Nach Assmann kann die Mythomotorik von gemeinschaftlicher Erinnerung zwei gesellschaftspolitische Wirkungsrichtungen haben:
fundierend: sie bestätigt und rechtfertigt die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse als sinnvoll, gottgewollt, notwendig und unabänderlich
kontrapräsentisch: sie stellt die bestehenden Zustände in Frage, beschwört eine bessere Vergangenheit und ruft zur Veränderung auf
Bezugnehmend auf den französischen EthnologenClaude Lévi-Strauss (1908–2009) unterscheidet Assmann die mythomotorische Wirkung eines erinnerten und weitergegebenen Mythos als kalte oder heiße Kulturelemente des gesellschaftlichen Umgangs mit der betreffenden Vergangenheit:
in kaltenGesellschaften soll jeglicher sozialer Wandel durch den Einfluss vergegenwärtigter Erinnerung unterbunden werden
in heißen Gesellschaften soll die Vision, die in einem Mythos wirkt, den Wandel zu einer neuen, veränderten Gesellschaft beschleunigen
Das Prinzip der Mythomotorik gewinnt im Rahmen des interdisziplinären Themas der Erinnerungskulturen zunehmend an Bedeutung, weil es die Mechanismen von Gemeinschaftsbildung ebenso zu erklären versucht wie deren langfristiges Verhalten in religiösen, politischen und auch wirtschaftlichen Zusammenhängen. In jüngster Zeit wurden die Erkenntnisse dieser Forschungen unter der Zielsetzung der Handlungsbeeinflussung von Gemeinschaften (Communitys) auch in Politik und Wirtschaftspraxis eingeführt. So soll die sogenannte mythomotorische Positionierung von Politikern, Produkten oder ganzen Unternehmen die Wahl-, Investitions- oder Kaufentscheidung entsprechender Zielgruppen beeinflussen und deren Erinnerungen an die aus mythomotorischer Kommunikation gebildete „Marke“ gezielt formen (siehe auch Markenforschung).
Siehe auch
Kommunikatives Gedächtnis (nach Assmann: mündliche Weitergabe von persönlichen Erfahrungen, umfasst rund 80Jahre)
Identitätspolitik (von dominanten Gruppen zur Erhaltung, von dominierten Gruppen zur Änderung der Zustände benutzt)
Politischer Mythos (historisch-politische Erzählung mit kollektivem sinn- und identitätsstiftendem Wirkungspotential)
Erfundene Tradition (historische Fiktion: konstruierte Tradition, in eine Vergangenheit zurückprojiziert)
Literatur
Jan Assmann: Frühe Formen politischer Mythomotorik. Fundierende, kontrapräsentische und revolutionäre Mythen. In: Dietrich Harth, Jan Assmann (Hrsg.): Revolution und Mythos. Fischer, Frankfurt 1992, ISBN 3-596-10964-7, S. 39–61 (PDF-Datei; 9,4MB; 23Seiten auf uni-heidelberg.de).
Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 7. Auflage. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-56844-2, vor allem S. 78–86: Mythomotorik der Erinnerung (erstveröffentlicht 1992; Seitenansichtenin der Google-Buchsuche).
Matthias Braunwarth: Gedächtnis der Gegenwart. Signatur eines religiös-kulturellen Gedächtnisses. Annäherung an eine Theologie der Relationierung und Relativierung (= Tübinger Perspektiven zur Pastoraltheologie und Religionspädagogik. Band 16). Lit, Münster u.a. 2002, ISBN 3-8258-5912-6, S. 124–129: Kapitel 4.3 Mythomotorik – oder von der Form und Funktion des Vergangenheitsbezuges (Doktorarbeit 2001 Universität Freiburg; Teilansichtin der Google-Buchsuche).
12Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. 7. Auflage. Beck, München 2013, S. 80 (erstveröffentlicht 1992; Seitenansichtin der Google-Buchsuche): „Der Begriff »mythomoteur« wurde geprägt von Ramon D’Abadal i de Vinyals 1958 und von J. Armstrong 1983 sowie A.D. Smith 1986 aufgegriffen.“ Anmerkung: Ramon d’Abadal i de Vinyals (1888–1970) war katalanischer Historiker, Politiker und Journalist; John Alexander Armstrong (1922–2010) war amerikanischer Professor für Politikwissenschaft; Anthony D. Smith (* 1939) ist britischer Ethnograph und Professor für Nationalismus und Ethnizität.