Nānhā

Selbstbildnis von Nānhā. Detail.
Signatur von Nānhā. Detail.

Nānhā (persisch نانها, DMG Nānhā) war ein indischer Maler im Dienst der Mogulherrscher Akbar und Jahāngīr. Er gehörte bereits zu Beginn der 1580er Jahre zum höfischen Atelier, wo er zwar nicht zu den Spitzenkünstlern zählte, aber durchaus hochwertige Beiträge sowohl im Bereich der Bildkomposition als auch in der farblichen Ausgestaltung eigener und fremder Entwürfe leistete. Seine letzten bekannten Bilder sind etwa 1620 entstanden. Nānhās Bruder war der Vater von Bishandās, der ebenfalls als Maler bekannt ist.

Werke am Hof Akbars

Nānhā hat an vielen der bebilderten Handschriften mitgewirkt, die unter Akbar entstanden sind. Dabei hat er Beiträge zu allen großen thematischen Strömungen der mogulindischen Malerei geleistet: Illustrationen zu Abenteuergeschichten, persischer Dichtung, Werken der Dynastiegeschichte und hinduistischen Epen. Er hat in dieser Zeit in den unterschiedlichsten Stilen gearbeitet. Während seine frühen Beiträge die Schulung durch persische Meister erkennen lassen, machte er doch auch von Anfang an Gebrauch von den neuen Techniken, die ihm durch die Drucke, Kupferstiche und zuweilen auch Ölgemälde aus Europa bekannt waren. Im Folgenden eine Liste von Nānhās Werken aus der Zeit Akbars in chronologischer Reihenfolge:

Die Truppen von 'Alī Qulī Khān vor Kannauj. 1567. Entwurf Kānhā, Farbgebung Nānhā. 1. Akbar-nāma, ca. 1590.

Werke für Prinz Salīm/Jahāngīr

Es wurde verschiedentlich die Vermutung geäußert, dass Nānhā das kaiserliche Atelier verlassen haben könnte, um Prinz Salīm im Jahre 1600 nach Allahabad zu folgen. Als Gründe werden angeführt, dass er in den vier Jahren bis 1604 bei auffällig wenigen Handschriften für Akbar beteiligt war, dafür aber ein Porträt zum Salīm-Album beigesteuert hat, das in dieser Zeit zusammengestellt wurde, und ferner eine Illustration für Salīms Anwār-i Suhaylī gemalt hat. Sein Beitrag zum Salīm Album könnte allerdings auch schon vor 1600 entstanden sein, so wie viele andere Bilder dieses Albums auch. Das Anwār-i Suhaylī wurde erst nach der Thronbesteigung des Prinzen vollendet. Nānhās Miniatur muss daher nicht zwingend vor 1605 hinzugefügt worden sein. Es gibt somit keinen Beweis für eine Zugehörigkeit Nānhās zu Salīms Atelier in Allahabad. Ausgeschlossen ist es freilich auch nicht. Seine späteren Werke sind fast ausschließlich Porträts. Sie alle wurden nachträglich von anderen Künstlern mit einer Rahmung versehen und in verschiedene Alben integriert.

Löwenangriffe

Jagdbegegnungen mit Löwen und Angriffe von Löwen waren offenbar ein bevorzugtes Sujet des Malers. Wir haben allerdings nur zwei Bilder, die nachprüfbar mit Nānhās Namen versehen sind.

Laut S.P. Verma existieren im Baroda State Museum and Picture Gallery noch zwei weitere Werke von Nānhā, auf denen Jahāngīr bzw. Prinz Khurram einen Löwen töten und die beide mit der Aufschrift „ʿamal-i Nānhā“ versehen sind. Keines von beiden ist publiziert. Milo C. Beach und S.P. Verma schreiben Nānhā außerdem ein nicht mit seinem Namen gekennzeichnetes Bild von etwa 1615 im Indian Museum Kolkata zu, auf dem Jahāngīrs Schuss in das Auge einer Löwin festgehalten ist.

