Stifter des Kindergartens griff aber nicht nur auf Pestalozzi zurück, er erbat und erhielt in seinem Briefwechsel, vor allem mit Frauen, immer wieder Hinweise und Nachrichten über die praktische Arbeit mit seinem Buch (und seinen Spielgaben) im Leben der Familie. Er wollte damit den Müttern – in der Lebensperiode des Kindes ‚in den Armen und auf dem Schosse der Mutter‘ – die Bedeutung und Verantwortung, die in der Mutterschaft und Erziehung liegen, verdeutlichen, und ihnen gleichzeitig Hilfen bei der Heranbildung ihres Kleinkindes an die Hand geben (also einen Erziehungsratgeber). Dies war nach Ansicht Friedrich Fröbels notwendig, da mütterliche Liebe und Mutterinstinkt allein nicht ausreichen, wenn sich alle menschlichen Anlagen gesund und vollständig entwickeln sollen. Er schrieb:

Ich habe in diesem Buche das Wichtigste meiner Erziehungsweise niedergelegt; es ist der Ausgangspunkt für eine naturgemäße Erziehung, denn es zeigt den Weg, wie die Keimpunkte der menschlichen Anlagen gepflegt und unterstützt werden müssen, wenn sie sich gesund und vollständig entwickeln sollen.

Die Mutter- und Koselieder enthalten zahlreiche Illustrationen (Bildtafeln). Sie spiegeln das Familienleben von damals sowie die ländliche Lebenswirklichkeit von Keilhau und Blankenburg, und damit auch die Welt der Kinder dieser Zeit:

Auf der Grundlage umfassender Kenntnisse und mit der ihm eigenen Sensibilität schildert Fröbel die Entwicklungsbesonderheiten von Säuglingen und Kleinkindern: ihre lebhafte Empfänglichkeit, ihre Kontaktfreude und ihr Bedürfnis nach Tätigkeit und Nachahmung.

Die Mutter soll dem Kind beim Singen und Spielen die Gegenstände benennen und zeigen und ihm helfen, den Zugang zur Umwelt zu erschließen. Als Hauptweg empfahl der Pädagoge die Verbindung von Finger-, Hand- und Strampelspielen mit der Betrachtung der betreffenden Bilder und den erklärenden Worten bzw. dem Gesang der Mutter. Dabei hatte er die Lieder und Spiele unter dem pädagogischen und psychologischen Aspekt der Erziehung des Kleinkindes angeordnet - von den ersten Bewegungen über die einzelnen Stufen der Entwicklung bis zum Vermögen, schon kleine Zeichnungen anzufertigen; die pädagogische Idee des Buches schreitet also vom 'Strampfelbein' zum 'kleinen Zeichner' fort.

Das großformatige Familienbuch gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Teil besteht aus sieben Mutter- und Koselieder, die die emotionale Zuwendung und Bindung der Mutter zum Kind fördern sollen. Es handelt sich um folgende Mutter und Koselieder:

Der zweite Abschnitt ist der eigentliche Mittelpunkt des Werkes, der zugleich auch als Bilderbuch dient. Hier wird Fröbels Intention deutlich sichtbar. Er will die Mütter anregen, in Lebenseinigung mit ihrem Kind dieses zu einer sinnvollen Lebensgestaltung zu führen.

Er besteht aus insgesamt 50 Spiel-Lieder, die die Entwicklung von Fähigkeiten im sensorischen, motorischen, kognitiven, sozial-emotionalen und kreativen Bereich, sowie eine erste Einführung in das Erkenntnis- und Gewerbsleben fördern sollen. Den Spielliedern, die durch Bewegungen der Hand bzw. Finger gestaltet werden, ist jeweils ein gereimtes Motto vorangestellt und jedes Lied ist von einer reich erzählenden Rahmenzeichnung eingefasst. Die Bildtafeln, die dem Kind erlebnishaft-ahnende gegenwärtige welthafte Bezüge beschreiben, sollen die Mutter anregen, die in den einzelnen Liedern angesprochenen Motive in eigenen kleinen Erzählungen aufzugreifen, zu gestalten und zu vertiefen. Ihre liebevolle Zuwendung regt das Kind zum Mitvollziehen der Fingerspiele an. Hier eine Auswahl von Spielliedern:

Durch die zu den einzelnen Tafeln dargestellten Bildszenen wird das „Familienbuch“ zum Bilderbuch.

