Sprache des Nationalsozialismus

Die Sprache des Nationalsozialismus oder NS-Deutsch bezeichnet ein Vokabular der deutschen Sprache und eine bestimmte öffentliche Rhetorik aus der Zeit des Nationalsozialismus, die den Sprachgebrauch im NS-Staat stark beeinflusste. Sie enthält sowohl Neuschöpfungen von Wörtern als auch veränderte Bedeutungszuschreibungen für bereits vorhandene Wörter. Beide wurden teils absichtlich geschaffen (geprägt), teils unreflektiert eingebürgert.

Adolf Hitler und Joseph Goebbels gelten als führende Vertreter dieser Sprache. Sie wirkten größtenteils mit ihren Sprechattacken als Demagogen und verwendeten die Massenmedien systematisch für ihre NS-Propaganda, so dass sich ihr Sprechstil und Vokabular weit verbreiten und in vielen öffentlichen Bereichen durchsetzen konnte.

Besondere Merkmale

Sprachlenkung und Sprachkontrolle

Flugblatt des NS-Studentenbundes, das 1933 zur Bücherverbrennung verbreitet wurde

Das neu geschaffene Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) übernahm schon ab März 1933 in ganz Deutschland die inhaltliche Lenkung des Rundfunks, der Presse, der Literatur, der bildenden Kunst, des Films, des Theaters und der Musik. Es übte mittels der September 1933 gegründeten Reichskulturkammer die Kontrolle über fast alle Bereiche der Kultur und Medien aus. Die Reichspressekammer war eine seiner Unterorganisationen. Außerhalb der parteieigenen Medien konnte damit auch der Staatsapparat zur Verbreitung der NS-Ideologie genutzt werden, indem Zensur oder Fördermittel des Ministeriums die NS-parteikonforme Behandlung von Sport-, Kultur- und zwischenmenschlichen Themen in Spielfilmen erreichen konnte. Die Reichsfilmkammer setzte ihre Personalpolitik bis in einzelne Filmproduktionen hinein durch.

Für die staatliche Sprachzensur und Sprachmanipulation schuf das NS-Regime selbst den Begriff Sprachregelung. Nach internen Anweisungen von Joseph Goebbels wurden der Presse durch solche Zensurmaßnahmen nicht nur Themen vorgegeben, sondern auch der Sprachgebrauch. Besonders für die Judenverfolgung und Judenvernichtung wurden Begriffe verordnet, die den tatsächlichen Zweck der Staatsmaßnahmen für die deutsche und ausländische Öffentlichkeit verschleiern sollten. Oft wurden bewusst verharmlosende, neutrale oder positiv besetzte Ausdrücke für Terror- und Mordaktionen verwendet. Damit sollten sie im Bereich von Normalität erscheinen und organisierten Widerstand Betroffener dagegen verhindern.

Politische Ziele des Sprachgebrauchs

Der Sprachgebrauch des Vokabulars zielte vor allem auf Nicht-Nationalsozialisten. Nicht-Mitglieder sollten von den Zielen dieser Partei und der von ihr besetzten Ämter überzeugt werden. Nur zum Teil war die Sprache des Nationalsozialismus auch auf die Binnenwirkung bereits überzeugter Parteigenossen (PGs) ausgerichtet. Je mehr der Staatsapparat von Nationalsozialisten genutzt werden konnte, umso prägender traten das Vokabular und die anderen Besonderheiten des Sprachgebrauchs im Leben der ganzen Bevölkerung in Erscheinung. Oft war es nur noch die Familie, in der sich die Menschen nicht von dieser Sprache und den dazugehörenden NS-Funktionären umgeben fühlen konnten. Die Flüsterpropaganda und das private Gespräch waren in der Kriegszeit ständig von der Ausspähung durch andere bedroht. Die Aufzählung der Ziele hier folgt keiner Systematik oder Chronologie:

Darstellungen und Analysen

Literatur

Schon 1933 entstand Karl Kraus’ Dritte Walpurgisnacht, die die Sprache der nationalsozialistischen Propaganda konsequent der Gedankenwelt Goethes gegenüberstellt und aus der Analyse der nationalsozialistischen Sprache zu einer folgerichtigen Vorhersage der weiteren Entwicklung gelangt. Auch wenn Kraus ausgiebig daraus zitierte (erhebliche Teile erscheinen im Aufsatz Warum die Fackel nicht erscheint in Die Fackel, Bd. 890–905), sah er doch von der Veröffentlichung des bereits gesetzten Werks im letzten Moment ab, sodass die Dritte Walpurgisnacht erst posthum 1952 erschien.

Literaturwissenschaft

Kategorisiertes Exzerpt von Victor Klemperers LTI

Der Romanist und Literaturwissenschaftler Victor Klemperer (1881–1960) schuf mit seinem Werk LTI – Notizbuch eines Philologen (herausgegeben 1947) eine Bestandsaufnahme der Sprache in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Der Buchtitel war eine Parodie auf die Abkürzungswut der Nationalsozialisten: LTI stand für Lingua Tertii Imperii (lateinisch), also für „Sprache des Dritten Reiches“. Klemperer vertrat darin die These, dass es weniger einzelne Reden, Flugblätter, Wörter oder ähnliches waren, die den größten Eindruck in der Bevölkerung hinterließen, sondern vielmehr die stereotypen Wiederholungen des ganzen Wortschwalls. Sie führten zu einer ständigen Beeinflussung im Sinne einer Suggestion.

Zwischen 1945 und 1948 schrieben Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind für die Zeitschrift Die Wandlung ähnliche sprachkritische Beiträge über die NS-Sprache. 1957 wurden diese als Buch unter dem Titel Aus dem Wörterbuch des Unmenschen veröffentlicht. Der Autor H. G. Adler schrieb mehrere kritische Texte für die Zeitschrift Muttersprache.

Film

Charles Chaplins Film Der große Diktator von 1940 ist eine Hitler-Persiflage und Satire auf die NS-Herrschaft. Chaplin verfremdete die Namen der beteiligten Politiker und Staaten, übernahm aber NS-Begriffe wie „Rasse“, „Ghetto“ und „Konzentrationslager“ im Klartext. Die Reden der Hauptfigur Hynkel (Hitler) werden in einer (einzelne deutsche und englische Wörter ausgenommen) vollkommen unverständlichen erfundenen Sprache, auf Tomanisch, gehalten. Doch der aggressive Tonfall, das Stakkato, Mimik und Gestik des Redners machen die Figur Hitler unverwechselbar und lassen auf den brutalen Inhalt und Zweck seiner Sätze schließen. Damit leistete Chaplin einen frühen Beitrag zur Analyse des Sprachstils der Nationalsozialisten.

Theater

Seit 1973 unternahm der österreichische Schauspieler Helmut Qualtinger Lesungen aus Adolf Hitlers Mein Kampf, die auch als Tonträger veröffentlicht wurden.

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Matthias Heine: Kontaminierte Sprache: Das Fortleben des NS-Deutsch nach 1945. In: Einsicht: Bulletin des Fritz Bauer Instituts. 2020, ISSN 1868-4211, S. 66–75 (fritz-bauer-institut.de [PDF]).
  2. ↑ Auch zum Folgenden Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-092864-8, S. 642–679.
  3. ↑ Carola Jüllig: Die Reichsparteitage. Lebendiges Museum Online, 24. Februar 2023.
  4. ↑ Artikel Sprachregelung. In: Enzyklopädie des Holocaust, Band III, Piper 1998, S. 1361 f.