Kopie eines Kupferstichs aus Flandern

Das Jüngste Gericht, ca. 1605, in einer Khamsa von Mir ʿAli Schir Nawāʾi. Nachträglich hinzugefügte Auferstehungsszene auf Fol. 5b. Royal Library Windsor Castle Library, RCIN 1005032.d. Werk von Nānhā und Manōhar. Bildgröße 22,4 × 14,8 cm. Der Text in tschagataiischer Sprache wurde bereits 1492 in Herat kopiert, die Freiflächen für die Illustrationen blieben aber fast alle leer. Nach einer wechselvollen Geschichte gelangte die Handschrift an den Mogulhof, wo Nānhā gemeinsam mit seinem Kollegen Manōhar diese Szene des Jüngsten Gerichts hinzufügte. Die Vorlage entnahmen die Künstler einem Kupferstich von Adriaen Collaert, der im späten 16. Jahrhundert in Flandern entstanden ist und sehr wahrscheinlich mit jesuitischen Gesandtschaften den Weg an Akbars Hof gefunden hat. Die Maler haben sich bei ihrer Kopie nicht strikt an ihre Vorlage gehalten, sondern eigene Akzente gesetzt. Dazu gehört vor allem die Wiedergabe in Farbe, wobei die Seligen durch helle Kolorierungen, die Verdammten durch Grautöne gekennzeichnet sind. Alle Personen wurden etwas größer dargestellt, ihre Anzahl dafür reduziert. Die starke Betonung der einzelnen Muskelpartien im Kupferstich haben die Mogulkünstler in ihrer Version erheblich abgemildert und den Figuren damit eine weichere Form verliehen. Die Auferstehungsszene hat keinen Bezug zum umgebenden Text. Möglicherweise hat aber eine illustrierte Textstelle auf Folio 35v desselben Manuskripts einen Einfluss auf die Auswahl gehabt. Dort nämlich findet sich eine fiktive Diskussion zwischen Fachr ad-Dīn ar-Rāzī und Schah Muhammad von Choresmien über den Tag des Jüngsten Gerichts.

Kopie des „Kamelkampfes“ von Behzād

Kamelkampf, ca. 1608. Gulschan-Album, Teheran, Golestan Palast Bibliothek Nr. 1663. Bildgröße 25,5 × 15,6 cm. Für die Moguln, die selbst ein Zweig der Timuriden waren, hatten Bücher, Bilder und andere Kunstwerke aus ihrem Stammland einen hohen ideellen Wert. Sie galten ihnen als Symbole timuridischer Größe, die sie, wie Lentz und Lowry schreiben, „an ihre erhabene Abstammung und Herrschaftsgeschichte erinnerten.“ Insbesondere Behzād galt den Moguln als der Höhepunkt aller Malkunst, an dem sich auch die indischen Maler messen lassen mussten. Ein als „Kamelkampf“ bezeichnetes Bild, in dessen Schriftfeld sich der „arme und unglückliche Behzād“ als Maler zu erkennen gibt, war schon unter Akbar von Mīr Sayyid ʿAlī kopiert worden. Eine weitere Kopie sollte Nānhā im Auftrag Jahāngīrs anfertigen. Das Textfeld hat der Mogulherrscher persönlich beschriftet: „Gott ist groß. Nachdem er dieses Werk von Meister Behzād gesehen hat, hat der Maler Nānhā es meinem Befehl entsprechend kopiert. Verfasst von Jahāngīr, Sohn von Akbar Padischāh Ghāzī 1608/09.“ Die Kopie wurde in das Gulschan-Album aufgenommen und bildet zusammen mit dem Original eine Doppelseite.


Nānhā in Mewar

Schon Akbar hatte vergeblich versucht, Mewar zu unterwerfen. Jahāngīr setzte die Bemühungen fort und sandte am 16. Dezember 1613 seinen Sohn Prinz Khurram aus, den späteren Schāh Jahān, um das Land von Rana Amar Singh Sisodia zu erobern. Ein gutes Jahr später überbrachte Muhammad Beg die Nachricht, dass sich der Rana in einer offiziellen Zeremonie in Gogunda am 6. Februar 1615 den Moguln unterworfen hatte. Nānhā hat den Prinzen entweder auf dem Feldzug begleitet oder ist erst Anfang Februar 1615 nach Gogunda geeilt, um das historische Ereignis der Kapitulation in einem Bild festzuhalten. Darüber hinaus hat er, wahrscheinlich etwa zur selben Zeit, einige der wichtigsten mit dem Mewar-Feldzug verbundenen Persönlichkeiten porträtiert.


Schāh Jahān und Dārā.

