Navina Sundaram

Navina Sundaram (2013)

Navina Sundaram (* 1. September 1945 in Shimla, Himachal Pradesh, Indien; † 24. April 2022 in Hamburg) war eine indisch-deutsche Fernsehjournalistin, Filmemacherin und Autorin. Sie arbeitete von 1964 bis 2003 als politische Fernsehredakteurin für den Norddeutschen Rundfunk und als Auslandskorrespondentin für die ARD. Sie moderierte als erste Fernsehjournalistin mit Migrationshintergrund renommierte Sendungen wie den Weltspiegel, extra 3 und Panorama.

Leben

Familie, Jugend und Ausbildung

Navina Sundaram stammte aus einer bekannten ungarisch-indischen Künstlerfamilie. Ihre Mutter Indira war die jüngere Tochter des Sikh-Gelehrten und Fotografen Umrao Singh Sher-Gil und der ungarischen Opernsängerin Marie Antoinette. Ihre Tante Amrita Sher-Gil (1913–1941) war eine bekannte Malerin und gilt als Wegbereiterin der indischen Moderne. Navina Sundarams Bruder Vivan Sundaram (1943–2023) gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen bildenden Künstlern in Indien. Die familiäre Umgebung der Geschwister war bildungsbürgerlich-kosmopolitisch, ihre Erziehung geprägt vom Geist der jungen indischen Republik unter Ministerpräsident Jawaharlal Nehru (1889–1964), ein säkularer, parlamentarischer Staat, der u. a. in der Allianz der Blockfreien Länder wichtige Impulse setzte.

Nach ihrem Schulabschluss an der privaten The Lawrence School, in Sanawar nahe Simla, studierte Navina Sundaram englische Literatur an der University of Delhi.

Sundaram nahm 1987 die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Sie führte nach Heirat zeitweise den Namen Navina Sundaram-Rummel.

Navina Sundaram starb in der Nacht zum 25. April 2022 nach langer chronischer Lungenerkrankung in Hamburg im Alter von 76 Jahren.

Journalistische Karriere

Ihren ersten Auftritt im deutschen Fernsehen verdankte Navina Sundaram einem Freund der Familie, dem damaligen Korrespondenten und Leiter des ARD-Fernsehstudios Neu-Delhi, Hans Walter Berg (1916–2003). Obwohl sie damals kein Wort Deutsch sprach, moderierte sie ab 1963 auf Bergs Wunsch die in Indien produzierte Serie Asiatische Miniaturen, indem sie die Texte auswendig lernte. In der Folge wurde sie eingeladen, eine zweijährige Ausbildung zur Fernsehjournalistin beim NDR in Hamburg zu absolvieren. Ab Juni 1964 hospitierte sie in verschiedenen Abteilungen des Senders, von der Nachrichtenredaktion der tagesschau über die Fernsehspielabteilung unter der Leitung von Egon Monk bis zum Nachwuchsstudio des NDR-Hörfunks unter Axel Eggebrecht.

Als Regie- und Redaktionsassistentin kehrte sie 1966 noch einmal für knapp zwei Jahre zurück ins Fernsehstudio Neu-Delhi. Ab 1970 war Navina Sundaram durchgehend bis 2004 als festangestellte Redakteurin beim NDR tätig, zunächst in der Hauptabteilung Zeitgeschehen, später auch als Auslandskorrespondentin. Danach arbeitete sie als freie Journalistin. 1992 war sie Leiterin des ARD-Auslandsstudios in Neu Delhi, 2003 erhielt Armin-Paul Hampel die Aufgabe.

In der Taz beschrieb sie, dass bei der Sendung Der Internationale Frühschoppen in den 1970er und 1980er Jahren Frauen nur exotische Figuren im Männerclub waren. Die pakistanische Journalistin Roshan Dhunjibhoy (1931–2011) und sie wechselten sich dort als Repräsentantinnen der anderen Welt ab. Zur Enttäuschung des Gastgebers Werner Höfers erschien sie stets in europäischer Kleidung.

Thematisch ziehen sich zwei Stränge durch das Gesamtwerk Navina Sundarams. Einerseits beschäftigte sie sich immer wieder mit den Ländern des globalen Südens, vor allem in Südasien und Afrika, den Kämpfen um Unabhängigkeit, den komplexen Prozessen der Dekolonialisierung, aber auch mit den Auswirkungen internationaler Entwicklungshilfe, der Währungspolitik von IWF und Weltbank und umweltpolitischen Themen. Andererseits interessierte sich Sundaram im innenpolitischen Diskurs der Bundesrepublik für die Situation von Menschen mit Migrationserfahrung, von Asylbewerbern und Betroffenen von Alltagsrassismus. Darüber hinaus thematisierte sie zeitgenössische politische Forderungen nach Gleichberechtigung und Anerkennung der Menschenrechte.

