Myriam David

Myriam Françoise David (geboren 15. März 1917 im 17. Arrondissement, Paris; gestorben 28. Dezember 2004 im 4. Arrondissement, Paris) war eine jüdische französische Psychoanalytikerin, Kinderärztin und Psychiaterin sowie Widerstandskämpferin und Holocaust-Überlebende.

Leben

David wurde 1917 in eine wohlhabende, assimilierte jüdische Familie geboren. Die Familie praktizierte das Judentum nicht und hat nur geringe religiöse Bindung. Im Alter von acht Jahren verlor sie ihre Mutter. Sie besuchte das Lycée Molière in Paris. Ihr fortschrittlich gerichtetes familiäres Umfeld erlaubte ihr von 1933 bis 1942 das Studium der Medizin an der medizinischen Fakultät der Universität von Paris. Sie war Externe an den Assistance publique – Hôpitaux de Paris und arbeitete zwei Jahre lang in der Pädiatrie. Zwei Tage vor der Rafle du Vélodrome d’Hiver verteidigte sie ihre medizinische Dissertation. Danach verließ sie Paris und schloss sich ihrer Familie in der unbesetzten Südzone an.

Von 1942 bis zu ihrer Verhaftung am 26. Dezember 1943 gehörte David der Résistance-Widerstandsgruppe Combat an, in der sie als Verbindungsperson im Netzwerk Résistance-Fer tätig war. Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo wurde sie im Sammellager Drancy interniert und anschließend zusammen mit ihrer Schwester Christiane (* 1913) und ihrem Cousin Philippe Lévy, dem Sohn von Lazare Lévy, mit dem Convoi No. 71 vom 13. April 1944 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurde sie als Ärztin zusammen mit ihrer Schwester dem Lagerkrankenhaus zugeordnet. Diese Erfahrung beschrieb sie als einen „Abstieg in die Hölle“. Ende August 1944 wurde sie in das KZ-Außenlager Taucha, ein Außenlager von Buchenwald, verlegt, wo sie zunächst als Ärztin tätig war und anschließend gemeinsam mit ihrer Schwester in der Fabrik arbeitete. Im April 1945 wurde das Lager evakuiert, und die Schwestern wurden auf einen Todesmarsch geschickt. Am 1. Mai gelang es ihnen, ihren Bewachern zu entkommen. David kehrte Anfang Juni 1945 nach Paris zurück.

Spezialisiert auf die Behandlung und Beobachtung sehr junger Kinder, bildete sich David nach dem Krieg in Cambridge (Massachusetts) bei Helene Deutsch sowie in kinderpsychiatrischen Einrichtungen weiter, wo sie unter anderem Leo Kanner begegnete. Nach ihrer Rückkehr nach Frankreich betreute sie in den 1950er Jahren im Hôpital Necker–Enfants malades, in der Säuglings- und Kleinkinderstation für Kinder im Alter von ein bis drei Jahren Säuglinge mit schweren Mangel- und Vernachlässigungserfahrungen. Dort begegnete sie der Kinderpsychiaterin Jenny Aubry. Von da an setzte sie sich unablässig dafür ein, die psychischen Leiden verlassener und misshandelter Kinder zu behandeln und deren Anerkennung zu fördern.

In den 1960er Jahren war sie in die internationale Zusammenarbeit der Tavistock Study Group zur Bindungstheorie beteiligt. 1962 erhielt sie mit Unterstützung von John Bowlby zusammen mit Geneviève Appell ein Stipendium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), um eine Studie über „Kinder, die in den ersten drei Monaten ihres Lebens von ihren Müttern getrennt worden waren, und dies bis zu ihrem vierten Lebensjahr blieben“ durchzuführen. Derartige Studien waren in Frankreich bis dahin noch nie durchgeführt worden.

1970 besuchte sie, ermutigt von Germaine Le Guillant, gemeinsam mit Appell das von Emmi Pikler geleitete Waiseninstitut Lóczy in Budapest, dessen Arbeitsweise auf der freien Bewegung und dem freien Spiel der Kinder beruhte, um dem Hospitalismus entgegenzuwirken. Aus diesem Besuch entstand das Buch Loczy ou le maternage insolite.

Sie trug zur Gründung von Einrichtungen zur Behandlung von Kindern bei, 1965 zum Centre familial d’action thérapeutique und 1975 zur Unité de soins spécialisés de jeunes enfants à domicile. Sie befürwortete eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern von Kindern in schwierigen Situationen und deren Unterstützung. David setzte sich zudem in hohem Maße für die multidisziplinäre Zusammenarbeit ein.

2002 erhielt sie den Serge-Lebovici-Preis, verliehen in Amsterdam anlässlich des 8. Weltkongresses der World Association for Infant Mental Health.

Sie starb am 28. Dezember 2004 in Paris und wurde am 5. Januar 2005 im Crématorium-columbarium du Père-Lachaise eingeäschert.

Veröffentlichungen (Auswahl)

Einzelnachweise

  1. ↑ Eintrag zu Myriam Francoise David in Fichier des personnes décédées (französisch).
  2. 1 2 Brigitte Bernion, Marie-Pierre Blondel und Dominique Deyon: Myriam David, une pionnière du traitement de la carence précoce institutionnelle et familiale. In: Jacques Angelergues, Sarah Bydlowski et Pierre Denis (Hrsg.): L’engagement thérapeutique auprès de l’enfant: d’hier à aujourd’hui au Centre Alfred Binet. 2019, S. 229–244, doi:10.3917/pres.angel.2019.01.0230.
  3. 1 2 Michèle Becquemin: Enjeux et mutations de la protection de l'enfance en France. In: Cliopsy. Band 8, 2012, S. 73–92 (revuecliopsy.fr [PDF]).
  4. ↑ Bulletin de l’Association amicale des anciennes et anciens élèves du lycée Molière. Paris 2015, S. 15–16.
  5. ↑ Bernard Golse, Marceline Gabel und Annick Le Nestour: Hommage à Myriam David. In: Enfance & Psy. Band 27, Nr. 2, 2007, S. 127–130 (cairn.info).
  6. ↑ Serge und Beate Klarsfeld (Hrsg.): Le Mémorial de la déportation des Juifs de France. Fayard, Paris 2012, ISBN 2-213-61052-5.
  7. 1 2 Brigitte Bouquet: David, Myriam (1917-2004). Le Groupe de Recherche en Histoire du Service Social (GREHSS), abgerufen am 4. November 2026.
  8. ↑ Thérèse Gallo-Villa: «L’affaire Baumann». In: TharvA. Private Website, März 2020, abgerufen am 4. November 2026.
  9. ↑ Inge Bretherton: The Origins of Attachment Theory: John Bowlby and Mary Ainsworth. In: Developmental Psychology. Band 28, Nr. 5, 1992, S. 759–775 (sunysb.edu [PDF]).
  10. ↑ Gilles Séraphin: La protection de l’enfance en France : une prise en compte spécifique du très jeune enfant ? In: Empan. Band 111, Nr. 3, 2018, S. 22–28, doi:10.3917/empa.111.0022.
  11. ↑ Pierre Denis (Hrsg.): Continuité des soins, continuité psychique: Dans les traces de Myriam David. Éditions Érès, Toulouse 2010, ISBN 978-2-7492-1277-7, S. 7.
  12. ↑ Geneviève Delaisi de Parseval: Mort de la psychanalyste Myriam David. Libération, 7. Januar 2005, abgerufen am 4. November 2026.
  13. ↑ Bernard Golse: Myriam David, pionnière de la santé mentale de la petite enfance. In: Le Monde. 5. Januar 2005 (passereve.com [PDF]).