Nathan Azrin

Nathan Azrin (* 26. November 1930 in Boston; † 29. März 2013 in Pompano Beach) war ein US-amerikanischer Psychologe und emeritierter Professor an der Nova Southeastern University.

Leben

Er war Sohn der russischstämmigen Eltern Harold and Esther Azrin und wuchs mit seinen fünf Geschwister über dem elterlichen Lebensmittelladen auf. Seine Eltern haben nach seinen Angaben „hohe Anstandsstandards“ gehabt und „nie auf Bestrafung gesetzt, nicht einmal auf die Androhung von Strafen, nicht einmal auf den Entzug von Privilegien, und alles war bestens“. Er erwarb 1951 seinen B.A. an der Boston University, ebenso 1952 einen M.A. Während dieser Zeit war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Boston University School of Medicine tätig, wo er die Auswirkungen von Strahlung auf das Verhalten von Tieren untersuchte. Er unterstützte außerdem Umfragestudien für die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation. Danach wechselte er an die Harvard University, um hier 1956 unter der Mentorschaft von B.F. Skinner zum Ph.D. zu promovieren; der Titel seiner Dissertation lautete A Comparison of the Effects of Two Intermittent Schedules of Immediate and Non-Immediate Punishment. Er erwarb auch eine Zulassung als Fachpsychologe für Verhaltensanalyse und Klinische Psychologie.

Nach seinem Studium verbrachte er ab 1955 ein Jahr am Yale Institute for Living der Yale University, wo er im Labor für Verhaltensphysiologie von Karl H. Pribram forschte; danach arbeitete er ab 1956 bei der U.S. Army Ordnance in Maryland und führte Studien zu Human Factors Engineering und den Auswirkungen von Lärm und Müdigkeit auf das menschliche Verhalten durch. 1958 wurde er zum Professor am Rehabilitation Institute der Southern Illinois University und zum Forschungsdirektor im Illinois Department of Mental Health ernannt. Von 1958 bis 1980 leitete er das Department of Treatment Development am Anna Mental Health and Development Center in Anna (Illinois). 1980 wurde er als Professor und klinischer Direktor zur Nova Southeastern University (NSU) berufen. Er arbeitete 30 Jahre am Zentrum für Psychologische Studien der NSU und ging 2010 in den Ruhestand.

Werk

Er ist ein behavioristisch ausgerichteter Wissenschaftler und klinischer Praktiker, der die Verbindung von Grundlagen- und Angewandter Forschung verkörpert. Er gilt als einer der Begründer der Verhaltenstherapie im klinischen Setting. Sein Werk ist durch das ständige Bestreben gekennzeichnet, ein breites Spektrum von Verfahren der operanten Konditionierung, die zuvor im Labor untersucht worden waren, auf klinische und Alltagsprobleme anzuwenden. Seine Arbeit trug maßgeblich zur Etablierung der Angewandten Verhaltensanalyse als eigenständiges Fachgebiet bei.

Zunächst führte er eine grundlegende Versuchsreihe zu den Auswirkungen von Bestrafung auf das Verhalten von Tieren durch. Diese Forschung dokumentiert eindeutig einige negative Nebenwirkungen von Bestrafung, wie Fluchtverhalten und Aggression und wird auch heute noch in wichtigen Übersichten zum Thema Bestrafung ausführlich diskutiert.

Während seiner Tätigkeit in der psychiatrischen Einrichtung des Anna State Hospitals untersuchte er das Potenzial der Verhaltensforschung als Behandlungsmethode für ein breites Spektrum an Verhaltensdefiziten und -überschüssen. Er entwickelte dabei Strategien des Shaping oder der sukzessiven Annäherung, um auch geistig Behinderte zu Leistungen zu führen, die zuvor für unmöglich gehalten wurden. Seine Methoden beinhalten die Identifizierung von Verhaltensaufgaben, beginnend mit ihren kleinsten Bestandteilen, und die anschließende Gabe kleiner, häufiger Belohnungen, um eine Abfolge erwünschter Verhaltensweisen zu fördern. Die sofortigen Belohnungen für jede erreichte Stufe machten das Erreichen anspruchsvoller Ziele möglich. Er entwickelte auch die Time-out-Technik („Auszeit“) als Alternative zur körperlichen Bestrafung; dabei werden verhaltensauffällige Kinder in eine verstärkerarme Umgebung platziert, um über ihr Fehlverhalten nachzudenken. Dazu gehörte das mit seinem Kollegen Ted Ayllon entwickelte System der Token-Ökonomie, das zu einem der wichtigsten Instrumente zur Motivation von individuellem und Gruppenverhalten geworden ist und von angewandten Verhaltensanalytikern weltweit im klinischen und pädagogischen Bereich eingesetzt wird. Das von ihm entwickelte Habit-Reversal-Training ist eine verhaltenstherapeutische Methode zur Behandlung von nervösen Gewohnheiten, Tics, Stottern, Tourette-Syndrom, Nägelkauen, Daumenlutschen, Haareausreißen und anderen repetitiven Verhaltensweisen, wobei der Patient lernt, eine alternative Reaktion auszuführen. Er entwickelte auch den Community Reinforcement Approach (CRA) als eine evidenzbasierte Therapie zur Behandlung von Substanzmissbrauch; das Vorgehen hilft Betroffenen, alternative Aktivitäten zu finden, um Drogen- oder Alkoholkonsum zu ersetzen. Sie bildet die Grundlage für das CRAFT-Modell (Community Reinforcement and Family Training), das die Umstrukturierung von Verstärkern auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene durch die Implementierung eines mehrkomponentigen Programms einschließlich einer Familienverhaltenstherapie (FBT)in den Mittelpunkt stellte, die sich nicht nur auf das Konsumverhalten des Klienten konzentriert, sondern auch gleichzeitig auftretende Probleme im familiären Kontext behandelt, wie z. B. Verhaltensstörungen, Missbrauch oder Vernachlässigung, Arbeitslosigkeit und Depressionen. Zu seinen Pionierarbeiten zählt auch die Anwendung der Theorie der sozialen Verstärkung auf Wiedereingliederungsmaßnahmen in das Berufsleben. Sein Konzept des Job Finding Club erweitert traditionelle Beratungsmethoden um das Training von Fähigkeiten, die in komplexen Situationen der Jobsuche benötigt werden; es findet weltweit Anwendung zur Verbesserung der beruflichen Perspektiven von Arbeitslosen.