Ein kompakter Anhang (mit ausführlichen Prosatext, der die einzelnen Hauptseiten sehr breit kommentiert) beschließt das Fröbelsche Alterswerk. Der Anhang gibt der Mutter Anregungen für mögliche Kindergeschichten, Spielvorschläge sowie theoretische pädagogische (symbolische) Erläuterungen als auch didaktische Hinweise. Zugleich wird der erziehungsphilosophische Hintergrund Friedrich Fröbels .. beleuchtet. Der Anhang gliedert sich in folgende fünf Überschriften:

Notenbeigabe zu den Mutter- und Kose-Liedern

Die Illustrationen zu dem Familienbuch stammen von dem dem Kreis der Nazarener nahestehendem Künstler Friedrich Unger (1811–1858), der Zeichenlehrer an der Fröbel’schen Erziehungsanstalt in Keilhau war:

Von der romantischen Malerschule unter Peter von Cornelius und Friedrich Overbeck beeinflußt, hat er manche realistische Szene romantisch verklärt; mit dem ersten Titelblatt …, schuf er zugleich ein kleines Meisterwerk romantische Buchillustration. Mit seiner sich in den Zeichnungen widerspiegelnden Naturauffassung kam Unger Fröbel besonders entgegen, dessen Naturverbundenheit sich seit frühester Jugend auf seine pädagogische Arbeit auswirkte. Mit der Verwendung von Motiven aus dem Schwarzatal …, und aus der Umgebung von Bad Blankenburg …, hat sich Unger bleibende Verdienste als Chronist erworben.

Wenige Wochen vor der Herausgabe der Mutter- und Koselieder erschien der Notenband mit 44 vertonten Spielliedern, zweistimmig in Musik gesetzt von Robert Kohl (1813–1881) als eigenständiges Werk. Der Notenband wurde auch von Friedrich Unger künstlerisch gestaltet. Unger wie Kohl unterrichteten an der von Friedrich Fröbel gegründeten und geleiteten Bildungs- und Erziehungsanstalt in Keilhau, die noch heute als Freie Fröbelschule Keilhau existiert. Ida Seele, die erste Fröbelkindergärtnerin der Welt und von 1843 bis 1844 Leiterin des 1840 von Fröbel in Blankenburg begründeten Kindergarten, schrieb in ihren Erinnerungen:

In dieser Zeit komponierte Herr Kohl die Melodien zu den Mutter- und Koseliedern … meiner Stimme anpassend. Ich habe fast jedes einzelne Lied gesungen, ehe es … niedergeschrieben wurde.

Editionen

Friedrich Seidel (Hrsg.): Mutter- und Koselieder, Wien/Leipzig 1883
Mutter- und Kose-Lieder, frei bearbeitet von Therese Focking

Obwohl dem Fröbelschen Werk kein sonderlicher Erfolg vergönnt war, fanden sich in der Folgezeit immer wieder Nachfolger, die neue Ausgaben (z. B. Wichard Lange, Friedrich Seidel sowie Johannes Prüfer) oder Bearbeitungen (z. B. Lina Morgenstern, Therese Focking oder Henriette Goldschmidt) vorlegten. Beispielsweise nahm Letztgenannte in ihrer 1904 herausgegebenen Neuauflage der Mutter- und Koselieder bewusst erhebliche Straffungen und Streichungen vor und ersetzte die sphärephilosophische Basis der Fröbelschen Kleinstkindpädagogik durch eine kulturgeschichtliche Umdeutung. Henriette Goldschmidts Neubearbeitung wurde seinerzeit in der renommierten Fachzeitschrift Kindergarten überwiegend positiv bewertet. Anna Pappenheim war der Ansicht:

Wie werden die Freunde Fröbels diese Arbeit aufnehmen? … Wer sich mit Liebe in Fröbel … eingelesen … wird sich schwerlich mit der uns vorliegenden neuen Fassung, in der einem jeden von uns natürlich manches Liebgewordene fehlt oder verkürzt wurde, befreunden, wir werden die alte Fassung trotz ihrer Mängel nie aufgeben können, nicht aus blinder Orthodoxie, wie man uns nachsagen könnte, sondern weil dies Buch mit Fröbels ganzer Persönlichkeit zu eng verknüpft ist; wir lieben es mit allen Schwierigkeiten und Eigentümlichkeiten. Wenn ich mit diesen Worten im Sinne derer zu sprechen glaube, denen die Mutter- und Koselieder ein Freund und Lehrer geworden sind, von denen sie sich nicht trennen möchten, so will ich nun andererseits an die Frage der Verfasserin erinnern: 'Ist das Buch zu einem Familienbuch geworden?' Ich möchte weiter fragen: Wer aus den weiten Kreisen der Volkserziehung fand Zeit und Ruhe und konnte die Geduld daran setzen, sich in dies von feiner Kinderpsychologie durchwehte Werk zu vertiefen? Wir leben im Jahrhundert der Kinderpsychologie, und was weiß man von dem Manne, in dem Diesterweg den 'Entdecker des unbewußten Kindheitslebens' erblickte? Wir kennen diese Vorwürfe, die sich auf schlechte Verse, Weitschweifigkeit, Reflexion und fernliegende Symbolik beziehen, zur Genüge, um zu wissen, daß dies Buch, so wie wir es besitzen, nicht die geeignete Form ist, FRÖBELS Gedanken in die Weite zu tragen. Zu schwierig ist es, die Schale zu lösen, die den köstlichen Kern birgt. - Die Seniorin unseres Kreises, deren Lebensarbeit dem Erziehungswerke FRÖBELS gilt, versucht nun, durch eine ernst durchdachte Auswahl das Eindringen ins Innere bedeutend zu erleichtern, indem sie, soweit es angeht, in biologischer Folge Beispiele aus den Motti, Kinderversen, Bildern und Aufsätzen bietet.