Spätwerk

Literatur

Belege

  1. ↑ Vgl. die Inschrift einer Randillustration zu Jahāngīrs Gulschan-Album, Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 128.
  2. ↑ Beach: The Imperial Image. 1981, S. 218–220.
  3. ↑ Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 314, Nr. 2. Hierzu ist keine Illustration veröffentlicht.
  4. ↑ Maharaja Sawai Man Singh II City Palace Museum, Jaipur. Vgl. Beach: The Imperial Image. 1981, S. 215–217. Keine dieser Miniaturen ist bisher veröffentlicht worden.
  5. ↑ Stuart Cary Welch und Annemarie Schimmel: Anvari's Divan: A Pocket Book for Akbar. The Metropolitan Museum of Art, New York 1983, S. 105. ISBN 0-87099-331-3.
  6. 1 2 John Seyller: „Nanha“, in: Jonathan M. Bloom und Sheila S. Blair (Hrsg.): The Grove Encyclopedia of Islamic Art and Architecture. Oxford University Press, New York 2009. ISBN 978-0-19-530991-1. Band III, S. 45–46.
  7. ↑ Digitalisat
  8. ↑ Digitalisat
  9. ↑ Victoria and Albert Museum, IS.2:23-1896 (Nr. 104), IS.2:51-1896 (Nr. 128) und IS.2:57-1896 (Nr. 142).
  10. ↑ Jeremiah P. Losty: The Art of the Book in India. London, The British Library 1982. Nr. 59.
  11. ↑ Akbar-nāma Victoria and Albert Museum, IS 2:57-1896.
  12. ↑ Linda York Leach: Mughal and other Indian paintings from the Chester Beatty Library. Scorpion Cavendish, London 1995. ISBN 1-900269-02-3. Band I, S. 104, Illustration S. 102, Katalog-Nr. 1.188.
  13. ↑ Vgl. Barbara Brend: The Emperor Akbar's Khamsa of Niẓāmī. The British Library, London 1995, ISBN 0-7123-0392-8.
  14. ↑ Beach: The Imperial Image. 1981, S. 223-226. Farbige Abbildung in André Godard und Basil Gray: Iran. Persische Miniaturen. Kaiserliche Bibliothek. Graphic Society, New York 1956. Tafel XXX.
  15. ↑ Abu'l Fazl, History of Akbar, Bd. 1, S. 178–179.
  16. ↑ Wright, Elaine: Muraqqaʿ. Imperial Mughal Albums from the Chester Beatty Library.Art Services International, Alexandria (Virginia) 2008, S. 61. ISBN 0-88397-154-2.
  17. ↑ Beach: The Grand Mogul. Imperial Painting in India 1600–1660. 1978, S. 149, hier eine s/w-Abbildung.
    The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by W. M. Thackston. 1999, S. 65.
  18. ↑ Samsam-ud-daula Shāh Nawāz Khān und Abdul Hay: The Maāthir-ul-umara. Translated by H. Beveridge. 1999, Band II, S. 1020.
  19. ↑ Beach: The Grand Mogul. Imperial Painting in India 1600–1660. 1978, S. 149, Nr. 50 datiert auf ca. 1615.
  20. ↑ Digitalisat
  21. ↑ Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 318–319, Nr. 45 und 46.
  22. ↑ Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 319, Nr. 49; Beach: The Grand Mogul. Imperial Painting in India 1600–1660. 1978, S. 150.
  23. ↑ Digitalisat
  24. ↑ Das Jüngste Gericht. Stich von Adriaen Collaert nach Jan van der Straet, 1570 – 1618. Rijks Museum Amsterdam RP-P-1982-305.
  25. ↑ Hannam: Eastern Encounters. Four Centuries of Paintings and Manuscripts from the Indian Subcontinent. 2018, S. 98–103.
  26. ↑ Hannam: Eastern Encounters. Four Centuries of Paintings and Manuscripts from the Indian Subcontinent. 2018, S. 101.
  27. ↑ Laurence Binyon, James Vere Stuart Wilkinson und Basil Gray: Persian Miniature Painting. Dover Publications, New York 1971, S. 130–131. (Repr. von 1933).