Filme, Magazinbeiträge, Moderationen (Auswahl)

Filme

  • 1967: Bharata Natyam
  • 1968: Schwarzer Mann, was nun?
  • 1970: Auf dem Wege zur Glückseligkeit
  • 1971: Fahndung nach einem Rebellen
  • 1972: So lange es noch Tränen gibt
  • 1973: Die Freiheit und ihr Preis
  • 1973: Darshan Singh will in Leverkusen bleiben
  • 1974: Reden meine Droge, Singen mein Sex
  • 1976: Meine Stadt, deine Stadt
  • 1977: Zur Ausreise aufgefordert
  • 1979: Wenn die Begrüßungsreden verklingen
  • 1982: Nur einer von 40
  • 1983: Sommergäste
  • 1989: Hinter jedem Vorhang...
  • 1993: Die kleinen Sklaven
  • 1994: Wenn Schiffe sterben
  • 1995: Zwischen allen Stühlen
  • 2007: Amrita Sher-Gil: Ein Familienalbum

Magazinbeiträge (Auswahl)

  • 1973: Unbehagen am Friedensnobelpreis (Weltspiegel)
  • 1975: Portrait Mujibur Rahman (Weltspiegel)
  • 1976: Spaniens Abzug aus West-Sahara (tagesschau, Weltspiegel)
  • 1976: Der Tag vor der Königlichen Hochzeit in Stockholm (tagesschau)
  • 1976: Interview mit Edward Braithwaite (Weltspiegel III)
  • 1976: Das Erbe von Amilcar Cabral (Weltspiegel)
  • 1977: Portrait George Fernandes (Weltspiegel)
  • 1978: Freikauf von DDR-Bürgern (extra drei)
  • 1978: Amnesty International: Folteropfer (tagesthemen)
  • 1979: Zweierlei Asylrecht (Panorama)
  • 1979: Indien: Wahlkampf der Eitelkeiten (Weltspiegel)
  • 1982: Asyl in der Bundesrepublik (Panorama)
  • 1982: Ausländertest (extra drei)
  • 1982: Ehen mit Ausländern (Panorama)
  • 1982: AI: Behandlungszentrum für Folteropfer (tagesthemen)
  • 1983: Frauenhäuser (tagesschau)
  • 1983: Der Fall Kemal Altun (Panorama)
  • 1984: Interview mit Salman Rushdie
  • 1984: Tag der Menschenrechte (Weltspiegel)
  • 1991: Bundestagsdebatte § 218 (Kommentar, tagesthemen)
  • 1992: Indien: Hindus und Muslime (Weltspiegel)
  • 1993: Indien: Hindus auf dem Kriegspfad (Weltspiegel)

Moderation

Texte, Vorträge, Veröffentlichungen (Auswahl)

Ehrenamtliches Engagement

Einzelnachweise

  1. ↑ Traueranzeige in der FAZ, 14. Mai 2022, abgerufen am 14. Juli 2022.
  2. ↑ Navina Sundaram: Grüblerisches zum Thema „Heimat in der Fremde“. In: heimatkunde.boell.de. Heinrich-Böll-Stiftung, abgerufen am 26. April 2022.
  3. ↑ Navina Sundaram: Migranten und Fernsehen der 70er: Anders als die anderen. In: taz.de. Die Tageszeitung, 13. November 2007, abgerufen am 26. April 2022.
  4. 1 2 3 Navina Sundaram, 76. In: Der Spiegel. Nr. 18, 2022 (online).
  5. ↑ Sher-Gil Sundaram Arts Foundation | Navina Sundaram: Obituary. Abgerufen am 13. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  6. 1 2 Journalistin Navina Sundaram gestorben. In: tagesspiegel.de. 26. April 2022, abgerufen am 30. April 2022.
  7. ↑ Andrea Böhm: Kein Zündstoff in der Konsenswolke. In: Die Tageszeitung. 17. Dezember 1991, S. 5 (taz.de [abgerufen am 8. Mai 2022]).
  8. ↑ Johann Hinrich Claussen: Nachruf: Eine Welt-Journalistin. Süddeutsche Zeitung, 25. April 2022, abgerufen am 8. Mai 2022.
  9. ↑ Die Geschichten hinter den Nachrichten. In: ndr.de. NDR, abgerufen am 26. April 2022.
  10. ↑ Hans-Ulrich Wagner: Axel Eggebrecht und das NDR „Nachwuchsstudio“. In: ndr.de. NDR, 13. Juli 2011, abgerufen am 26. April 2022.
  11. ↑ https://www.mdr.de/unternehmen/artikel76546.html
  12. ↑ Das Altpapier – Die rücksichtslose Meinungsfreiheit des Stärkeren. Mitteldeutscher Rundfunk, 26. April 2022, abgerufen am 8. Mai 2022.
  13. ↑ Gesichter Asiens – eine Nacht für Hans Walter Berg. In: presseportal.de. NDR, 14. November 2003, abgerufen am 26. April 2022.
Personendaten
NAME Sundaram, Navina
KURZBESCHREIBUNG indisch-deutsche Fernsehjournalistin, Redakteurin und Filmemacherin
GEBURTSDATUM 1. September 1945
GEBURTSORT Shimla, Himachal Pradesh, Indien
STERBEDATUM 24. April 2022 oder 25. April 2022
STERBEORT Hamburg