Und Jenny Asch konstatierte über die pietätvolle Neugestaltung der Mutter- und Koselieder durch Henriette Goldschmidt:

Aber gerade weil wir seiner Lehre [Friedrich Fröbels] die größte Verbreitung wünschen, können wir uns nicht der Ansicht verschließen, daß diese seine schwerfällige Sprachweise viele Wohlgesinnte, Pädagogen und Nichtpädagogen, zurückschreckt, und es daher ein besonderes Verdienst ist, Fröbel in diejenigen Kreise einzuführen, die ihn nicht studieren würden, wohl aber von seinen originellen und bedeutungsvollen Schöpfungen über Kindererziehung Kenntnis nehmen möchten … Daher ist diese in so pietätvoller Weise vorgenommene Neubearbeitung dankbar zu begrüßen.

Die Mutter- und Kose-Lieder kamen später auch in Frankreich, England, Japan und Nordamerika auf den Markt.

In jüngster Zeit erschien unter Praxisreihe Fröbelpädagogik. Orientierung für Bildung und Erziehung heute eine verkürzte Neuausgabe des Fröbelschen Werkes. 2011 hat Günter Erning eine Umschrift der vierten Ausgabe von Johannes Prüfer aus dem Jahre 1927 vorgenommen.

Rezensionen/Kritische Würdigungen

Die Mutter- und Kose-Lieder wurden in Vergangenheit und Gegenwart unterschiedlichst bewertet, wie folgende Auswahl von Beurteilungen belegt. Eine der ersten Rezensionen wurde im März 1844 in Neue Zeitschrift für Musik, herausgegeben von Robert Schumann, Friedrich Wieck und Ludwig Schuncke, veröffentlicht. Diese bezieht sich auf den Notenband der Mutter- und Koselieder:

Weitere Rezensionen in Auswahl:

Quellen

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ König 1998, S. 8
  2. ↑ Marenholtz-Bülow 1878, S. 118
  3. ↑ Osann 1956, S. 124
  4. ↑ Renner 1982, S. 186
  5. ↑ Heiland 1982, S. 33
  6. ↑ Renner 1982, S. 186
  7. ↑ Kindergarten 1900, S. 5
  8. ↑ zit. n. Prüfer 1919, S. I
  9. ↑ Boldt/Eichler 1982, S. 102
  10. ↑ Boldt/Eichler 1982, S. 104
  11. ↑ König 1984, S. 9
  12. ↑ http://www.froebelweb.de/index.php/schaffen/58-admin.html
  13. ↑ Hebenstreit 2003, S. 179
  14. ↑ König1984, S. 8 f
  15. ↑ Manfred Berger: KOHL, Robert. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 29, Bautz, Nordhausen 2008, ISBN 978-3-88309-452-6, Sp. 782–786.
  16. ↑ http://www.froebelschule-keilhau.de/
  17. ↑ zit. n. Brodbeck 2015, S. 65
  18. ↑ Ramin 1998, S. 125
  19. ↑ Pappenheim 1905, S. 89 f
  20. ↑ Asch 1905, S. 229 f
  21. ↑ (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Mai 2019. Suche im Internet Archive) ( Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.)
  22. ↑ http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/ppp_lehrstuehle/elementarpaedagogik/forschung/Umschrift/Umschrift_Froebel_MuK_.pdf
  23. ↑ zit. n. Konrad 2006, S. 129
  24. ↑ Portugall 1905, S. 72
  25. ↑ Hafter 1931, S. 747
  26. ↑ Hoffmann 1933, S. 55f
  27. ↑ Minke 1958, S. 7
  28. ↑ Doderer/Müller 1975, S. 107
  29. ↑ Bertlein 1975, S. 418 f
  30. ↑ Bollnow 1977, S. 179 f
  31. ↑ Dinges 1979, S. 731
  32. ↑ Gutjahr/Habel 2002, S. 58 f
  33. ↑ Konrad 2006, S. 259