  28. ↑ Thomas W. Lentz und Glenn D. Lowry: Timur and the Princely Vision. Persian Art and Culture in the Fifteenth Century. Museum Associates, Los Angeles County Museum of Art 1989, S. 320. ISBN 0-87474-706-6. Priscilla P. Soucek: Persian Artists in Mughal India: Influences and Transformations, Muqarnas 4 (1987) 166–181, siehe S. 166.
  29. ↑ Adamova weist darauf hin, dass es sich bei diesem Bild sehr wahrscheinlich nur um die fehlerhafte Kopie eines älteren Originals von Behzād handelt. Adel Adamova and J.M. Rogers: “The Iconography of 'A Camel Fight.’” Muqarnas 21 (2004): 1–14, siehe S. 2. ISBN 978-90-04-13964-0.
  30. ↑ Allāhu Akbar. In kār-i ustād Bihzād-rā dida Nānhā-i muṣawwir kār karda ḥasb ul-ḥukum-i man. Ḥarrarahu Ǧahāngīr ibn Akbar Pādišāh Ġāzī, sana 1017.
  31. ↑ Muhammad Hasan Simsar: Golestan Palace Library: a portfolio of miniature paintings and calligraphy. Übersetzt und ediert von Karim Imami. Zarrin & Simin Books, Teheran 2000, S. 260–261. ISBN 964-92113-2-2.
  32. ↑ The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by W. M. Thackston. 1999, S. 165.
  33. ↑ G.N. Sharma: Rajasthan through the Ages. Rajasthan State Archives, Bikaner 1990, S. 118.
  34. ↑ Vgl. mit der Edition des Jahāngīr-nāma: Nūr ud-Dīn Muḥammad Jahāngīr: Jahāngīr-nāma. Tūzuk-i Jahāngīrī. Ed. Muḥammad Hāschim. o. O. (Teheran) 1359 HŠ/1980, S. 156.
  35. ↑ ʿamal-i Nānhā, šabih-i Bhīm Kunwar walad-i Rānā Amar Sing ki khitāb-i mahārāǧagī yāfta bud.
  36. ↑ Bihtarin naukarān-i mā dar ayyām-i pādšāhzādagī Mahārāǧa Bhīm wa Rāǧa Bikramāǧīt budand wa har dū ba-kār-i mā āmadand.
  37. ↑ The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by W. M. Thackston. 1999, S. 426.
  38. ↑ Welch, Schimmel, Swietochowski und Thackston: The Emperors' Album. Images of Mughal India. 1987, S. 148–149.
  39. ↑ Verma: Mughal Painters and their Works. A biographical Survey and comprehensive Catalogue. 1994, S. 317, Nr. 31. Samsam-ud-daula Shāh Nawāz Khān und Abdul Hay: The Maāthir-ul-umara. Translated by H. Beveridge. 1999, Band II, S. 880.
  40. ↑ Susan Stronge: Painting for the Mughal Emperor. The Art of the Book 1560–1660. V&A Publications, London 2002, S. 144–145. ISBN 1-85177-358-4.
  41. ↑ The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by W. M. Thackston. 1999, S. 165.
  42. ↑ Digitalisat
  43. ↑ The Jahangirnama. Memoirs of Jahangir, Emperor of India. Translated by W. M. Thackston. 1999, S. 35 und S. 194. Samsam-ud-daula Shāh Nawāz Khān und Abdul Hay: The Maāthir-ul-umara. Translated by H. Beveridge. 1999, Band II, S. 692-693. Welch, Schimmel, Swietochowski und Thackston: The Emperors' Album. Images of Mughal India. 1987, S. 122, Nr. 21.
  44. ↑ Digitalisat
  45. ↑ Welch, Schimmel, Swietochowski und Thackston: The Emperors' Album. Images of Mughal India. 1987, S. 194–195.
  46. ↑ Gauvin Bailey in Habsburg, Francesca von (Hrsg.): The St. Petersburg Muraqqaʿ. Album of Indian and Persian Miniatures from the 16th through the 18th Century and Specimens of Persian Calligraphy by ʿImād al-Ḥasanī. Leonardo Arte, Milano 1996, S. 71, Tafel 61. ISBN 88-7813-607-7.
  47. ↑ Digitalisat
Commons: Nanha – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Personendaten
NAME Nānhā
ALTERNATIVNAMEN Nanha
KURZBESCHREIBUNG indischer Miniaturmaler
GEBURTSDATUM 16. Jahrhundert
STERBEDATUM nach 1600