Er prägte den Begriff Verhaltenstechnik, um therapeutische Maßnahmen zu beschreiben, die mithilfe elektronischer Geräte in Angriff genommen werden. Dazu entwickelte er Apparaturen zur Haltungskontrolle, zur Raucherentwöhnung, zur Stotter Reduktion, zur Selbstmedikation und zum Toilettentraining. Zur Behandlung von Stottern werden die Patienten etwa angewiesen, ihre Sprechgeschwindigkeit mit einem taktilen oder auditiven Reiz zu synchronisieren, der periodisch über ein speziell dafür entwickeltes Gerät präsentiert wird. Dadurch konnte eine 90%ige Reduktion der Stotterreaktionen während der Phasen, in denen die Patienten ihre Sprache mit den pulsierenden Reizen synchronisierten, erreicht werden. Bei Kindern mit Entwicklungs- und geistigen Behinderungen ist Bettnässen ein häufiges Problem. Um die Harnkontinenz in dieser Gruppe zu verbessern, entwickelten er zwei Geräte: eines, das die korrekte Toilettenbenutzung signalisierte (Toiletten-Signalstuhl) , und ein weiteres, das Feuchtigkeit in der Unterwäsche des Patienten erkannte und signalisierte (Nässe-Alarmhose). Die Aktivierung dieser Geräte veranlasste die Betreuungspersonen, positive Verstärkung (z. B. Lob, Umarmung und ein kleines Bonbon) oder Bestrafung (z. B. zehnminütiger Ausschluss von der positiven Verstärkung) zu geben. Der Einsatz dieser Technologien führte zu einer vollständigen Reduktion der Bettnässe-Episoden. Basierend auf dieser Forschung hat er eine Schnelltrainingsmethode in dem populären Buch „Toilettentraining in weniger als einem Tag“ dargestellt, das sich weltweit millionenfach verkaufte.

Sein Konzept des Reciprocity Counselling (dt. „Reziprozitätsberatung“) wurde zur Reduzierung von Ehekonflikten entwickelt. Dabei betonte er die wechselseitige soziale Verstärkung zwischen Ehepartnern und die Bedeutung von Kontingenzverträgen zur Lösung von Problemen, die zu Ehekonflikten führen. Sobald die Verstärker identifiziert waren, zielt das Verfahren darauf ab, die Verstärkungsrate zu erhöhen. Die Verstärkung muss wechselseitig sein, damit die Interventionserfolge nachhaltig werden. Die Verhaltenserwartungen werden schriftlich in einem Kontingenzvertrag festgehalten.

Ehrungen/Positionen

Privates

Er war verheiratet mit der aus Kolumbien stammende Psychologin Victoria Besalel Azrin; die beiden hatten sich an der Boston University kennengelernt und 1953 geheiratet. Aus der Ehe gingen die vier Kinder Rachel (Psychologin in Aventura), Michael (Kardiologe in Connecticut), David (Anwalt in New York) und Rick (Neuropsychologe in Alabama) hervor. In seinem späteren Leben begannen Azrin und seine Frau, Gesellschaftstänze zu tanzen, und wurden Stammgäste in einer Freiluft-Tanzhalle in Lauderdale-by-the-Sea. Sie gaben ihrem unkonventionellen Tanzstil sogar einen Namen: Lib Vicky, basierend auf psychologischen Prinzipien wie Kommunikation, Blickkontakt und Kreativität. Er verstarb mit 82 Jahren an Blasenkrebs, gegen den er seit 2007 gekämpft hatte.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge

Literatur

Einzelnachweise

  1. ↑ Nathan H. Azrin (1930-2013) Father & One of the Founders Of Behavior Therapy auf Nova Southeastern University, abgerufen am 24. April 2026.
  2. ↑ Brian A. Iwata: Nathan H. Azrin (1930–2013): Case study of a “crossover” career. In: The Behavior analyst, 2017, 36 (2), S. 375–380.
  3. ↑ Elinor J. Brecher: Psychologist Nathan Azrin, wrote ‘potty training manual,’ dies of cancer auf Miami Herald vom 10. April 2013, abgerufen am 26. April 2026.
  4. ↑ A. Dimascio; N. H. Arzin; J. L. Fuller; W. Jetter: The effect of total-body X irradiation on delayed-response performance of dogs. In: Journal of Comparative & Physiological Psychology, 1956, 49, S. 600–604.
  5. ↑ Nathan Azrin Award for Demonstrated Application of Behavioral Principles auf Nova Southeastern University, abgerufen am 26. April 2026.
  6. ↑ Dr. Victoria Besalel Azrin auf A & B Psychology Clinic, abgerufen am 25. April 2026.
Personendaten
NAME Azrin, Nathan
ALTERNATIVNAMEN Azrin, Nathan H. (vollständiger Name)
KURZBESCHREIBUNG US-amerikanischer Klinischer Psychologe und Professor
GEBURTSDATUM 26. November 1930
GEBURTSORT Boston
STERBEDATUM 29. März 2013
STERBEORT Pompano Beach